<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

18.05.09

Ein erster Blick auf Wolfram Alpha

Das frisch gestartete Wolfram Alpha ist eine "Maschine zur Berechnung menschlichen Wissens", deren Nutzung wir erst erlernen müssen. Während es viele (Recherche-)Aufgaben einfacher machen wird, wird der Dienst das Web nicht verändern.

Schon lang hat der Launch eines neuen Webdienstes nicht mehr so viel Medienecho im Vorfeld hervorgerufen, wie der Launch des am Freitag gestarteten Wolfram Alpha. Selten konnte man so viele Artikel über einen Webdienst lesen, den nur eine Handvoll Aussenstehende testen konnten. Nun kann die Öffentlichkeit den nach dem Gründer und bekannten Mathematiker Stephen Wolfram benannten Dienst unter die Lupe nehmen.

Die Startseite von Wolfram AlphaDie Startseite von Wolfram Alpha erinnert mit ihrem Eingabefeld an eine Suchmaschine, und damit auch ein bisschen an Google. Vielleicht haben deshalb viele im Vorfeld Wolfram Alpha als möglichen Google-Killer bezeichnet. Dabei ist der Dienst nicht einmal eine Suchmaschine im klassischen Sinn. Stephen Wolfram sagt im ZEIT-Interview :

Es ist keine Suchmaschine. Wir nennen Alpha eine Maschine zur Berechnung menschlichen Wissens (computational knowledge engine). Das ist ein grundlegender Unterschied zur Suchmaschine, die Textfragmente zusammenstellt und auflistet, die andere Menschen vorher aufgeschrieben haben. Alpha berechnet neue Daten und Fakten, um Fragen zu beantworten, die Nutzer stellen. Wir benutzen als Ausgangsmaterial das gesamte Wissen der menschlichen Zivilisation, mit dem sich Berechnungen anstellen lassen.

Wolfram Alpha ist also grob gesagt mehr oder weniger eine Art Suchmaske und Benutzeroberfläche für einen ganzen Haufen an Datenbanken, die der Dienst intelligent miteinander verbinden und auswerten kann.

Das ist eine völlig neue Form von Webdienst, deren Umgang man erst erlernen muss. Und: Das Wort Alpha im Namen scheint nicht ohne Grund dort zu stehen.

Handelsblatt-Blogger und Journalist Thomas Knüwer, immer schnell bereit zum Draufhauen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, sieht nach ein paar Tests "Ergebnisse von eher unterdurchschnittlicher Brauchbarkeit" vor sich und hält Wolfram Alpha für einen überzogenen Hype.

Dabei gehen Knüwers Beispiele (er gibt u.a. seinen eigenen Namen ein, welchen Wolfram Alpha nicht kennt) zum einen an der Sache vorbei (Wikipedia wird nicht dadurch wertloser, weil sie beispielsweise keine Knüwer-Seite hat. Das Gleiche gilt für Wolfram Alpha), zeigen aber in die Richtung des grundlegenden Problems des neuen Dienstes.

Twitter auf Wolfram AlphaDas Problem: Was Wolfram Alpha nicht kennt, existiert nicht. Gibt man etwa Twitter ein, erfährt man nichts von dem Mikroblogging-Dienst. Über die Bedeutung von Twitter kann man sich streiten. Darüber, dass Wolfram Alpha Twitter, den Dienst, der seit geraumer Zeit immer wieder die Medien beschäftigt, kennen muss, dürften sich aber alle einig sein.

Noch unangenehmer wird es, wenn man etwa zum Beispiel Amazee eingibt. Wolfram Alpha fragt, ob man Amazon meinte. Angesichts der jüngsten Auseinandersetzung zwischen dem Schweizer Web-Startup Amazee und dem großen US-Unternehmen Amazon wohl nur für Aussenstehende belustigend.

Aber was kann man denn nun mit Wolfram Alpha herausfinden?

Gina Trapani führt auf Lifehacker ein paar Beispiele an, die durchaus beeindruckend sind. Die Beispiele zeigen vor allem, dass Wolfram Alpha für das Finden bestimmter Fakten und Zusammenhänge gut geeignet ist.

Wolfram nochmal in der ZEIT :

Wir konzentrieren uns auf systematische Fakten, Zahlen, nachgewiesene Daten, aber nicht auf Meinungen oder Ratschläge. Ich kann durchaus Fragen eingeben, die von der Software ein erhebliches Maß an Interpretation erfordern, etwa »Temperatur Washington als Kennedy starb«, und sie wird verstehen, dass es um Wetter, einen Ort und den Todestag eines Präsidenten geht. Alpha kann auch anhand des Kontextes den Geldbetrag von 50 Cent von dem Rapper 50 Cent zu unterscheiden. Insgesamt haben wir bislang zwischen 10 und 20 Milliarden Datenpunkte in Alpha eingepflegt, an denen sich Berechnungen anstellen lassen.

