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10.11.14Leser-Kommentare

Einkaufsparadies in Watte gepackt: Die Psychologie hinter Amazons schrecklich-schönem Fire TV

Während viele TV-Streaming-Lösungen in erster Linie mit sich selbst beschäftigt sind, hat Amazon beim Fire TV den Fokus auf eine besonders angenehme Bedienung gelegt. Das Einkaufen dort soll uns Spaß machen – was Amazon gleichermaßen zu Gute kommt. Ein Erfahrungsbericht nach drei Wochen mit dem Gerät.

Amazon Fire TV Amazon Fire TV

Für drei Wochen hatte ich kürzlich das Amazon Fire TV im Test – und war am Ende der Testdauer so traurig wie ein Kleinkind, dem man sein Schaukelpferd weggenommen hat. Was war denn da nur los? Sonstige Lösungen, um Content aus dem Netz auf den Fernseher zu holen, hatten mich bisher eher weniger begeistert.

Inzwischen weiß ich: Amazon Fire TV ist das Schaukelpferd für Erwachsene. Der Online-Retailer hat für seine TV-Box ein Shopping-Paradies geschaffen, in dem man unter bunten Regenbogen zu den Einhörnern geführt wird. Dass man gutes Geld dafür bezahlt, fällt dabei kaum auf. Ich wollte herausfinden, welche Tricks Amazon dabei angewendet hat und welche Shopping-Tricks wahrscheinlich bald die Runde machen.

 

"Wir haben alles da"

Amazon schafft es geschickt, Inhalte, die man noch kaufen muss und solche miteinander zu verknüpfen, die man im Rahmen eines kostenpflichtigen Prime-Abos schon nutzen kann. Auf den ersten Blick unterscheiden sich diese beiden Inhaltsarten in der Übersicht nicht. Erst wenn man einzelne Videos auswählt, erfährt man, ob sie kostenlos sind oder bezahlt werden müssen. Die Freude ist jeweils groß, wenn man etwas kostenlos bekommt, und das scheint für den überwiegenden Teil der Fall zu sein. Dabei vergisst man leicht, dass man für den "Kostenlos"-Content im Rahmen seines Prime-Abos schon bezahlt hat.

Trotzdem ist man – weil es so viel Spaß macht – eher mal geneigt, auch auf etwas zu klicken, das zusätzlich kostet. Amazon erhöht mit einem leichten Zugang zum Content generell die Motivation, Dinge zu konsumieren und zu kaufen.

Spielkonsole

Das Fire TV ist ganz nebenbei auch eine Spielkonsole. Zwar eher für Casual Games gedacht, lassen sich auch etwas anspruchsvolle Spiele wie "The Walking Dead" darauf installieren. Viele der Spiele lassen sich ganz bequem mit der Fernbedienung spielen, für andere empfiehlt Amazon den zusätzlichen Kauf eines Game Controllers. Die Kombination aller Möglichkeiten macht es für den Kunden praktisch unnötig, noch andere Geräte zu benutzen. Egal also ob Videos, Games oder auch Radio, Musik-Apps, Fotos oder die eigene Datensammlung über die integrierte USB-Schnittstelle: Es mag ein Walled Garden sein, den Amazon hier aufgezogen hat, gefühlt ist es aber ein offener Park mit Efeu bewachsenen Mauern.

Mit einem zusätzlichen Game-Controller - und oft auch einfach mit der Fernbedienung - lässt sich das Fire TV auch als Spielkonsole benutzen. Mit einem zusätzlichen Game-Controller - und oft auch einfach mit der Fernbedienung - lässt sich das Fire TV auch als Spielkonsole benutzen.

Die Fernbedienung macht Spaß

Eine gute Fernbedienung habe ich für mein Smart TV eigentlich nicht und auch sonst ist dies eine Gerätekategorie, auf die ein Hersteller meist wenig Wert legt. Die Fernbedienung des Fire TV nimmt man aus irgendeinem Grund gerne in die Hand. Sie ist schwer genug, dass sie nicht billig wirkt, aber auch nicht zu schwer, dass sie einem unangenehm würde. Sie ist auf die wichtigsten Knöpfe beschränkt und lässt sich sehr gut auch als Controller für einfache Spiele benutzen.

