<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

15.01.07Kommentieren

Ein Halleluja auf inoffizielle Mobilfunk-Produkte

Vor einigen Monaten habe ich mich hier schon einmal über die Zumutungen beklagt , die man als Reisender auf sich nehmen muss, wenn man unterwegs vernünftigen Internet-Zugang haben will. Gerade bin ich wieder in einer ähnlichen Situation und kann feststellen, dass dank Fortschritten im Mobilfunk (besonders UMTS) theoretisch einiges erheblich einfacher geworden ist. Aber leider nicht in der Praxis. Warum muss eigentlich bei diesen Telcos immer alles so extrem kompliziert sein? Meine (Fast-)Wunschlösung fand ich nur nach einer Odyssee durch Telco-Shops, Websites und Diskussionsforen sowie stundenlangem Gebastel. Und das im Jahr 2007.

Der Hintergrund: Ich stecke aus familiären Gründen gerade für einige Tage in einer kleinen Ortschaft in Deutschland fest, und zwar in einem Haushalt, der noch nicht im Internet-Zeitalter angekommen ist. DSL oder so gibt's nicht, und stundenlange Surfsessions per Modem (das ich gar nicht mal habe...) sind keine Option, da die einzige Telefonleitung stark für Voice benutzt wird. Die Nachbarn haben scheinbar noch nichts von der Existenz von WiFi gehört. Der nächste kommerzielle WiFi-Hotspot liegt in einem Hotel mehr 10 Gehminuten entfernt und ist -- wie immer bei der deutschen Telekom -- alles andere als billig. Aber es ist der einzige halbwegs vernünftige Internet-Zugang weit und breit.

Nachdem ich nun schon Stunden in einem zugigen Hotelflur an einem skandalös teuren und auch noch instabilen Hotspot verbracht habe, war der Leidensdruck gross genug, um mich nach einer vernünftigeren Lösung umzusehen. Da die deutschen Telcos ja für viel Geld UMTS-Lizenzen gekauft haben, müssten sie ja eigentlich daran interessiert sein, mir dieses Produkt für einigermassen vernünftige Konditionen (und "vernünftig" ist da ein sehr dehnbarer Begriff) zu verkaufen. Oder?

Leider nein. Zwar haben alle Anbieter inzwischen wunderbare Datenprodukte mit UMTS im Angebot, aber die haben zwei Probleme: Erstens sind sie praktisch immer an eine lange Abolaufzeit gebunden, und wegen einiger Tage gehe ich natürlich keine 24 Monate lange Bindungsfrist ein. Zweitens sind sie ziemlich neu und hier auf dem Land draussen eh nicht erhältlich.

Die örtlichen Vertretungen helfen nicht viel. T-Mobile hier im Ort wird von der Deutschen Post repräsentiert, und da kann man froh sein, wenn man eine einfache Prepaid-Karte ohne grössere Probleme erwerben kann. Der lokale Handy-Shop vertritt zwar alle grossen Anbieter, aber dem Verkäufer musste ich erst mal geduldig erklären, was "dieses Schippiarress" genau ist.

Immerhin gibt es aber auch einen kleinen Vodafone-Laden, und dort verwies man mich aufrund meiner Anfrage stolz auf ein Poster, das das "Vodafone WebSessions Paket" anpries. Selbiges besteht aus einer UMTS-Karte für 129 Euro, mit der man angeblich schön schnell surfen kann. Gecharged wird ähnlich wie bei einem WiFi-Hotspot mit flachen Zeitraten: 15 Minuten kosten 1.90 Euro, 24 Stunden 17.49 Euro. Wirklich nicht gerade billig, aber eigentlich recht genau das, was ich gesucht hatte. Always on per Mobile, so soll es sein. Und für 2 Euro kann man über die normalen GPRS-Tarife noch nicht mal seine e-Mail abrufen, geschweige denn eine Viertelstunde intensiv surfen.

Nur: Die teure Datenkarte wollte ich nicht, denn erstens ist sie (noch) nicht Mac-kompatibel, und zweitens habe ich schon ein UMTS-Handy, das auch als Modem wunderbar funktioniert. Aber diese Argumente wären sowieso egal gewesen, weil das Gerät derzeit eh nicht lieferbar ist. Meine Frage, ob man den Tarif denn auch ohne Datenkarte benutzen könnte, konnte man mir natürlich nicht beantworten. Aus lauter Verzweiflung kaufte ich mir darum mal auf Verdacht eine Prepaid-Karte in der Hoffnung, das irgendwie hinzukriegen.

