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01.10.10Leser-Kommentare

Digitalisierung: Wie die Welt schrumpft

Unsere digitalen Kontaktlisten sowie Cloudservices verschaffen uns überall auf der Erde das Gefühl, zu Hause zu sein. Eine Sache muss allerdings noch geschehen, bevor die Welt wirklich zum digitalen Dorf wird.

 

Es ist unglaublich, wie die Digitalisierung die Welt schrumpfen lässt. Dank des Internets haben wir heutzutage von überall Zugriff auf unser digitales Zuhause. Egal wo auf der Welt wir uns befinden. Durch die Tatsache, dass wir sämtliche Kontakte, Informationen und Daten jederzeit über Notebook, Netbook, Tablet oder Smartphone griffbereit haben, entsteht eine Konstante in unserem Leben, die uns die anderen Veränderungen deutlich einfacher handhaben lässt.

Nun ist das Bild einer vernetzten Welt keine Neuigkeit mehr. Dennoch wird mir derzeit wieder bewusst, welch weitreichende Folgen dieser Aspekt für unser Wohlbefinden hat und was er für unsere Anpassungsfähigkeit bedeutet.

Momentan befinde ich mich in Asien. Davor habe ich einige Jahre in Schweden gelebt (dahin kehre ich auch wieder zurück). Meine Heimat ist jedoch Berlin. Es ist mir also lange bekannt, was es heißt, primär über das Web mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Trotzdem bin ich erneut fasziniert davon, wie einfach es heutzutage ist, temporär oder länger an einen völlig anderen Ort dieses Planeten zu reisen, und sich trotzdem sofort heimisch zu fühlen.

Egal wie fremd und anders die neue einen umgebende Kultur, Sprache und Mentalität auch sein mögen - sobald man seinen Rechner aufklappt und den Power-Kopf betätigt, verbreitet sich ein Gefühl von Stabilität: Mein Desktop sieht überall auf der Erde gleich aus, genau wie mein E-Mail-Programm und das darin enthaltene Adressbuch. Mein Facebook-Newsfeed enthält Status-Meldungen der üblichen Kontakte. In meinem Twitter-Stream tauchen die mir wohlbekannten Avatare auf. Auch meine Kontaktliste bei Skype hat sich nicht verändert. Und Google Docs und Dropbox enthalten die selben Dateien wie noch gestern an einem anderen Ort dieser Welt.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich gerade in Berlin, New York, Sidney, Kairo oder Kapstadt befinde - der Anruf über Skype, die Chat-Nachricht über Facebook oder die 140-Zeichen-Mitteilung über Twitter vollziehen sich immer nach dem gleichen Muster. Unser Desktop und Browser, der Startbildschirm unserer Mobiltelefone mit den bevorzugten Apps oder der Homescreen unserer Tablets sind wie Felsen in der Brandung, während sich unsere Standorte, die um uns herum gesprochene Sprache, die Gerüche und Geräusche verändern.

Vor 20 oder 30 Jahren hießen Personen, die sich für mehr als einen Urlaub in ein anderes Land begaben, automatisch "Auswanderer". Für sie gab es keine Konstanten. Nichts blieb beim Alten, alles veränderte sich. Ab und an meldeten sie sich per Brief bei den Daheimgebliebenen oder leisteten sich einmal pro Monat ein teures Ferngespräch.

Heute existieren an vielen touristischen Hotspots zwar noch immer kleine Geschäfte, die "Long Distance Calls" zu günstigen Konditionen anbieten, aber mich interessiert dies nicht: Ich starte Skype auf meinem Smartphone und spreche mit meiner Familie, während ich in einem Café mit Palmen und Meerblick sitze. Die Gesprächsqualität ist wegen der langsamen EDGE-Verbindung nicht bestechend, aber angesichts eines Preises von null Cent durchaus vertretbar (zugegeben: meine Datenflatrate kosten Geld - aber die benötigte ich ohnehin).

Die Welt schrumpft, und die Startbildschirme unserer internetfähigen Gadgets, unser Social Graph sowie die Cloud sind unser Zuhause. Mein Eindruck ist, dass die dadurch geschaffene Stabilität die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität an neue äußere Umstände drastisch erhöht. Das hat Vorteile in einer globalisierten Wirtschaft, in der die Bereitschaft zum Umzug eine Anforderung von immer mehr Arbeitgebern ist. Ganz abgesehen von den Pluspunkten für die eigene Lebenserfahrung und persönliche Entwicklung, welche mit einem zeitweiligen Aufenthalt abseits der heimischen Gefilde einhergehen.