Sprachsteuerung, da, wo sonst der Power-Button ist

Wo sich bei gewöhnlichen Fernbedienungen der Power-Button befindet, ist auf der Fernbedienung des Fire TV der Knopf, mit dem man die Sprachsteuerung startet. Man ist so natürlich eher mal dazu geneigt, diese auch zu verwenden und damit neuen Content auszuprobieren oder zu kaufen. Im Test funktionierte die Sprachsteuerung auch recht gut, Schwierigkeiten hat sie nur bei der Aussprache von englischen Titeln.

Verzicht auf den Ein-Aus-Schalter

Das kommt erfahrenen TV-Zuschauern seltsam vor: Amazon Fire TV hat keinen Ein-Aus-Schalter. Die Kiste geht nach einer halben Stunde von selbst in den Standby und lässt sich von dort mit dem Druck einer Taste auf der Fernbedienung schnell wieder wecken. Dem Benutzer wird so ständige Verfügbarkeit suggeriert. Die Kiste ist immer da, immer bereit, wenn man sie braucht und ein lästiges Hoch- oder Herunterfahren entfällt – zu Lasten des Energieverbrauchs. Aber es soll niemand behaupten können, das Fire TV wäre nicht leicht und immer zugänglich. Das ist es.

Geschwindigkeit

Während das Laden und Installieren einer App schon einmal recht lange dauern kann, ist das Fire TV im Bruchteil einer Sekunde aus dem Stand-by oder aus dem Bildschirmschoner geweckt. Anders als bei anderen Systemen, die erst mit einem Effekt oder nach einer kurzen Wartezeit den Blick wieder auf das System freigeben, gelingt dies beim Amazon Fire TV ohne Umschweife sofort. Fast, als würde die Kiste sagen: "War was? Ich bin doch da!" Und das Konsumieren kann sofort weitergehen.

"Willkommen"

Wie auch bei Amazons Kindle-Produkten üblich, wird der Kunde schon vor dem Versand auf das Fire TV direkt eingebucht. Schaltet er es zum ersten Mal ein, wird er gleich namentlich begrüßt und kann ohne weitere Anmeldung in seinem Amazon-Konto direkt loslegen. Ein kurzes, buntes Vollbildvideo führt bei der Erstinstallation in die wichtigsten Funktionen ein. Auch das ist wichtig: Das Gerät spricht mit dir. Der Nutzer wird an der Hand durch den virtuellen Supermarkt geführt und dabei "persönlich" betreut.

Ist neugierig, wirkt aber nicht so

Amazon Fire TV läuft zwar im Hintergrund, bleibt dann online, sendet Daten an Amazon und lässt sich nicht ganz ausschalten – wirkt aber darüber hinaus nicht neugieriger als notwendig. Anders als zum Beispiel die Wohnzimmerkonsole Xbox One verzichtet Amazon beim Fire TV auf eine Webcam. Das in die Fernbedienung integrierte Mikrofon lauscht augenscheinlich nur bei Betätigung der Taste. Hier scheint das Motto zu sein: "Wir wollen dich zwar kennenlernen, aber lassen dir auch deine Freiheit. Wir haben es gar nicht nötig, dich auszuspionieren."

Natürlich ist die Kiste in Wahrheit schrecklich neugierig, registriert, was der Nutzer sich anschaut, gleicht das mit seinem Amazon-Profil ab und sucht neue Empfehlungen für ihn. Und beim vergangene Woche neu präsentierten Lautsprecher Amazon Echo zeigt das Unternehmen auch recht unverhohlen, dass es gerne zuhört. Beim Amazon Fire TV aber hat man nicht den Eindruck, man würde ständig ausgehorcht.

Sprachgesteuerter Wohnzimmer-Lautsprecher &quot;Echo&quot;: Amazon kann schrecklich neugierig sein. Sprachgesteuerter Wohnzimmer-Lautsprecher "Echo": Amazon kann schrecklich neugierig sein.