Damit ging dann schon der Trip durch den Vodafone-Tarifdschungel und Produktnamen-Irsinn los. Meine "CallYa-Karte" war schnell aktiviert, aber für zusätzliches Guthaben musste ich den "CallYa-Konto-Server" anrufen, um meine zuvor erstandenen "Vodafone-CallNows" zu laden, nachdem mir der freundliche Automat ausführlich das von mir nicht gewünschte Produkt "Vodafone-ReiseVersprechen" erklärt hatte. Damit kriegte ich dann den "CallYa Comfort Wochenende Auflade-Bonus", hätte mir aber auch noch die "MyCard HappyAbend" zusätzlich anschaffen können. Wie schön.

GPRS ging leider trotzdem nicht. Nach einigem Suchen aktivierte ich für nur 5 Euro die Tarifoption "Vodafone-HappyLive! UMTS for CallYa" (mit einem gratis "Vodafone-MusicDownload" pro Monat!) und frage mich, ob Vodafone wohl jemanden aus der Produktnamenabteilung von Microsoft abgeworben hat. Aber immer noch kein Datenverkehr. Also rief ich mal bei der Hotline an, die sinnigerweise "Vodafone-CallYa-Team" heisst, und dort klärte man mich Dummuser auf, dass ich selbstverständlich erst mal das Basisprodukt "Vodafone-HappyLive! Dienst" aktivieren müsse (was nicht in der Tarifbroschüre steht. Ich habe alle Fussnoten durchgelesen). Nach ein paar Konfigurations-SMS und zwei Stunden Wartezeit funktionierte das dann auch schon.

Alle Produktnamen sind übrigens wörtlich aus der Broschüre abgetippt und nicht erfunden. Man muss die auch beherrschen, wenn man sich in den Voicemail-Menüs von Vodafone zurechtfinden will. Das passiert eben, wenn Branding zu weit geht...

Gut, sauteures GRPS (19 Euro pro Megabyte) hatte ich jetzt, aber noch nicht den gewünschten Tarif. Zwar hatte ich mir die PC-only Software runtergeladen, die auf dem Mac-Emulator aber nicht richtig funktionieren wollte. Nachdem ich nochmals eine gute Stunde mit Recherche am teuren Hotspot verbracht hatte und mich durch zahlreiche andere Websites gewühlt hatte, fand ich endlich auf einer Fussnote bei Vodafone (per Google...) verklausuliert den entscheidenden Hinweis: Man muss als GPRS-APN nicht wie normal "wap.vodafone.de" einstellen, sondern das normalerweise nur für MMS benutzte "event.vodafone.de". Wenn man dann einen Webbrowser startet, landet man auf einer dieser typischen Hotspot-Login-Seiten, mit der man die gewünschte Zeitdauer (15 Minuten, 2h, 24h) auswählen kann. Und schon ist man im Netz. Endlich.

Das Surfen per UMTS geht dann sehr flott von der Hand, fast wie mit DSL. Eigentlich eine einfache, clevere und preislich durchaus faire Lösung. Aber warum bitte muss es so unglaublich kompliziert sein, diese Methode rauszufinden? Warum sind Telcos so versessen darauf, einem absurde Tarifoptionen mit noch absurderen Namen anzudrehen, teure Hardware zu verkaufen (die sie erst noch subventionieren) oder schlecht geschriebene Dialler-Software aufzudrängen? Die Vodafone-WebSessions-Lösung funktioniert mit einer billigen Prepaid-Karte und einer sehr einfachen Konfiguration, wenn man mal rausgefunden hat, wie's geht.

Irgendwie vermute ich noch viel Sparpotential bei den Telcos. Ohne die ganzen Strategen, Produktmanager, Tarifexperten und Walled-Garden-Ingenieure, die sich dieses Zeug ausdenken, wären diese Konzerne wohl nur halb so gross. Und doppelt so angenehm für den Kunden.

Kommentare

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer