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27.09.08

Dokusoap: Das ZDF und seine Internet-Babys

Robin Meyer-Lucht hatte 2007 natürlich völlig recht, als er - im Gegensatz zur vereinten Verlegerschaft - die Öffentlich-Rechtlichen vollumfänglich im Internet vertreten sehen wollte. Ob er sich allerdings unter der gleichfalls geforderten Kontrolle so etwas vorstellte, wie es noch heute in dieser Babyklappe des ZDF abläuft, das wage ich dann doch zu bezweifeln:

"Die Doku-Soap erzählt von bewegenden, glücklichen und aufregenden Momenten rund um die Geburt - Geschichten über Frauen und Männer, die sich auf das Abenteuer Kind einlassen."

Seit einigen Jahren schon featured der Sender das Sendeformat der 'Babystation' - mit anderen Worten, er wirbt dank elternaffiner 'Homestories' und mit niedlichen Babybildchen für das Perinatalzentrum der privaten Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona. Allen voran und immer vor Ort "ZDF-Reporter" Christopher Butt, ein Dienstleister für freundlich-mundgerechte Interviews, journalistisches Talmi und verbalen Glasperlenhandel.

Natürlich habe ich keinerlei Verträge zwischen Sender und Drehort in der Hand gehabt, ich weiß noch nicht einmal, ob es überhaupt welche gibt, ich kann mich daher mit meiner Einschätzung schlicht nur an die Tonality dieser sendungsbegleitenden Texte halten, die von derjenigen eines durchschnittlichen Werbeprospektes in der Gesundheitsindustrie nicht um ein Jota zu unterscheiden ist. Ich weiß, dass ZDF-Journalismus so nicht klingen sollte, nämlich in jeder einzelnen Zeile nach dem großen Euphemismus(sau)treiben der Public Relations. Kritik oder Recherche sind hier nur noch in homöopathischen Dosen und allenfalls aus kosmetischen Gründen enthalten. Wer diesem, meinem meinungsfrohen Indiziennachweis nicht glauben mag - der soll hier mal ein wenig Butt'schen ZDF-O-Ton verkosten. Wenn ihm dann nicht 'Hipp' oder 'Alete' zumute wird, dann weiß ich auch nicht:

"Das Perinatalzentrum der AK Altona

Eine junge Klinik mit besonderer Philosophie
Im vergangenen Jahr erblickten 2600 Säuglinge das Licht der Welt in der AK Altona - der größten Geburtenklinik Norddeutschlands. Die technische Ausstattung ist hervorragend, das medizinische Niveau hoch, aber die Ärzte, Hebammen und Schwestern bieten mehr: persönlichen Service. ... Prof. Dr. Volker Ragosch ... und sein Team wollen nicht nur medizinische Versorgung erster Güte bieten, sie sehen sich auch als Dienstleister - der Patient ist gleichzeitig Gast. ... Prof. Dr. Volker Ragosch legt Wert auf eine angenehme Atmosphäre. Wohlfühlen wird großgeschrieben. ... Die Mitarbeiter bemühen sich, den werdenden Eltern und jungen Familien eine angenehme Atmosphäre zu bieten. "Geburten sollen Spaß machen", so das Credo Prof. Dr. Ragoschs und seines Teams - was sich darin zeigt, dass die Räume so wenig wie möglich an ein tristes Krankenhaus erinnern sollen. Stattdessen soll die Atmosphäre hell und freundlich sein. ...

So also rappelt und 'bankhofert' dieser Text merkbefreit und werblich vor sich hin, der doch vorgeblich den öffentlich-rechtlichen Standards des ZDF im Internet entsprechen sollte, dessen Produzent ein gebührenfinanzierter Sender ist, der an den Qualitätsjournalismus glaubt und der an hohen Festtagen unverdrossen für öffentlich-rechtliche Standards im Journalismus zu stehen meint, dessen faktischer Inhalt allerdings ebenso unverändert auch auf der Homepage des privaten Klinikbetreibers höchstselbst stehen könnte.

Für mich jedenfalls klingt alles so, als wäre auf diesem ZDF-Portal einem Dritten die Möglichkeit eingeräumt worden, eine bzw. mehrere 'Produktseiten' mit Selbstlob ohne lästige Konkurrenz füllen zu dürfen, vielleicht als Dank für Drehtermine zu einer DokuSoap, wie sie die Privaten nicht tiefgelegter hätten produzieren können. Sollte ich mich irren, möge mich das ZDF eines Besseren belehren. Das aber wäre vermutlich eine " gewaltige Aufgabe ", die sogar 'das Zweite' am Ende überfordern könnte:

"Unter den Hebammen der Perinatalstation ist Birgit Buchloh das Organisationsgenie. Derzeit beaufsichtigt sie den Umbau der Kreißsäle, der während des Betriebs stattfindet - eine gewaltige Aufgabe, die logistisches Können erfordert."

Die verlangte Kontrolle des Treibens der Öffentlich-Rechtlichen im Internet übrigens, von der Meyer-Lucht oben sprach, die findet dann doch statt. Allerdings keinesfalls im Journalismus oder in den Altmedien. Hinweise auf die Online-Ausflüge des ZDF in die weite Welt der Public Relations, die finden sich nicht bei der Zellulosefraktion oder den Blinkyblinkies des Vorabendprogramms, sondern nur auf den Seiten der Blogger, so auf den Nachdenkseiten oder bei Lanu ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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