<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

04.12.12

dotdotdot: Alle digitalen Texte an einer Stelle

In der Post-PC-Ära steigt der Anspruch der Nutzer an die Präsentation von und den Umgang mit digitalen Texten. Das Berliner Startup dotdotdot will sich mit seiner iPad-App und dazugehörigen Browserversion als Dreh- und Angelpunkt rund um "Long Form Reading" und generell alle Arten lesenswerter Inhalte etablieren.

Lange Zeit war das Erscheinungsbild von digitalen Onlinetexten, die von Nutzern auf den Bildschirmen von Desktop-PCs und Notebooks abgerufen wurden, eine allgemein vernachlässigte Komponente. Die wenigsten Menschen hatten Lust, länger als notwendig am Schreibtisch zu verharren und angestrengt auf das mitunter nicht gerade augenfreundliche Display zu starren. Im Vordergrund stand nicht der Lesespaß, sondern der effektive Konsum von Informationen. Mit dem Aufkommen von Tablet-PCs verändern sich die Vorzeichen. Plötzlich empfinden Nutzer Freude daran, Stunden in bequemer Haltung im Sessel, auf dem Sofa oder in der Hängematte das Web nach lesenswertem Content zu durchforsten. Sowohl die Zeit, die sie in den Konsum von digitalen Texten investieren, als auch ihre Ansprüche an die Präsentation der Inhalte steigen.

"Long Form Reading" und "Distraction Free Reading" heißen die zwei wichtigsten Trends, die sich aus diesem Paradigmenwechsel ergeben. Texte, sofern sie qualitativ überzeugen, inspirieren und neues Wissen vermitteln, dürfen ruhig mal länger sein, müssen von der Formatierung her aber an die Bedienungsmuster von berührungsempfindlichen Tablets angepasst sein, ohne durch allerlei blinkende Banner und Grafiken abzulenken. Nicht mehr allein die Informationen stehen im Vordergrund, sondern auch emotionale Faktoren. Mit dotdotdot ist derzeit ein Berliner Startup dabei, einen zentralen Ort zu schaffen, an dem iPad-Nutzer sämtliche ihrer digitalen Lesebedürfnisse stillen können. Momentan läuft die geschlossene Beta-Phase, wer an einer Einladung interessiert ist, findet dazu am Ende des Artikels Details. "Your place for long-form-reading", so der unmissverständliche Slogan des von Thomas Weyres, Christian Klingler, Christian Beer und Thomas Schinabeck gegründeten Jungunternehmens, das in seiner jetzigen Form sowohl eine App für das Apple-Tablet als auch eine Browserversion anbietet. Letztere spielt jedoch eine untergeordnete Rolle. Der eigentliche Konsum der über dotdotdot abgerufenen Inhalte geschieht idealerweise in der iPad-Anwendung.

dotdotdot will es Usern ermöglichen, sämtliche digitalen Inhalte über ein einheitliches, elegantes, lesefreundliches und mit sozialen Funktionen angereichertes Interface zu konsumieren. Die App erlaubt das Abrufen von RSS-Feeds aus dem Google Reader, den Upload lokal gespeicherter E-Books im ePub-Format, den Import von E-Books oder Textdokumenten aus Dropbox, das Stöbern in freien E-Book-Archiven sowie den Import von einer Website oder konkreten URL. Zusätzlich lassen sich sämtliche frei online verfügbaren Inhalte einsehen, die von abonnierten dotdotdot-Nutzer gelesen werden. Eine Browser-Erweiterung, um auf auf dem Desktop-PC oder Notebook geöffnete Artikel zu dotdotdot für späteres Lesen zu holen, sowie eine kuratierte Auswahl empfehlenswerter Long-Form-Artikel komplettieren das Arsenal an Contentwerkzeugen.

Egal aus welcher Quelle ein Text stammt, so wird er in der dotdotdot-iPad-App in ansehnlicher, großbuchstabiger, in verschiedene Seite aufgeteilter Form präsentiert, auf denen sich per dem Blättern in einem Buch nachempfundener Wischgeste navigieren lässt. Die Notwendigkeit zum Scrollen entfällt. Zitate, Absätze oder Textpassage lassen sich mit Notizen versehen, verschlagworten oder per Mail, Twitter und Facebook empfehlen. Sämtliche durchgeführten Aktivitäten landen im persönlichen Stream, der von den eigenen Followern einsehbar ist und ihnen als Empfehlung und Diskussionsgrundlage dienen soll.

