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23.03.09

Disruptionen und Redesigns: Facebooks verlorene Jugend

Facebooks neu strukturierte Homepage stösst fast universell auf Ablehnung. Der Kommentar dazu von Facebook-Chef Mark Zuckerberg? Wirklich coole Firmen hören nicht auf ihre Kunden.

Vor einigen Tagen strukturierte das weltweit grösste Social Network Facebook seine Homepage radikal um. Dass man sich dabei bei den kleineren Konkurrenten Twitter und FriendFeed mehr als nur ein paar Inspirationen geholt hat, ist offensichtlich. Die neue Einstiegsseite ahmt diese schnell wachsenden Dienste, die Facebooks Dominanz irgendwann bedrohen könnten, fast eins zu eins nach. Im Vordergrund steht nun ein endloser Strom von Statusmeldungen, nicht mehr der bisher ausgewogene Mix an verschiedenartigen Updates.

Die Reaktion der User war überwiegend negativ. Ob man das nun an den vielen negativen Kommentaren im eigenen Freundesnetz misst, an den schnell wachsenden Anti-Redesign-Gruppen oder an Umfragen: Etwa 90%-95% der Facebook-User scheinen das neue Konzept abzulehnen. Für Facebook ist diese Situation eigentlich nichts Neues: Jede grössere Änderung an Design und Features in den letzten Jahren wurde von Userprotesten begleitet. Doch selten waren die so heftig und überwiegend negativ wie jetzt.

Die Klatsch-Reporter von Valleywag lassen uns nun wissen , dass sich Zuckerberg bereits auch schon intern gegen Kritiker rechtfertigen muss. In einer internen e-Mail, so die typischerweise gut informierten Valleywag-Schreiber, hätte der Facebook-Chef seinen Glauben an die Notwendigkeit radikaler Änderungen formuliert: "Die disruptivsten Firmen hören nicht auf ihre Kunden." Die Echtheit dieser Äusserung ist durchaus glaubwürdig, da Zuckerberg schon früher oft ähnlich argumentiert hat.

Leider hat Zuckerberg das mit der Disruption aber wohl nicht so ganz richtig verstanden. Wer die Standardwerke zu disruptiver Technologie wirklich gelesen hat und nicht nur Buzzwords nachplappert, sieht schnell den Fehler in Zuckerbergs Denkweise: Erstens ist Facebook seit kurzem Marktführer in seiner Branche und damit per Definition kein Disruptor mehr. Marktführer können nur ihre Position verteidigen, nicht disruptiv wirken. Die eigentlichen Disruptoren sind jetzt Twitter, FriendFeed, Tumblr, Loopt und viele andere kleine Konkurrenten.

Zweitens ist es Blödsinn, dass disruptive Firmen ihre Kunden ignorieren. Im Gegenteil, sie hören sehr genau auf Kunden, nur eben nicht auf die gleichen wie der jeweilige Marktführer. Disruptive Firmen erschliessen sich neue Zielgruppen, bei denen noch Wachstum erzielbar ist. Da Facebook aber 175 Millionen registierte User hat, muss es sehr verschiedenartigen Ansprüchen gerecht werden, wenn es keine Kunden vergraulen will. In so einer Situation alle Feedbacks einfach zu ignorieren, weil man doch so gern disruptiv wäre, ist einfach nur dumm.

Es ist ziemlich klar, was da vor sich geht: Facebooks Management steckt in einer Identitätskrise. Die Firma ist rasant gewachsen, war aber seit der Gründung immer der schlaue, bewegliche Herausforderer, der gegen das bis vor kurzem noch übermächtig scheinende MySpace mit cleveren Innovationen antrat. Nun ist Facebook plötzlich das mit Abstand grösste Social Network, und das Managementteam hat offensichtlich seine Probleme, mit dieser neuen Rolle zurechtzukommen. Mark Zuckerberg wünscht sich die Zeit zurück, als seine Firma noch der Disruptor war, nicht der Disruptierte.

Nicht nur muss Facebook nun plötzlich seine Marktdominanz verteidigen, es muss auch noch mitansehen, wie plötzlich andere Startups als die wirklich coolen Innovatoren gelten. Für den erst 24jährigen Zuckerberg kommt diese Änderung viel zu früh in seiner Karriere. Hinzu kommt der Druck, endlich ein wirklich lukratives Businessmodell zu finden, denn Facebook erzielt noch lange nicht die Umsätze, die es angesichts seiner Stärke erzielen müsste.

Anders gesagt: Facebooks Marktanteil ist erwachsen geworden, sein Businessmodell steckt aber noch in den Kinderschuhen. Und sein Management versucht sich aus diesem Dilemma mit hektischen Innovationen zu befreien, kopiert aber in Wirklichkeit nur die echten Innovatoren.

Die Situation erinnert ein bisschen an Microsoft ca. 1995. Die Firma hatte damals gerade IBM vom Thron der Softwarebranche gestossen und sah sich nicht nur mit dieser neuen Führungsrolle konfrontiert, sondern auch mit einer neuen Innovationswelle: Dem Internet. Bill Gates reagierte nach anfänglicher Orientierungslosigkeit souverän, schwörte die ganze Firma auf eine neue Strategie ein und schaffte es schliesslich, Netscape und viele weitere disruptive Konkurrenten zu besiegen (wenn auch nicht ausschliesslich mit fairen Mitteln).

Der grosse Unterschied war aber, dass Microsoft damals schon ein sehr profitables Unternehmen mit vielen zahlenden Kunden war. Facebook hängt hingegen immer noch am Tropf seiner VC-Investoren, die angesichts der investierten Summen zunehmend nervös werden dürften. Unglaubliche 516 Millionen Dollar sind bis jetzt in Facebook investiert worden, und das Unternehmen verbrennt durch sein schnelles Wachstum weiterhin Geld in atemberaubender Geschwindigkeit.

Eine unangenehme Situation. Facebook hat seine Jugend verloren, aber erzielt noch nicht das Einkommen einer erwachsenen Firma.

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