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19.05.11Leser-Kommentare

Eli Parisers "Filter-Blase": Die neue Gefahr der Tarnkappen-Gatekeeper

Das Internet wird als Demokratisierung der Information gefeiert, als Befreiung von den journalistischen Gatekeepern. Dabei machen sich längst wesentlich heiklere, weil unsichtbare Maschinen-Gatekeeper breit.

Die Filter-Blase

Ihr denkt also, dass ihr besser informiert seid, weil ihr vernetzt seid, weil die News jetzt zu euch kommen, weil in eurem sozialen Netz alles irgendwann an die Oberfläche gespült wird, was euch interessiert?

Das mag sein. Das Problem ist, dass eine informierte Gesellschaft nicht ausschliesslich auf dem aufbauen kann, was interessiert. Denn Interesse ist eine recht hedonistische menschliche Regung, die nur unter Anstrengung vom Individuum gelöst und auf kollektive Ziele geleitet werden kann. Das beweist wohl der Umstand, dass in Demokratien die Stimmbeteiligung in der Regel reziprok zum durchschnittlichen Wohlstand sinkt.

Aber während wir früher zumindest aktiv ignorant geblieben sind und uns bewusst entschieden haben, die relevanten Nachrichten in der Zeitung nicht zu lesen und zu den Sportresultaten umzublättern, werden uns heute möglicherweise relevante Informationen vorenthalten, ohne dass wir es überhaupt merken (und ohne dass dahinter irgendeine böse Weltsverschwörungsmacht steht).

Eli Pariser hat zu dieser These, die mich persönlich seit einiger Zeit umtreibt, ein Buch geschrieben (das ich noch nicht gelesen habe) und einen TED-Talk gehalten (siehe unten). Pariser nennt das Problem die "Filter-Blase". Ich habe es bisher als Quoten-Syndrom bezeichnet:

Eli Pariser hat irgendwann gemerkt, dass Facebook die Statusmeldungen aller konservativen Freunde aus seiner Timeline ausgeblendet und nur noch seine progressiven Freunde angezeigt hat. Denn Pariser selbst steht politisch eher links. Und Facebook weiss das.

Keine Google-Trefferliste ist identisch mit einer anderen

Danach hat er Google-Ergebnislisten untersucht. Er stellte fest, dass ein Bekannter zum Suchbegriff "Ägypten" radikal andere Ergebnisse erhielt als ein anderer. Denn Google weiss, dass der erste sich für Politik interessiert und der zweite mehr für Urlaub.

Zweimal Suche nach Ägypten

Und jetzt fragt Pariser, was uns "das Internet", oder vielmehr die neuen, auf sturen Algorithmen beruhenden Gatekeeper darin, vorenthalten. Und ob wir es überhaupt noch merken.

Mir ist dieser Gedanke im Zusammenhang mit den sozialen Netzwerken, also den Filtern, die ich durch die Wahl meiner Freunde selber aufbaue, gekommen.

In zwanzig Jahren als Tageszeitungsjournalist habe ich meine Artikel jeweils so aufgebaut, dass sie die relevante Information auf eine möglichst spannende, unterhaltsame Weise präsentierten. Ich buhlte im Rahmen eines abgeschlossenen, von einer Redaktion verabschiedeten Tagespakets an Information um die Gunst des Lesers (und nehme für mich in Anspruch, dass dies nicht aus Profitgier, sondern aus Sendungsbewusstsein geschah).

Als Zeitungsleser habe ich bisweilen Dinge aus der Welt des Sports, der Kultur und des Jetset erfahren, die ich nach der Lektüre durchaus als interessant oder gar relevant einstufte, die ich aber freiwillig nie "nachgefragt" hätte.

Was, bitte, ist Sport?

Wenn ich jetzt aber darauf warte, dass die Nachrichten zu mir kommen - sprich, dass meine Twitter- und Blog- und Facebookfreunde mich auf Lesenswertes aufmerksam machen - kriege ich ein sehr beschränktes Bild der Welt: Sie liefern mir Hinweise aus einer kleinen Schnittmenge des Weltgeschehens, nämlich unserem gemeinsamen Interesse an einem Gegenstand.

Alles andere, das überraschende, schockierende, Lehrreiche jenseits meiner definierten Interessen sehe ich - vielleicht - nicht mehr. Aufgefallen ist es mir daran, dass ich seit Jahren über Sport buchstäblich gar nichts mehr mitkriege. kein grosser Verlust, vielleicht, aber ein Indiz, dass etwas passiert ist.

Den Job, Zusammenhänge herzustellen, wo sie nicht offensichtlich, aber relevant sind, hatten bisher die Redakteure der "Medien" inne. Sie mussten jeden Tag eine Auswahl von Geschichten zusammenstellen, welche als abgerundetes Angebot die relevanten Geschehnisse des Vortages und die exemplarischen Geschichten aus allen Themenressorts abbildeten - und sie versuchten, mich davon zu überzeugen, dass ich das meiste davon wissen müsste.

Dass sie ein Filter waren und sind, hat mich bisweilen gestört. Aber das Überraschungsmoment im Konzept von "All the news that's fit to print" hat funktioniert und war zugleich transparent. Immerhin kannte ich die Leute, die das Paket zusammenstellten, bald mit Namen, wusste um ihre politische Einstellung und konnte so meine eigenen Interpretationen auf die Analyse des Thinktanks von professionellen Nachrichtenfilter-Menschen obendrauf propfen.

Heute ist das Internet, von dem als "Medium" zu reden ich bisher für so falsch hielt, wie die Telefonleitungen ein "Medium" zu nennen, in gewissem Sinne zu einem Übermedium mutiert - ohne das wir das wahrhaben wollen. Denn die Information liegt schon lange nicht mehr auf einem unsortierten Haufen darin herum. Sie wird an allen Ecken und Enden des Internets bearbeitet, aufbereitet, interpretiert und gefiltert, von Sozialen Medien wie Blogs, Twitter, Facebook, LinkedIn, Xing; von Suchmaschinen-Medien wie Google und Bing von Listen- und Abruf-Medien wie Amazon, Youtube, iTunes und Netflix.

Kunden, die das gelesen haben, lasen auch...

Sie alle filtern, benehmen sich wie die Medien früher, allerdings mit ein paar Zusatztricks von grosser Konsequenz.

