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23.04.12Leser-Kommentare

Echtzeitweb: Lasst die Finger von den Eilmeldungen!

Eilmeldungen, die keine sind, gehören zu den unerfreulichen Folgen des schnelldrehenden digitalen Nachrichtenzyklus. Damit muss endlich Schluss sein!

Das Echtzeitweb, vor allem in Gestalt von Twitter, hat viele tolle Seiten und bewährt sich regelmäßig als schnellste Quelle für Informationen über aktuelle, nachrichtenrelevante Ereignisse. Doch leider tragen die Eignung des Microbloggingdienstes als News-Distributionskanal und das generell erhöhte Tempo des digitalen Nachrichtenzyklus auch seltsame und teils unerträgliche Blüten. Eine davon, die immer absurderer Züge annimmt: Die inflationäre Verwendung des Zusatzes "Eilmeldung" als Signal besonderer Aktualität.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich über Eilmeldungen beschwere, und jeder aktive Twitter-Nutzer wird sich wohl schon einmal per Tweet über Eilmeldungen ohne wirkliche Eile ausgelassen haben. Doch in der vergangenen Woche gab es zwei Fälle einer missbräuchlichen Verwendung des "Eil"-Zusatzes, die deutlich machen, dass es so einfach nicht mehr weitergehen kann.

Zum einen war dies das Ende der ARD-Talkshow Gottschalk Live, die aufgrund ihrer engen Einbindung sozialer Medien eine gewisse Beachtung innerhalb der Twitter- und Blogosphäre genoss. Als am vergangenen Mittwoch bekannt wurde, dass die Sendung aufgrund schlechter Quoten keine Fortführung erfährt, konnten eine ganze Reihe führender Nachrichtenangebote nicht der Versuchung widerstehen, dies als Eilmeldung zu deklarieren (u.a. N24, Spiegel Online, Rhein-Zeitung) - ungeachtet davon, dass der Niedergang der Show und ein mögliches Aus absehbar waren und dass die Meldung nur eine extrem kleine Gruppe von Menschen wirklich tangierte.

 

Zwei Tage später, am Freitag, beschäftigte sich ganz Mediendeutschland mit der Entscheidung des Hamburger Landgerichts zum Fall Gema gegen YouTube, in deren Rahmen das Videoportal dazu verpflichtet wurde, den Zugriff auf sieben Musikstücke zu verhindern. Obwohl es sich um ein terminlich festgelegtes Ereignis handelte, das schon im Vorfeld mediale Beachtung fand und im Endeffekt nichts weiter als die Fortsetzung eines lange anhaltenden Streits zwischen der Verwertungsgesellschaft und der GEMA darstellte, sah sich unter anderem tagesschau.de dazu bewogen, das Urteil gleich in Form von zwei aufeinanderfolgenden Eilmeldungen zu verbreiten. Nur durchschnittlich fünf bis zehn Mal pro Monat greift Tagesschau Online zu dieser Maßnahme, die auch eine automatische Push-Mitteilung über die mobilen Tagesschau-Apps auslöst. Und so machte mein iPhone Freitagmittag zweimal mit dem bekannten Tagesschau-Gong auf sich aufmerksam, um mich darüber zu informieren, dass YouTub sieben Videos nicht mehr zeigen darf.

An anderer Stelle im Netz sorgte derweil die Presseagentur dpa für Verwirrung, als sie versehentlich über einen für YouTube positiven Entscheid berichtete, ehe sie dies berichtigte. Kurzzeitig war die Falschmeldung auch bei Spiegel Online zu begutachten. In meinem Twitter-Feed herrschte in diesem Moment eine spektakuläre Kakophonie aus sich widersprechenden Eilmeldungsfetzen.