Indem Anwender Inhalte bei dotdotdot importieren, verschlagworten und kommentieren, bauen sie sukzessive ein digitales Textgedächtnis auf, welches sich nach Tags oder einzelnen Stichwörtern durchsuchen lässt. Steht bei dem Service vor allem der Lesegenuss im Vordergrund, eignet er sich speziell aufgrund dieser Funktionalität auch für Recherche- und Studienzwecke. Mit etwas Glück wurde ein zu dotdotdot geladenes Fachbuch oder wissenschaftliches Stück bereits von anderen Usern von vorne bis hinten durchgelesen. Ein Blick auf die Hervorhebungen und Kommentare dieser fördert dann womöglich Zusammenhänge und Details zu Tage, die eine vollständige Auseinandersetzung mit dem Werk erübrigen. Ein anderes Einsatzszenario, für das sich dotdotdot eignet, ist das kollaborative Durcharbeiten eines Buches im Team. Wenn vier Projektmitglieder jeweils ein Viertel eines E-Books durcharbeiten und mit Notizen und Anmerkungen versehen, sparen alle Zeit.

Wer sich zu Anfang des Artikels noch gefragt hat, wo der Unterschied zwischen dotdotdot und anderen Apps aus dem "Besser-Lesen"-Segment liegt, wird ihn mittlerweile vermutlich erkannt haben: Wo Instapaper, Pocket (ehemals Read it Later), Readmill und Quote.fm jeweils einzelne Segmente des digitalen Textkonsums abdecken, positioniert sich dotdotdot als Generalist, bei dem die traditionelle Unterscheidung von Texten abhängig vom Trägermedium in den Hintergrund tritt. Die Logik dahinter leuchtet ein: Im digitalen Zeitalter entfällt die ein Relikt aus analogen Zeiten darstellende Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen einzelnen Texttypen. Die Übergänge zwischen Blogbeitrag, Nachrichtenartikel, journalistischer Reportage, Long-Form-Artikel und Buch sind fließend. Im Endeffekt spielt die Bezeichnung für Leser auch gar keine Rolle, solange sie ihr jeweiliges mit einem Text verbundenes Bedürfnis befriedigen können.

Die Herausforderung des Ansatzes, das gesamte mit dem individuellen und kollaborativen Lesen zusammenhängende Funktionsspektrum anzubieten, liegt in der dadurch entstehenden Komplexität. Die Verankerung des dotdotdot-Teams im Design- und Usability-Bereich stellt eine gute Voraussetzung dafür da, dass die richtigen Stellstrauben identifiziert werden, um einerseits das Versprechen einer ultimativen Lesezentrale erfüllen zu können, und andererseits User nicht mit einem "Feature-Overload" zu erschlagen. Der RSS-Reader etwa präsentiert sich vergleichsweise karg, alles andere wäre aber nicht klug. Eine Idee ist hier, sich ein zweites Google-Reader-Konto zuzulegen und in diesem lediglich eine handvoll Quellen für ausgezeichneten Long-Form-Content zu abonnieren, den man dann in einem entspannten Augenblick über dotdotdot liest. Oder die Hauptstädter integrieren eine Option, um nur einen einzelnen Feed-Ordner aus dem Google Reader zu berücksichtigen.

dotdotdot-Geschäftsführer Thomas Schinabeck unterstreicht im Gespräch, dass sich das Startup, dessen Idee 2011 als Studienprojekt entstand, in einer frühen Entwicklungsphase befindet und noch nicht den Anspruch erreicht hat, den die Macher an ihr Produkt stellen. Insofern ist in den nächsten Wochen und Monaten ausgehend vom Feedback der Beta-Tester, unter ihnen überdurchschnittlich viele Designer und Grafiker, noch mit allerlei Optimierungen und Modifikationen zu rechnen. Details zum geplanten Geschäftsmodell verrät er noch nicht, aber der Vertrieb von digitalen Texten gehört zu den offensichtlichen Erlösquellen. Das finale Ziel von dotdotdot sei es, das Publizieren fair und einfach zu gestalten, ist es in der Selbstbeschreibung des Unternehmens zu lesen. Um da hin zu gelangen, ist in einer durch das Wegbrechen alter Geschäftsmodelle, modernisierungswürdige Urheberrechtsfragen und eine generelle Orientierungslosigkeit vieler Akteure gekennzeichneten Branche ein langer Atem erforderlich. Eine Finanzierungsrunde von noch nicht offiziell verkündeten Investoren liefert vorerst die erforderlichen Mittel.

dotdotdot stellt Leserinnen und Lesern von netzwertig.com 20 Einladungen zur geschlossenen Beta-Phase bereit. Die ersten 20, die einen entsprechenden Kommentar unter Angabe einer gültigen E-Mail-Adresse im dafür vorgesehenen Feld hinterlassen, sind dabei.

Nachtrag: Die Einladungen sind weg.

Link: dotdotdot

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer