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24.01.14

Ein Blick in die Zukunft: Facebook, das Jahr 2017 und der Milliardenkonzern, der sich neu erfand

Facebook wird gerne der baldige Tod prognostiziert. Doch was genau würde es bedeuten, wenn das soziale Netzwerk tatsächlich seine Nutzer verliert? Ein Blick in die Zukunft zeigt: Das Unternehmen ist auf eine solche Entwicklung vorbereitet.

FacebookWir schreiben das Jahr 2017. Anders als früher können Menschen nicht mehr bei ihrem ehemaligen morgendlichen Ritual beobachtet werden, die Facebook-App zu öffnen und ausgiebig durch ihren Feed zu scrollen. Denn Facebook, so wie man es einst kannte, existiert nicht mehr. Was Wissenschaftler und Beobachter zum Höhepunkt der Facebook-Euphorie prognostizierten, trat nach und nach ein: erst verging den Jugendlichen die Lust auf das soziale Netzwerk, das ihnen einfach nichts Neues mehr bieten konnte. Später verloren auch die meisten anderen Mitglieder das Interesse an der blau-weißen Website und App. Doch anders, als diese Zeilen vermuten lassen, führte diese Entwicklung nicht zum Aus für das Unternehmen hinter dem Social Network. Im Gegenteil: Das Vertrauen der Anleger in die Facebook-Aktie ist groß, denn die kalifornische Firma freut sich über stetige Umsatz- und Gewinnsprünge. Facebook Inc kann jedes Quartal Milliardenprofite vorweisen. Wie passt das zum Niedergang der Site, die einst mehr als die Hälfte der Onlinebevölkerung magisch anzog? Die Antwort: Facebook hat rechtzeitig vorgesorgt. Firmenchef und Gründer Mark Zuckerberg war sich frühzeitig im Klaren darüber, dass die Begeisterung über die Möglichkeiten des sozialen Netzwerks bei Usern irgendwann einer Routine weichen würde. Die daraus resultierenden Risiken einer abnehmenden Loyalität hätten das Potenzial, existenzbedrohende Ausmaße anzunehmen, so erklärte es der Facebook-CEO einst seinen Kollegen aus der Führungsetage. Er und seine Mitstreiter beschlossen daher, das Unternehmen unabhängiger von der wahrgenommenen Attraktivität von Facebook.com und den dazugehörigen Apps zu machen, indem sie parallel zu dem Kernangebot weitere, teilweise mit diesem verknüpfte Services hochzogen, die eventuelle Einbußen beim "Originalprodukt" abfedern würden. Eine Erfolgsgarantie für diese Strategie gab es freilich nicht. Doch heute, im Jahr 2017, lässt sich konstatieren: Die Rechnung ging auf, der Konzern floriert wie noch nie.

Hier sind die Geschäftsfelder und Komponenten, aus denen der Konzern Facebook heute, im Jahr 2017, besteht:

Profil- und Datenverwaltung

Nachdem das Interesse für den Original-Newsfeed sowie viele der auf Facebook.com untergebrachten Funktionen immer weiter sank, reduzierte das Unternehmen das Angebot dort schließlich auf eine Profil- und Datenverwaltung. Nutzer schauen hier vorbei, wenn sie ihre Profil- und Kontodaten oder Einstellungen modifizieren oder Einträge in ihrer Kontaktliste aktualisieren wollen. Der Internetgigant bezeichnet den Dienst als "digitalen Ausweis". Das nicht ohne Grund:

Plattform & digitaler Ausweis

Schon frühzeitig begann das soziale Netzwerk damit, Drittanbietern - Websites und Apps - die Option einzuräumen, ihren Anwendern den Login mit Facebook-Benutzerdaten anzubieten und das Nutzererlebnis auf diese Weise zu personalisieren. Nach einigen Jahren waren Millionen Sites und Dienste auf diese Weise mit Facebook verzahnt. Heute, 2017, findet sich kaum noch ein externer Service, der nicht den Login und die Nutzung via Facebook erlaubt. Milliarden Internetnutzer machen von diesem an einen Personalausweis erinnernden Instrument Gebrauch. Einen Menschen ohne regelmäßig für diesen Zweck verwendetes Facebook-Konto zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Werbenetzwerk

All den mit Facebook über die Plattform verwobenen Websites und Apps gestattet das Unternehmen, von ihm vermarktete Werbemittel einzublenden und damit Geld zu verdienen. Facebook verspricht ein nahezu perfektes Targeting, weil es die Präferenzen seiner registrierten Mitglieder sehr gut kennt. Zehn Prozent der so generierten Umsätze behalten die Kalifornier für sich. Nach einigen Jahren des Experimentierens forcierte das Unternehmen seit 2014 die Etablierung des Werbenetzwerks. Drei Jahre später boomt es! Jeden Monat fließen zweistellige Milliardenbeträge an Onlinedienste rund um den Globus. Jeder zehnte Euro landet in der Kasse von Facebook.

Instagram

Nachdem sich Facebook im April 2012 in einer recht spontanen Aktion Instagram unter den Nagel gerissen hatte, erkannte Firmenchef Mark Zuckerberg schnell, dass das bereits zu diesem Zeitpunkt sehr populäre Foto-Sharing-Angebot nur schwer in das Ursprungsprodukt integrierbar war. Also beschlossen er und seine Kollegen, Instagram als eigenständigen Service weiterzubetreiben und separat zu monetarisieren. Diese Strategie zahlte sich aus: Anfang 2014 war Instagram der am schnellsten wachsende Social-Web-Service überhaupt. Heute hat die App zum Teilen visueller Eindrücke eine Milliarde Nutzer und für viele Menschen die essentielle Rolle übernommen, die einst Facebooks Stream in ihrem Leben besaß. Über Anzeigen, Sponsoring und E-Commerce-Elemente trägt Instagram einen signifikanten Teil zu Facebooks Gesamterlösen bei - und liefert natürlich auch wertvolle Daten, die zur Optimierung der Algorithmen des Werbenetzwerks verwendet werden.

