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10.08.12

Digitalkamera vs. Smartphone: Kamerahersteller verpassen Chancen

Automatische Lächeln-Erkennung anstatt vernünftiger Share-Funktionalitäten: Hersteller von Digitalkameras haben aus dem Auge verloren, was Anwender heute wollen.

Irgendwo im Schrank, da liegt meine Canon Powershot G11 - ein gutes, kompaktes Gerät welches ich für eine grössere Ferienreise gekauft hatte. Doch in letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass ich diese Kamera immer seltener genutzt habe - dafür umso mehr mit dem Smartphone auf Fotopirsch war.

Smartphones als neue Lieblingskamera

Die Statistiken belegen, dass ich damit nicht alleine bin: Bei Flickr liegt das iPhone gleich mit zwei Modellen unbestritten an erster Stelle der meistgenutzten Kameras. In Deutschland sinkt der Verkauf von Digitalkameras von 2011 auf 2012 schätzungsweise um 2,2 Prozent, während in Großbritannien seit 2006 sogar ein Rückgang von 29 Prozent zu verzeichnen gewesen ist.

Die Gründe für dieses Umdenken sind in zwei Bereichen zu finden. Zuerst haben Handys in den letzten Jahren im Bereich Bildqualität extrem aufgeholt. Die Anzahl Megapixel ist für den durchschnittlichen Anwender mittlerweile hinreichend groß, die Bildqualität simmt für den Point-And-Shoot-Fotografen ebenfalls. Die aufgekommene Masse an Foto-Apps hat das Smartphone dann sogar auf die Überholspur geschickt: HDR-Funktionalitäten, eingebaute Filter und der einfache Zugang zum Internet mit den damit verbundenen sozialen Netzwerken lassen das Telefon zur Kamera Nummer eins werden.Digitalkamera-Hersteller verschlafen offensichtlich ihre Chance, sich auf dem Massenmarkt weiter zu behaupten. Es besteht sogar Gefahr, schrittweise professionelle Anwender zu verlieren. Ein Beispiel dafür sind die Bilder des Guardian-Journalisten Dan Chung, welcher mit einem iPhone 4S von den Olympischen Spielen in London berichtet.

Wünsche an die Digitalkamera-Industrie

Eine echte Kamera ist immer noch in vielen Aspekten besser geeignet als das Smartphone: Optisches Zoom, auswechselbare Speicherkarten, größere Bildsensoren, besserer Blitz und stärkere Akkus, um nur ein paar zu nennen. Die Branche würde gut dastehen, wenn sie sich nur ein paar wenige Vorteile der Smartphone-Fotografie aneignen würde:

Integrierte HDR-Funktionalität

Wer schon mal an einem sonnigen Tag versucht hat, eine Straßenschlucht in einer Stadt oder ein ähnliches Sujet zu fotografieren, der kennt das Problem: Entweder sind alle schattigen Details schwarz oder der schön blaue Himmel erscheint in gleissendem Weiß. Mit Smartphobnes lässt sich dieses Problem heute bereits problemlos als HDR-Bild umgehen. Da hinken Digitalkameras noch weit hinterher. In vielen Fällen können zwar die erforderlichen zwei bis drei Bilder relativ automatisch und zeitnah geschossen werden, für die Nachbearbeitung ist aber meist der Umweg über den heimischen Computer notwendig - deutlich zu aufwändig für den Massenanwender! Eine One-Click-Integration von HDR-Funktionalitäten, ergänzt mit ein paar Schiebereglern zur Nachbearbeitung der Intensität würde manchen Hobbyfotografen bereits glücklich machen. Und zwar in einer Umsetzung, die nicht ein Stativ nötig macht.

Online-Anbindung via Mobilfunknetz

Zwar gibt es einige Digitalkameras mit WLAN-Anbindung, doch nützt dies vor allem dem Studiofotograf. Wenn der Durchschnittsuser unterwegs seine Schnappschüsse wieder via Digitalkamera erstellen und in die Welt verschicken soll, dann muss der Draht ins Internet über das Mobilfunknetz führen. Dank Tethering lässt sich dies zwar in Kombination mit dem Handy auch unterwegs erreichen - aber dann beißt sich der Hund bereits wieder in den Schwanz. Weshalb ist noch kein Kamerahersteller auf die Idee gekommen, seine Geräte mit einer SIM-Card zu bestücken und dies in Zusammenarbeit mit einem Telekommunikationsanbieter zu vermarkten?

Benutzerfreundliche Software und Apps

Von der Benutzerfreundlichkeit der Softwarebedienung erhalten Digitalkameras dieselbe Note wie die meisten Festnetztelefongeräte: ungenügend! Es ist erstaunlich, wie einige Branchen resistent sind gegen den Fortschritt in UI-Design und Bedienungsmöglichkeiten von kleinen Bildschirmen. Würde eine Kamera auf den Markt kommen, die eine selbsterklärende Bedienungsoberfläche und einfache Apps für Facebook, Twitter, Instagram sowie Zusatzfunktionalitäten für Zeitraffer im Angebot hätte, wäre dies bestimmt für einige wieder ein Argument, Fotos nicht mit dem Telefon zu schießen. Gut möglich, dass Nikon dabei auf gutem Weg ist - gemäß Gerüchteküche soll eine Kamera mit Android als Betriebssystem in Planung sein, auf welcher auch alle Apps aus dem Google Play Store laufen würden.

Der Kampf um die Oberhand in der Tasche

Nebst den fehlenden Funktionalitäten ist natürlich auch die Kompaktheit ein Grund für den Durchbruch der Smartphone-Fotografie. Wenn man nur ein Gerät verwenden möchte, dass alle Bedürfnisse weitestgehend abdeckt, ist dies ein starkes Argument.

Allerdings scheint auch hier ein Wandel voranzugehen, welcher klassischen Kameraherstellern entgegenkommt: Es lässt sich beobachten, dass immer mehr Fotos mit dem iPad geschossen werden. Daraus kann man schließen, dass die Größe der Geräts nebensächlich ist, wenn es in der Summe der Funktionen am geeignetsten scheint. In der Not könnte man zumindest versuchen, neue Bereiche in diesem Markt zu erschließen und geeignete Kooperationen anzustreben. Warum nicht ein Nikon-Objektiv fürs iPad? Oder professionelle Linsen von Olympus fürs Smartphone?

Die Kamerahersteller würden gut daran tun, sich einmal zu überlegen, was die Anwender heute mit ihren Kameras wirklich tun. Die Industrie hat sich verloren in kaum benutzten Funktionen wie Gesichtserkennung und Lächeln-Modus und einem irrsinnigen Kampf um Megapixel. Dabei ist der Durchschnittsfotograf aus dem Blick verloren gegangen. Wenn man sich nicht rasant dagegen zu wehren beginnt, werden bald nur noch Profis mit echten Kameras ihre Bilder hervorzaubern und die gesamte untere Hälfte des Digitalkameramarkts wird für tot erklärt werden dürfen.

Fast könnte man meinen, die Fotoindustrie habe nicht daraus gelernt, als sie beim Wechsel von analogen zu digitalen Bildern zum ersten Mal vom Gewohnheitswechsel der Benutzer überrumpelt worden ist. Die Alternativen dazu scheinen bis heute eher krampfhaft. Kodak versucht es zum Beispiel mit Patentklagen gegen Apple und Blackberry-Hersteller Motion. Zuversicht sieht anders aus.

(Foto: Flickr/adkorteCC BY 2.0)

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