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04.06.13 09:39, von Martin Weigert

Einstiges Symbol des Berliner Startup-Hypes: Amens letzte Atemzüge

Während das Team des kontroversen Berliner Startups Amen Auflösungserscheinungen zeigt, kursieren Gerüchte über eine Akquisition. Klar ist: Eine Zukunft hat der Dienst nicht. Die Szene der Hauptstadt kann nun nach vorne schauen.


Die Berliner Startupszene wandelt sich. Verstärkt treten Anbieter mit einer gewissen Substanz in den Vordergrund. Nach Jahren der Euphorie und allgegenwärtiger Seedfinanzierungen für scheinbar jedes beliebige "Startup", das eine mobile App vorweisen konnte, trennt sich die Spreu vom Weizen. Eine der Fragen, die sich dabei in den letzten Monaten viele Beobachter der Branche stellten: Was wird aus der Meinungsplattform Amen?

Das unter anderem von Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher und einigen schillernden US-Größen finanzierte Startup gehörte nicht zuletzt dank einer Aufmerksamkeit erregenden, sehr selbstbewussten PR-Strategie zu den Lieblingen der nationalen und internationalen Techpresse und prägte dadurch stark das Bild von Berlin als neuem Standort für junge Web- und Mobilefirmen. Doch auf den anfänglichen Hype folgte der schnelle Fall, nachdem viele User den Sinn und Zweck des Dienstes nicht verstanden. Das Team um die Gründer Felix Petersen, Caitlin Winner und Florian Weber versuchte, sich von dem Stimmungswandel in der Öffentlichkeit nicht beirren zu lassen und tat alles, um das Ruder noch herumzureißen - zuletzt mit einer zweiten App namens Thanks. Auch wenn Petersen immer betonte, dass Amen ein langfristig orientiertes Projekt sei, so haben die Berliner mittlerweile zu viel verbrannte Erde hinterlassen, um das Vorhaben in der aktuellen Form zum Erfolg zu bringen. Eine einschneidende Veränderung liegt seit längerem in der Luft. Jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass Amen in den letzten Atemzügen steckt.

Nach unseren Informationen soll Thanks intern als letzte Chance für das Startup gesehen worden sein. Wer heute getamen.com aufruft, wird direkt zu Thanks geleitet. Doch die offiziell Anfang März veröffentlichte Anwendung hob nicht ab, wie gerade mal eine Handvoll tendenziell negative Bewertungen im App Store belegen. Es deutet nichts darauf hin, dass sich daran noch etwas ändern wird.

Teammitglieder verlassen Amen

Mittlerweile befindet sich das Team im Auflösungszustand: Amens Lead Developer Ricki Gregersen verließ das Startup im April. Wie wir aus zwei unterschiedlichen Quellen erfahren haben, ist auch Co-Founderin Caitlin Winner nicht mehr mit an Bord. Eine Nachfrage per Mail blieb unbeantwortet. Auf seinen Social-Media-Kanälen ist das Unternehmen unterdessen verstummt. Die Meldungen zur Veröffentlichung von Thanks sind das letzte zu vernehmende Lebenszeichen.

Man muss kein Hellseher sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass Amen/Thanks keine Zukunft mehr hat. Doch einfach die Pforten zu schließen, würde dem Standort Berlin nicht gerade zuträglich sein. Immerhin wurde Amen speziell von der US-amerikanischen Branchenpresse mit dem Aufstieg von Berlin zu einem Startup-Mekka verknüpft. Eine Schließung könnte bei den Investoren und Journalisten auf der anderen Seite des Atlantiks zu dem falschen Schluss führen, der deutschen Internethauptstadt gehe die Puste aus. Zahlreiche bei Amen involvierte Business Angels, wie Christophe Maire oder SoundCloud-Gründer Alexander Jung, haben bei vielen anderen Berliner Startups ihre Hände im Spiel, Gleiches gilt für Amen-Chef Petersen. Insofern dürften alle Beteiligten daran interessiert sein, Amens Landung so weich wie möglich zu gestalten. Was läge da näher als eine "Akquisition"?!

Übernahmegerüchte

Mittlerweile kursieren Übernahmegerüchte in der Berliner Szene. Angeblich hätte man versucht, Amen an Yahoo zu veräußern. Doch auch wenn der US-Konzern in letzter Zeit mit durchgeführten Akquisitionen und angeblichen Kaufabsichten die Schlagzeilen für sich reserviert hat, klingt dieser Gedanke eher nach einem Scherz, der Yahoos ausufernde Kaufsucht aufs Korn nimmt.

Plausibler erscheint uns da die Meldung, der ebenfalls aus Berlin stammende Onlinemusiksender tape.tv sei an Amen interessiert. Es handelt sich hierbei wohlgemerkt nur um ein Gerücht, da es uns nicht möglich war, eine Bestätigung aus einer zweiten Quelle einzuholen. Unser Informant pocht allerdings auf die hohe Verlässlichkeit seiner Informationen. Konfrontiert mit der Behauptung erklärte Amen-CEO Felix Petersen, dass es derzeit nichts zu erzählen gäbe. tape.tv-Chef Conrad Fritzsch dementierte eine Übernahme von Amen. Die These, dass sich zwischen beiden Firmen etwas anbahnen könnte, wird jedoch dadurch genährt, dass Fritzsch selbst ein aktiver Amen-Nutzer ist/war und mit dem in Berlin omnipräsenten Business Angel Christophe Maire einen Investor hat, der auch Amen mit Kapital ausstattete.

