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04.06.13

Einstiges Symbol des Berliner Startup-Hypes: Amens letzte Atemzüge

Während das Team des kontroversen Berliner Startups Amen Auflösungserscheinungen zeigt, kursieren Gerüchte über eine Akquisition. Klar ist: Eine Zukunft hat der Dienst nicht. Die Szene der Hauptstadt kann nun nach vorne schauen.

Die Berliner Startupszene wandelt sich. Verstärkt treten Anbieter mit einer gewissen Substanz in den Vordergrund. Nach Jahren der Euphorie und allgegenwärtiger Seedfinanzierungen für scheinbar jedes beliebige "Startup", das eine mobile App vorweisen konnte, trennt sich die Spreu vom Weizen. Eine der Fragen, die sich dabei in den letzten Monaten viele Beobachter der Branche stellten: Was wird aus der Meinungsplattform Amen?

Das unter anderem von Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher und einigen schillernden US-Größen finanzierte Startup gehörte nicht zuletzt dank einer Aufmerksamkeit erregenden, sehr selbstbewussten PR-Strategie zu den Lieblingen der nationalen und internationalen Techpresse und prägte dadurch stark das Bild von Berlin als neuem Standort für junge Web- und Mobilefirmen. Doch auf den anfänglichen Hype folgte der schnelle Fall, nachdem viele User den Sinn und Zweck des Dienstes nicht verstanden. Das Team um die Gründer Felix Petersen, Caitlin Winner und Florian Weber versuchte, sich von dem Stimmungswandel in der Öffentlichkeit nicht beirren zu lassen und tat alles , um das Ruder noch herumzureißen - zuletzt mit einer zweiten App namens Thanks. Auch wenn Petersen immer betonte, dass Amen ein langfristig orientiertes Projekt sei, so haben die Berliner mittlerweile zu viel verbrannte Erde hinterlassen, um das Vorhaben in der aktuellen Form zum Erfolg zu bringen. Eine einschneidende Veränderung liegt seit längerem in der Luft. Jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass Amen in den letzten Atemzügen steckt.

Nach unseren Informationen soll Thanks intern als letzte Chance für das Startup gesehen worden sein. Wer heute getamen.com aufruft, wird direkt zu Thanks geleitet. Doch die offiziell Anfang März veröffentlichte Anwendung hob nicht ab, wie gerade mal eine Handvoll tendenziell negative Bewertungen im App Store belegen. Es deutet nichts darauf hin, dass sich daran noch etwas ändern wird.

Teammitglieder verlassen Amen

Mittlerweile befindet sich das Team im Auflösungszustand: Amens Lead Developer Ricki Gregersen verließ das Startup im April. Wie wir aus zwei unterschiedlichen Quellen erfahren haben, ist auch Co-Founderin Caitlin Winner nicht mehr mit an Bord. Eine Nachfrage per Mail blieb unbeantwortet. Auf seinen Social-Media-Kanälen ist das Unternehmen unterdessen  verstummt . Die Meldungen zur Veröffentlichung von Thanks sind das letzte zu vernehmende Lebenszeichen.

Man muss kein Hellseher sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass Amen/Thanks keine Zukunft mehr hat. Doch einfach die Pforten zu schließen, würde dem Standort Berlin nicht gerade zuträglich sein. Immerhin wurde Amen speziell von der US-amerikanischen Branchenpresse mit dem Aufstieg von Berlin zu einem Startup-Mekka verknüpft. Eine Schließung könnte bei den Investoren und Journalisten auf der anderen Seite des Atlantiks zu dem falschen Schluss führen, der deutschen Internethauptstadt gehe die Puste aus. Zahlreiche bei Amen involvierte Business Angels, wie Christophe Maire oder SoundCloud-Gründer Alexander Jung, haben bei vielen anderen Berliner Startups ihre Hände im Spiel, Gleiches gilt für Amen-Chef Petersen. Insofern dürften alle Beteiligten daran interessiert sein, Amens Landung so weich wie möglich zu gestalten. Was läge da näher als eine "Akquisition"?!

Übernahmegerüchte

Mittlerweile kursieren Übernahmegerüchte in der Berliner Szene. Angeblich hätte man versucht, Amen an Yahoo zu veräußern. Doch auch wenn der US-Konzern in letzter Zeit mit durchgeführten Akquisitionen und angeblichen Kaufabsichten die Schlagzeilen für sich reserviert hat, klingt dieser Gedanke eher nach einem Scherz, der Yahoos ausufernde Kaufsucht aufs Korn nimmt.

Plausibler erscheint uns da die Meldung, der ebenfalls aus Berlin stammende Onlinemusiksender tape.tv sei an Amen interessiert. Es handelt sich hierbei wohlgemerkt nur um ein Gerücht, da es uns nicht möglich war, eine Bestätigung aus einer zweiten Quelle einzuholen. Unser Informant pocht allerdings auf die hohe Verlässlichkeit seiner Informationen. Konfrontiert mit der Behauptung erklärte Amen-CEO Felix Petersen, dass es derzeit nichts zu erzählen gäbe. tape.tv-Chef Conrad Fritzsch dementierte eine Übernahme von Amen. Die These, dass sich zwischen beiden Firmen etwas anbahnen könnte, wird jedoch dadurch genährt, dass Fritzsch selbst ein aktiver Amen-Nutzer ist/war  und mit dem in Berlin omnipräsenten Business Angel Christophe Maire einen Investor hat, der auch Amen mit Kapital ausstattete.

Ob nun Yahoo, tape.tv oder ein anderes Unternehmen dem verbliebenen Amen-Team ein Dach über dem Kopf bieten wird - mehr als eine Talentakquisition ist unwahrscheinlich. Es gibt keinerlei Grund mehr, das Produkt weiterzuführen. Dagegen konnten sich Petersen und Co in den letzten anderthalb Jahren Wissen im Bereich der semantischen Analyse von Toplisten und User Generated Content aneignen, welches sicher für das ein oder andere Webunternehmen nützlich wäre (auch für tape.tv).

Für die Berliner Webwirtschaft ist es gut, wenn das Kapitel Amen geschlossen wird. Zu sehr provozierte in letzter Zeit allein die Erwähnung des Namens in Gesprächen und Kommentarspalten zynische und sarkastische Reaktionen, was vor allem auf die Großmäuligkeit zurückzuführen ist, die das Startup in der Anfangsphase an den Tag legte ("auf seltsame Weise süchtig machend", "besser als Pornos"). Doch trotz aller Kritik hat die Firma einen Teil zur gesteigerten Wahrnehmung des Webstandorts Berlin außerhalb des deutschsprachigen Raums und damit zu dessen Aufblühen beigetragen. Und die grundsätzliche Idee der Gründer, eine semantische Meinungsplattform aufzubauen, war gar nicht schlecht und origineller als vieles, was sonst so in den letzten Jahren in Berlin entstanden ist.

Das vorhersehbare Aus für Amen wird es der Berliner Szene, ihren Unterstützern und ihren Kritikern aber leichter machen, nach vorne zu schauen und den gerade einsetzenden Reifungsprozess beschleunigt fortzusetzen. /mw

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