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31.08.07Leser-Kommentare

Ein Bluesabend in Blogville

Von Klaus Jarchow

In der Blogosphäre herrscht derzeit ein merkwürdig melancholischer Ton, in dem sicherlich auch Enttäuschung mitschwingt. Jene frühlingsduftende Aufbruchsstimmung, welche die verbliebenen Hühneraugendoktoren des Web-Tuh-Oh noch immer unverdrossen auf Vorstandsetagen zu verbreiten suchen, um Bizziness-Blogs und Suchmaschinen-Optimierungsstrategien (SEO's) zu verkaufen, die ist 'bei Bloggers daheim' gar nicht mehr anzutreffen.

Unter großer Anteilnahme der versammelten Webgemeinde schloss zunächst Dirk Olbertz seinen Blogscout, die einzige Ranking-Maschine, die Blogger selbst ernst nahmen. Er wolle, so Olbertz,

 

"den Blogbetreibern, die wirklich meinen, dass Quantität die Qualität aussticht und mit aller Macht versuchen, SEO mit Blogs machen zu wollen, keine Unterstützung bieten - sei sie auch noch so klein".

Eine Kritik, die zu diesem Zeitpunkt auch schon bei selbstkritischeren 'Search Engine Optimizern (SEO's)' angekommen war, die das Selbstmörderische ihres Tuns allmählich einzusehen begannen:

 

"Für eine Frontpage Meldung bei Digg würde so mancher SEO und Webmaster seine Oma verkaufen. ... Gibt es etwas Schöneres als die Blogosphäre zu polarisieren/instrumentalisieren und dafür mit vielen Links und Besuchern belohnt zu werden?"

Kurzum: Dank SEO, dank Kommentar-Spammern und Warmongern, droht ein netzinterner Bürgerkrieg, dessen Fronten zwischen klicklüsternen Webmastern auf der einen und den Bloggern auf der anderen Seite verlaufen könnte. Viele große Blogs drohen derzeit in Spam-Kommentaren abzusaufen. Entsprechend gereizt ist der Ton.

Bereits das Keyword-Gebrabbel im Titel dieses zuletzt zitierten Google-Schrauber-Blogs - 'SEO', 'Suchmaschine', 'Optimierung', 'Blog' - zeigt, worum es geht: Mit dem Bemühen, um jeden Preis ein höheres Ranking zu erzwingen, zerstören die SEOs die kommunikative Struktur der Blogosphäre, und damit auch ihr eigenes Biotop. Wenn allein 'Klick' oder 'Link' als werthafte Währung gelten, dürfen Sinn und Inhalt ruhig fehlen - dies die Überzeugung eines stumpf-mechanistischen Vorgehens. Einem solchen Zählbarkeitswahn erscheinen vermutlich Moskitos deshalb wertvoll, weil sie unvermeidlich und massenhaft mit dem hochgeschätzten Werbekunden Kontakt suchen. Und jeder Kontakt zählt. Der Kunde aber nimmt gegen Spam bereits das anwaltliche Mückenspray - oder er macht die Fenster einfach zu.

Die Ökonomisten sollten sich nicht täuschen: Der Kunde kann sich aus dem Staub machen. Im Grunde setzt sich nur das fort, was schon das Cluetrain Manifesto dem Marketing 1.0 prophezeite: Die relevante Zielgruppe schaltet ihr Immunsystem ein und Technorati oder Google einfach ab. Sie agiert künftig hinter einer Nebelwand - während der sichtbare Teil von Bloghausen zum Rummelplatz verkommt, auf dem sich höchstens die Newbies und die Ahnungslosen tummeln. Kurzum: SEO ist ein Verhalten, das demjenigen der Bewohner der Osterinsel gleicht, die solange mit dem Raubbau auf ihrer Insel fortfuhren, bis die eigene Existenzgrundlage aufgefressen war. Zugleich treiben die Link-Spammer und Awareness-Hechler einen Keil in die internetaffine Bevölkerung des Web-Tuh-Oh...

Erstaunlich ist es, wie viel Zustimmung Dirk Olbertz' Entschluss doch fand, wegen des SEO's seinen Dienst vom Netz zu nehmen. Alle 'echten Blogger' - was immer das auch ist - können ihn im Grunde gut verstehen. Mit den Worten des Blog-Urgesteins lanu:

 

"Ich frag mich, wann in solchen Projekten der Punkt kommt, an dem man genau das [= das Aussteigen] nicht mehr tun kann. An dem die Leute dir dein Projekt aus der Hand nehmen, weil sie es brauchen, akzeptieren, dass du ewig viel Zeit investierst und dich ein Leben lang daran ketten wollen".

