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30.04.13Leser-Kommentar

E-Health: CrowdMed verspricht Online-Krankheitsdiagnosen ohne Nebenwirkungen

Das Internet kann Kranken mit wertvollen Informationen weiterhelfen, sie aber auch massiv verunsichern. Das US-Startup CrowdMed setzt auf Crowdsourcing und Anreize, um Diagnosen zu liefern, die mitunter die von praktizierenden Ärzten übertreffen sollen.

Für Menschen mit körperlichen Beschwerden ist das Internet Segen und Fluch zugleich. Anstatt für jedes Wehwehchen zum Arzt gehen zu müssen, können sie stattdessen einfach online nach ihren Symptomen suchen. Denn zu jedem noch so seltenen Phänomen gibt es garantiert schon zahlreiche Kommentarthreads bei der großen Schar der Medizin- und Gesundheitsforen. Eine kurze Recherche spart Zeit und liefert Informationen darüber, um welche Krankheit es sich handeln könnte und inwieweit ein Gang zum Doktor erforderlich ist. Das Problem: Viele der "Diagnosen" und Ratschläge stammen von Laien und Hobby-Medizinern. Sie sind daher ungefähr so verlässlich wie der Wetterbericht für die nächste Woche. Zu kaum einem eigentlich harmlosen Symptom lässt sich nicht irgendwo im Netz die Mutmaßung finden, es würde sich um Anzeichen einer ernsthaften, gefährlichen Krankheit handeln. Speziell Hypochonder erhalten so nicht die erhoffte Beruhigung, sondern geraten noch stärker in Sorge.

Ein hochspannendes US-Startup versucht nun, das enorme Potenzial des Internets als Gesundheitskompass und Diagnosetool zu heben, ohne dabei Nutzer am laufenden Band mit nicht gesicherten, individuellen Diagnose-Vermutungen zu verunsichern: CrowdMed nennt sich das Unternehmen hinter einem vier Jahre lang entwickelten, patentierten Verfahren, welches auf Crowdsourcing sowie Geld- und Sachpreise setzt, um die Qualität der Diagnosen auf das Level der praktizierender Ärzte zu bringen  - oder diese sogar zu übertreffen. Im Gegensatz zu der Vielzahl von Onlineforen, wo für jeden Schnupfen ein eigenes Thema eröffnet und von anderen Betroffenen oder Bekannten/Verwandten von Betroffenen analysiert wird, fokussiert sich CrowdMed auf ernsthafte Fälle, bei denen Patienten selbst nach Arztbesuchen falsche oder keine konkreten Diagnosen erhalten haben. Das beste Mittel, um die Ernsthaftigkeit zu garantieren: Es kostet Geld, eine Diagnose zu einem Krankheitsfall zu erhalten. In der Einführungsphase 199 Dollar. Zu viel, um sich bestätigen zu lassen, dass die mehrtägigen Halsschmerzen Anzeichen eines grippalen Infekts darstellen. Wer jedoch seit Wochen, Monaten oder gar Jahren unter ungeklärten Symptomen leidet, dem wird die Gewissheit und die Aussicht auf kompetente Behandlungshinweise einen solchen Betrag durchaus wert sein.

CrowdMed

Wer eine Crowddiagnose erhalten möchte und die Kosten nicht scheut, der macht Angaben zu Symptomen, der persönlichen Krankenhistorie, zum familiären Hintergrund sowie zu Testergebnissen, die im Zusammenhang mit den Beschwerden bisher erhoben wurden. Anschließend wählt CrowdMed aus seinem Pool an freiwilligen Nutzern, die ihre Bereitschaft zum Mithelfen signalisiert haben und keine medizinische Ausbildung benötigen, rund 100 "Medical Detectives" (MD) aus, denen der Fall zur Bewertung und Diagnose vorgelegt wird. CrowdMed aggregiert die unterschiedlichen Aussagen und Vermutungen, wertet sie aus und generiert "Konsensdiagnosen", die der Patient anschließend dem Arzt vorlegen kann. Anstatt Betroffene mit extremen und teils absurden Einzelmeinungen in Angst und Bange zu versetzen, zielt CrowdMed darauf ab, die Diagnosen zu stellen, bei denen unter den unabhängig voneinander agierenden MDs die größten Übereinstimmungen bestehen.

Die Qualitätssicherung möchte CrowdMed durch Anreize in Form eines Punktesystems erreichen. Für korrekte Diagnosen, die im Nachhinein vom Arzt eines Patienten bestätigt wurden, erhalten sie Belohnungen, die sie ab einem bestimmten Niveau in Geld und Sachpreise eintauschen können. Auf diese Weise sollen MDs dazu animiert werden, ihre Zeit in die Bewertung von Fällen zu investieren, bei denen sie tatsächliche Erfahrungen und/oder Kompetenzen mitbringen. Ein Leaderboard dient dazu, den Wettbewerb der MDs zu erhöhen und sie anzuspornen, zutreffende Diagnosen zu stellen.

Das Konzept von CrowdMed kann noch so großartig und durchdacht klingen: Es steht und fällt mit der Frage, ob es wirklich funktioniert. Ob also die eingebauten Mechanismen ausreichen, um Patienten stimmige Diagnosen zu präsentieren. Niemand will 200 Dollar zahlen, um anschließend fälschlicherweise erfahren zu müssen, dass die Crowd ein Krebsleiden für wahrscheinlich hält. Laut GigaOm gelang es den MDs in Kombination mit der CrowdMed-Technologie in 20 Testfällen, jeweils die korrekte Diagnose zu stellen.

Das Gesundheitswesen ist eines der Felder, welches zwar bisher von der Digitalisierung noch vergleichsweise unangetastet blieb, aber prädestiniert dafür ist, durch das Netz gehörig umgekrempelt zu werden. Die hohen Kosten und der chronische Mangel an Ärzten verlangen nach neuen Ansätzen, um mehr Menschen eine adäquate Gesundheits- und Krankenversorgung zu bieten. Manche Visionäre gehen davon aus, dass Technologie eines Tages 80 Prozent aller Ärzte ersetzen wird. CrowdMed macht sie nicht überflüssig, sondern unterstützt sie dabei, in unklaren Fällen die richtigen und vor allem wirksame Behandlungsmaßnahmen zu wählen - WENN der Dienst skaliert. Gelingt dies, dann könnte er das heutige Gesundheitswesen verändern. /mw

Kommentare

  • hennes mauritius

    01.05.13 (14:54:53)

    Was viele nicht verstehen, ist, dass Medizin 1. keine exakte Wissenschaft ist, sondern es immer nur um Wahrscheinlichkeiten geht, dass 2. Klinische Symptome immer nur mehrere Verdachtsdiagnosen liefern können und 3. die finanziellen Mittel nicht reichen, um alle theoretisch denkbaren Differentialdiagnosen bei allen Patienten abzuklären, die mit irgendwelchen Promille-Wahrscheinlichkeiten vorliegen könnten. Insgesamt sind medizinische Diagnosen auch viel simpler als man immer so denkt und die therapeutischen Möglichkeiten sind auch deutlich beschränkter als viele sich vorstellen. Infolgedessen kann die Plattform bei Standarddiagnosen keinen Mehrwert liefern und bei sogenannten "Zebra"-Diagnosen (selten) wird sie nicht über das nötige Fachwissen verfügen. Es bleiben sehr wenige Fälle übrig, wo die Plattform irgendeinen Mehrwert liefern kann und die werden nicht zum Skalieren reichen. (Nebenbei ich bin Arzt)

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