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19.05.11

Eli Parisers "Filter-Blase": Die neue Gefahr der Tarnkappen-Gatekeeper

Das Internet wird als Demokratisierung der Information gefeiert, als Befreiung von den journalistischen Gatekeepern. Dabei machen sich längst wesentlich heiklere, weil unsichtbare Maschinen-Gatekeeper breit.

Die Filter-Blase

Ihr denkt also, dass ihr besser informiert seid, weil ihr vernetzt seid, weil die News jetzt zu euch kommen, weil in eurem sozialen Netz alles irgendwann an die Oberfläche gespült wird, was euch interessiert?

Das mag sein. Das Problem ist, dass eine informierte Gesellschaft nicht ausschliesslich auf dem aufbauen kann, was interessiert. Denn Interesse ist eine recht hedonistische menschliche Regung, die nur unter Anstrengung vom Individuum gelöst und auf kollektive Ziele geleitet werden kann. Das beweist wohl der Umstand, dass in Demokratien die Stimmbeteiligung in der Regel reziprok zum durchschnittlichen Wohlstand sinkt.

Aber während wir früher zumindest aktiv ignorant geblieben sind und uns bewusst entschieden haben, die relevanten Nachrichten in der Zeitung nicht zu lesen und zu den Sportresultaten umzublättern, werden uns heute möglicherweise relevante Informationen vorenthalten, ohne dass wir es überhaupt merken (und ohne dass dahinter irgendeine böse Weltsverschwörungsmacht steht).

Eli Pariser hat zu dieser These, die mich persönlich seit einiger Zeit umtreibt, ein Buch geschrieben (das ich noch nicht gelesen habe) und einen TED-Talk gehalten (siehe unten). Pariser nennt das Problem die "Filter-Blase". Ich habe es bisher als Quoten-Syndrom bezeichnet:

Eli Pariser hat irgendwann gemerkt, dass Facebook die Statusmeldungen aller konservativen Freunde aus seiner Timeline ausgeblendet und nur noch seine progressiven Freunde angezeigt hat. Denn Pariser selbst steht politisch eher links. Und Facebook weiss das.

Keine Google-Trefferliste ist identisch mit einer anderen

Danach hat er Google-Ergebnislisten untersucht. Er stellte fest, dass ein Bekannter zum Suchbegriff "Ägypten" radikal andere Ergebnisse erhielt als ein anderer. Denn Google weiss, dass der erste sich für Politik interessiert und der zweite mehr für Urlaub.

Zweimal Suche nach Ägypten

Und jetzt fragt Pariser, was uns "das Internet", oder vielmehr die neuen, auf sturen Algorithmen beruhenden Gatekeeper darin, vorenthalten. Und ob wir es überhaupt noch merken.

Mir ist dieser Gedanke im Zusammenhang mit den sozialen Netzwerken, also den Filtern, die ich durch die Wahl meiner Freunde selber aufbaue, gekommen.

In zwanzig Jahren als Tageszeitungsjournalist habe ich meine Artikel jeweils so aufgebaut, dass sie die relevante Information auf eine möglichst spannende, unterhaltsame Weise präsentierten. Ich buhlte im Rahmen eines abgeschlossenen, von einer Redaktion verabschiedeten Tagespakets an Information um die Gunst des Lesers (und nehme für mich in Anspruch, dass dies nicht aus Profitgier, sondern aus Sendungsbewusstsein geschah).

Als Zeitungsleser habe ich bisweilen Dinge aus der Welt des Sports, der Kultur und des Jetset erfahren, die ich nach der Lektüre durchaus als interessant oder gar relevant einstufte, die ich aber freiwillig nie "nachgefragt" hätte.

Was, bitte, ist Sport?

Wenn ich jetzt aber darauf warte, dass die Nachrichten zu mir kommen - sprich, dass meine Twitter- und Blog- und Facebookfreunde mich auf Lesenswertes aufmerksam machen - kriege ich ein sehr beschränktes Bild der Welt: Sie liefern mir Hinweise aus einer kleinen Schnittmenge des Weltgeschehens, nämlich unserem gemeinsamen Interesse an einem Gegenstand.

