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30.07.14Leser-Kommentare

Entbündelungs-Strategie: Netzriesen verschärfen die Depression der App-Ökonomie

Der Goldrausch in der App-Ökonomie ist vorbei. Mit der von einigen führenden Webfirmen praktizierten Multi-App-Strategie verschlechtern sich die Chancen für Entwickler abermals, dass ihre Apps von Nutzern wahrgenommen und aktiv genutzt werden.

MessengerWie schon vor einiger Zeit von dem Unternehmen angekündigt, wird Facebook jetzt ernst machen und im Rahmen seiner Entbündelungsstrategie die Chat-Funktion komplett aus seiner primären mobilen App entfernen. Wer vom Smartphone oder Tablet Nachrichten mit Kontakten austauschen möchte, muss dafür auf die separate Messenger-Anwendung ausweichen. Facebooks seit einiger Zeit zum Tragen kommende Strategie, spezifische Einsatzszenarien über eigenständige Apps abzudecken, veranlasste Gizmodo gestern zu einem längeren kritischen Kommentar. Eine gesteigerte Beanspruchung des Gerätespeichers sowie eine verringerte Übersicht auf den Home Screens unserer mobilen Geräte gehören zu den Punkten, die am sich nicht nur auf Facebook beschränkenden Entbündelungs-Trend moniert werden.

Beim Lesen des Gizmodo-Textes erinnerte ich mich an eine Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen, über die wir Anfang des Monats berichtetet hatten. Die Erhebung zeigte, dass US-amerikanische Besitzer von iOS- und Android-Geräten heute zwar weitaus mehr Zeit mit der Nutzung von Apps verbringen als vor zwei Jahren. Die Zahl der pro Monat von Usern eingesetzten Apps aber stieg im selben Zeitraum nur marginal an. Von 23,2 im vierten Quartal 2011 auf 26,8 Apps zwei Jahre später.

Daraus resultiert eine nicht sonderlich erfreuliche Hypothese: Sofern sich die Zahl der von Usern pro Monat aktiv genutzten Apps dauerhaft irgendwo zwischen 25 und 30 einpegeln sollte - ungeachtet von Veränderungen bei der Nutzungsdauer - dann wird die von diversen erfolgreichen Netzfirmen forcierte Entbündelungs-Strategie auf Kosten aller anderen Dienste und Entwickler von Apps gehen. Denn je mehr eigenständige, aber mit dem ursprünglichen Produkt verzahnte und von dessen Reichweite profitierende Apps von Facebook, Twitter, LinkedIn, Google etc. auf den Markt geworfen werden, desto weniger “Share of Mind” bliebe für die restlichen rund zwei Millionen Apps im App Store und Google Play Store übrig.

Ob es zu einer solchen, für die Vielfalt der Online-Landschaft negativen Entwicklung kommen wird oder nicht, hängt davon ab, inwieweit User auch dann bei rund 25 regelmäßig eingesetzten Apps pro Monat bleiben würden, wenn diese sich auf immer weniger Anbieter konzentrieren. Leider ist genau davon auszugehen. Instagram, WhatsApp und Facebook wirken auf User wie drei vollständig unterschiedliche Services. Dennoch gehören sie alle zu Facebook.

Vergleichbar ist die Situation mit einem exklusiven, bei Händlern wegen des großen Kundenandrangs hoch im Kurs stehenden Einkaufszentrum, das lediglich Raum für 25 Geschäfte bietet. Nach und nach sorgen Übernahmen und ein Verdrängungswettbewerb dafür, dass von den zu Beginn 25 unterschiedlichen Ladeninhabern nur noch vier übrig bleiben, die jeweils aber vier bis sechs Geschäfte betreiben - teilweise unter völlig eigenständigen Marken. Alle anderen Händler sind gezwungen, Immobilien an weitaus weniger attraktiven Orten anzumieten. Kunden kommen dort nur selten vorbei. Genau das gilt in Relation zu nativen Apps für das nur über den Browser erreichbare mobile Web.

Auch wenn Firmen wie Facebook oder Foursquare, das gerade seine App in zwei Anwendungen zerteilt und dabei nicht sonderlich überzeugend agiert, die Vorteile der Schlankheitskur ihrer bisherigen Alleskönner-Apps für Anwender hervorheben, so ist die Verdrängung anderer Apps zumindest ein in Kauf genommener Nebeneffekt - wenn nicht sogar das eigentliche Ziel im Kampf um den Home Screen und die begrenzte Aufmerksamkeit der Smartphone- und-Tablet-Gemeinde.

Die Situation verschärft die Depression, in welche die globale App-Ökonomie zuletzt verfallen ist. Instapaper-Gründer und Blogger Marco Arment beschrieb gerade in einer lesenswerten Analyse die verschiedenen Faktoren, die zusammen ein trauriges Bild eines Marktes zeichnen, der noch vor wenigen Jahren Züge eines Goldrauschs aufwies. Doch mittlerweile sind die attraktiven Claims abgesteckt. Nur noch in Ausnahmefällen kommt es zu Überraschungsfunden. Die meisten App-Macher gehen leer aus. 1,6 Prozent der App-Entwickler setzen mit ihren Projekten ein Vielfaches dessen um, was die “verbliebenen” 98,4 Prozent zusammen erwirtschaften, so der Schluss einer kürzlich publizierten Studie.

Man kann es auch so formulieren: Bei mobilen Apps werden die Großen immer größer. Mit der Entbündelung von multifunktionalen Apps in der Bereitstellung vieler Einzelanwendungen werden die Big Player dieses Phänomen noch beschleunigen. /mw

Kommentare

  • Markus Spath

    30.07.14 (11:25:38)

    hmm, ich bin kein Verhaltensforscher, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass die Anzahl an durchschnittlich benutzten Apps eine anthropologische Konstante ist. Wie und wofür wir unser Handy verwenden pendelt sich, würde ich eher vermuten, eine Ebene darüber, also bei den konkreten Aktivitäten und 'jobs to be done', ein und die Anzahl an dabei verwendeten Apps ist halt der Nebeneffekt davon. (wobei das Unbundling sicherlich irgendwelche Effekte hat. Für jeden Einzelnen kann sich die Aufmerksamkeitsverteilung verschieben, u.U. aber nicht notwendigerweise auf Kosten anderer Apps; sie nehmen damit ja wahrscheinlich einen Platz in den Top-Charts ein und verschieben damit die Sichtbarkeit von anderen Apps nach unten; usw.)

  • Martin Weigert

    30.07.14 (19:00:41)

    "eine Ebene darüber, also bei den konkreten Aktivitäten und ‘jobs to be done’, ein und die Anzahl an dabei verwendeten Apps ist halt der Nebeneffekt davon." Ja läuft am Ende ja auch fast auf das selbe hinaus. Es sei denn, es kommen künftig unzählige neue Arten mobiler Apps, die neue Aktivitäten möglich machen.

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