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30.05.14Leser-Kommentare

Disruption um jeden Preis: Der Aufstieg der Aggro-Entrepreneure

Einige der mächtigsten Internetfirmen der Welt werden von egozentrischen, rücksichtslosen oder anderweitig "problematischen" Persönlichkeiten angeführt. Ihr gnadenloses Vorgehen tangiert Millionen Menschen.

Aggro-Entrepreneur

Viele der Technologieunternehmen, die mit Hilfe des Internets innerhalb weniger Jahre aus winzigen Ideen enorme Milliardenprojekte machen, beeinflussen durch ihre Dienste und die ausgelösten marktstrukturellen Veränderungen das Leben von Millionen Menschen, rund um den Globus. Diese Firmen schaffen Arbeitsplätze, sie zerstören aber auch Stellen (beim Wettbewerb). Sie nehmen Einfluss auf die Politik, beteiligen sich an Lobbyprojekten, kooperieren mit Behörden und Geheimdiensten und exportieren ihre firmeninternen Werte und Philosophien in Form von Richtlinien und Geschäftsbedingungen in die ganze Welt. Ein wenig sind diese Firmen wie globale Staaten. Wie Staaten mit autoritären Herrschern. Bei einigen der Unternehmenslenker handelt es sich um Personen mit zweifelhaften Charakterzügen. Etwa Travis Kalanick, der Gründer des Beförderungs-Startups Uber. Mit bis zu 17 Milliarden Dollar oder mehr wird das Unternehmen aus San Francisco bewertet . An der Spitze steht mit Kalanick ein Mann, den Personen, die ihn getroffen haben, hinter vorgehaltener Hand gerne als "Arschloch" bezeichnen - ein "Kompliment", das er gerne und ungeniert zurückgibt. Gemäß Berichten zeichnen ihn extremer Siegeswille, eine erhebliche Angriffslust und ein unbremsbares Ego aus. CNN beschreibt ihn als "Rebell" und "Badass" (zu Deutsch etwa "harter Hund"). Ein Rücksichtsvolles Verhalten ist von dieser Art Mensch nicht zu erwarten. Entsprechend aggressiv prescht er mit seinem Unternehmen voran, ob beim umstrittenen Model von nachfrageabhängigen Preiserhöhungen für Uber-Fahrten, bei Versuchen, Fahrer von konkurrierenden Diensten abzuwerben, oder bei keine Spur von Diplomatie beinhaltenden Prognosen zur Zukunft, in der Uber die "böse Taxibranche" mit selbstfahrenden Autos ausschalten möchte. "Die Welt ist nicht immer großartig", so Kalanicks nüchterne Botschaft an die Chauffeure des Unternehmens, die sich lieber nicht darauf einstellen sollten, für Dekaden für Uber hinter dem Steuer zu sitzen.

Ein anderer Erfolgs-CEO mit ähnlichen Persönlichkeitsmerkmalen ist Amazon-Chef Jeff Bezos: Ein brillianter, rücksichtsloser und siegessicherer Unternehmenschef, bei dem statt Blut "Eiswasser durch die Adern fließt". Gerade wurde Bezos vom Gewerkschaftsdachverband IGB zum schlechtesten Chef der Welt gewählt. Unter ihm zu arbeiten, egal ob im Lager oder am Schreibtisch, soll keine große Freude sein. Ohne Kompromisse ordnet Bezos das Wohl der Mitarbeiter dem der Kunden unter. Für den Onlinegiganten hat sich diese Strategie bisher ausgezahlt. Wer jedoch mit Bezos zusammenarbeitet, muss eine extrem dicke Haut besitzen.

Ob Snapchats Gründer Evan Spiegel auch die Merkmale eines eiskalten, egozentrischen Geschäftsmanns besitzt, ist nicht überliefert. Eine weiße Weste hat der 24-Jährige in jedem Fall nicht. Jetzt aufgetauchte E-Mails aus seiner Studentenzeit 2009 zeichnen das Bild eines unreifen Chauvinisten, der nichts anderes als Frauen, Partys und Drogen im Sinn hatte. Heute, fünf Jahre später, leitet dieser Mann einen besonders bei Jugendlichen beliebten Messaging-Dienst, für den Facebook drei Milliarden Dollar zu zahlen bereit war (Spiegel lehnte ab).

Als echter Archetyp für den ethisch fragwürdig, erbarmungslos und skrupellos agierenden Unternehmer dürfen selbstverständlich die Samwer-Brüder gelten. Oliver Samwer ist bekanntlich gar stolz darauf, der "aggressivste Mann im Internet" zu sein. Startup-Gründer, die sich plötzlich im Wettbewerb mit einem Unternehmen aus der Samwer-Sphäre wiederfinden, haben oft Schwierigkeiten, ihre Sorge über den bevorstehenden, womöglich unfairen Kampf zu verbergen. Das Klappern ihrer Zähne ist manchmal kaum zu überhören.