  • Erstens filtern sie individuell. Die Maschinen kennen mich. Sie werten mein Fragen, meine Suche und meine Klicks aus. Sie wissen, was ich anderswo gelesen habe und sie können ableiten, was mich umtreibt. Selbst die Werbung verfolgt mich heute von einer Website zur nächsten. Der Surfer hängt an einer Leine.

  • Zweitens funktionieren sie nach dem Boulevard-Prinzip. Die Algorithmen liefern mir alles, was mich interessieren könnte. Das ist nicht gleichzusetzen mit dem, was mich interessieren müsste. Die Webmaschinen sind Quotenbolzer geworden, die mich nicht mit überraschendem verblüffen, sondern mit genau dem zufriedenstellen wollen, was ich erwarte. Und wenn ich mich nur für Mohrrüben interessierte, würde ich wahrscheinlich bald nur noch Inhalte aus dem Internet zu Gesicht kriegen, die irgendwas mit Mohrrüben zu tun haben.

  • Drittens kann ich nicht beeinflussen, was genau die Filterkriterien sind. Google wertet angeblich 57 Signale aus, die mich in einem Raster einstufen lassen. Welche das sind und wie ich sie ändern kann, bleibt mir verborgen.

  • Viertens fehlt jegliche Transparenz. Ich weiss nicht nur nicht wie, ich weiss noch nicht einmal, dass gefiltert wird. Google sagt mir nicht, dass meine Resultate anders aussehen als die meines Bruders.

Natürlich liebe ich diese Filter, ich liebe die Algorithmen, und ich würde im Internet nichts mehr finden, wenn ich diese Werkzeuge nicht zur Verfügung hätte. In jenem Internet, das als globales Gedächtnis mehr und mehr die Vision von Vannevar Bush von einer vernetzten Wissensgesellschaft Realität werden lässt, sind solche Mechanismen unabdingbar.

Die Frage ist mehr, ob wir sie nicht einfach falsch anwenden. Denn der Nutzen von Information wird zusehends durch ihre Einschränkung und nicht mehr durch die Fülle bestimmt. Die als Bevormundung empfundene Redaktion durch Journalisten haben wir aus purer Notwendigkeit durch elektronische Filter in einem vermeintlich ungefilterten Meer an Information ersetzt - allerdings ohne die bisher in den Medien geltenden Grundregeln der Nachvollziehbarkeit, der Transparenz und damit unserer eigenen Entscheidung als mündige Leser.

"Mein Tivo denkt, ich sei schwul"

Eben haben wir noch vom Longtail geredet und davon, dass im Internet jedes noch so kleine Fitzelchen Information einen Abnehmer findet - und jetzt das Gerede vom Quotenbolzen? Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Quoten können auch im Longtail gebolzt werden. Und das ist sogar noch schlimmer, als wenn es in einem Boulevard-Medium geschieht, das immerhin den kleinsten gemeinsamen Nenner an Interesse in einer Gesellschaft berücksichtigen muss. Nochmals: Wenn ich mich nur für Mohrrüben interessiere, werde ich bald nur noch mit Mohrrüben-Informationen "bedient" werden. Denn das ist die selbstdefinierte Aufgabe der Algorithmen. So wie der Videorekorder Tivo, der sich die Interessen des Besitzers merkt und nach einigen Missbräuchen durch die Putzfrau dem verblüfften Single in "King of Queens" nur noch Eiskunstlauf- und Modesendungen vorschlägt.

Vielleicht müssten wir das, was Eli Pariser als das "Gemüse in der Information" bezeichnet, die relevanten, objektiv als wichtig einzustufenden, die überraschenden, nicht unserer Perspektive entsprechenden und die nicht unterhaltsamen "News" wieder viel bewusster konsumieren.

Das würde bedeuten, die Trennung zwischen der Suche nach Information im Sinne einer Recherche und dem Konsum von Information in der Form von Nachrichten deutlicher zu vollziehen.

Vielleicht - was für ein ketzerischer Gedanke - brauchen wir auch bald wieder Redaktionen, die als Thinkthank und als wichtigste Dienstleistung nicht Information beschaffen, sondern die tägliche relevante Informationsdosis definieren. Kuratoren, die uns sagen, was wir konsumieren sollten, ohne dass wir es vielleicht wollen, weil wir erst im Nachhinein merken, dass sie uns betreffen, unsere Weltsicht beeinflussen oder uns ganz einfach wider erwarten auch interessieren.

Dabei ist auch klar, was das Hauptproblem in den elektronischen Filtern ist - die Personalisierung. Denn so, wie sie jetzt funktioniert, entmündigt sie uns auf viel schlimmere Art als jede Redaktion: Sie folgt keinen Gesetzen von allgemeiner Gültigkeit. Sie gewichtet ausschliesslich nach persönlichen Gelüsten. Und dabei lässt sie uns keine Wahl, wir können sie weder ein- noch ausschalten und schon gar nicht mit selber gewählten Kriterien kontrollieren.

Genau das - Transparenz und Kontrolle durch den Nutzer - verlangt Eli Pariser von den grossen Filtern im Internet, wie Google, Facebook und Co.

Ansonsten, sagt Eli Pariser - und ich tendiere nach drei Jahren intensiver Webfilter-Informationskost dazu, ihm Recht zu geben - laufen wir Gefahr, unfreiwillig an einer Fastfood-Informationsdiät zu erkranken, weil uns die Algorithmen in maschineller Gleichgültigkeit ausschliesslich mit exakt dem füttern, was wir erwarten.

Was eigentlich das genaue Gegenteil der gefeierten neuen Informationsfreiheit ist.

Und das erstaunliche dabei ist, dass wir als direkt Beteiligte der grössten technischen Revolution der Menschheitsgeschichte nicht merken, dass wir ihre gefeierten Errungenschaften freiwillig preisgeben, noch bevor sie wirklich gegriffen haben.