Ob nun Yahoo, tape.tv oder ein anderes Unternehmen dem verbliebenen Amen-Team ein Dach über dem Kopf bieten wird - mehr als eine Talentakquisition ist unwahrscheinlich. Es gibt keinerlei Grund mehr, das Produkt weiterzuführen. Dagegen konnten sich Petersen und Co in den letzten anderthalb Jahren Wissen im Bereich der semantischen Analyse von Toplisten und User Generated Content aneignen, welches sicher für das ein oder andere Webunternehmen nützlich wäre (auch für tape.tv).

Für die Berliner Webwirtschaft ist es gut, wenn das Kapitel Amen geschlossen wird. Zu sehr provozierte in letzter Zeit allein die Erwähnung des Namens in Gesprächen und Kommentarspalten zynische und sarkastische Reaktionen, was vor allem auf die Großmäuligkeit zurückzuführen ist, die das Startup in der Anfangsphase an den Tag legte ("auf seltsame Weise süchtig machend", "besser als Pornos"). Doch trotz aller Kritik hat die Firma einen Teil zur gesteigerten Wahrnehmung des Webstandorts Berlin außerhalb des deutschsprachigen Raums und damit zu dessen Aufblühen beigetragen. Und die grundsätzliche Idee der Gründer, eine semantische Meinungsplattform aufzubauen, war gar nicht schlecht und origineller als vieles, was sonst so in den letzten Jahren in Berlin entstanden ist.

Das vorhersehbare Aus für Amen wird es der Berliner Szene, ihren Unterstützern und ihren Kritikern aber leichter machen, nach vorne zu schauen und den gerade einsetzenden Reifungsprozess beschleunigt fortzusetzen. /mw

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Kommentare: Einstiges Symbol des Berliner Startup-Hypes: Amens letzte Atemzüge

Kann es sein, dass Amen schlicht und allein an einem kleinen Marketing-Fauxpas gescheitert ist? Im Vorfeld haben die Protagonisten und Investoren, aber auch Startup-Journalisten wie wir, eine hohe Erwartungshaltung aufgebaut. Die konnte Amen dann nicht erfüllen. Dass die App aber gar nicht so schlecht war, top designed und wesentlich angenehmer als viele andere Bewertungs-Apps, spielte von dem Moment an keine Rolle mehr. Vor verbrannter Erde stand man schon zum Zeitpunkt des Starts und auf dem Boden konnte halt nichts mehr wachsen.

Diese Nachricht wurde von Jürgen Vielmeier am 04.06.13 (09:53:48) kommentiert.

Hallo Martin, Mir hat Amen immer Spaß gemacht. War von Anfang an bei der Beta dabei und es war eine lustige und provokative Community, die in der Regel nur selten unter der Gürtellinie agiert hat. Das Design, gerade bei der Mobile App, war grandios und der Suchtfaktor für nerdige Witzbolde, die ihren Spaß an der xten Wiederholung ein und des selben Running Gags für Insider hatten (und ich war definitiv einer davon), war brutal hoch. Was ich mich allerdings von Anfang gefragt habe: Wie soll so etwas jemals Geld verdienen? Und warum existiert keine Strategie Amen jenseits von Techcrunch und St. Oberholz bekannter zu machen? Gruß, Sebastian

Diese Nachricht wurde von Sebastian Socha am 04.06.13 (10:20:10) kommentiert.

1. Zu einer Startup-Kultur gehört auch Scheitern. 95% aller Gründungen scheitern. Kritikfähig mag das Auftreten einzelner Startups bzw des Managements sein oder Entscheidungen alles auf eine Karte zu setzen (statt eines lean approach) 2. Substanzhaltig ist so ein zwiespältiger Ausdruck. Solange ein Unternehmen nicht schwarze Zahlen schreibt, also sowohl cash-flow positiv als gleichzeitig auch evtl. Schulden/VC-Investments bedient, ist es nicht substanzhaltig. Somit sind fast alle "großen" Startups nicht substanzhaltig, denn sie müssen das VC für Wachstum investieren und skalieren. SoundCloud würde, wäre es in der Lage 1-2mio € profit/Jahr zu generieren, wohl als Fehler angesehen. Dazu wurde zu viel investiert. Hier sind die Erwartungen sehr viel größer und die Einschätzung ob diese operativ jemals erreicht werde oder nur durch einen Exit realisierbar sein werden, überlasse ich dem Leser.

Diese Nachricht wurde von Joe am 04.06.13 (11:10:25) kommentiert.

So groß kann der Marketingpush ja nicht gewesen sein, hab bis eben noch nie was von Amen gehört. Naja, besser spät als nie... ups

Diese Nachricht wurde von Sumit am 04.06.13 (12:23:40) kommentiert.