Alles andere, das überraschende, schockierende, Lehrreiche jenseits meiner definierten Interessen sehe ich - vielleicht - nicht mehr. Aufgefallen ist es mir daran, dass ich seit Jahren über Sport buchstäblich gar nichts mehr mitkriege. kein grosser Verlust, vielleicht, aber ein Indiz, dass etwas passiert ist.

Den Job, Zusammenhänge herzustellen, wo sie nicht offensichtlich, aber relevant sind, hatten bisher die Redakteure der "Medien" inne. Sie mussten jeden Tag eine Auswahl von Geschichten zusammenstellen, welche als abgerundetes Angebot die relevanten Geschehnisse des Vortages und die exemplarischen Geschichten aus allen Themenressorts abbildeten - und sie versuchten, mich davon zu überzeugen, dass ich das meiste davon wissen müsste.

Dass sie ein Filter waren und sind, hat mich bisweilen gestört. Aber das Überraschungsmoment im Konzept von "All the news that's fit to print" hat funktioniert und war zugleich transparent. Immerhin kannte ich die Leute, die das Paket zusammenstellten, bald mit Namen, wusste um ihre politische Einstellung und konnte so meine eigenen Interpretationen auf die Analyse des Thinktanks von professionellen Nachrichtenfilter-Menschen obendrauf propfen.

Heute ist das Internet, von dem als "Medium" zu reden ich bisher für so falsch hielt, wie die Telefonleitungen ein "Medium" zu nennen, in gewissem Sinne zu einem Übermedium mutiert - ohne das wir das wahrhaben wollen. Denn die Information liegt schon lange nicht mehr auf einem unsortierten Haufen darin herum. Sie wird an allen Ecken und Enden des Internets bearbeitet, aufbereitet, interpretiert und gefiltert, von Sozialen Medien wie Blogs, Twitter, Facebook, LinkedIn, Xing; von Suchmaschinen-Medien wie Google und Bing von Listen- und Abruf-Medien wie Amazon, Youtube, iTunes und Netflix.

Kunden, die das gelesen haben, lasen auch...

Sie alle filtern, benehmen sich wie die Medien früher, allerdings mit ein paar Zusatztricks von grosser Konsequenz.

  • Erstens filtern sie individuell. Die Maschinen kennen mich. Sie werten mein Fragen, meine Suche und meine Klicks aus. Sie wissen, was ich anderswo gelesen habe und sie können ableiten, was mich umtreibt. Selbst die Werbung verfolgt mich heute von einer Website zur nächsten. Der Surfer hängt an einer Leine.

  • Zweitens funktionieren sie nach dem Boulevard-Prinzip. Die Algorithmen liefern mir alles, was mich interessieren könnte. Das ist nicht gleichzusetzen mit dem, was mich interessieren müsste. Die Webmaschinen sind Quotenbolzer geworden, die mich nicht mit überraschendem verblüffen, sondern mit genau dem zufriedenstellen wollen, was ich erwarte. Und wenn ich mich nur für Mohrrüben interessierte, würde ich wahrscheinlich bald nur noch Inhalte aus dem Internet zu Gesicht kriegen, die irgendwas mit Mohrrüben zu tun haben.

  • Drittens kann ich nicht beeinflussen, was genau die Filterkriterien sind. Google wertet angeblich 57 Signale aus, die mich in einem Raster einstufen lassen. Welche das sind und wie ich sie ändern kann, bleibt mir verborgen.

  • Viertens fehlt jegliche Transparenz. Ich weiss nicht nur nicht wie, ich weiss noch nicht einmal, dass gefiltert wird. Google sagt mir nicht, dass meine Resultate anders aussehen als die meines Bruders.

Natürlich liebe ich diese Filter, ich liebe die Algorithmen, und ich würde im Internet nichts mehr finden, wenn ich diese Werkzeuge nicht zur Verfügung hätte. In jenem Internet, das als globales Gedächtnis mehr und mehr die Vision von Vannevar Bush von einer vernetzten Wissensgesellschaft Realität werden lässt, sind solche Mechanismen unabdingbar.