"Filter-Blase", Eli Pariser, Penguin Press, 2011

"Filter-Blase"

Kommentare

  • Felix

    19.05.11 (10:12:38)

    Herr Sennhauser, vielen Dank für diesen Artikel! Ich teile Ihre Auffassungen gänzlich! Insbesondere Ihre Schlussfolgerung, dass (auch) dieses Medium verschieden genutzt werden kann. Ich möchte insofern hinzufügen, dass sich in meinen Augen bestimmte Verhaltensweisen in der Mediennutzung von "Klassikern" wie TV oder Tageszeitung wohl leider einfach wiederholen. Schlussendlich ist es ja dort auch die eigene Entscheidung ob ich am Abend DSDS, das Topmodel etc schaue oder lieber ARTE oder 3Sat konsumiere, ob ich ne Bild kaufe oder eben was anderes (oder auch garnix). Und sind wir ehrlich: so wirklich Bescheid wissen dort die wenigsten über das "wie" und voallem "warum" der Filterung. Es interessiert auch nicht jeden. Dazu gehört eigener Antrieb und vielleicht etwas (Achtung Schlagwort) Medienkompetenz. Die muss geschult werden. Viele Grüße FE

  • pete

    19.05.11 (10:31:33)

    sehe das problem auch...versuche dem wenigstens minimal entgegenzutreten, in dem ich via rss blogs aus verschiedenen bereichen abonniert habe..natürlich ist auch hier das interesse das, was die auswahl hauptsächlich leitet. die betreiberpersönlichkeiten haben aber oft noch weitere hobbies, als das thema des blogs. manchmal fliesst das dann in den eigentlich monothematischen blog (ideal sind sowieso die nicht-monothematischen) ein und man entdeckt doch was neues, überraschendes, relevantes aus einem bereich, der einem ganz fern liegt.

  • Raymond Appels

    19.05.11 (10:48:23)

    Vielen Dank, ein sehr klarer Artikel, der es auf dem Punkt bringt. Einerseits sind Filter natürlich gut, weil sie uns schnelle Ergebnisse bringen, die für uns relevant sind. Nur, wenn sie bewirken, dass wir die wichtigen Informationen nicht mehr erhalten, die für unsere Meinungsbildung relevant und unabdingbar sind, stellen Filter eine psychische Gefahr dar. Zensur und Indoktrination ist das, was Demokratien an Diktaturen und absoluten Systemen verabscheuen. Wir stecken aber alle mitten drin. Was sich in den letzten paar Jahren der Nachrichtenvermittlung alles geändert ist angsterregend und erschreckend. Liebe Grüße aus Viersen Raymond

  • Andy

    19.05.11 (11:01:47)

    Sie gewichtet ausschliesslich nach persönlichen Gelüsten. Und dabei lässt sie uns keine Wahl, wir können sie weder ein- noch ausschalten und schon gar nicht mit selber gewählten Kriterien kontrollieren. Ist dem Autoren der unmittelbare Widerspruch nicht aufgefallen? Ist ihm nicht klar, daß genau die "persönlichen Gelüste" exakt die "selber gewählten Kriterien" sind? Ich muss sie nur nicht mehr eintippen, aus Listen auswählen, irgendwie formulieren, sondern die Maschine bemüht sich nach Kräften, diese aus meinem Verhalten selbst zu erkennen. Es braucht einfach bessere Algorithmen, um die passenden Kriterien besser erfassen zu können. P. S.: Die King-Of-Queens-Szene hätte man falscher nicht widergeben können.

  • Tobias

    19.05.11 (11:51:15)

    Ich kann die Argumente nachvollziehen und ich sehe auch die Problematik die mit der Filterung von Informationen nach unseren eigenen Vorlieben einhergeht. Aber es gibt doch auch immer noch eine Vielzahl von Online-Nachrichtenmagazinen (meistens als Ableger der Printversionen), bei denen die Nachrichten von Journalisten ausgewählt werden, das Angebot nach Ressorts und Rubriken gegliedert ist und somit eine breitgefächerte Auswahl von Themen gibt. Das Mohrrübenproblem sehe ich deshalb nicht als so gefährlich an, außer alle Journalisten würden sich auch nur noch für das Gemüse interessieren und ihre Filter würden sie nur noch darüber informieren. Wahrscheinlich ist es wichtig ein Bewußtsein dafür zu schaffen das viele der Informationen die zu uns gelangen vorgefiltert sind, um uns klar zu machen das es da einen Tellerrand gibt über den wir schauen können/müssen.

  • andreas milles

    19.05.11 (12:43:31)

    danke für den beitrag. gutes futter eigentlich für google wettbewerber :) -> im ernst, ich denke das ist ein paradoxon, das in zukunft gelöst werden will/muss, wahrscheinlich erst nach einer "evolutionskette". den vortrag von eli pariser habe ich noch nicht gesehen -- das thema "radikalisierung" wird übrigens aber auch in jonathan zittrains buch "the future of the internet" ganz gut beschrieben http://futureoftheinternet.org/ vlt auch noch ein lesetipp für interessierte, gibts auf der seite auch als PDF.

  • Peter Sennhauser

    19.05.11 (13:26:53)

    Andy, die Trennung zwischen freien Willen und messbarer Handlungsweise ist eins von den Dingen, die uns zur angeblichen Krönung der Schöpfung machen. Den Willen mit dem Verhalten gleichzusetzen, degradiert das Individuum ganz gehörig.

  • Marco K.

    19.05.11 (13:51:45)

    Google Instant unter diesen Aspekten auch interessant. Nicht nur dass Google definiert was man findet, es definiert sogar nach was wir suchen :)

  • Judith

    19.05.11 (14:44:28)

    Interessanter Artikel zu einem wichtigen Thema. Danke.

  • Max

    19.05.11 (15:50:37)

    Ich finde man sollte die Thematik nicht nur negativ sehen. Der Vorteil ist das man einen Interessenschwerpunkt durch Fokussierung auch viel mehr durchdringt und viel mehr Leute die sich damit beschäftigen "kennenlernt". Dieser Fakt der "Gruppenbildung" zu Themen-/Meinungsschwerpunkten hat wie alles seine guten und schlechten Seiten. Der Unterschied ist das es früher durch Zeitungen propagierte Stammtischthemen gab und heute Themenstammtische ;) Wie häufig wird die sinnvollste Lösung irgendwo bei einem Mittelweg liegen. Es wird immer Themen geben die aktuell wichtig sind egal ob sie in deinem Interessengebiet liegen oder nicht. Ich persönlich nutze keine der Newsgeneratoren und auch Suchmaschinen nutze ich nur noch wenn ich eine konkrete Frage/Ziel habe. Meine "Einstiegsportale" für Nachrichten + Unterhaltung sind verschiedene Blogs und Twitternachrichten. Natürlich ist das fokussiert aber die allgemein wichtigen Themen sind bisher trotzdem alle bis zu mir durchgedrungen. Es sind aber auch regelmäßig neue Themen/Nachrichten dabei die bisher nicht in meinem Interessenschema waren. Einen Fakt kann ich aber aus meinem Umfeld bestätigen, das allgemein bekannte Wissen schrumpft. (Nicht das Wissen der einzelnen Leute an sich aber das was alle gleichzeitig Wissen) Beispiel Musik: Madonna fanden früher alle toll heute hat jeder seine eigene Lieblingsband die unter Umständen noch nie im Radio lief. Das gilt aber auch für andere Themen wie Politik, Sport, Geografie, Geschichte...

