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21.09.12

E-Learning: Warum das Internet den Bildungsmarkt erobert

Lange Zeit hatte E-Learning zu Unrecht einen schlechten Ruf. Doch mittlerweile hat sich der Zeitgeist gewandelt. Das Thema verändert die Bildungslandschaft.

E-Learning galt in Deutschland lange als ein gebranntes Kind. Unter dem Sammelbegriff wurde Online-Unterricht Mitte der 90er Jahre als ein Zukunftsmodell gefeiert, das jedoch die hohen Erwartungen zunächst nicht erfüllen konnte. Bei den meisten Anbietern wurde anschließend im Zuge der Katerstimmung nach dem Platzen der Dotcom-Blase vorsichtshalber der Stecker gezogen. Seitdem haftet dem Begriff der Malus eines gescheiterten Hoffnungsträgers an. Zu Unrecht.

Technische Schwierigkeiten und überzogene Gebühren, die etablierte Bildungsträger für ihr Renommee auch in der digitalen Welt einforderten, sorgten für eine geringe Nachfrage, so dass die Euphorie um dieses defizitäre Geschäftsmodell schnell wieder nachließ. Aber obwohl sich der digitale Bildungsmarkt seit dem Abgesang im Jahr 2002 längst wieder von dem Vorwurf der digitalen Hochstapelei befreien konnte und mittlerweile zu einem wichtigen Geschäftsbereich vieler Bildungsträger geworden ist, wird das Lehren und Lernen via Internet seinen zweifelhaften Ruf nur schlecht wieder los.Negative Medienberichterstattung in Deutschland

Zu dieser nachhaltigen Skepsis in der Öffentlichkeit hat die Presse der damaligen Zeit einen Großteil beigetragen: Während die Verlage damals ihre eigenen Modelle von Online-Werbung als vielversprechende Einnahmequelle vorerst als gescheitert ansahen, kam ihnen das Straucheln anderer Geschäftsmodelle in der Web-Ökonomie gerade recht: Zum einen passten Skepsis, Hohn und auch Schadenfreude angesichts der damals als überzogen angesehenen Hoffnungen in die Netzwirtschaft zum Zeitgeist in dieser Phase des Internet-Zeitalters, und zum anderen mussten sich die Verlage keine Sorgen mehr um die ungeliebte Konkurrenz machen: Bildung und Wissen sind schließlich mitunter wichtige Ressorts in den eigenen Publikationen, da sind keine Wettbewerber erwünscht, so dass man, anlässlich deren vorläufigen Scheiterns, gerne nachgetreten hat.

Obwohl der Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie sich erst in späteren Jahren herausbildete, sind die Mechanismen in der damaligen Medienberichterstattung mit denen der heutigen Zeit vergleichbar: So wie Facebook als potenzieller Wettbewerber im Online-Werbemarkt heute vielfach ungeliebt ist, so war es vor zehn Jahren mit den Online-Anbietern im Bildungswesen, nur dass es dabei nicht um den direkten Wettbewerb als Werbeträger, sondern um die eigene Bedeutung als Inhalteanbieter ging.

Eine differenzierte Berichterstattung zum vorläufigen Scheitern, zu Risiken und Chancen im E-Learning gab es seitens der etablierten Presse oftmals nicht. Und da die Entwicklung von Blogs und sozialen Netzwerken sowie deren Reichweite und Meinungsmacht noch in den Kinderschuhen steckte, manifestierte sich dieses negative Meinungsbild.

In den Folgejahren wurde dieses dann weiter kultiviert. Wer neue Anläufe wagte und damit scheiterte, konnte sich dem Spott eines Großteils der Medienbranche sicher sein: Als Bertelsmann mit seiner Lernplattform Scoyo letztlich scheiterte, machte der Kalauer die Runde, das zuletzt 90 Prozent der Seitenzugriffe sowieso aus der Bertelsmann Konzernzentrale gekommen wären.

Private Bildungsträger als Innovations- und Markttreiber im digitalen Bildungs- und Büchermarkt 

Mittlerweile hat sich der Zeitgeist gewandelt. Das Internet wird vielfach nicht mehr als ein abstraktes technisches Konstrukt, als "Cyberspace" wahrgenommen, sondern als ein Alltagsmedium, gegenüber dem man nur noch wenig Berührungsängste hat. Reine Online-Unis wie Udacity, Coursera und openHPI unterstützen diesen Trend.

Eine neue Offenheit schafft auch eine neue Nachfrage und diese bringt einen neuen Markt hervor, in dem sich momentan insbesondere private Bildungsträger zu profilieren versuchen und damit letztlich den Strukturwandel im Bildungsmarkt maßgeblich vorantreiben werden: Da notwendige Infrastruktur (Breitbandverbindungen) mittlerweile vorhanden ist, investieren diese vermehrt in weitere technische Anlagen um ihre Angebote auch online anbieten zu können. Sie versprechen sich in den kommenden Jahren einen regelrechten Boom und investieren deshalb massiv in technische Ressourcen innerhalb ihrer Unterrichtstätten. Das Geschäftsmodell scheint dabei so simpel wie profitabel: Da Restriktionen durch mangelnde Mobilität oder zeitliche Einschränkungen online nicht mehr gegeben sind, lässt sich hierüber im Bildungsmarkt ein völlig neues Klientel und neue Zielgruppen ansprechen.

