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09.08.12Leser-Kommentare

eHealth: Cardiio misst die Herzfrequenz - mit der iPhone-Kamera

Cardiio, eine neue iPhone-Applikation aus den USA, ist in der Lage, die Smartphone-Kamera in einen Herzfrequenzmesser zu verwandeln. Selbst wenn eine gesunde Skepsis angebracht ist: Die App gibt einen Vorgeschmack auf die bevorstehende eHealth-Revolution.

Einer der Alltagsbereiche, der am meisten vom technischen Fortschritt profitieren kann, ist der von einer chronischen Unterversorgung geprägte Gesundheitssektor. Bisher allerdings blieb genau dieses Segment von digitalen Innovationen relativ verschont. Gründe dafür gibt es sicherlich viele. Ein entscheidender wird sein, dass wir in der derzeitigen, noch immer frühen Phase der Digitalisierung nicht wissen, inwieweit wir kritische, mitunter gar überlebenswichtige Prozesse vollständig in die Hände von Algorithmen und nicht für den medizinischen Einsatz konzipierten Gadgets legen möchten.

Gerade weil das weite Feld von eHealth und internetgestützten Gesundheitslösungen im Prinzip noch nicht einmal seine Kinderschuhe angezogen hat, fallen potenziell disruptive Konzepte für Privatanwender umso mehr auf. Über ein solches berichtete heute Morgen GigaOm: Cardiio, ein Spin-Off des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat eine iPhone-Applikation entwickelt, welche in der Lage ist, ohne zusätzliche Hardware die Herzfrequenz der Benutzer zu messen.

Wie Cardiio dies anstellt? Indem es mit der Kamera des iPhones misst, wie viel Licht vom Gesicht des Messenden absorbiert wird. Wissenschaftliche Studien haben nach Aussage der Macher gezeigt, dass bei jedem Herzschlag die Menge an Blut im Gesicht zunimmt, wodurch dieses weniger Licht reflektiert. Mit dem menschlichen Auge ist dies nicht wahrnehmbar, aber den Forschern des MIT Media Lab gelang es, derartige Veränderungen per Smartphone-Kamera aufzufangen und davon ausgehend die Herzfrequenz abzuleiten. Klingt für den medizinischen Laien unglaublich, oder?!

Natürlich sollte man sich bei einem derartigen Verfahren nicht in hundertprozentiger Sicherheit wägen, immer korrekte Werte angezeigt zu bekommen. Äußere Lichteinflüsse können das Ergebnis ebenso verfälschen wie der Einsatz der App auf älteren iOS-Geräten ohne Doppelkern-Prozessor, so der Hinweis. Zudem wird der unkonventionelle Ansatz bei vielen Anwendern für eine grundsätzliche Skepsis über die Validität der Messergebnisse sorgen. Immerhin kennen sie diese Form der Pulsmessung bisher nicht, und es gibt für sie keinen Grund, dem in Boston und San Francisco ansässigen Startup ein ähnliches Vertrauen entgegen zu bringen wie ihrem Hausarzt (oder ihrer eigenen Pulsmesstechnik).

Apropos Puls: Cardiio verwendet in seiner Beschreibung die Begriffe Puls und Herzfrequenz abwechselnd. Laut Wikipedia ist die Herzfrequenz jedoch nur ein Teilaspekt des Pulses, der neben der Häufigkeit des Herzschlages die Regelmäßigkeit, die Druckanstiegsgeschwindigkeit, den absoluten Druck und das Füllungsvolumen umfasst. Cardiios Technik misst im aktuellen Stadium allein die Anzahl der Herzschläge pro Minute (angegeben in BPM). Das Unternehmen täte gut darin, einen konsistenten Begriff zu verwenden, selbst wenn Herzfrequenz und Puls umgangssprachlich gleichgesetzt werden.