Aus meiner Sicht gibt es nur ein Unternehmen dessen "Fail" den Standort Berlin nachhaltig negativ beeinflussen würde. Zalando.

Diese Nachricht wurde von Sascha am 04.06.13 (13:01:45) kommentiert.

Zitat: " ... die App aber gar nicht so schlecht war, top designed ..." Unbestritten hatte die App ein nettes Design, doch fand ich die UX im Menübereich ziemlich daneben. Obwohl die App von mir anfangs rege genutzt wurde musste ich öfter grübeln wofür die Icons standen und vertippte mich regelmäßig.

Diese Nachricht wurde von _heiko am 04.06.13 (13:39:42) kommentiert.

Auch, wenn mir der Dienst in seiner jetzigen Form nicht gefaellt, sollte Herr Felix Petersen weitermachen. Er wird sich richtig ärgern, wenn er sieht wie einfach seine Anwendung hätte sein können.

Diese Nachricht wurde von Michael am 04.06.13 (13:54:12) kommentiert.

Hallo Martin, was sind denn aktuell die "Anbieter mit einer gewissen Substanz" in der Berliner Startup-Szene? Hast Du/habt Ihr da in letzter Zeit mal drüber geschrieben bzw. was zusammengestellt?

Diese Nachricht wurde von Holger Drewes am 05.06.13 (12:32:02) kommentiert.

Ist im ersten Absatz verlinkt.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 05.06.13 (13:23:09) kommentiert.

Hm, ich war Amen-Nutzer und war genau zehn Minuten begeistert. Dann sind mir die Füsse eingeschlafen.

Diese Nachricht wurde von Meez am 05.06.13 (14:02:15) kommentiert.

Richtig Sebastian, war ne geile Zeit :-)

Diese Nachricht wurde von Gynantonicx am 05.06.13 (16:22:26) kommentiert.

Der größte Fehler war nach meiner Meinung im Frühjahr 2012 den Webzugang zu sperren und nur auf eine App-Lösung für Smartphone zu setzen. Den Chitter-Chatter der Beta-Pioniere und der SIAL-Community abzuwürgen, erwürgte letztendlich Getamen.com. Schade !

Diese Nachricht wurde von Gynantonicx am 05.06.13 (16:30:27) kommentiert.

Ich war ganz am Anfang sehr begeistert von Amen, damit war es dann aber schnell vorbei. Letztlich ist Petersen daran selbst schuld, da er den Dienst recht schnell in eine "NonSense" brachte, wovon sich Amen mE nie mehr so recht erholen konnte. Dann noch schlechte Kategorisierung. im mobile Bereich nur iOS... aber an sich kann ich gleich auf meinen Artikel aus Oktober 2011 verweisen: http://www.severint.net/2011/10/21/wie-felix-petersen-gerade-amen-ruiniert/

Diese Nachricht wurde von severin am 05.06.13 (17:10:45) kommentiert.

Oftmals spekulieren selbst die Grüner über den Misserfolg des eigenen Start-Ups. Daher ist es immer von mehreren Seiten interessant zu erfahren woran Amen scheiterte. Jürgen Vielmeier vermutet hinter dem Scheitern die Erwartungshaltung der Medien. Martin gibt an das viele User den Sinn und Zweck des Dienstes nicht verstanden (Vermutung oder gab es Feedback seitens der User?). War Amen für eine zu kleine Zielgruppe konzipiert um die kritische Masse zu erreichen? Natürlich ist die Meinung von Felix Petersen & Mitgründer genauso gefragt warum Sie glauben mit Ihrem Konzept gescheitert zu sein.

Diese Nachricht wurde von _heiko am 05.06.13 (19:58:45) kommentiert.

Das ist eine Interpretation der Vielzahl von Kommentaren, die hier in den vergangenen Jahren zu Artikeln über Amen eingegangen sind, zahlreicher andere Blogbeiträge, des Feedbacks aus persönlichen Gesprächen und natürlich der Tatsache, dass Amen es nicht geschafft hat, trotz recht großer Medienaufmerksamkeit wirkliche Traction zu erlangen. Genetell würde ich aber sagen, dass es nicht nur einen Grund gab.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 05.06.13 (20:07:37) kommentiert.

Hey Gynantonicx, Schön Dich hier wieder zu treffen :) Dem kann ich nur zustimmen. Ich denke man hätte die diskursiv-verdrehte Dynamik bei der Verwendung des Kommunikations-Tools zu Beginn der SIAL-Phase als Entwickler und Plattformbetreiber durchaus Ernst nehmen sollen und die Plattform entsprechend flexibel sich in viele unterschiedliche Richtungen entwickeln lassen. Auch wenn hierdurch Anpassungen am Businessplan vonnöten gewesen wären... Cheers!

Diese Nachricht wurde von Sebastian Socha am 06.06.13 (19:26:35) kommentiert.

Dit hat Berlin trotz allem doch gut getan.

Diese Nachricht wurde von TheRiddler am 06.06.13 (22:56:00) kommentiert.
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