  • Oliver Springer

    19.05.11 (17:26:02)

    Das ist ein interessanter Gedanke! Wobei die Frage dann ist, ob man durch den Filter zum Blog (inklusive der Themen, nach denen man gar nicht gesucht hat) kommt oder eben nur zu den Artikeln, die in den Filter passen. Über den Filter kommt ja zuerst einmal zum "passenden" Content.

  • Oliver Springer

    19.05.11 (17:48:55)

    Zuerst: Ich freue mich über Artikel wie diese, in denen offensichtlich einige Arbeit und viel Nachdenken steckt. Vielem kann ich zustimmen, aber letztlich bin ich der Überzeugung, dass die Lösung in besseren Filtern liegt. Zu diesen Filtern gehören ganz wesentlich Redaktionen bzw. Journalisten/Blogger. Ich sehe in der Filter-Blase zwar eine - neutral gesagt - bedeutende Entwicklung, aber neu ist das Ganze nicht. Nehmen wir das Fernsehen als Beispiel. Sobald es mehr als ein Programm gibt, entscheiden die Menschen selbst, welches davon sie gucken. Mit größerer Auswahl differenzieren sich die Programme immer stärker. Statt das Programm an einem gemeinsamen Nenner auszurichten oder allen irgendetwas zu geben, werden die speziellen Interessen der verschiedenen Zielgruppen bedient. Das schafft neue Tiefen. Aber auch neue Höhen. Insgesamt ist die Qualität des Fernsehens besser denn je. Wenn früher die "Sesamstraße" im Dritten Programm wegen einer Übertragung aus dem Berliner Abgeordnetenhaus ausgefallen ist, habe ich mir das mitunter angesehen. Ich war enttäuscht, aber es fehlte die Auswahl. Im Ergebnis mag das positiv gewesen sein. Aber ich halte nichts davon, die Menschen zu ihrem Glück zwingen wollen. Die Auswahl wächst. Neben Medienkompetenz kommt es auf ein Bewusstsein dafür an, dass es wichtig ist, sich über bestimmte Themen zu informieren. Und auf die Disziplin, dies zu tun, selbst wenn das Interesse an anderen Themen größer ist.

  • Peter Sennhauser

    19.05.11 (18:29:50)

    Hallo Oliver Der Vergleich der neuen Filter mit Linearmedien wie Fernsehen und Radio ist natürlich gegeben - das sind just die Quotenbolzer, die den kleinsten Gemeinsamen Nenner bedienen müssen. Das ist ein anderer Fall. Anders aber sieht es bei Zeitungen aus, die einen Querschnitt liefern, der in sich abgeschlossen eine Auswahl ergeben muss, die nach bestimmten "absoluten" Regeln entstanden ist. Auch da entscheidet sich der Konsument immer noch selber, genau wie bei den Google News - der Unterschied besteht darin, das die erste Auswahl nicht möglichst genau auf seine Interessen ausgerichtet war.

  • Peter Sennhauser

    19.05.11 (19:02:23)

    Pete, nachdem ich bereits im Jahr 2000 das Filter-Rechnenzentrum eines amerikanischen Grossverteilers besichtigen konnte und über die Exaktheit der Datenanalyse aus vermeintlich nichtigen Details absolut schockiert war, bin ich überzeugt, dass wir die Leistungsfähigkeit der Algorithmen bei weitem unterschätzen. Ich glaube, dass Einflussversuche auf die Filter ohne Kenntnis der Kriterien nahezu wirkungslos bleiben. Deswegen sollen sie ja transparent oder noch besser vom Nutzer selber wählbar und fallweise ein- und ausschaltbar sein.

  • Lena

    19.05.11 (19:27:27)

    Die Frage die man sich stellen sollte - Warum klären Firmen wie Google oder Facebook, die diese Filter anwenden, nicht deutlich darüber auf? Facebook hat sogar ein begrenztes opt-Out für diese Filterung, erklärt das aber freiwillig niemandem. Eine Antwort auf die Ursache findet man, wenn man sich fragt woher das Geld für all diese Dienste kommt. Marketingfirmen wollen durch die Kontrolle des Internets profitieren, und so versuchen sie es unter Kontrolle zu bekommen wie einstmals Tv und Radio. Wer das Medienangebot der Alten Medien betrachtet, stellt fest das der größte Teil nicht durch Qualität sondern durch Quotendruck bestimmt wird. Wenn wir nicht Wollen das auch das Internet bald nur noch Quote statt Klasse liefert, sollten wir uns wirklich Gedanken machen, ob diese heimliche Manipulation einfach so nebenher laufen darf, denn eins sollte man sich bewusst machen - man bekommt Anfangs nicht weniger Inhalte zu sehen, sondern erstmal dieselben Inhalte, allerdings aus einer monotonen Sichtweise. Themen werden nur aus einer Richtung betrachtet, und so kann man sich der Illusion hingegeben, informiert zu werden, man sieht aber nur eine Seite der Medaille. Anschliessend wundert man sich, wieso all die anderen eine so begrenzte Sicht der Dinge haben, denn man selbst ist schliesslich informiert. Tatsache ist aber, auch die anderen sind es, nur wird für jeden persönlich die eigene Sichtweise verstärkt, und die der anderen untergraben.