Das Abschalten des blogscout ist aber nur ein Indiz für eine viel tiefer gehende Krise: Gerade für Alpha-Blogger stellt sich derzeit die persönliche Sinnfrage. Aus ihren Blogs werden einerseits einfach keine relevanten Kanzeln oder aber Kaufmannsläden, es bleiben schlichte 'Mikromedien' von Menschen, die gern und oft auch gut schreiben. Die deshalb freiwillig gelesen werden.

Das ist der Grund, weshalb sich das Web-Tuh-Oh nicht mit Marketing-Wann-Oh adäquat erfassen lässt. Sein Sinn ist kein primär ökonomischer, es gehorcht einem kulturellen Kodex. Das Bloggerleben ähnelt einer Schriftstellersituation viel mehr als einer kaufmännischen Situation. Im Web 2.0 kann man vielleicht gute Texte und Schreiber für viele Zwecke finden, aber eben keine Marktaufbauhelfer. So ziemlich alle Versuche, mit dem Bloggen gemäß ordoliberalen Gesetzen 'Geld zu machen', sind gescheitert oder sind gar nicht erst in die Füße gekommen.

Das aber heißt eben nicht, dass die Blogs selbst 'gescheitert' wären, denn sie erfüllen ihre genuine Aufgabe nach wie vor. Viele haben eine erstaunliche Zahl von Anhängern generiert, mit anderen Worten: Sie werden wirklich von vielen gelesen. Was wir von Presseerklärungen und Artikeln nicht in jedem Fall behaupten würden.

Wo früher Aufbruch war, herrscht dennoch heute Stillstand. Die Blogosphäre tritt auf der Stelle und einige hoffen dabei, dass sich die Milch in feste Butter verwandeln möge. Don Dahlmann, der 'andere Don', ist als Alphablogger zugleich ein adical-Blogger mit einem kommerziellen Ansatz. Als Teilnehmer des ersten Großversuchs zu einem Werbeverbund in Bloghausen äußert er sich über seine Gemütslage und Lebenssituation höchst resignativ:

 

"[Dirk Olbertz] beendet sein Projekt, weil es nicht der Wegweiser in der Blogszene werden kann, den er sich wünscht, ich pausiere, weil ich mich nach ziemlich genau 5 Jahren Antville und insgesamt sechseinhalb Jahren Blogtätigkeit frage, ob die Art und Weise, wie ich mein Blog führe und wie ich die Blogszene sehe, überhaupt noch a) zeitgemäß ist, und b) Sinn macht."

Immerhin - auch das ist bezeichnend für diese autoreflexive Blogger-Generation - stellt er seine Sichtweise selbst in Frage. Besonders interessant aber ist die lange Kommentarleiste, die seinem Text folgt. Seine Gefühle, das zeigt sich dort, werden von den meisten Bewohnern Blogvilles geteilt.

Don Dahlmanns Kritik geht über die bisher beklagte Kommerzialisierung durch SEO & Co. weit hinaus. Sie wendet sich ins Kulturelle und Soziale: Die Blogosphäre selbst habe sich durch eine 'Vermassung' verändert, ein 'neuer Bloggertypus' tauche auf, der ihm einfach nicht positiv genug sei, sondern nur noch zu nörgeln verstehe: "Ich habe ca. 250 Blogs, deutschsprachige Blogs abonniert, und in vielen geht es zu, wie am Reklamationsschalter eines schwäbischen Möbelhauses". Zu einem Generationenproblem ist es damit gewissermaßen auch geworden: Die Pioniere können nicht weiter nach Westen - die blöden Farmer rücken trotzdem nach.

An diesem Punkt dann gibt es dann tatsächlich eine Seelenverwandtschaft mit Hans-Ulrich Jörges, dem Alpha-Journalisten: Beide möchten im Grunde die Siele dichthalten, damit der Pöbel nicht nachrücken soll. Erstaunlich an Dahlmanns geistesaristokratischer Haltung ist nur, dass der Journalist mit seinen Äußerungen einen Entrüstungssturm im Web auslöst, wo der Großblogger unwidersprochen Ähnliches sagen darf. Sei's drum - vielleicht liegen Printstetten und Bloghausen doch nicht so weit voneinander entfernt ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Stefan Knecht

    31.08.07 (10:17:57)

    Treffer & Versenkt. Verbeugung.