Persönliche Empfehlungen vorgepuffert

Amazon nennt die Technik ASAP: Auf Basis früherer Einkäufe und gesehener Videos ermittelt Fire TV Empfehlungen und macht diese direkt startklar. Das heißt: Die Inhalte werden vorgepuffert und können ohne zeitliche Verzögerung gestartet werden. Das mag man natürlich lieber tun, als erst einmal auf andere Inhalte zu warten. Und einige der Empfehlungen sind natürlich, zufällig, Kauf-Videos.

Nachteile

Nachteile hat Amazon Fire TV natürlich auch. Aber die fallen weniger oder erst etwas später auf. So sind nur etwas mehr als 5 GB des nicht gerade üppig bemessenen 8-GB-Speichers für Inhalte verfügbar. Das hat man mit einigen Spielfilmen und größeren Game-Titeln schnell belegt. Das Umschalten auf Originalton gelang im Test nicht in allen laufenden Sendungen. Drittanbieter-Apps wie Netflix sind zwar verfügbar, lassen sich aber mit der Sprachsteuerung nicht durchsuchen. Und à propos Suche: Sollte die Sprachsteuerung einmal etwas nicht finden, ist das Eintippen einzelner Buchstaben mit der Fernbedienung recht fummelig. All das fällt allerdings erst nach einiger Zeit störend auf und der ansonsten zufriedene Kunde kann darüber hinweg sehen.

Fazit

Das Amazon Fire TV will, dass wir viel konsumieren. Und das tun wir eher, wenn wir Spaß dabei haben. Online-Shop-Betreiber müssten angesichts der Oberfläche eigentlich in Jubel ausbrechen und können viel davon lernen. Denn Amazon macht es dem Kunden hierbei derart einfach und angenehm zu konsumieren, dass der Konzern auch selbst davon profitiert. Es sind die kleinen Details, die die Box dazu machen. Und es ist die Vermischung von kostenlos wirkenden (aber in Form eines Prime-Kontos schon bezahlten) Inhalten und Einzelkäufen. Wer zahlt nicht auch ein paar Euro für einen Cuba Libre, wenn auf der Flatrate-Party nach zwei Stunden das schale Bier zur Neige geht?

Böse sein mag man Amazon für diese Tricks eigentlich nicht. Es ist ja das Credo Kundenfreundlichkeit, auf das der Konzern dabei setzt. Und was sonst kann man von einem Anbieter verlangen? Aufpassen sollte man nur, dass man aus dem Shopping-Paradies irgendwann den Weg noch heraus findet.

Bildquelle: Amazon

Kommentare

  • andre

    10.11.14 (09:56:24)

    Na, der Artikel wirkt aber wirklich wie eine reine Werbeeinschaltung. Da sollte eine Anmerkung angebracht werden: *bezahlter Inhalt*

  • Martin Weigert

    10.11.14 (14:56:22)

    Das wäre dann aber gelogen.

  • Thomas

    10.11.14 (20:30:27)

    Ihr schreibt von "Umschalten auf Originalton" bei laufenden Sendungen. Ich habe hier gar nicht die Möglichkeit bei prime instant content. Entweder man startet den synchronisierten Inhalt, oder man sucht explizit nach OV-Inhalten (der dann meistens nicht prime ist). Ich habe aber auch gelesen, dass bald ein Update mehrere Tonspuren verfügbar machen soll (wie bei Netflix). Hattet ihr eine Beta-Version im Test?

  • Frank R.

    11.11.14 (00:50:24)

    Vielen Dank für diesen umfangreichen Testbericht. Gerne hätte ich noch mehr technische Details erfahren. Trotzdem hat mich dieser Bericht dazu animiert das Faire TV selbst zu testen. Gruß Frank R.

  • Bigman

    12.11.14 (14:33:46)

    Danke für den Testbericht. Nur der Hinweis " ---Zugriff auf eigene Datensammlung über die integrierte USB Schnittstelle" ist meiner Kenntnis nach falsch - oder hat Amazon dies mittlerweile geöffnet und ans Laufen gebracht ?? LG B

  • Nitram

    28.05.15 (17:44:03)

    http://www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hardware-Amazon-Fire-TV-Test-Firmware-Update-Streaming-Apple-TV-8292803.html

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