  • Felix

    19.05.11 (19:59:51)

    Da muss ich mal mit Schopenhauer um die Ecke kommen: "Der Mensch kann tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will"

  • kadekmedien

    20.05.11 (08:52:51)

    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel und Denkanstoß! Ich denke allerdings, dass kaum jemand ausschließlich nach nur einem Interesse filtert; und dass es das auch schon vor dem Internetzeitalter gab, was regelmäßig zu verengter Weltsicht und Ignoranz führt. Zweifellos besteht aber die Gefahr eines von Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten definierten informationellen Totalitarismus. Dem entgegenzutreten liegt in der Verantwortung (und Medienkompetenz) des Einzelnen. Das heißt, sich Offenheit bewahren, über den Tellerrand hinausblicken – und seine Kontakte auf Twitter, Facebook, Google entsprechend breit gefächert aufstellen. – Oder anders ausgedrückt: etwas Sport kann nie schaden ;)

  • Manziel

    20.05.11 (09:51:14)

    Ich muss hier doch widersprechen. Der Artikel ist leider ziemlich einseitig auf Nachrichten bezogen. Entgegen dem Eindruck der im Artikel aufkommt, ist Personalisierung keineswegs ein neuer Ansatz. Ich studiere Informatik mit dem Schwerpunkt auf Datenanalyse und für ein Seminar bereite ich gerade die Präsentation eines Papers vor in dem die Optimierung und Personalisierung von Suchmaschinen anhand von Klickverfolgungsdaten (genauer den angeklickten Links) beschrieben wird. Besagtes Paper stammt aus dem Jahr 2002. Es ist auch nicht grundsätzlich schlecht wenn die Personalisierung vor allem die Ergebnisse liefert, die den Benutzer interessieren und nicht die Ergebnisse die ihn interessieren sollten. Der Benutzer würde sie ohnehin nicht beachten, warum also die kostenbaren Plätze auf der ersten Seite für etwas verschwenden was der Benutzer nicht will? Der Einwand, dass diese Filterung nicht bewusst stattfindet mag richtig sein, dass die Ergebnisse von Suchmaschinen personalisiert werden, sollte aber jedem bekannt sein der sich dafür interessiert. Und man muss natürlich fragen nach welchen Kriterien die Personalisierung filtert. Die Personalisierung von Diensten findet über sogenanntes implizites Feedback statt. Welche Links klickt ein Benutzer? Welche Produkte kauft er? Dieses ist nicht nur deutlich einfacher und billiger zu erheben als explizites Feedback (z.B. Bewertungs-Buttons, Laborstudien, Experten-Reviews) sondern auch schlicht und einfach ehrlicher. Bei explizitem Feedback kann ein Benutzer sich selbst betrügen, bei implizitem Feedback funktioniert das nicht. Zum anderen verschwinden die anderen Links nicht einfach. Die Personalisierungsfunktion kann wegen dem Rechenaufwand nicht auf alle möglicherweise relevanten Dokumente angewandt werden sondern nur auf eine deutlich kleinere Untermenge, z.B. die generischen Top100 für die Anfrage. Wer glaubt dass ihm die Personalisierung etwas vorenthält, der kann auch einfach mal auf der zweiten Seite nachschauen. Man muss auch feststellen, dass der Bedarf nach Gatekeepern mit dem Internet eher gestiegen als gesunken ist. Der Erfolg von Google macht dies deutlich. Es gibt einfach zuviel was möglicherweise relevant ist. Nur durch Suchmaschinen, die möglichst genau die Intention der Suchanfrage und damit die Interessen des Benutzers treffen, ist es überhaupt möglich das Internet sinnvoll zu nutzen.

  • Peter Sennhauser

    20.05.11 (10:09:09)

    Marco, das ist exakt die Art von Bevormundung, die in der Personalisierung versteckt ist. Ich habe es ursprünglich als Neuerung abgehandelt und vielleicht etwas zu positiv gesehen - aber Google Instant ist wenigstens transparent.

  • Peter Sennhauser

    20.05.11 (10:20:40)

    Manziel, Eli Pariser sagt keineswegs, dass die Filter oder die Personalisierung generell negativ seien (und ich würde mich ebenfalls hüten, das zu sagen). Es geht darum, das die bisherigen Filter nicht personalisiert und deswegen einfacher einzuschätzen waren und dass die aktuellen auf den Punkt genau sind, ohne dass ich als Betroffener diesen Punkt kenne. Hier in den USA beispielsweise ist die Kreditwürdigkeit für Konsumenten absolut lebenswichtig - und sie wird von drei Instituten aufgrund von haufenweise Daten berechnet. Wenn mein persönlicher Index plötzlich fällt, hat das einschneidende Konsequenzen - aber ich weiss erstens nicht, was genau den Sturz ausgelöst hat, noch erfahre ich überhaupt, was genau mein Punktestand ist. Dabei haben die kleinsten Details einen Einfluss: Ein TV-Reporter hat mir kürzlich von einer Recherche berichtet, wonach der Kauf von Filz-Untersätzen für Möbel - den Kreditinstituten aufgrund der Kreditkartenabrechnungen bekannt - eines von vielen Kriterien ist, die meine Kreditwürdigkeit verbessern - weil es als Hinweis gewertet wird, dass ich ein sorgfältiger, rücksichtsvoller Mensch bin. Als Journalist bin ich der Letzte, der die Notwendigkeit von Gatekeepern - nennen wir sie mal lieber Kuratoren - bestreiten würde. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass wir uns nicht von ihnen befreit, sondern uns geradewegs in die mechanischen Hände von anderen, undurchschaubaren, nicht als kollektiver Thinktank operierenden Programmen begeben haben und das als freiheitlicher ansehen als das traditionelle Vertrauen in eine Zeitungsredaktion. Allerdings hat ein Redaktion, der mir eine Geschichte serviert, nicht auf meine persönlichen Interessen geachtet und die Geschichte gegenüber einem Gremium anderer, hoffentlich verantwortungsbewusster Kollegen verteidigen und rechtfertigen müssen, und gemeinsam sind sie zum Schluss gekommen, dass ich das eigentlich wissen müsste. Google dagegen liefert mir, weil ich als Foodie bekannt bin, zum Stichwort "Schimmel" viele Treffer zu Schimmelpilz - dabei wollte ich für einmal etwas über Pferde erfahren. Google Instant ist deswegen eigentlich ein erster Schritt in die richtige Richtung: Immerhin wird hier während meiner Suche transparent gemacht, was die Maschine von mir denkt - und ich kann sie sofort korrigieren.

