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27.06.07

Eine nicht gehaltene Rede aus der Facts-Redaktion

Heute protestierte die kürzlich in Corpore entlassene Redaktion der Zeitschrift Facts vor dem Kongresshaus gegen die Tatsache, dass ihr Verlag, Tamedia, der Redaktion bisher keinen Sozialplan in Aussicht gestellt hat.

Redaktor Christof Moser schreibt uns dazu:

 

die tamedia wollte jemandem aus der redaktion an der gv redezeit einräumen, wenn dafür die gewerkschaften das wort nicht ergreifen. ich wurde als sprecher ausgewählt. leider ging ich dann als redner vergessen und konnte die rede nicht halten. in der beilage sende ich ihnen das, was ich sagen wollte.

Hier also die Rede, die er halten wollte, aber nicht konnte:

 

Sehr geehrte Herren Verwaltungsrat

Sehr geehrte Herren Konzernleitung

Verehrte Aktionärinnen und Aktionäre der Tamedia

Mein Name ist Christof Moser, ich bin, besser: ich war Reporter beim Nachrichtenmagazin FACTS.

Ich bin Sprecher der Belegschaft, der sie vor dem Kongresshaus begegnet sind. Ich bin nervös, bisher sass ich an Generalversammlungen immer im Publikum. Als Journalist.

Ich bin nicht vorbereitet, weil die Tamedia uns erst vor wenigen Minuten Redezeit eingeräumt hat, ich bin nicht standesgemäss gekleidet, ich hoffe, Sie verzeihen mir das.

Ich stehe heute vor Ihnen, geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, um Ihnen zu sagen, dass wir, die insgesamt 64 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FACTS, unser ganzes Herzblut in FACTS gesteckt haben. Jede Woche aufs neue, am Wochenende, abends, immer. Wir haben auch in schwierigen und unsicheren Zeiten unser Bestes gegeben.

Wir nachvollziehen, dass Tamedia FACTS aus wirtschaftlichen Gründen einstellt, auch wenn wir überzeugt sind, dass die Tamedia einiges hätte besser machen können. Beispielsweise FACTS publizistisch klarer positionieren, mutiger, als Gegenstimme zur Weltwoche.

Wir, die Redaktion, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FACTS, bedauern die Einstellung des Nachrichtenmagazins. Eine Demokratie braucht Pluralismus in den Medien, eine Demokratie braucht Medien, die Hintergründe und Analysen liefern, die dieses Land abbilden, mit mehr als 20 Zeilen. Ein Medienkonzern wie Tamedia, der wächst und wächst, auch an diesem heutigen Tag mit der Einverleibung der Espace Media, hat staatspolitisch eine besondere Verantwortung. Sie, Herr Supino, Sie, Herr Kall, tragen diese Verantwortung. Sie tragen aber auch die Verantwortung für gute Arbeitsbedingungen in dieser Branche.

Sie wissen alle, es fehlt in der Medienbranche nach wie vor ein Gesamtarbeitsvertrag. Das ist stossend. Guter Journalismus braucht gute Arbeitsbedingungen.

Ich stehe hier vor Ihnen, verehrte Aktionärinnen und Aktionäre, um Ihnen den Unmut der FACTS-Redaktion zu überbringen, den Unmut über die Abgangsmodalitäten, die Art und Weise, wie wir entlassen werden.

Wir haben gekämpft. Wir haben verloren. So ist das Leben.

Aber wir möchten einen würdigen Tod.

Wir fordern von der Tamedia einen Sozialplan, der diesen Namen verdient. Die ergänzenden Leistungen, die uns die Tamedia anbieten, sind ungenügend.

Wir fordern unter anderem:

- eine Verlängerung der Kündungungsfrist, ohne Bedingungen. Drei Monate reichen nicht.

- wir fordern eine faire Abgangsentschädigung,

- die Auszahlung unserer Ferien- und Überzeitguthaben,

- und wir fordern vor allem mehr als ein vages Versprechen seitens der Tamedia, den 64 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern innerhalb des Konzerns wieder einen vergleichbaren Job anzubieten.

Herr Supino, Herr Kall, guter Journalismus ist Leidenschaft, und deshalb kämpfen wir auch mit Leidenschaft für eine faire Behandlung.

Herr Supino, Herr Kall, liebe Aktionärinnen und Aktionäre, zeigen sie, dass es Ihnen ernst ist, Tamedia als sozialen und fairen Arbeitgeber zu erhalten.

Ringier hat dieser Tage mit "Cash" gezeigt, dass eine Massenentlassung auch mit einem fairen Sozialplan über die Bühne gehen kann, in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und der Belegschaft.

Wir, die Redaktion, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FACTS, waren nicht kleinlich mit unserem Einsatz für FACTS. Wir fordern die Tamedia auf, auch nicht kleinlich zu sein.

Ich danke Ihnen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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