Natürlich bedarf es einiger Hilfsmittel, um sicherzustellen, das Zuhause-Gefühl verspüren zu können, egal wo man sich befindet: Ein möglichst leichtes Notebook mit einer langen Batterielaufzeit ist essenziell, genauso wie ein WLAN-fähiges Smartphone mit SIM-Karte, welche die mobile Datennutzung zulässt (ob 3G oder nicht spielt keine Rolle, man gewöhnt sich auch an langsames Internet). Hilfreich ist zudem eine zusätzliche externe Akku-Lösung für das Mobiltelefone (Beispiele gibt es hier) sowie ein mobiler WLAN-Hotspot, um eine mobile Datenverbindung mit dem Notebook oder anderen Zugangsgeräten teilen zu können (entweder als Hardware-Lösung in Form eines MiFi, oder als Applikation für das Smartphone, wie z.B. MyWi für iPhones mit Jailbreak).

Das sind zumindest die Werkzeuge, auf die ich nicht verzichten möchte - bei einem Stromausfall heute früh haben sich sowohl mein Akku-Pack fürs iPhone sowie die lange Ausdauer meines Notebooks bezahlt gemacht.

Viele von euch werden sicherlich wiedererkennen, was ich hier gerade skizziere, und stimmen mir vielleicht auch zu, was den größten Schwachpunkt in meiner "Die Welt schrumpft"-Perspektive darstellt: Roaming und ganz allgemein das Fehlen eines globalen Datentarifs. Wer sich nicht auf das Vorhandensein offener WLAN-Netze verlassen und nicht tausende Euro für Roaming ausgeben möchte, muss sich für jedes zu bereisende Land eine neue Lösung ausdenken, wie der "Always on"-Lifestyle und das daraus resultierende Zuhause-Gefühl erreicht werden kann.

Glücklicherweise gibt es Initiativen wie die des russischen Internet-Providers Yota oder wie das Vorhaben von EU-Kommissarin Neelie Kroes, Roaming-Gebühren europaweit abzuschaffen. Zum digitalen Dorf wird die Erde erst, wenn alle Barrieren zur länderüberschreitenden Nutzung mobiler Datenverbindungen gefallen sind. Denn die größte Freundesliste bei Facebook hilft wenig, wenn man nicht auf sie zugreifen kann.

(Foto: Flickr/Horia Varlan, CC-Lizenz)

Kommentare

  • Andreas

    01.10.10 (09:53:25)

    "Unser Desktop und Browser, der Startbildschirm unserer Mobiltelefone mit den bevorzugten Apps oder der Homescreen unserer Tablets sind wie Felsen in der Brandung, während sich unsere Standorte, die um uns herum gesprochene Sprache, die Gerüche und Geräusche verändern." Stimmt nicht so ganz. ;) Einfaches Beispiel: Wenn man aus DE google.com aufruft, dann erfolgt eine Zwangsumleitung auf google.de. Wenn man in den USA google.com aufruft, wird das nicht passieren. Man kann diese Zwangsumleitungen mit Sicherheit zwar meistens umgehen. Trotzdem bleibt es sehr ärgerlich, das mein Wunsch, eine bestimmten Link aufzurufen, einfach ignoriert wird und ich auf einer Seite lande, die ich eventuell gar nicht haben wollte. Das nervt, mich zumindest!

  • kwoxer

    01.10.10 (09:55:36)

    Finde ich gut diesen Fortschritt, allein der Aspekt, dass viel zu viele Daten online einsehbar sind und man auf vieles achten muss, ist beängstigend.

  • Martin Weigert

    01.10.10 (10:45:17)

    @ Andreas Ich hab wohl vergessen zu erwähnen, dass auch ein VPN-Zugang ein praktischer Begleiter auf Reisen ist, um eine heimische IP zu behalten ;)

  • SmilerGrogan

    01.10.10 (12:24:41)

    Das gleiche denke ich immer, wenn ich mal den Rechner neu aufsetze. Wenn der Browser und Mail-Client wieder eingerichtet sind, dann fühlt sich der Rechner wieder wie vorher an :-).

  • Thomas Wanhoff

    02.10.10 (04:47:58)

    Ich lebe seit drei Jahren in Asien, und zunächst dachte ich noch, ich könnte hier eine Art Auslandskorrespondent sein. technisch zwar möglich, aber a) gibt es ausser an China kein Interesse in Deutschland und b) ist man weiter weg als man glaubt, trotz Technik und Facebook. Im übrigen stieß ich immer wieder auf Skepsis, wenn ich zum Beispiel bei Einladungen für Konferenzen sagte, ich könne per Skype-Video teilnehmen. "Das können wir hier nicht", hieß es mehrfach aus Deutschland. Was den globalen Tarif angeht: Zumindest in Südost-Asien gibt es günstige Pre-Paid-Sim mit Datentarif, in Thailand 3G (True) und Laos (3G). Außerdem gibt es viele Cafes und Restaurant mit freiem WLAN. Was Technik angeht ist man in asien bisweilen weiter als in Europa: Hier in Laos kommt mein Internet per WIMAX. Nicht so schnell, aber das liegt schlicht an der Nachfrage und Infrastrukturkosten. Im übrigen hat es doch aus was Schönes, mal die Google.la -Seite zu sehen. Wer reist und trotzdem alles wie Zuhause haben will, wird nichts Neues erfahren.