Messenger

Zwar nahm das Interesse an Facebooks "vollwertiger" Präsenz im Laufe der Jahre ab. Der Versand von Chatnachrichten hingegen, sowohl zwischen zwei Usern als auch in Gruppen, wurde immer beliebter. Facebook erkannte, dass es fatal wäre, den Messenger zu sehr mit Funktionalität aufzublasen. Es wurden lediglich Schnittstellen und Apps für weitere Eingabegeräte entwickelt, darunter für diverse Smartwatches, 3D-Brillen und andere Wearables. Außerdem erhielt Messenger einen auf maximal 150 Zeichen pro Nachricht begrenzten "Newsfeed", der auch rege genutzt wird. Messenger gehört zu den führenden Anbietern in seinem Segment - das im Gegensatz zu klassischen sozialen Netzwerken problemlos die Koexistenz mehrerer nutzerstarker Services erlaubt. Auf eine Monetarisierung von Messenger verzichtet Facebook. Stattdessen dient der Service in erster Linie als "Nutzerbindungsmaßnahme".

Newsdienst "Paper"

Anfang 2014 kamen Gerüchte auf, Facebook würde eine Art Konkurrent zum sozialen Newsreader Flipboard veröffentlichen wollen. Tatsächlich präsentierten die Kalifornier kurz darauf einen entsprechenden Dienst namens Paper. Dieser lieferte Usern in eleganter, komfortabler Form einen Überblick über Artikel, Nachrichten und Links, die Freunde bei dem sozialen Netzwerk in Umlauf brachten. Im Zeitverlauf wurde Paper immer stärker als eigenständiges, vom ursprünglichen Newsfeed losgelöstes Produkt positioniert. Als Facebook den Ur-Feed Ende 2016 ganz einstellte, hatte Paper mehrere hundert Millionen aktive Anwender und gehörte zu den reichweitenstärksten Nachrichtenangeboten weltweit - trotz des Fehlens eigener Inhalte. Werbekunden wurden nur langsam in die App gelassen, jetzt aber beschleunigt man die Vermarktungsbemühungen. Paper stellt Facebooks erstes Freemium-Produkt dar: Wer keine Werbung möchte und an einigen Zusatzfeatures interessiert ist, zahlt fünf Euro monatlich.

Facebook Dating

Schon immer wurde Facebook auch als Dienst zum Kennenlernen potenzieller Flirtpartner genutzt. Ende 2014 gab der Konzern den Kauf der angesagten Dating-App Tinder bekannt. Analog zu Instagram wird auch Tinder als eigenständiger Service geführt, der für User, die ihre Chancen auf gelungene Dates verbessern möchten, Integrationspunkte mit dem Facebook-Konto bietet (zwecks Matchmaking). Tinder hat mittlerweile mehrere hundert Millionen registrierte Nutzer und steuert aus der Anzeigenvermarktung einen noch kleinen, aber wachsenden Teil zum Umsatz von Facebook bei.

Facebook Spiele

Facebooks weiter oben erwähnte Plattform erfreut sich bei zehntausenden Spiele-Entwicklern großer Beliebtheit. Die 2015 eingeführte App Facebook Games bietet Zockern eine Art personalisiertes Portal, das sie über die spielebezogenen Ereignisse innerhalb ihres Netzwerks informiert und das ihnen beim Entdecken neuer Spiele hilft. Die Monetarisierung erfolgt über App-Installationen vermittelnde Anzeigen. Davon abgesehen dient Facebook Games primär dazu, Nutzer in Spiele zu treiben, die an Facebooks Werbenetzwerk angeschlossen sind.

Fazit: Im Jahr 2017 betreibt Facebook Inc eine Zahl äußerst erfolgreicher vertikaler Dienste, die jeweils auf die Daten des "Facebook Ausweises" zugreifen, eine webweit als Standard geltende Plattform, über die beliebige Entwickler, Firmen und Startups ebenfalls den Facebook Ausweis und seine Personalisierungsfeatures nutzen können, sowie ein riesiges mobiles Werbenetzwerk. Den Wandel, den die Produkte der Firma innerhalb eines Jahrzehnts vollzogen haben, soll der noch immer mit Kapuzenpullover in die Öffentlichkeit tretende CEO Mark Zuckerberg einst mit folgenden Worten kommentiert haben: "Facebook ist tot, es lebe Facebook".

Anmerkungen: Es handelt sich bei diesem Text nicht um eine Prognose, sondern um die Schilderung eines möglichen, nicht unrealistischen Szenarios. Natürlich kann es auch ganz anders kommen - schon wenn die Unternehmensführung eine andere Marschroute wählt. Auch klammert der Artikel durch den technischen Fortschritt verursachte, heute schwer absehbare Veränderungen in Nutzungsmustern aus. Die Grundlagen für die beschriebenen Entwicklungen sind jedoch bereits vorhanden (siehe Instagram, Plattform, Werbenetzwerk). Entscheidend ist, dass Facebook schon heute weit mehr darstellt als das, was Nutzer sehen, wenn sie Facebook.com oder die Facebook-Apps aufrufen. 

Hinzufügen möchte ich auch, dass das gezeichnete Bild augenscheinlich nicht der Idealvorstellung eines offenen, nicht durch eine einzelne Firmen dominierten Internets entspricht. Was ich hier skizziere, ist nicht meine persönliche Wunschvorstellung. /mw

(Illustration: Desk Calendar Representing Year Two Thousand Seventeen, Shutterstock)

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