  • brandbarth

    20.05.11 (10:30:35)

    Wir stellen also fest, das die Auswahl von Informationen teilweise unserer Kontrolle entzogen ist. So what? An den Redaktionskonferenzen von Funk, Fernsehen und Print nehme ich auch nicht teil. Ich stelle mir gerade vor, beim SPIEGEL anzurufen, Herrn Bednarz zu verlangen und die Teilnahme an der nächsten K. zu verlangen, weil ich so lange nichts über Mittelamerika gelesen habe. Für die Antwort brauche ich nur wenig Phantasie und kein Telefon. Jetzt endlich gibt es wirksame Filter in diesem Internetz, und es ist auch wieder nicht richtig. Vor Jahren hieß es, die Suchmaschinen beackerten das Netz nur mit brute force und lieferten irrelevante Treffer und wir wüßten nicht mehr, wie wir mit diesem perzeptiven Overload fertig werden sollten (dabei war nicht der Schuh, sondern -mit den Suchkriterien- der Fuß schuld). Suchmaschinen wissen jetzt: der will im Roten Meer nur tauchen, und nicht wissen, ob Mubarak noch im Haus ist. Zappzarapp werden als Suchergebnis nur noch Haie geliefert. Dabei könnte ich in den erweiterten Suchkriterien "Haie" ausschließen und weg ist der große Raubfisch! Also nicht beschweren, sondern vielleicht einfach ein (einige) Suchwort mehr eingeben. Nicht beschweren, wenn die Suchmaschine bei "Ägypten" rät. Das ist wie der Mann in Wuppertal, der in das Spezialgeschäft für Schirme und Krawatten kommt und sagt, er hätte gerne eine Krawatte. Das ist, als würde man in eine Buchhandlung gehen und sagen, ich hätte gerne ein Buch über Pferde, und lasse offen, ob ich "Conny macht Ferien auf dem Reiterhof" oder ein Sachbuch über die Zucht und Haltung von Haflingern möchte. Wenn sich jeder diese Mühe machen wollte, wäre ein bestimmter zu allgemeiner Suchbegriff: kein Suchbegriff. Das ganze v...e Internetz ist voll damit! Den eingeben heißt einfach, "ich habe keine Ahnung, was ich suche." Danach sollte man sich allerdings die Hände waschen und die Chronik & Kekse löschen. Die Nähe von so viel Unreinlichkeit zwingt einfach dazu.

  • B.Hellmuth

    20.05.11 (10:38:06)

    TOP. Seit ca. 5-6 Jahren versuche ich Freunde, Verwandte und z.T. auch Kunden für genau dieses Thema zu sensibilisieren. Leider ohne großen Erfolg, denn die einhellige Meinung ist , dass "Google & Co." uns doch nur helfen möchten. (Ja genau und Cola macht auch nur wach, nicht dick). Es freud mich arg, dass endlich mal jemand sich die Mühe gemacht hat darüber ein Buch und hier einen Artikel zu verfassen, der auch meine Meinung unterstreicht. Viele Dank ;o) Mehr "Fachpalaber" will ich dazu eigentlich nicht schreiben, denn m.E. geht es um ein gesellschaftliches Problem, dass nicht der Spezialist sondern die breite Masse erkennen muss. Schönes Wochenende

  • Manziel

    20.05.11 (15:04:10)

    Filter waren immer schon in gewisser Weise personalisiert. Wenn ich die BILD kaufe, dann bekomme ich ein anderes Profil als bei der FAZ und wenn ich die taz lese, dann habe ich wieder etwas anderes. Auch da weiß man nur grob nach welchen Kriterien ein Artikel überhaupt erscheint und warum er an einer bestimmten Stelle platziert wurde. Wenn ich im taz-Archiv nach Artikeln zur Atomkraft suche, dann werde ich vermutlich keinen Pro-Atomkraft finden. Der Unterschied ist lediglich, dass man sich als Zeitungsleser schon längst von der Idee verabschiedet hat, dass diese völlig neutral ist während das bei Google offenbar beansprucht wird. Aber ich glaube letztendlich diskutieren wir hier um eine philosophische Glaubensfrage, nämlich ob ein Mensch besser Entscheidungen trifft als eine Maschine. Ich für meinen Teil bezweifle jedenfalls stark dass ein Mensch grundsätzlich Entscheidungen besser trifft. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass der Mensch in fast allen Entscheidungen der Maschine unterlegen ist weil er nur in stark eingeschränktem Umfang rational entscheiden kann.

  • Montgomery

    20.05.11 (15:15:20)

    Kekse und Chronik löschen bringt mittlerweile nicht mehr viel, das war vor 2 Jahren noch ein guter Ratschlag. Mittlerweile gibt es mindestens, wie im Video berichtet, 57 verschiedene Merkmale um den Nutzer zu identifizieren, Cookies und History sind zwei davon. Hinzu kommen zum großen Teil nichtsagende Informationen die der Browser mitsendet - Betriebssystem, Browsertyp, Versionsnummern, Reihenfolge installierte Schritarten usw., genügend um durch Fingerprinting mindestens 85%ige sichere Zuordnung vorzunehmen. Hinzu kommt die IP-Adresse, ISP-Provider, Region, bei mobilen Geräten die ziemlich eindeutige Sim und Geräte-ID. Mit personalisierten Suchergebenisse können extrem frustrierend sein wenn man etwas bestimmtes sucht, und dank der Filter-Blase trotzdem nicht findet was man sucht. Beispielsweise wenn die Suchmaschine die eigene Position, z.b. in Deutschland zu stark gewichtet, und Ergebnisse für die USA kaum berücksichtigt. Zur Zeit muss man viel zu stark tricksen um überhaupt relevante Nachrichten außerhalb der Filterblase zu finden. Wie gesagt, es wäre Pflicht der Anbieter, überhaupt darauf aufmerksam zu machen, und dann intuitive Benutzerführung einzubauen. Suchbegriffe auszuschliessen bringt in den meisten Fällen bei komplexen Zusammenhängen nämlich meist nicht das erhoffte Ergebnis.

  • Tobias Mitter

    21.05.11 (16:32:43)

    Bei allen genannten Argumenten finde ich die Medienkompetenz, sprich das Wissen um die Personalisierung, den entscheidenden Punkt. Was mir fehlt: Google, Twitter, Facebook und Co. bieten ein Produkt an. Jeder entscheidet selbst aktiv es zu nutzen. Diese Angebote sind alle kostenlos und die Anbieter wollen mit Werbung Geld verdienen. Entsprechen bauen sie ihr Angebot so, dass es möglichst vielen Leuten gefällt - dafür die Personalisierung. Wir bezahlen für das kostenlose Angebot mit unseren Daten und unserer Aufmerksamkeit. Es gibt keinen Anspruch, dass etwa Google ein neutraleres Bild der Welt liefert zumal es sich um keine journalistischen Inhalte handelt. Ich sehe auch den Bedarf nach Alternativen, befürchte aber, dass kaum ein Nutzer bereit ist dafür zu zahlen. Ich bin dennoch mehr als optimistisch, da bei wachsendem Bedarf nach un-personalisierten Informationen/sozialen Netzwerken auch solche Angebote entstehen werden. Das "unter" den angesprochenen Angeboten liegende Internet ist ja noch frei und von jedem mit gestaltbar.