Derartige Fehler passieren, und eine Rückkehr zur langsamen Drehgeschwindigkeit der prädigitalen Medienwelt wird es (glücklicherweise) nicht mehr geben. Dennoch muss das inflationäre Verkaufen von Nichtigkeiten als Ereignisse mit zeitkritischer Tragweite ein Ende haben. Eilmeldungen sollte eine Unvorhersehbarkeit kombiniert mit einer weitreichenden nachrichtenrelevanten, politischen oder gesellschaftlichen Bedeutung zugrunde liegen, nicht ihre vermeintliche Klicktauglichkeit.

Meine Bitte an Nachrichtensites: Geht sparsamer mit euren Eilmeldungen um. Dann können Leser diese vielleicht eines Tages auch wieder ernstnehmen.

Kommentare

  • Axel

    23.04.12 (12:37:08)

    so ist das leider mit der Aufmerksamkeitsökonomie. Bei ntv sind ja mittlerweile sogar Fußballergebnisse Eilmeldungen. Ich bin gespannt, wie man die wirklich wichtigen Ereignisse zukünftig dann noch stärker highlighten will.

  • Michael

    23.04.12 (13:09:30)

    Auffassungs- und Einordnungssache und damit auch Gewöhnungssache. Die Gottschalk-Meldung halte ich schon für den Status "Eil" wert - gerade weil es absehbar war und weil er nunmal eine wichtige Person des Zeitgeschehens ist. Mehr Möglichkeiten zu schneller Information mit dem Internet schaffen eben ein Mehr eben davon. Wer das nicht will, soll halt den Push abstellen. Soviele Meldungen schlagen bei mir mit Tagesschau und n-tv auch garnicht auf, jedenfalls nicht soviele, dass es sonderlich nervt. Etliche Eilmeldungen (wie z.B. vom Flugzeugabsturz in Pakistan) nehme ich nur kurz zur Kenntnis, ohne den Text weiter zu lesen.

  • Martin Weigert

    23.04.12 (13:16:32)

    Wenn nun aber alles zu Eilmeldungen wird, kann man genauso gut auf das Eil ganz verzichten - außer in Situationen unmittelbarer Gefahr. Letztlich wird das "Eil" von vielen Medien auch als Entschuldigung verwendet, um Artikel mit drei Sätzen rechtfertigen zu können.

  • Michael

    23.04.12 (13:24:23)

    Wird es ja nicht. Es wird halt nicht jeden Tag ein Entertainer vom Kaliber Gottschalks abgesetzt und stürzen auch nicht ständig große Flugzeuge ab. Das sind schon noch Meldungen von besonderem Nachrichtenwert.

  • Martin Weigert

    23.04.12 (13:28:00)

    Sichlich ist das subjektiv. Aber das Ende von Gottschalk live hat für mein Empfinden null Nachrichtenwert. Zumindest nix Eiliges Aber ich nehme zur Kenntnis, dass du das anders siehst. ;)

  • Kai Nehm

    23.04.12 (14:10:44)

    Die Zeit hatte zu ihrer App mal eine Umfrage online, wie viele Eilmeldungen man sich wünscht. Meine Anwort damals halte ich immer noch für ein geegnetes Maß: "Wenn es einen Brennpunkt nach der Tagesschau dazu gibt, ist es eine Eilmeldung wert."

  • Martin Weigert

    23.04.12 (14:27:54)

    Daumen hoch, guter Indikator

  • Marcus Schwarze

    23.04.12 (16:29:02)