Das Potenzial für Umsatzsteigerungen aber gleichermaßen auch für Kostenvorteile ist enorm. In der Praxis gestaltet es sich so, dass in der Bildungseinrichtung Präsenzteilnehmer vor Ort sind und via Bildschirm zusätzlich Online-Teilnehmer an einem Kurs teilnehmen, diese also zugeschaltet werden. Durch die Online-Teilnehmer werden zusätzliche Einnahmen erzielt und gleichzeitig die Kostenanteile pro Teilnehmer für den Dozenten, für Betriebsmittel, Grundstücke und Gebäude reduziert

Diese Aussichten führen dann zu weiteren Innovationen: Teilnehmer, die online an Unterrichten teilnehmen, bekommen ihre Lehrmittel nicht mehr in gedruckter Form, sondern direkt als Ebooks oder PDF-Dokumente zur Verfügung gestellt. Für die Präsenzteilnehmer werden auch immer mehr Buchtitel direkt in elektronischer Form, entweder über die Arbeits-Rechner vor Ort aber oder per Leih-Tablet-PC ausgegeben. Die komplette Lehrmittel-Ausgabe- und Verwaltung kann somit wegrationalisiert werden und die Kapitalbindung in Buchtitel, die vorgehalten werden müssen, verringert sich.

Nach Ablauf eines Kurses oder Seminars werden Buch-Titel dann jeweils wieder von den Geräten per Fernwartung gelöscht. Auch hier führt das veranschlagte Einspar-Potenzial zu immensen Investitionen.

Ein weiterer Kostenvorteil ergibt sich hier zusätzlich für Bildungsträger, die zertifizierte Schulungen für Microsoft vornehmen. Diese Bildungsträger bekommen oftmals nicht nur die Lizenzen für die gängigen Microsoft-Produkte zu vergünstigten Konditionen, sondern auch Microsoft Live Meeting, eine gute Software-Basis für den geplanten Online-Unterricht. Dies ist zwar nicht der beste Client für Konferenzlösungen, für die meisten Anwendungsszenarien jedoch ausreichend gut und zudem derart einfach zu handhaben, dass er auch von Dozenten ohne weitere Vorkenntnisse bedient werden kann.

Wie fühlt sich das an? Technische Innovationen überbrücken Distanz und sorgen für "echte" Atmosphäre

Moderne Einrichtungen bieten für den Dozenten, jeden Präsenzteilnehmer und für jeden Tele-Learner einen Rechner mit einer Webcam und einem Mikro an. Über digitale Whiteboards in Tafelgröße ist der Dozentenrechner mit einem Beamer verbunden. Alle Inhalte des Dozenten-Rechners, des Whiteboards und des Beamers lassen sich so auf die Rechner der Teilnehmer in einem Unterrichtsraum spiegeln, ebenso wie auf die Geräte der Online-Teilnehmer zu Hause. Um die Atmosphäre im Raum nach außen zu vermitteln und die Offline- und Online-Teilnehmer miteinander in direkten Kontakt treten zu lassen, sind in den Räumen zusätzlich noch Raummikros und Raumkameras angebracht, die auf die Präsenzteilnehmer vor Ort gerichtet sind. So können Online-Teilnehmer in Gesprächssituationen das Bild einfach zwischen dem Dozenten und den Anwesenden vor Ort umschalten.

Aus meiner Erfahrung als Dozent ist das für alle Beteiligten ein sehr angenehmes Arbeiten. Für den Lehrenden ist es zunächst etwas aufwendiger On- und Offline-Teilnehmer gleichzeitig anzusprechen, aber das ist eine reine Gewöhnungsfrage.

Fazit: Private Bildungsträger treiben E-Learning voran und legen damit auch die Grundlage für staatliche Einrichtungen

Die Zeit der Skepsis und des schlechten Images ist vorbei. E-Learning in der beschriebenen Form ist längst im Mainstream angekommen. Bei der genannten technischen Ausstattung könnte man meinen, dass es sich hier um einzelne "Fachräume" handeln würde, vergleichbar den "PC-Räumen" an staatlichen Schulen. Das ist jedoch nicht der Fall. Es gibt in Deutschland private Bildungsträger im Bereich Aus- und Weiterbildung, die derlei Equipment in jedem ihrer Räume zu Verfügung stellen. Mit jeweils Raumkapazitäten in den Einrichtungen für insgesamt bis zu 800 Teilnehmer.

Aufgrund solcher Größenordnungen, den entsprechenden Investitionsvolumina und meinen Erfahrungen als Dozent in diesem Umfeld, steht für mich fest, dass E-Learning hier als Vorreiter auf dem Sprung ist, dieser Art der Wissensvermittlung zu einer völlig neuen Akzeptanz zu verhelfen. Wir werden bei netzwertig.com deshalb zukünftig den digitalen Bildungsmarkt verstärkt im Auge behalten, Trends und Entwicklungen in diesem Markt thematisieren, über Online-Universitäten berichten und diese, soweit es möglich ist, auch testen.

Die Zeit ist reif, E-Learning nicht mehr als ein Nischenprodukt zu betrachten, sondern es als eine ernsthafte Bereicherung der Bildungslandschaft zu begreifen, deren technische und wirtschaftliche Entwicklung weitreichenden Einfluss auf unser Bildungswesen und die Art der Wissensvermittlung haben wird.

Der einstige Vorwurf einer "Digitalen Hochstapelei" von Spiegel Online war bereits schon im Jahr 2002 nicht gerechtfertigt. Spätestens jetzt aber, 10 Jahre danach, scheint diese Spitze seitens des Hamburger Verlages nun als Bumerang zu seinem Absender zurückgekommen zu sein.

(Foto: Flickr/tguglielminiCC BY 2.0)

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