  • Kai

    23.05.11 (13:09:39)

    Sehr interessanter Artikel. Einige von euch haben vielleicht auch Interesse an meinem Artikel zu diesem Thema, den ich im Rahmen meiner Uni-Arbeit hier in Australien geschrieben habe: Of selective exposure and social filtering: do Facebook and Twitter make us only listen to what we want to hear?

  • Hasso

    23.05.11 (15:10:34)

    @Manziel Filter waren immer schon in gewisser Weise personalisiert. Wenn ich die BILD kaufe, dann bekomme ich ein anderes Profil als bei der FAZ und wenn ich die taz lese, dann habe ich wieder etwas anderes. Da kann ich aber entscheiden, welche Zeitung ich kaufe! @Tobias Mitter Bei allen genannten Argumenten finde ich die Medienkompetenz, sprich das Wissen um die Personalisierung, den entscheidenden Punkt. Was mir fehlt: Google, Twitter, Facebook und Co. bieten ein Produkt an. Jeder entscheidet selbst aktiv es zu nutzen. Dazu muss man aber erst einmal wissen, dass die Ergebnisse gefiltert sind und es müsste die Möglichkeit bestehen, diesen Filter auszuschalten, wenn ich nämlich nicht nur Ergebnisse haben will, die meine Meinung (wie Google sie analysiert) verstärken, sondern auch gegenteilige.

  • Oliver Springer

    23.05.11 (17:18:38)

    Na so viel Medienkompetenz muss schon sein! Woher die kommen soll, ist allerdings eine andere Frage. Die Anbieter machen es einem leider nicht so leicht, die Filter so zu ändern oder gezielt zu deaktivieren, wie es aus meiner Sicht wünschenswert wäre. Das sehe ich vor allem unter dem Aspekt, das Produkt zu verbessern. Die Nutzerzufriedenheit liegt ja ganz im Sinne der Betreiber.

  • Walter

    24.05.11 (21:41:24)

    Ich fand bisher mein "Genieo" Klick-Monitoring-Tool genial: Es liefert mir täglich eine sehr interessante Liste von für mich relevanten Inhalten. Nur - es stimmt, damit bleibe ich in meiner kleinen Welt, das Tool bringt schlicht Inhalte von Websites, die ich häufig besuche. Von daher macht ein menschlicher Kurator eines Tages wohl wieder Sinn...

  • Klaus Goldhammer

    25.05.11 (00:07:35)

    Früher sagte eine schöne/böse Redewendung: "Meinungsfreiheit bedeutet die Freiheit von 300 Zeitungsverlegern, ihre Meinung zu veröffentlichen". Heute ist Meinungsfreiheit also die Freiheit einer Handvoll Internet-Unternehmen, die Algorithmen zu definieren, wer was wann warum zu sehen bekommt. Das ist richtig und wichtig zu wissen und sicher auch nicht unkritisch: Wenn Google seine Algorithmen anpasst, um Webshops besser zu filtern und dann flugs die Umsätze bei deutschen Shops täglich um 50% nach oben oder unten gehen merkt man, dass es einen ganz erheblichen Einfluss von Algorithmen nicht nur auf die Meinungsbildung gibt. Aber hier kommt der Twist: in meiner Wahrnehmung ist es so, dass man TROTZ Algorithmen gerade bei Twitter und im Facebook-Newsfeed durch geschickte Auswahl seiner Quellen bzw. Freunde wieder die humane Auswahl von Informationen in seiner Tiefe und Breite selbst erstellen kann! Und plötzlich ist man dadurch nicht mehr von einigen Verlegern, Chefredakteuren und deren Agenda oder eben IT-Algorithmen abhängig, sondern kann sich die Newsmittler selbst zusammen suchen: Echte Freunde oder Freaks, inspirierendes oder randlastiges oder was auch immer mir an Personen unterkommt, die meinen Newsfeed mit deren Perspektive füttern. Spannender, relevanter und breiter war meine Informationslage noch nie und KEINE Zeitschrift konnte mein Interessenportfolio jemals so brilliant abdecken wie heute ein Facebook-Newsfeed der auf "Neuese Meldung" also halbwegs ungefiltert eingestellt ist. Meine Welt ist damit weiterhin nicht frei von Algorithmen -ja-, weil die Quellen der Informationsbeschaffung meiner Facebook-Freunde natuerlich auch wieder vorgefiltert sind, aber doch bleibt die Auswahl und Zusammenstellung meines Informationsflusses letzlich human und selbst kontrolliert und vor allem: nicht mehr abhängig von nur sehr wenigen Zeitungen oder Algorithmen als Gatekeeper ...

  • Markus Breuer

    26.05.11 (10:33:05)

    Der (wichtige) Punkt, bei dem ich uneingeschränkt zustimme, ist: Transparenz. Dienste, die ein solches Filtering oder eine Priorisierung vornehmen, sollten dies erkenntlich machen und Usern die Möglichkeit geben, Einfluß darauf zu nehmen. Ansonsten halte ich Eli Parisers Thesen für interessant und bedenkenswert - sein Buch und die Interviews, die er dazu gibt, für klassische Panik-PR. Vermutlich "ist es nun mal so" aber es ist schade, dass es aktuell offensichtlich am einfachsten ist, als "Mahner" und "Warner" öffentlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin (nahezu) komplett anderer Ansicht. Ich denke, dass die Informationsmenge, die laufend neu im Internet verfügbar wird, ohne Filterung und Priorisierung für die meisten Menschen unverdaulich ist. Wir brauchen Filter, um Nutzen aus diesen Informationen zu können. Mein Standpunkt: http://notizen.steingrau.de/2011/05/17/die-personliche-zeitung-die-zeit-ist-reif/ Jeder, der anderes behauptet, gibt sich gefährlichen Illusionen hin oder tut das aufgrund einer persönlichen Agenda. Wie du selbst erwähnt hast, sind Filter nichts Neues (Pariser gibt das auch zu). Bis zu den Anfangszeiten des Internet war die Auswahl der Zeitungen, Magazine und Fernsehsendungen, die ich aufnehme ein ganz harter Filter. Ein völlig intransparenter, übrigens. Die meisten diese Nachrichtenquellen hätten niemals irgendwo explizit geschrieben: "Alles, was wir auch zeigen, wird aus einer Vielzahl - sich auch mal wiedersprechenden - Informationen ausgewählt, weil wir genau diese aufgrund unserer Erfahrung und Weltanschauung für richtig und wichtig halten." Das ist immer nur implizit. Und tatsächlich haben die Leser/Zuschauer es als authoritativ angesehen. Ich kann mich gut an die Floskel "aber es stand doch in der Zeitung/kam in der Tagesschau" bei meinen Großeltern und Eltern erinnern, die mich immer erschauern ließ. Amüsant finde ich, dass gerade Journalisten darin nie ein Problem sagen und sehen. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt ... :) Die Lösung kann auf Dauer nur in einem intelligenten Mix von menschlicher und algorithmischer Kuration (Priorisierung und Filterung) liegen - ergänzt um ein BEWUSSTES Einstreuen von Informationen, die gerade nicht den (expliziten oder impliziten) Präferenzen entsprechen - zum Zwecke der Horizont-Erweiterung. Stichwort "Serendipity".