    Es gibt von dpa und den anderen Agenturen täglich noch viel mehr Eilmeldungen. Dass das Absetzen einer Vorabendschau mit weniger als einer Million Zuschauer eigentlich keine "Eil"-Meldung wert wäre, müssen wir nicht weiter besprechen - aber dass der temporäre Niedergang des erfolgreichsten Entertainers der vergangenen 30 Jahre in Deutschland einen Kulminationspunkt findet, schon. Man wird immer mal wieder anderer Meinung darüber sein, was eine Eilmeldung wert ist. Ich vermute, dass in dem Unbehagen über die Gottschalk-Eilmeldung viel mehr mitschwingt als eine andere Einschätzung der nachrichtlichen Lage (nämlich, dass der Niedergang schon länger an den Zahlen sichtbar war, für aufmerksame BEobachter also keine Überraschung). Dass es in diesem Fall den Redaktionsalltag auch dieser Redaktion verändert hat (wir ändern unsere Themen gravierend auf zwei Seiten), ist dann schon ein wichtiger Hinweis, den die Agentur für uns zu recht ge-"eilt" hat. Über den Automaten RZ-Ticker (https://twitter.com/#!/RZTicker) reichen wir diese Info gerne automatisch weiter, auf der Seite kann man übrigens auch mal nachschlagen, wie oft es von dpa in den vergangenen Stunden und Tagen Eilmeldungen gab. Für handgeschriebenes Nachrichtenbewertungen, wo wir nur ausgewählte Eilmeldungen gerne mal launig aufgreifen, gibt's unseren Twitter-Account @rheinzeitung.

  • Oliver Springer

    23.04.12 (18:05:32)

    Es muss ja nicht gleich die "Rückkehr zur langsamen Drehgeschwindigkeit der prädigitalen Medienwelt" werden, aber eine deutliche Entschleunigung würde ich sehr begrüßen. Echte Eilmeldungen mit Relevanz für mich persönlich möchte ich durchaus sofort erhalten - alles andere hat Zeit, meistens viel Zeit. Sich einmal am Tag auf den neuesten Stand zu bringen, ist bei den meisten Themen noch viel zu oft. Welchen Wert haben diese ständigen Updates denn?

  • Martin Weigert

    23.04.12 (18:31:28)

    @ Marcus Ich finde die Unterteilung in primären Twitter-Feed sowie Ticker sinnvoll, und auch die Bezeichnung "RZTicker" halte ich für deutlich besser als "RZ_Eil". Die Frage ist aber, wozu man noch den Zusatz "Eil" benötigt (außer bei wirklich ganz großen, ganz unvorhersehbaren Events). Letztlich geht ja niemand davon aus, dass ihr im Ticker absichtlich bestimmte Meldungen verzögert. @ Oliver Speziell am Freitag hatte das Gema-YouTube-Meldungs-Chaos wirklich keinerlei Wert. Aber wie so oft im Digitalen ist die Entwicklung kein bewusstes Werk einzelner sondern eher ein kollektiv entstandener Brauch, der sich nun nicht einfach wieder "abstellen" lässt.

  • Peter

    24.04.12 (10:05:53)

    Ich sehe das nicht so schlimm mit den Eilmeldungen. Jeder Konsument von Nachrichten sollte mittlerweile wissen, wie er damit umgehen kann / soll / muss. Das sind nunmal die ersten Spekulationen - ohne sichere Erkenntnisse - so what ?!

  • Lorenz Illmann

    24.04.12 (10:08:10)

    Welchen Sinn/Nutzen haben die meisten "Nachrichten" überhaupt? Viele sind doch mehr Unterhaltung als nützliche Informationen. Insbesondere als Kurzmeldung, ohne Fakten, Erklärungen, Hintergründe, Gegenmeinungen ... Und eilig sind die wenigsten. Mit wenigen Ausnahmen. Wenn Sie am Strand stehen wäre eine sinnvolle Eilmeldung: "Achtung Tsunami kommt!" Wenn Sie aber gerade in den Bergen wandern...

  • Thomas Rinke

    24.04.12 (12:32:03)

    Ob der Autor die genannten Meldungen nun eilig findet oder nicht, wen interessiert das? Es waren Nachrichten - und auch vorhersehbare Ereignisse sind Nachrichten, wenn aus Spekulationen Fakten werden. "War doch abzusehen ... " ist kein plausibler Grund, die Meldungen pauschal und deinerseits subjektiv als nicht-eilig abzustempeln ...

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