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03.02.14

Onlineshops und stationärer Handel: Wie Technologie 50 Milliarden Dollar Kartengebühren retten kann

Fast 50 Milliarden Dollar an Transaktionsgebühren führen Händler und Dienstleistungsunternehmen pro Jahr an Banken und Kreditkartenunternehmen ab. Doch dank neuer, technologiegestützter Lösungen werden Geschäfte und Onlineshops künftig Teile dieser entgangenen Umsätze zurückerobern können.

Kreditkarte

"Keine Kartenzahlung", "Kartenzahlung erst ab 5 Euro" oder "Keine Kreditkarten" - für Anhänger eines bargeldlosen Lebensstils sind diese oder ähnliche Einschränkungen beim Einkauf ein stetiger Irritationsmoment. Aus Sicht der Händler jedoch gibt es oft nachvollziehbare Gründe für eine solche Maßnahme: Denn wer die Kartenzahlung akzeptiert, muss für die Transaktionen Gebühren an die verantwortlichen Banken sowie Karteninstitute abführen. Bei Debitkarten (im deutschen Volksmund "EC-Karte" genannt) liegen diese bei bis zu 1,5 Prozent, allerdings plant die EU eine Deckelung auf 0,3 Prozent. Bezahlt ein Kunde mit Kreditkarte, führen Geschäftsinhaber davon oft saftige drei Prozent oder mehr ab, zuzüglich einer fixen Pauschale von meist 0,10 bis 0,30 Euro pro Bezahlvorgang. Da die Margen in vielen Branchen des Einzelhandels gerade mal im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen, fühlt sich manch ein Ladenbetreiber schlicht dazu gezwungen, gängige Kreditkarten wie Visa oder MasterCard abzulehnen. Im Onlinehandel ist das schon schwieriger, da die Bargeld-Option nicht existiert. Shops, die sich an Kunden aus einer Vielzahl von Ländern richten, haben heutzutage eigentlich keine Alternative zur Akzeptanz der international verbreiteten Kreditkarten. 48 Milliarden Dollar Gebühren pro Jahr

Das jährliche Transaktionsvolumen der Kreditkartenherausgeber ist entsprechend gigantisch. 1,2 Billionen Dollar wurden 2013 durch das Zahlungsnetzwerk von Visa geleitet. Der Umsatz im ersten Quartal des Fiskaljahres 2014 lag bei 3,2 Milliarden Dollar, der Nettogewinn betrug 1,4 Milliarden Dollar. Konkurrent MasterCard prozessierte im vergangenen Jahr 805 Milliarden Dollar. In der jüngsten Drei-Monats-Periode erwirtschaftet das Unternehmen einen Umsatz von 2,13 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 623 Millionen Dollar. Rund 20 Milliarden Dollar fließen also pro Jahr in Form von Transaktiongebühren an die zwei marktführenden Kartenunternehmen. Ingesamt fallen etwa 48 Milliarden Dollar an jährlichen Kartengebühren an. Von den verbliebenen 28 Milliarden Dollar geht ein Teil an die kleineren Karteninstitute wie American Express und Diners Club, der Rest wird von den die Karten ausstellenden Banken beansprucht.

Fast 50 Milliarden Dollar an Gebühren sind zwar in Anbetracht eines globalen Handelsvolumens von vielen Billionen Dollar ein Tropfen auf den heißen Stein. Betrachtet man diese 50 Milliarden Dollar jedoch als entgangenen Gewinn (aufgrund der oben beschriebenen Problematik niedriger Margen im Einzelhandel), sieht die Sache schon anders aus. Diese Summe stellt immerhin das Zweihundertfache dessen dar, was der weltgrößte Onlinehändler Amazon 2013 als Profit erwirtschaftet hat. Amazon selbst dürfte ohne die Transaktionsgebühren bei Kreditkartenzahlungen deutlich höhere Erträge vorweisen können, auch wenn der Konzern aufgrund des massiven Handelsvolumens garantiert von signifikante Gebührennachlässen profitiert (die er seinerseits Nutzern seines Bezahldienstes Payments einräumt).

Der Handel, online wie offline, hat ein eindeutiges Interesse daran, dass die Kosten für elektronische Transaktionen fallen. Sich die jährlich "verlorenen" 50 Milliarden zurückzuholen, wird künftig zu den wichtigsten Zielen der Branche gehören. Zwei Ansätze führen dorthin: Der Einsatz neuer Technologien, um die etablierten Zahlungssysteme mit ihren vielen verwöhnten Mittlern zu umgehen, sowie das Neuverhandeln der Gebührenstruktur zwischen Handel und Finanzbranche. Kombiniert versprechen beide Taktiken die besten Erfolgschancen.