Wolfram Alpha kann außerdem verhältnismäßig komplexe mathematische Gleichungen lösen .

Einige weitere Einsatzmöglichkeiten zählt heise auf :

Die eingegebene Zahlenreihe "2, 3, 5, 7" beispielsweise erkennt Wolfram Alpha als Folge der Primzahlen und setzt sie entsprechend fort. Die Frage nach "H2SO4" holt unter anderem eine dreidimensionale Darstellung eines Schwefelsäure-Moleküls auf den Schirm, "uncle's uncle's brother's son" klärt entfernte Verwandtschaftsverhältnisse per Stammbaum, "2 cups orange juice + 1 slice of cheddar cheese" enthüllt Kalorien- und Proteingehalt des Frühstücks, "c_m___e_" hilft feststeckenden englischen Kreuzworträtselfreunden mit möglichen Ergänzungen.

Wolfram Alpha ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Vorausgesetzt, man nutzt es für die dafür vorgesehenen Aufgaben.

Aber kommen wir noch einmal zu den Nachteilen und Problemen zurück:

David Weinberger hat das grundlegende Problem mit Wolfram Alpha auf den Punkt gebracht : Es beendet die Diskussion. Wolfram Alpha will auf die Anfragen endgültige Antworten geben.

Im Internet-Zeitalter funktioniert das aber nicht mehr. Es gibt viele Gründe, warum Wikipedia erfolgreich ist. Einer davon ist, dass Wikipedia nicht vorgibt, alles zu wissen und dass die jeweilige Themenseite aus in Stein gemeißelten Fakten besteht.

Weinberger hat sich mit der Veränderung unserer grundlegenden Vorstellung von Wissen ausführlich in seinem lesenswerten Buch [amazon 3446412212] "Das Ende Der Schublade"[/amazon] beschäftigt (siehe für eine Zusammenfassung seiner Ausführungen zum Beispiel diesen Artikel bei den Blogpiloten , bei dem man sich nicht von dem irreführenden Titel abschrecken lassen sollte).

Google und mehr noch Wikipedia, das in Wirklichkeit von Wolfram Alpha bedrängt wird, sind offen und in ständiger Bewegung. Fakten und Zusammenhänge können sich schnell ändern, das Wissen ist im Fluß. Wolfram Alpha setzt zu einem guten Teil auf die alte Yahoo!-Strategie "handverlesen" :

Das meiste Daten-Rohmaterial für die Antworten stammt aus handverlesenen und von Wolfram-Mitarbeitern eigens aufbereiteten Beständen, Angaben zu Temperatur oder Aktienkursen hingegen holt sich das System live von ausgesuchten Quellen aus dem Web.

Wikipedia und Google dagegen setzen vielmehr auf das neue Wissensverständnis des Webs: Inhalte auf Wikipedia können theoretisch von Jedem kommen und werden durch (öffentliche) Diskussionen und Debatten rundgeschliffen. Google nimmt das gesamte Web als Grundlage. Beide Fälle erscheinen erst einmal chaotischer und unintuitiver, führen aber in den meisten Fällen zu besseren Ergebnissen und immer zu einem vollständigeren Informationsfundus. Deswegen findet man Informationen zu Twitter auf Google und Wikipedia und nicht auf Wolfram Alpha. Bei Wolfram Alpha weiß aktuell kein Nutzer, ob der Dienst auf eine Anfrage die Antwort hat oder nicht. Entweder man wird umgeworfen von der Qualität der Antwort oder man bekommt ein "huh?" zurück. Dazwischen liegt im Grunde nichts. Das ist ein großes Problem für Wolfram Alpha .

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass Wolfram Alpha bei einer Seite ohne Ergebnisse keine weiterführenden Links anbietet. Warum dem Hilfesuchenden nicht anbieten, die gleiche Anfrage auf einer Volltextsuchmaschine (Google, Yahoo, Microsoft Livesearch etc.) auszuführen? Warum wird keine Suche auf Wikipedia angeboten?

Und überhaupt: Warum werden die Quellen gut versteckt unter einem Link am unteren Rand? Warum werden die Ergebnisse nicht in einem Html ausgegeben, dass leichtes Copy&Paste ermöglicht? Warum gibt es neben der Ergebnisseite lediglich die Möglichkeit, die Resultate als PDF zu exportieren?

Das alles hat einen starken Geruch von 'Gestern'.

Was das alles bedeutet, wird sich zeigen müssen. Wolfram Alpha fängt gerade erst an und könnte besonders für professionelle und semiprofessionelle Recherchezwecke noch interessant werden. Wird es das Web verändern? Da bin ich Weinbergers Meinung: Nein.

 

Aktuell hat Wolfram Alpha noch mit dem starken öffentlichen Interesse zu kämpfen und geht öfters in die Knie. Zumindest für Filmfans lohnt sich ein Blick auf die aktuell oft auftauchende Fehlerseite:

Die Fehlerseite von Wolfram Alpha

Weitere Links zum Thema:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer