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19.05.09

Disruptives Internet: Vier Geschäftsfelder, die bald Geschichte sind

2009 wird auch dem Letzten klar, welche grundlegenden Veränderungen das Internet auf nahezu alle Bereiche des Alltags hat. Nicht nur die momentan im Rampenlicht stehende Musik-, Zeitungs- und Buchbranche ist betroffen. Hier kommen vier weitere Beispiele für Geschäftsfelder, die es schwer haben werden.

FestnetztelefonIch weiß nicht, wie häufig das Wort "disruptiv" in unseren Blogbeiträgen der vergangenen Zeit gefallen ist. Vermutlich sehr oft. Nach vielen Jahren des Aufwärmens gelangt das Internet im Jahr 2009 endgültig zu Topform und lässt immer mehr Menschen erkennen, wie grundlegend und langfristig die Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft, Medien und Politik eigentlich sind. Geschäftsmodelle werden in ihren Grundfesten erschüttert, über viele Dekaden hinweg erfolgreiche Praktiken und Verfahren kurzum durch neue ersetzt.

Das Dilemma einiger besonders von diesen Umwälzungen betroffener Branchen ist seit langem bekannt. Die Diskussionen über die Zukunft der Musikindustrie oder der Zeitungs- bzw. der Verlagsbranche halten an. Auch die Marketing- und Werbewelt ist betroffen. Lineares Fernsehen kommt momentan noch glimpflich davon, dürfte aber angesichts eines rapiden Anstieg des Videokonsums im Web und dem zunehmenden Wunsch der Zuschauer nach zeitungebundener Nutzung auch irgendwann in die Bredouille geraten.

Die disruptive Kraft des Webs beschränkt sich nicht nur auf diese Handvoll von Bereichen und Industrien, deren Zukunft derzeit hier und an vielen weiteren Stellen im Netz heiß debattiert wird. Zahlreiche andere Geschäftsmodelle bzw. Tätigkeitsfelder werden in den kommenden Jahren durch die Allgegenwärtigkeit und Kraft des Internets auf eine Existenzprobe gestellt. Die Chancen, diese Probe zu bestehen, sind minimal. Hier kommen vier teilweise recht offensichtliche, aber in der Diskussion gerne vernachlässigte Beispiele:

Festnetztelefonie:

Skype, der beliebte VoIP-Dienst mit mehr als 400 Millionen Nutzern, wickelt bereits acht Prozent aller internationalen Telefongespräche ab. Telefonie über die weltweite Datenautobahn ist nicht nur billiger, sondern bietet in vielen Fällen mehr Komfort und Funktionalität als Gespräche über das herkömmliche Festnetz. Seit 2004 ist die Festnetznutzung sowie die Anzahl der entsprechenden Anschlüsse in Deutschland rückläufig. Parallel erfreut sich VoIP steigender Beliebtheit . 3,7 Millionen Haushalte telefonierten im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik über das Internet, so der Telekommunikationsverband Bitkom.

Langfristig ist zu erwarten, dass das Festnetz und damit eine komplette physische Infrastruktur überflüssig wird. Gespräche laufen dann über (größtenteils mobile) Datennetze. Bei Telekommunikationsanbietern wird man sich bereits jetzt Gedanken darüber machen, wie man das Wegbrechen der Festnetzerlöse kompensieren will. Und was mit all den nutzlosen Telefonleitungen geschehen soll.

SMS:

Kurznachrichten per Handy sind die Cash Cow der Mobilfunkbetreiber. Die für die Telkos durch den Versand anfallenden Kosten könnten geringer kaum sein. Abgerechnet werden sie den Kunden aber teilweise noch immer mit zweistelligen Centbeträgen - angesichts von 29,1 Milliarden verschickten SMS im letzten Jahr allein in Deutschland ein riesiges Geschäft für die Mobilfunker.

Lange allerdings werden diese sich nicht mehr über eine solch luxuriöse Situation freuen können. Schon heute ziehen Smartphone-Besitzer gerne die Kommunikation über E-Mail oder Social Networks den vergleichsweise teuren und in ihrer Zeichenlänge begrenzten SMS vor. Immerhin kostet dies außer dem - häufig im Vertrag inbegriffenen - Datenverkehr nichts. Das mobile Internet schafft 2009 endlich den Durchbruch, und damit auch die Kommunikation über das Datennetz.

Je mehr Menschen mit ihren Mobiltelefonen online gehen und somit auch unterwegs über Mail & Communities erreichbar sind, desto geringer der Bedarf, für zehn Cent eine SMS zu verschicken. In einigen Jahren dürfte die herkömmliche Kurznachricht einer aussterbenden Gattung angehören. Wirklich traurig sein muss man darüber nicht.

Briefpost:

Bis zum vollständigen Verschwinden der Briefpost wird sicherlich noch einige Zeit verstreichen. Doch geht es auch hier nur um das wann, nicht um das ob. Dass vor allem junge Leute privat so gut wie keine Briefe mehr verschicken, weiß jeder. Daran wird sich nichts mehr ändern. Gleichzeitig treiben Behörden und Unternehmen die Digitalisierung ihrer Verwaltungsprozesse voran. Zwar sind für viele offizielle Handlungen und Geschäftsvorgänge (in Deutschland) noch immer Briefform und Unterschrift nötig, doch ist hier für die Zukunft mit einer deutlichen Besserung zu rechnen.

Öffentlichen und privaten Organisationen hilft die digitale Abwicklung von Anliegen, Antragstellungen und Vertragsunterzeichnungen, Geld zu sparen. Verbraucher freuen sich über mehr Zeit und weniger Aufwand. Werden auch die entsprechenden rechtlichen Grundlagen (z.B. für Akzeptanz digitaler Unterschriften) geschaffen, könnte es bald fast nur noch Werbung sein, die unsere Briefkästen verstopft.

Synchronisierung:

Zugegeben: Dieser letzte Punkt ist weniger eine Tatsache als eher eine persönliche Hoffnung von mir. Jeder, der einmal für längere Zeit im Ausland gelebt hat und zurück nach Deutschland kommt, kennt das: Man schaltet den Fernseher ein und traut seinen Augen kaum, wie deplatziert und lächerlich die Synchronisierung von Filmen plötzlich auf einen wirkt. Was man zuvor als völlig normal aufgefasst hat, veranlasst einen nun zur Flucht (oder zum Umschalten).

Mit dem Web könnte die Synchronisierung irgendwann nicht mehr notwendig sein. Wer regelmäßig online ist, muss sich zwangsweise mit der englischen Sprache auseinandersetzten und verliert so mitunter die Furcht davor, diese auch aktiv einzusetzen. Gleichzeitig finden sich auf Videoportalen wie YouTube, Dailymotion oder Vimeo zahlreiche Clips, die nur auf Englisch verfügbar sind. Vergessen wollen wir auch nicht die zahlreichen "umstrittenen" Quellen, über die User Serien und neueste Blockbuster herunterladen - noch bevor überhaupt eine Synchronspur verfügbar ist.

In Ländern wie den Niederlanden, Dänemark oder Schweden wird außer Kinderfilmen gar nichts synchronisiert. Stattdessen gibt es Untertitel. Wer sich schon einmal darüber gewundert hat, warum Niederländer, Dänen oder Schweden so gute Englischkenntnisse mitbringen, hat hier die Antwort: Ab dem frühen Kindesalter werden sie an den Originalton herangeführt und entwickeln so schnell ein vertrautes Verhältnis zur englischen Sprache - im Zuge der Globalisierung wichtiger denn je und im Endeffekt ein Wettbewerbsvorteil für eine ganze Volkswirtschaft.

 

(Foto: Flickr/rudolf_schubaCC-Lizenz)

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