Die Frage ist mehr, ob wir sie nicht einfach falsch anwenden. Denn der Nutzen von Information wird zusehends durch ihre Einschränkung und nicht mehr durch die Fülle bestimmt. Die als Bevormundung empfundene Redaktion durch Journalisten haben wir aus purer Notwendigkeit durch elektronische Filter in einem vermeintlich ungefilterten Meer an Information ersetzt - allerdings ohne die bisher in den Medien geltenden Grundregeln der Nachvollziehbarkeit, der Transparenz und damit unserer eigenen Entscheidung als mündige Leser.

"Mein Tivo denkt, ich sei schwul"

Eben haben wir noch vom Longtail geredet und davon, dass im Internet jedes noch so kleine Fitzelchen Information einen Abnehmer findet - und jetzt das Gerede vom Quotenbolzen? Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Quoten können auch im Longtail gebolzt werden. Und das ist sogar noch schlimmer, als wenn es in einem Boulevard-Medium geschieht, das immerhin den kleinsten gemeinsamen Nenner an Interesse in einer Gesellschaft berücksichtigen muss. Nochmals: Wenn ich mich nur für Mohrrüben interessiere, werde ich bald nur noch mit Mohrrüben-Informationen "bedient" werden. Denn das ist die selbstdefinierte Aufgabe der Algorithmen. So wie der Videorekorder Tivo, der sich die Interessen des Besitzers merkt und nach einigen Missbräuchen durch die Putzfrau dem verblüfften Single in "King of Queens" nur noch Eiskunstlauf- und Modesendungen vorschlägt.

Vielleicht müssten wir das, was Eli Pariser als das "Gemüse in der Information" bezeichnet, die relevanten, objektiv als wichtig einzustufenden, die überraschenden, nicht unserer Perspektive entsprechenden und die nicht unterhaltsamen "News" wieder viel bewusster konsumieren.

Das würde bedeuten, die Trennung zwischen der Suche nach Information im Sinne einer Recherche und dem Konsum von Information in der Form von Nachrichten deutlicher zu vollziehen.

Vielleicht - was für ein ketzerischer Gedanke - brauchen wir auch bald wieder Redaktionen, die als Thinkthank und als wichtigste Dienstleistung nicht Information beschaffen, sondern die tägliche relevante Informationsdosis definieren. Kuratoren, die uns sagen, was wir konsumieren sollten, ohne dass wir es vielleicht wollen, weil wir erst im Nachhinein merken, dass sie uns betreffen, unsere Weltsicht beeinflussen oder uns ganz einfach wider erwarten auch interessieren.

Dabei ist auch klar, was das Hauptproblem in den elektronischen Filtern ist - die Personalisierung. Denn so, wie sie jetzt funktioniert, entmündigt sie uns auf viel schlimmere Art als jede Redaktion: Sie folgt keinen Gesetzen von allgemeiner Gültigkeit. Sie gewichtet ausschliesslich nach persönlichen Gelüsten. Und dabei lässt sie uns keine Wahl, wir können sie weder ein- noch ausschalten und schon gar nicht mit selber gewählten Kriterien kontrollieren.

Genau das - Transparenz und Kontrolle durch den Nutzer - verlangt Eli Pariser von den grossen Filtern im Internet, wie Google, Facebook und Co.

Ansonsten, sagt Eli Pariser - und ich tendiere nach drei Jahren intensiver Webfilter-Informationskost dazu, ihm Recht zu geben - laufen wir Gefahr, unfreiwillig an einer Fastfood-Informationsdiät zu erkranken, weil uns die Algorithmen in maschineller Gleichgültigkeit ausschliesslich mit exakt dem füttern, was wir erwarten.

Was eigentlich das genaue Gegenteil der gefeierten neuen Informationsfreiheit ist.

Und das erstaunliche dabei ist, dass wir als direkt Beteiligte der grössten technischen Revolution der Menschheitsgeschichte nicht merken, dass wir ihre gefeierten Errungenschaften freiwillig preisgeben, noch bevor sie wirklich gegriffen haben.

"Filter-Blase", Eli Pariser, Penguin Press, 2011

"Filter-Blase"

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