Bitcoin zeigt, dass es anders geht

Führt man sich die Gebührenproblematik vor Augen, versteht man, wieso mittlerweile hunderte Onlineshops und Webservices Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren. Das Protokoll erlaubt den abgesicherten Transfer von Zahlungen von einem beliebigen Ort auf der Welt zu einem anderen ohne nennenswerte Gebühren. Über den wohl bekanntesten Bitcoin-Zahlungsdienstleister Coinbase können Shops Zahlungen in Bitcoin annehmen und direkt in Dollar umwandeln lassen. Bis zu einem Umsatz von einer Million Dollar kostet dies gar nichts. Anschließend beträgt die Transaktionsgebühr moderate ein Prozent. Eine für Kreditkarten typische pauschale Transaktionsgebühr entfällt, wodurch auch "Micropayments" ökonomisch sinnvoll werden

Egal welche Rolle die virtuelle Währung Bitcoin langfristig spielen wird - die Vision eines internetgestützten, intelligent strukturierten Finanzprotokolls, das den sicheren Transfer von Werten ohne Einmischung der etablierten, kräftig die Hand aufhaltenden Finanzakteure erlaubt, muss zwangsläufig früher oder später entstehen. Nicht nur, weil Bitcoin praktisch zeigt, wie solch eine Lösung aussehen kann, sondern eben auch, weil der Handels- und Dienstleistungssektor sich nichts lieber wünscht als Zahlungslösungen, die nicht die Gewinnmarge zerstören. Zumal Bitcoin aus Händlersicht als Zahlungsmittel sogar sicherer ist als der Einsatz der Karte.

Tech-Giganten und Startups experimentieren

Parallel zur Evolution von Bitcoin und anderen Kryptowährungen finden sich weitere Wege, wie mit Hilfe digitaler Technologie das existierende Bezahlverfahren sowie die damit verbundenen Kosten umgangen oder unter Druck gesetzt werden kann. So plant etwa Amazon eine Ausweitung seines bislang für Onlinehändler angebotenen Zahlungsdienstes, der unter anderem eine Peer-to-Peer-Komponente enthalten soll. An Details mangelt es, aber der Netzriese zeigt schon mit seiner virtuelle Währung für Kindle-Fire-Apps Ambitionen, die Zahl der Banken involvierenden Transaktionsvorgänge zu verringern. Wer für den Erwerb von Apps und Spielen für die Kindle Fire Tablets einmalig 45 Euro in Form von Amazon Coins erwirbt und diese nach und nach verbraucht, verursacht dem Unternehmen nämlich nur einmal eine Karten-Transaktionspauschale, nicht zehn oder 20.

Derzeit geistern zudem Meldungen durchs Netz, wonach Apple an einer Ausweitung seines für iTunes und den App Store genutzten Zahlungssystems arbeitet. Die zweifellos reizvolle Idee: Nutzer wären in der Lage, im stationären Handel mit ihrem iOS-Gerät zu bezahlen. Spannend ist an diesem Gedanken, dass Apple bei Transaktionen seit jeher auf ein Verfahren setzt, bei dem App- oder Medienkäufe von Nutzern über mehrere Tage "gesammelt" werden, bevor ihr gewähltes Zahlungsmittel belastet wird. Das Motiv ist eine Reduzierung der fixen Pauschalen bei Kartenzahlungen, welche die Abrechnung von Minibeträgen eigentlich wirtschaft unattraktiv machen. Je stärker bei Apple die Rolle des Paymentdienstes in den Fokus rückt, desto größer sind die Anreize für das Unternehmen, den Bezahlvorgang so kostenschonend wie möglich zu gestalten. Auch Google stößt immer weiter in den Bereich von Finanzdienstleistungen vor. Noch läuft wie bei der Konkurrenz nichts ohne, dass Banken und Kreditkartenunternehmen ihren Teil vom Kuchen erhalten. Aber es spricht nichts dafür, dass der Konzern die etablierten, für ihn unvorteilhaften Zahlungsstrukturen auf Dauer unangetastet lassen wird.

Neben den Big Playern tüfteln auch zahlreiche Startups an Verfahren, um Händlern sowie Privatpersonen üblicherweise bei Bezahlvorgängen und Geldtransfers anfallende Gebühren zu ersparen, darunter Dwolla, Square Cash, Ribbon oder TransferWise. Und iZettle, einer der vielen Anbieter im Markt der Kreditkarten-Lesegeräte für Smartphones, ändert im Heimatland Schweden gerade seine Gebührenstruktur. Das Startup offeriert Händlern, die mehr als umgerechnet rund 35.000 Umsatz Euro im Monat erwirtschaften, eine Transaktiongebühr von gerade mal 1,5 Prozent für alle Karten, auch Kreditkarten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass iZettle mit diesem aggressiven Vorstoß ordentlich draufzahlt. Hat sich der Handel aber erst einmal an derartig verträgliche Gebühren gewöhnt, wird der Widerstand gegen eine Rückkehr zu den alten Preisen und die Nachfrage nach alternativen Zahlungswegen groß sein.

Welche Methode sich letztlich durchsetzen wird, um den Handel- und Servicesektor von einem Teil der Gebühren zu befreien, ist derzeit noch offen. Vielleicht geben sich Banken und Kartenfirmen einsichtig und tragen mit reduzierten Gebühren dem stetig zunehmenden Transaktionsvolumen Rechnung. Bewegen sie sich nicht, wird Technologie ihr Monopol knacken. Wahrscheinlich geschieht dies sogar unabhängig davon, wie die Finanzhäuser agieren. /mw

(Grafik: Credit Card in clamp, Shutterstock)

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