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01.08.12

Drohende Machtverschiebung: Twitters Entwicklung muss Facebook Kopfschmerzen bereiten

Facebook muss sich neu erfinden, um seine Stellung als führendes soziales Netzwerk zu behaupten. Doch dies ist ein kompliziertes Unterfangen. Unterdessen sitzt Twitter dem Dienst im Nacken.

Facebook befindet sich an einem äußerst kritischen Punkt. Zwar nähert sich die Zahl aktiver Nutzer laut jüngsten Unternehmensangaben mit 955 Millionen der magischen Milliardenmarke, doch in immer mehr Ländern stößt das soziale Netzwerk an eine Sättigungsgrenze. Die Folge: Das Anwenderwachstum verlangsamt sich, mitunter verlassen sogar mehr Mitglieder den Dienst, als neue hinzukommen. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz und in den USA sind derartige Tendenzen erkennbar. Diese Entwicklung kommt weder überraschend, noch ist sie für das jetzt börsennotierte Unternehmen ein Drama - schon weil es neben dem Social Network auch als soziale Plattform für große Teile des kommerziellen Internets verankert ist. Doch sie signalisiert den Eintritt in eine neue, heikle Phase des Produktlebenszyklus - eine, die von zunehmender Unzufriedenheit der Anwender, immer aggressiveren Vorstößen, einem in den Keller rutschenden Aktienkurs und dem Druck geprägt ist, neue Umsatzquellen zu erschließen und endlich zuverlässig sprudelnde, hohe Gewinne zu produzieren. Hinzu kommt, dass die Benutzeroberfläche und Struktur von Facebooks Desktop-Angebot nach all den Jahren trotz einiger tiefgreifender Überarbeitungen niemanden mehr vom Hocker reißt - von der seit jeher wenig beeindruckenden mobilen Oberfläche ganz zu schweigen.

Facebook steht unter bisher nicht gekanntem Druck

Möchte der kalifornische Internetkonzern seine führende Stellung als Social-Networking-Destination auch künftig behalten und sich nicht allein auf seine Rolle als Identitätsanbieter und soziales Webbetriebssystem für externe Sites beschränken, muss es sich neu erfinden. Zwar hat die Vergangenheit gezeigt, dass Facebook ein Meister des Durchsetzens zu Anfang unbeliebter Veränderungen ist. Allerdings agierte es dabei stets präventiv und somit ohne Druck. Jetzt jedoch hat es einen Punkt erreicht, an dem viele Anwender bewusst erkennen oder unbewusst fühlen, dass sie das bisherige Angebote nicht mehr so zufriedenstellt und unterhält und wie einst. Dadurch entsteht eine öffentliche Erwartungshaltung, die durch die aus dem Börsengang resultierende Notwendigkeit, künftig alle drei Monate glänzende Geschäftszahlen vorlegen zu müssen, noch an Brisanz gewinnt. Diesem Druck standzuhalten, ist nicht unmöglich, aber eine für das Unternehmen mit Sitz in Menlo Park und seinen jungen CEO Mark Zuckerberg bisher einzigartige Herausforderung.

Viele hundert Facebook-Entwickler, -Designer und -Produktmanager werden in diesen Tagen fieberhaft an der nächsten Generation des sozialen Netzwerks arbeiten, so viel ist sicher. Doch auch eine aufsehenerregende, die künftige Ausrichtung des Unternehmens beeinflussende Übernahme ist angesichts der brenzligen Situation nicht auszuschließen. Bisher fiel Facebook vor allem durch so genannte Talentakquisitionen auf, bei denen nicht die aufgekauften Services im Mittelpunkt standen, sondern ihre Gründer und Teams. Eine Ausnahme bildete die Übernahme von Instagram - deren Zweck war nicht nur die Rekrutierung der Macher der beliebten Foto-Applikation, sondern auch, die Entstehung eines potenziellen Kontrahenten oder die Übernahme durch einen Wettbewerber zu verhindern. Strategisch ist es für Facebook aus heutiger Sicht wenig sinnvoll, Instagram eigenständig weiterzuführen - eine Abwicklung allerdings würden 80 Millionen Instagram-Mitglieder dem blau-weißen sozialen Netzwerk sehr übel nehmen. Zu viele, um einen derartigen Schritt zu vollziehen.

Twitters Lage ist trotz Kritik komfortabler

Einen weiteren derartigen Stein wird sich Mark Zuckerberg nicht ans Bein binden wollen. Dennoch kann er nicht einfach dabei zusehen, wie andere Internetfirmen sukzessive in der Wahrnehmung der breiten Masse an Bedeutung gewinnen und sich genau in dem Segment festsetzen, das gemeinhin als Facebooks Achillesferse gilt, nämlich Mobile. Die zwei größten Kandidaten, auf die eine derartige Beschreibung zutrifft, sind foursquare und Twitter. Beide Services legen ihren Schwerpunkt auf das mobile Benutzererlebnis und bieten dafür solide Angebote. Gerade für Twitter läuft es entgegen der Wahrnehmung in Early-Adopter-Kreisen und trotz so mancher ungeschickter Fehltritte derzeit recht gut: Die vor einigen Jahren eingeschlagene Strategie des "Walled Garden" mag zwar kurzsichtig sein und frühe, auf Offenheit schwörende Nutzer vergraulen, kommt aber beim Internetmainstream an. Twitters Nutzerzahlen wachsen stabil, und allein die Tatsache, dass mittlerweile selbst im Bundestag das Zwitschern zum guten Ton gehört, belegt, dass die Zeiten des Dienstes als Nischenanwendung für Geeks vorüber sind - selbst wenn sich Deutsche beim Twittern noch zurückhalten. Konzeptionell und funktionell verwandelt sich Twitter derzeit vom einstigen 140-Zeichen-Dienst hin zu einer Kommunikations-, Informations- und Medienplattform - und rückt damit zwangsläufig Facebook auf die Pelle. Gleichzeitig scheint sich Twitters Werbegeschäft besonders im mobilen Bereich positiv und besser als bei Facebook zu entwickeln.

Man muss sich nicht weit aus dem Fenster lehnen, um festzustellen, dass Twitters derzeitiger Aufstieg Facebook überhaupt nicht gefallen kann. Lange hat es gedauert, aber das deutlich agilere, nicht von den Launen der Börse getriebene Twitter mausert sich momentan zu einer echten Bedrohung für Facebook. Was die Frage aufwirft, wie dieses angesichts seiner kritischen Lage darauf reagiert.

Laut dem jüngsten Quartalsbericht beläuft sich der Wert von Facebooks Barreserven und börsenfähigen Wertpapieren auf insgesamt 10,2 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa der kolportierten Bewertung von Twitter. Eine Übernahme des Zwitscherdienstes erscheint damit fast zu teuer, zumal auch andere Kaufinteressenten existieren, was den Preis in die Höhe treibt. Zudem wirkt eine Fusion beider Dienste schon rein praktisch kaum durchführbar - es sei denn, Facebook macht aus der Not eine Tugend und entschließt sich, verschiedene Angebote im Sinne der Risikostreuung relativ unabhängig voneinander weiterzuführen, mit einem einheitlichen Login auszustatten und im Paket zu vermarkten.

So unwahrscheinlich ein Merger auch klingen mag, so drängend ist für Facebook die Frage, wie es in seiner heute deutlich verletzlicheren Situation mit einem erstarkenden Twitter umgehen soll. Und wie es gelingt, die 950 Millionen aktiven Anwender wieder in Begeisterung zu versetzen. Die habe zumindest ich beim Besuch von Facebook schon sehr lange nicht mehr gespürt. Ihr?

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