Die mit der App ermittelten Werte können im Zeitverlauf und in visualisierter Form im Blick behalten werden, um dem Anwender Indizien darüber zu geben, wie es um seine aktuelle Gesundheit bestellt ist. Während bei intensiver körperlicher Anstrengung die Zahl der Herzschläge pro Minute ansteigt, gilt im Ruhezustand eine niedrigere Rate als erstrebenswert. Cardiio ist durch den Langzeitvergleich sowie die Gegenüberstellung eigener Werte mit dem statistischen Durchschnitt dabei behilflich, die Herzfrequenz durch gezielte Maßnahmen sukzessive zu senken.

Für Außenstehende ist es schwierig, die Tauglichkeit der von Cardiio eingesetzten Technologie zu bewerten. Eine gesunde Distanz empfiehlt sich schon deshalb, um nicht in Panik den Notarzt zu rufen, wenn Cardiio aufgrund ungünstiger Lichtverhältnisse, einer verschmutzten Kamera oder einer anderen Fehlfunktion eine alarmierend hohe Herzfrequenz ermittelt. Dennoch handelt es sich um ein faszinierendes Verfahren, das einen Vorgeschmack auf eine Zukunft gibt, in der jeder Mensch in der Lage sein wird, von medizinischem Personal praktizierte Routinehandgriffe selbst durchzuführen.

Cardiio mangelt es dazu sicher noch an Glaubwürdigkeit und Akzeptanz in Fachkreisen (sofern Mediziner dies lesen, würden wir uns über Kommentare mit einer Beurteilung freuen). Insofern sollte die App vorerst vor allem als Spielerei und Werkzeug für Freunde der Selbstoptimierung gesehen werden. Für 3,99 Euro kann sich jeder Besitzer eines neuen iOS-Geräts diesen "Spaß" gönnen.

P.S. Wieso kommt eine derartige App zur Abwechslung eigentlich nicht aus dem deutschsprachigen Raum? Immerhin spielen im eHealth-Sektor typische Stärken des Silicon Valley eine deutlich geringere Rolle als beispielsweise im auf kritische Masse und enorme Finanzspritzen angewiesenen Social-Networking-Bereich. Hiesige eHealth-Konzepte beschränken sich noch immer auf trockene Informations- und Preisvergleichsportale sowie Marktplätze rund um medizinische Dienstleistungen. Das digitale Gesundheitsdokument von Vivité bildet eine Ausnahme, ist aber mit 1250 Euro einmalig und 250 Euro pro Jahr noch nicht gerade ein Dienst mit Anziehungskraft für die breite Masse. Da geht noch viel mehr!

Nachtrag: Zwei Leser weisen auf eine vergleichbare und sogar kostenfreie App hin: Instant Heart Rate (für iPhone und Android). Im Gegensatz zu Cardiio wird bei dieser Anwendung die Fingerspitze direkt auf die Kamera gelegt. Cardiios Lösung ist vom Verfahren noch ein Stück faszinierender, einfach weil bisher wohl den wenigsten klar war, dass sich die Herzfrequenz über das Filmen des Gesichts messen lässt. Wem es aber nur um das Resultat geht, der ist womöglich mit der Gratisapp zufrieden.

Link: Cardiio

Kommentare

  • Sven

    09.08.12 (12:51:25)

    Solche Apps gibt es doch schon zuhauf, z.B. https://play.google.com/store/apps/details?id=si.modula.android.instantheartrate&hl=de Nur dass damit der Pulse nicht am Gesicht, sondern am Finger gemessen wird. Funktioniert erstaunlich gut.

  • Jörg

    09.08.12 (13:36:08)

    Eine vergleichbare App gibt es beim iPhone auch schon gratis: http://itunes.apple.com/de/app/instant-heart-rate-heart-rate/id409625068?mt=8

  • Martin Weigert

    09.08.12 (14:04:24)

    War vermutlich naiv anzunehmen, sowas gäbe es noch nicht ;) Wobei zumindest die Lösung mit dem Gesicht neu zu sein scheint. Danke euch, ich ergänze das noch!

  • Christoph

    09.08.12 (17:39:32)

    Auch mit Finger: http://macropinch.com/cardiograph

  • Lutz Gerlach

    15.08.12 (10:52:02)

    die hier filmt auch das Gesicht ;) http://itunes.apple.com/de/app/vital-signs-camera-philips/id474433446?mt=8

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