  • ichichich

    31.08.07 (11:38:16)

    +++!

  • johnny

    31.08.07 (11:50:10)

    Ganz sicher war es einfach naiv zu glauben, die Entfernungen wären größer. Solche Naivität kann man belächeln, muss man aber nicht, denn sie ist Teil jeder jungen Kultur und ohne einen Schuss Naivität entstünde kaum neues. Und so wie viele andere (Sub)kulturen wird sich auch diese weiterbewegen. In unendlich verschiedene Richtungen. Ein Prozess eben.

  • Chat Atkins

    31.08.07 (12:27:40)

    Beide Phänomene korrespondieren: Auf die 'Massenmedien' antworten jetzt die 'Medienmassen'.

  • Martina

    31.08.07 (14:05:23)

    Als ich Dirks "Mail zum Abschied" las, graute es mir und freute es mich. Wird doch nun der Jahrmarkt der Eitelkeiten geschlossen. Das Problem wird nur sein, wohin die A+B's sich nun begeben werden? Dirks Engagement in allen Ehren, seinen Entschluss mit dem AUS finde ich absolut famos! Nun macht es wieder Spaß, die Klein-Bloggersdorfer Szene zu beobachten, gilt es doch nun für Einige, sich neu zu orientieren, da ein Profilierungsmerkmal (Long-Tail-List) weggebrochen ist. Wie nennt man das nochmal in BWL im Zyklus eines Produktlebens? ;)

  • Florian Steglich

    31.08.07 (14:18:36)

    » Martina: Das ist so ein Argument, das ich nicht verstehe. Ich kann ja die Musikcharts auch nicht leiden, aber die vermiesen mir doch nicht im Geringsten meine bolivianische Barockmusik Wilco-Platten.

  • Chat Atkins

    31.08.07 (16:32:34)

    Wilco und Son Volt in allen Ehren - wer aber solche Musik hört, dem krempelt es nun mal bei Jennifer Lopez die Fußnägel hoch. Und mit dem, was sich sonst noch so in den Charts tummelt, kann derjenige auch herzlich wenig anfangen. So weit ist das richtig. Jetzt kommt aber das Problem der 'Referenz': Was in Bezug auf die Musik heißt, das dieser Mainstream aus allen Radios plärrt, und eben nicht Wilco. Man kann der Silikonmusik nicht entgehen. Bezogen auf die Blogs: Kaum ist irgendwo ein bisschen Leben, kommt leise pfeifend das SEO daher ... Ferner: Das Problem war ja, wenn ich Dirk Olbertz richtig verstanden habe, nicht die 'Statistik' an sich, sondern dass er keine Möglichkeit sah, ein 'objektives Ranking' zu schaffen, dem zu trauen wäre. Schon gar nicht mit dieser Riesenwelle der Google-Friseure neuerdings ...

  • Florian Steglich

    31.08.07 (16:56:13)

    Ich wüßte nicht, wann ich zuletzt Jennifer Lopez gehört hätte. Ich entgehe dieser Musik ziemlich erfolgreich, und wenn es nicht klappt, dann an öffentlichen Orten, an denen ich keinen Einfluß darauf habe, womit man mich beschallt. Bei Blogs hatte ich bislang noch immer Einfluß darauf, welche ich lese. Ein langweiliges SEO-Blog ist so schnell im Browser geschlossen wie ein Linkschleimkommentar im Admin-Menü gelöscht wie ein unerträglicher Radiosender weggedreht. Meiner Meinung nach einfach alles kein Grund, daß sich der Überbringer der ein oder anderen schlechten Nachricht (lies: Blogscout) selbst umbringt. Wenn mich ein schlichtes Ranking so nervt, daß ich mich freute, wenn es eingestellt würde, dann ignoriere ich es einfach vorher schon.