Um einen erfolgreichen Technologie-Konzern zu schaffen, muss man nicht unbedingt Attribute eines umstrittenen, selbstsüchtigen Menschenfeinds mitbringen. Über Mark Zuckerberg hat man abgesehen von seiner albernen ersten Visitenkarte wenig Derartiges gehört. Auch bei den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page handelt es sich, soweit das von den Medien gezeichnete Bild zutrifft, eher um ruhige, gewissenhafte Persönlichkeiten. Drew Houston von Dropbox oder Reed Hastings von Netflix haben ebenfalls nie mit persönlichen Allüren oder provokativen, respektlosen Aussagen auf sich Aufmerksam gemacht und trotzdem unternehmerisch brilliert. Steve Jobs dagegen passte gut in die Kategorie des harten, extrovertierten und unbarmherzigen Schinders. Allerdings kompensierte Jobs dies durch außerordentlich hohe Innovationsfähigkeit, Kreativität und seinen unbestrittenen Status als Visionär. Zudem stand bei Jobs weniger als bei den oben beschriebenen Männern die Destruktion bestehender Strukturen sondern die Schaffung von Neuem im Vordergrund.

Anders als in der Politik, wo gnadenlose, rücksichtslose und empahtieunfähige Personen (in gesunden Demokratien) eher schlechte Karten für eine politische Karriere haben, gibt es in der Wirtschaftswelt für diesen Typus Mensch viel zu holen. Neu ist das nicht. Doch durch die globale Vernetzung und die dadurch blitzschnell auszuführende Disruption existierender Märkte, haben die Handlungen dieser Aggro-Entrepreneure sehr viel weitreichendere Folgen. Indem sie Wirtschaftszweige auf der ganzen Welt ohne soziale Verantwortung, ohne Versuche von Diplomatie und ohne Verständnis für die durch sie ausgelösten Probleme auseinandernehmen, zwingen sie allen ihre Vorstellung des ungezügelten, keinen Raum für Menschlichkeit lassenden Turbokapitalismus auf.

Ein paar solcher Leute vertragen Volkswirtschaften. Doch was passiert, wenn sie Überhand nehmen? /mw

(Foto: Businessman breaking stone wall with karate punch, Shutterstock)

Kommentare

  • gis

    30.05.14 (11:10:42)

    Sorry, Martin, aber wer meint, mit 18 was anderes "als Frauen, Partys und Drogen im Sinn" gehabt zu haben, ist entweder gut im Verdrängen oder lügt bewusst. Also, werft den ersten Stein, ihr Philister!

  • jim

    30.05.14 (11:52:14)

    Leider ist es in dieser Welt nur noch mit so einem Verhalten möglich (ordentlich viel) Geld zu verdienen. Wenn es um Konkurrenz geht, sind auch Bedrohungen und Äußerungen wie "...Sie werden sich wünschen nie geboren worden zu sein, wenn..." an der Tagesordnung. Denn der Markt ist so unglaublich übersättigt das es nicht mal mehr (sinnvolle) Nischen gibt, die es zu besetzen lohnt. Ein solches Verhalten überträgt sich auch schon auf die "kleinen Fische". Viele Kunden in der Apotheke, Bäcker, Metzger etc. meinen mit Beleidigungen, lautem Schreien und zetern ihren falschen Standpunkt durchdrücken zu können. Selbst wenn dieser gesetzwidrig ist. Da wir mittlerweile auch unsere Jüngsten schon zu solchen "Bad Asses" erziehen - und das bereits im Kindergarten - möchte ich ehrlich gesagt nicht in so einer Zukunft leben wo solche Personen etwas zu melden haben.

  • Martin Weigert

    30.05.14 (12:23:08)

    Klar hat jeder in dem Alter "dumme" Dinge gemacht. Es gibt dafür aber verschiedene Arten. Hast du dir seine Mails angeschaut? Es ist unwahrscheinlich, dass er heute so viel reifer ist.

  • Berni

    30.05.14 (16:34:13)

    Herrschsüchtige Workaholics sind mir in Unternehmen, die Mehrwert schaffen hundert mal lieber als im Politikbetrieb. Dort ist man auch nicht weniger rücksichtslos, die schlechten Charakterzüge werden nur besser versteckt. - Eine Fähigkeit, bei der ich mir unsicher bin, ob sie die Gefährlichkeit der Personen tatsächlich reduziert. ..und nicht verschlimmert.

  • Matthias

    30.05.14 (17:19:53)

    Was für ein kreuzdämlicher Artikel.

  • qwertzman

    31.05.14 (03:02:09)

    Inwiefern bauen denn snapchat und Uber nicht etwas Neues auf? Das nennt man kreative Zerstörung und Strukturwandel, und das ist urbürgerlich. Wenn du etwas dagegen hast, bitte, im feudalistischen Buthan suchen die bestimmt noch Freiwillige um das Bruttonationalglück zu steigern ... uuups, die sind ja rassistisch und auch sonst so reaktionär. Tja...