  • Lena

    28.05.11 (11:22:01)

    Journalisten müssen immerhin dem prüfendem Blick anderer Journalisten standhalten, insofern ist die Unterstellung, Journalisten würden sich das Recht der gezielten Manipulation vorbehalten, unbegründet. Das Argument zeigt aber das Problem auf: Die Algorhytmen sind (noch) nicht transparent und optionalisierbar, und die Manipulationen die damit möglich sind, unterliegen eben scheinbar keiner objektiven Prüfung.

  • Markus Breuer

    28.05.11 (19:11:47)

    Unter irgendjemandem der hier Beteiligten nahe treten zu wollen, scheint mir die Behauptung "Journalisten müssen immerhin dem prüfendem Blick anderer Journalisten standhalten" doch ein klein wenig ... sagen wir mal "idealisierend" zu sein :) Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass in der Redaktion eines Objekts die Themenselektion eines anderen Objekts (oder gar des eigenen) systematisch geprüft und/oder hinterfragt wird. Diese ist doch gerade entscheidend für die Definition der jeweiligen "Marke". Ich denke auch nicht, dass bei Journalisten grundsätzlich die "gezielte" Manipulation durch Auswahl ein Problem darstellt. Zum klassischen journalistischen Ethos, in Deutschland oft mit dem TV-Urgestein Hajo Friedrichs verknüpft, gehört der Anspruch der neutralen Berichterstattung. Auch Journalisten sind aber Menschen. Die Auswahl der Themen, die er/sie bearbeitet bzw. die in einem Objekt auftauchen, reflektiert ganz natürlich die Weltanschauung bzw. politische Ausrichtung der Redaktion. Gezielte Manipulation bei politisch stark fokussierten Medien ist ansonsten vielleicht nicht Standard aber auch nichts wirklich ungewöhnliches. Ein bekanntes und häufig zitiertes Beispiel dafür sind die Murdoch-Medien und insbesondere das Fox-Network in den USA, in dem gezielt demokratische Politiker verunglimpft werden und jeder Blödsinn, den republikanische Politiker von sich geben, ungeprüft als Faktum verbreitet wird. Ich will damit nicht sagen, dass so etwas nur bei rechtsgerichteten Politikern oder in den USA vorkommt. Fox ist nur ein bekanntes und breit analysiertes Phänomen. Anhänger der Republikaner (speziell der Tea-Party Fraktion) lieben Fox übrigens. Sie schätzen diesen Filter, da er ihrer Weltsicht entspricht und Beiträge, die diese in Zweifel ziehen könnten, gar nicht sehen wollen.

  • Lena

    29.05.11 (12:35:49)

    Mit Fox News hast du natürlich recht, das Murdoch's Propagandaapparat aber ungescholten lügen kann wie er will, liegt in den USA aber auch am Medienmonopol von sechs Firmen und der schwachen Gesetzgebung - die Kanadier verbieten es beispielsweise in den Nachrichten zu lügen, deshalb darf Fox dort nicht senden. Mein Argument ging von freier Presse aus, nicht von dem was wir in den USA haben. Die US-Amerikaner können sich scheinbar nicht auf die Selbstregulation der Journalisten verlassen, zum Glück haben wir aber auch noch Portale im Netz die Hintergründe und offensichtliche Lügen aufdekcken. Da wo die Journalisten gekauft, bedroht oder inkompetent sind haben wir glücklicherweise noch Webuser.

  • Markus Breuer

    29.05.11 (13:43:53)

    @Lena: Ich sprach nicht - primär - über Lügen sondern über Weltanschauung. Deshalb gerne ein milderes Beispiel: die Auswahl der Themen - und ihre Bewertung - die wir im in den Zeitungen Freitag, Sueddeutsche, TAZ und FAZ finden, ist deutlich unterschiedlich. Die lügen nicht, oder zumindest nicht absichtlich :) Trotzdem vermitteln sie ein unterschiedliches Bild der Welt. Und niemand korrigiert sie dafür - das wäre auch absurd, weil diese unterschiedlichen Sichtweisen = Filter eben das Markenzeichen diese Titel sind und so auch von den Lesern gesucht werden.

  • Lena

    29.05.11 (14:58:51)

    Ja das stimmt, aber in dem Fall ist man sich deren Gewichtung und Weltanschauung wahrscheinlich doch sehr wohl bewußt.. Würden sie lügen, wäre das schnell mit einem Gesichtverlust verbunden, hoffe ich doch zumindest bei uns. Anders bei den Filtergatekeepern. Die handeln noch sehr undurchsichtig, man sollte sich aber bewußt machen das diese nur ein einzelnes Mittel zur Manipulation sind, das aber wohl über die Zeit an Gewicht gewinnen wird. Kombiniert mit DNS-Blockaden auf ISP Level, wie in den USA zur Zeit vorgeschlagen wird, erlangen diese Filter aber ganz schnell eine neue Dimension. Aber um bei den Weltanschauungen zurück zu kommen - so etwas haben wir in den Medien schon ewig. Solange die Positionen erkennbar sind war das bisher kaum ein Grund der Besorgnis. Anders ist das, wenn versucht wird, sich den Anschein von Objektivität zu geben, in Wirklichkeit aber weder Transparenz noch Rechenschaft durchgesetzt werden.

  • Sebastian Höhne

    02.04.12 (13:05:01)

    Um Google ein wenig zu verteidigen: in den Google-Kontoeinstellungen kann man sich unter "Webprotokoll" seine persönliche Historie ansehen und auf Wunsch deaktivieren. Damit deaktiviert man die Grundlage für personalisierte Suchergebnisse und erhält somit eine weitgehend neutrale Ergebnisliste angezeigt.

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