  • Martina

    31.08.07 (18:03:07)

    Dass die Statistik nicht stimmen konnte, war schon daran zu erkennen, dass immer die gleichen Blogs "oben" aufgeführt waren. Ich hatte den Counter auch mehrfach installiert (aktiviert), aber ich stellte sehr schnell doch recht große Diskrepanzen fest. Darüber unterhielt ich mich mit Dirk auch manchmal. Seine Leistung und seinen Versuch weiß ich zu schätzen, dennoch zeigt(e) sein Mißlingen, dass so etwas am besten nie wieder versucht werden sollte. Ich wette aber, dass schon irgendwo ein "Künstler" sitzt, der an einer neuen Top-Liste arbeitet. Irgendwo muss doch das Ziel sein.... wozu sollen wir dann denn noch bloggen? *arrrrrrrrg* ;)

  • kid37

    31.08.07 (18:17:46)

    Der "Umbruch" hat definitiv bereits 2006 begonnen, "the year that blog broke". Bereits da haben viele B- und C-Blogs Netze durchschnitten, sich hinter "Nebelwände" verzogen, ganz aufgehört, in einer Mischung aus Dennoch, Trotz und Unbekümmertheit (weiter) ihr Ding gemacht oder - im besseren Fall - zurück zu diesem Ding gefunden. Wenn das die Alpha-Blogger erst jetzt bemerken, nun ja... Dirks Entschluß ist nachvollziehbar und absolut ehrenwert. Die Unschuld freilich bringt auch das nicht mehr zurück, das ist richtig.

  • Mar Ci

    31.08.07 (18:22:09)

    Das Problem in der heutigen Blogosphäre liegt aber auch an den älteren, eingesessenen Bloggern, die ihren Platz verbissen verteidigen wollen, (auch positive) Veränderungen nicht gut heißen und viele Neuankömmlinge entweder nicht beachten oder sie von vorn herein als "Pöbel" bezeichnen, denen man das Bloggen am liebsten verbieten sollte. Es hat schon immer und überall Generationswechsel gegeben und ich kann mich nicht erinnern, dass einer jemals negativ gewesen ist. Anstatt über die Blogosphäre zu schimpfen, zu nörgeln und die beleidigte Leberwurst zu spielen, sollten sie sich lieber darauf konzentrieren, was die Neuen mit Schwung schaffen: Einträge schreiben, die Spaß machen, die einen zum Nachdenken bringen und die einen tief drinnen bewegen. Das, weniger Geldgeilheit und noch weniger Google Ads würden dem deutschen Blogstaat wirklich gut tun. In Übersee funktioniert's doch schließlich auch.

  • Martina

    31.08.07 (21:11:50)

    @Kid37: Dass viele B & C-Blogger inzwischen aufgehört haben, mag sicherlich auch daran liegen, dass sich ihr Lebensmittelpunkt verlagert hat. Neue Aufgaben haben sich eingestellt. Bloggen kostet nämlich hauptsächlich Zeit. @Mar CI: Achtung, nicht dass du manche A-Blogger überforderst! Aktuell zieht gerade wieder einer sein Resumee über uns, das nicht gerade sehr freundlich ist. Und damit passt das, was schon weiter oben geschrieben wurde: "Konkurrenz" wegbeißen und diffamieren.

  • dolores

    31.08.07 (22:37:37)

    @johnny deine kanzel erlangte auch nie relevanz, liest man obigen text hört man auch den spreeblick rauschen. mach halt wieder musik :o)

  • Chat Atkins

    01.09.07 (07:03:07)

    Um mal die Perspektive zu wechseln: Bloghausen könnte ohne Pflichtlektüre-Listen und Blogcharts doch viel spannender werden: Auf diese Art entstünde für jeden 'eine eigene Blogosphäre'. Dass schon bald eine neue 'Hitliste' auftaucht, befürchte ich auch. Der ökonomische wie auch der egozentrische Wunsch danach ist einfach zu groß ...

  • Mar Ci

    01.09.07 (07:16:11)

    @Chat Atkins: Naja, wenn man es so sieht gibt es innerhalb von Bloghausen schon genug kleiner Cliquen und Gangs, die man auch getrost eigene kleine Blogosphären nennen kann, auch wenn sie sich innerhalb ein wenig überschneiden aber auch ausschließen. Innerhalb solchen Cliquen gibt es die selben Stöckchen und die Echos der selben Entdeckungen. Hört sich langweilig an, kann aber irgendwie auch spannend sein und ist schon fast so etwas wie Freundschaft.

  • Jean-Luc

    06.09.07 (14:54:34)

    ... Okay. Aber, und wie gehts weiter! Weiter machen, den Artikel hier zu Ende schreiben, Kollege.

  • Rosie

    26.11.07 (14:05:34)

    Ich wollte mich mal an dieser Stelle bedanken für die vielen wertvollen Tipps die ich hier gelesen habe. Ich bin immer wieder von neuen erstaunt, was es doch so alles gibt. Durch das bloggen lerne ich immer wieder neues dazu.

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