  • m

    31.05.14 (08:16:48)

    Sie sind es, die das Spiel in Bewegung halten, Risiken auf sich nehmen, Neuland erschliessen. Sie werden gebraucht. Vielleicht werden wir das am eigenen Leib erfahren, wenn die Welt nur endlich komplett „weiblich“ geworden ist und somit zum Stillstand kam. Alles andere wirkt heutzutage ja so unmodern. ^^

  • gis

    31.05.14 (09:13:59)

    Der Mann ist knapp 24 und steckt damit voll in der Adoleszenz - was erwartest Du anderes? In Fällen wie Spiegel ist das Problem der Jugendwahn der Startup-Szene, die eben psychologisch gesprochen noch unreife Menschen an die Spitze katapultiert. Bei den anderen Beispielen, die ja doch schon etwas älter sind, denke ich, beschreibt der Psychologe Gerhard Dammann das "Problem" treffend: mit "stärker narzisstischen Persönlichkeiten [werden] oftmals Eigenschaften verknüpft, die sie in den Augen der Gefolgsleute geradezu prädisponiert für Führungseigenschaften erscheinen lassen: Initiative Begeisterungsfähigkeit, Energie, Charisma, Charme." [1] Kurz: Ohne psychopathologischen Symptome und Syndrome schafft man es selten an die Spitze, egal ob in Wirtschaft, Politik, Showbusiness oder Medien. [1] Gerhard Dammann (2007): Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage. Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirksames Management, Bern (Haupt), S 170.

  • Robert Frunzke

    03.06.14 (20:02:20)

    Ach, so ein paar Alpha-Tiere gehören einfach dazu. ich kann mir nicht helfen, aber all diese Verhaltensweisen sind doch einfach klassische Verhaltensweisen von Alpha-Tieren. Es ist der Wille zur Macht(!), der die Leute dazu führt, auch eben mal einen seltsamen Habitus an den Tag zu legen. Es ist das Ziel, was es zu erreichen geht, egal wie, egal wo, egal über welche Gräber man dazu laufen muss. Der jeweilige Habitus ist nur Mittel zum Zweck. So etwas muss eine Gesellschaft aushalten können. So etwas formt eine Gesellschaft, so etwas zeigt uns selbst doch erst auch auf, was geht, und was nicht geht... So What.

  • Robert Frunzke

    03.06.14 (20:07:30)

    Eines noch: Gesellschaft (und auch Wirtschaft) ist ein dynamischer Prozess, der von vielen Seiten beeinflusst wird. Wenn heute noch die scheinbar "aggressiven" Charaktere dieses System beherrschen, so werden morgen die Charaktere das System beherrschen, die eben jene studiert haben und ihre Schwächen durchschaut haben. Und danach komme wieder Andere...

  • Martin Weigert

    03.06.14 (22:31:33)

    Egozentrische Narzissten sind meines Erachtens nach etwas ganz anderes als Alpha-Tiere.

  • Michael

    04.06.14 (10:45:17)

    @Robert Frunzke: Eine Haltung ala “egal über welche Gräber man dazu laufen muss” ist faschistisch und wird auch von den hier beschriebenen Unternehmensführern so nicht eingenommen, wenn sie an Gesetze gebunden sind und abhängig sind von einem freiheitlichen Bild in der Öffentlichkeit. Wie auch an ihren schnellen Reaktionen auf kritische Medienberichte zu sehen.

  • Robert Frunzke

    06.06.14 (03:22:34)

    @Martin Weigert: "Egozentrische Narzissten" sind (IMHO) prädestiniert als Alpha-Tiere. Und, falls Du mir das nicht glaubst, dann lasse Dir bitte folgende Gedanken mal durch den Kopf gehen: Wie sollte eine Person ein Unternehmen aufbauen und führen können, in welchem es hunderte, tausende, vielleicht sogar zehntausende Untergebene gäbe, wenn diese Person keine Führungsqualitäten hätte? Wie ginge dies, wenn der "egozentrische Narzisst" nicht auch Alphatier wäre? @Michael: Ich habe in diesem einen Beisatz wohl ein klein wenig übertrieben. (Meine Entschuldigung hier gelöscht, weil unklar an wen die denn gehen müsste...). Praktisch machst Du aber zwei Fehler: 1. "faschistisch" ist kein Attribut, welches man einer beliebigen ungewollten These oder Meinung zuordnet, aber GENAU SO wird es fälschlicherweise ständig verwendet, wie auch von Dir... (wie in "alles, was ich mir nicht in den Kram passt ist faschistisch"). 2. Mit "[...] Wie auch an ihren schnellen Reaktionen auf kritische Medienberichte zu sehen." schaffst Du ein Oxymoron, welches konträr zur These des Artikels steht (Die egozentrische Narzissten werden hier plötzlich zu Charakteren, die eigentlich doch ganz anders sind, nämlich selbstlos, sozial beobachtend und reagierend...). Was seltsam ist, weil Du damit versuchst mein Kontra zur Artikel-These mit einem irgendwo sogar ähnlichen Kontra der These des Artikels zu widerlegen... Oder Du wolltest mich prinzipiell einfach nur widerlegen!? Ich dachte diese Phase hätten wir schon überwunden.

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