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06.10.11

du.sagst.es: Ein "Geschmackstwitter" mit einem Hauch von Amen

Bei dem jungen Berliner Dienst du.sagst.es drücken Nutzer in zehn Kriterien aus, welche Dinge sie zum aktuellen Zeitpunkt positiv bewegen. So lassen sich Personen mit geschmacklichen Übereinstimmung finden und sinnvolle Impulse erhalten.

 

Amen hat den wahrscheinlich am meisten kontrovers diskutierten Startup-Launch dieses Jahres hingelegt. Nicht jeder kann mit den auf der seit gestern ohne Einladung zugänglichen Site publizierten strukturierten Meinungsäußerungen etwas anfangen. Die erfolgreiche PR-Strategie des Berliner Jungunternehmens sorgte deshalb für einige Irritationen.

Man darf daher gespannt sein, was Amen-Kritiker (und -Anhänger) von du.sagst.es halten werden, einem ebenfalls aus Berlin stammenden jungen Onlineservice, der zwar einen konzeptionell etwas anderen Ansatz wählt, aber ein Amen vergleichbares Ziel verfolgt: eine semantische Meinungs- und Empfehlungsplattform mit kombinierten Suchmöglichkeiten, die durch die Filterarbeit der Nutzer ermöglicht werden.

Stehen bei Amen absolut positive oder negative Aussagen im Vordergrund ("ist das Beste" oder "ist das Schlechteste"), setzt das trotz seines deutschsprachigen Namens nur auf Englisch angebotene du.sagst.es ausschließlich auf "Lieblingsprädikate", und zwar zehn davon: Herz des Browserdienstes ist ein Lückentext rund um persönliche Präferenzen, den Nutzer im Idealfall stetig aktuell halten.

du.sagst.es will dabei wissen, welches Buch Anwender gerade lesen, von welchem Musikstück sie momentan nicht genug kriegen können, welcher Film ihnen zuletzt richtig gut gefallen hat, welches Produkt sie zur Zeit besonders im Auge haben und wer (derzeitiges) Idol ist (heute auf meinem Profil wenig verwunderlich Steve Jobs). Jedes Mal, wenn User eine Änderung vornehmen, erscheint diese in ihrem von anderen Anwendern abonnierbaren Stream.

du sagst.es-Macher Paul Solbach, der den Dienst einst mit der Vision eines "Geschmackstwitter" alleine aus der Taufe gehoben hat - und zwar bevor das erste Mal von Amen die Rede war - sieht in seinem gewählten System einen großen Vorteil gegenüber dem Konkurrenten: "Im Gegensatz zu Ideen wie Amen haben die Anwender bei du.sagst.es einen echten Nutzen - sie finden auf einer relativ anonymen Plattform Menschen mit geschmacklichen Entsprechungen und erhalten sinnvolle Impulse."

Durch die zehn sehr disparaten Statements lässt sich innerhalb weniger Sekunden ein erster Eindruck vom allgemeinen Charakter eines anderen Nutzers machen. Gefällt einem, was man liest, und rechnet man sich hilfreiche Inspirationen für die Zukunft aus, kann man ihm oder ihr folgen.

Ähnlich wie Amen richtet sich auch du.sagst.es zumindest zu Beginn an eine urbane, international eingestellte und kreative Zielgruppe. Diese wird mit einer betont bunt-kitschigen Aufmachung begrüßt, die erkundet werden will - und muss. Denn die Funktionweise wird nicht auf den ersten Blick verständlich (zumindest nicht ohne dass man zuvor einen Artikel wie diesen gelesen hat). Auch das laut FAQ 156 Jahre alte Maskottchen Betty, das einem auf jeder Seite in die Augen schaut und einen jungen Kanye West in den Armen hält, ist da keine große Hilfe.

Was die semantische Verknüpfung der von Anwendern eingetragenen Lieblingsobjekte betrifft, befindet sich Gründer Solbach noch in den Anfängen. Eine Suchefunktion existiert zwar schon, allerdings verweisen sämtliche Objekte auf Google. An einem Feature für automatische Vorschläge bei der Eingabe sowie konsolidierte Objektprofile sei er dran, so Solbach.

Bei Amen lag das anfängliche Suchtpotenzial darin, noch nicht existierende Meinungsaussagen anzulegen und dafür Punkte einzustreichen. Nach einigen Tagen verspürte ich eine gewisse Ermüdung, und zumindest in letzter Zeit schaue ich nur noch selten bei Amen vorbei.

du.sagst.es fehlt die Interaktion mit anderen Usern und der durch Aktivitätspunkte geschaffene Gamification-Effekt. Der Mehrwert liegt dagegen im mit Empfehlungen der abonnierten User gespickten Stream sowie in der Möglichkeit, durch das Ausfüllen und Aktualisieren des Lückentextes Statements über persönliche Highlights abzugeben (ein Widget wäre hier sicherlich praktisch). Beide Aspekte besitzen eher Langzeit-Charakter, entwickeln sich also im Laufe der Nutzung.

Bei du.sagst.es handelt es sich um ein interessantes Experiment, dessen Ausgang schwer zu prognostizieren ist. Gleiches gilt natürlich auch für Amen. Mein Eindruck ist aber, dass sich Nutzer von du.sagst.es weniger häufig die Frage stellen werden, was sie da eigentlich machen.

Link: du.sagst.es

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