  • Martin Weigert

    02.10.10 (05:50:10)

    Interessanter Einblick! Internet über WIMAX in Laos... cool. Stimmt, Pr-Paid-Sim mit Datentarif gibt's - ich nutze 1-2-Call in Thailand - aber es ist eben nicht länderübergreifend (oder?). Demnächst will ich mal nach Kuala Lumpur, da muss ich mir dann wieder eine neue Karte besorgen. Was die Korrespondentenarbeit betrifft: Starte ein Asien-News-Blog auf Englisch und schaffe so Interesse. Was hälst du davon?

  • Slash

    02.10.10 (09:36:35)

    Hattest Du nicht letztens analysiert "Warum US-Startups schlecht internationalisieren können" und festgestellt, dass den Amerikanern anscheinend die Fähigkeit fehlt sich vorzustellen, dass es ausserhalb der Staaten andere Kulturen und Verhaltensweisen gibt? Jetzt freust Du Dich, dass Du per Internet Dein zuhause mit in die weite Welt mit hinausnimmst... Fällt Dir was auf?

  • Martin Weigert

    02.10.10 (11:33:39)

    Der Artikel war nicht von mir. Aber so what? Wo liegt der Widerspruch? Kann man sich nicht neuen Kulturen öffnen und trotzdem die Vorzüge der neuen Technologien nutzen, um das bestehende Netzwerk zu pflegen, mit Menschen, die einem am Herzen liegen, in Kontakt zu bleiben und einen Zugang zu Informationen sicherzustellen? (Achtung: rhetorische Frage)

  • Slash

    02.10.10 (12:07:11)

    Habe den Vergleich noch aus der Vor-Internetzeit. Freund ging ein Jahr in die Staaten zum Schüleraustausch. Selten mal Deutsch mit einem zufälllig getroffenen Deutschen gesprochen, Telefon nach Hause war sauteuer und daher kaum angesagt. Folge: Voll ins US-Leben & Kultur eingetaucht, nach Rückkehr sprach er laufend Englisch :-) (er hat es nicht bemerkt) Heute: Austauschüler mailen, skypen mit ihren Freunden in der Heimat auf Deutsch. Schauen web-tv, hören den Heimatradiosender. Nach der Rückkehr sprechen sie nicht laufend Englisch :-( Sind natürlich die Extreme. Soll heissen, dass Internet auch vor fremden Einflüssen und Erfahrungen abschirmt - weil man eben das Gewohnte immer vor der Nase hat.

  • Martin Weigert

    02.10.10 (13:55:22)

    Ok nun verstehe ich besser, worauf du hinaus willst. Meine pers. Erfahrung ist, dass es wichtig ist, sich im neuen Land möglichst mit Leuten von dort zu umgeben. Wenn deutsche Austauschschüler sofort einander suchen und gemeinsam viel Zeit verbringen, dann kommt's zu einem Effekt wie von dir beschrieben. Der virtuelle Kontakt mit den alten Leuten in der Heimat ist daher imo kein Problem - ich fühle mich in Schweden bestens integriert, habe viele schwedische Freunde und spreche die Sprache. Und das, obwohl ich täglich auf Deutsch blogge und viel virtuelle Kontake mit Deutschsprachlern hab :) Was ich dagegen nicht mache: Aktiv Kontakt zu anderen Deutschen in Schweden suchen. Meine These ist: Gerade weil man online leicht den Kontakt zur Heimat halten kann, ist man im 'Real Life' nicht mehr so sehr darauf angewiesen, Attribute zu suchen, die einen an sein Heimatland erinnern, sondern kann stattdessen viel offener auf die neue Kultur zugehen.

  • Meeresbiologe

    02.10.10 (13:56:46)

    Die Welt schrumpft, und die Startbildschirme unserer internetfähigen Gadgets, unser Social Graph sowie die Cloud sind unser Zuhause. Sicher hat das ganze Medienzeugs viel Positives, auch beim Reisen, längeren Aufenhalten in Übersee u.ä. - ABER wenn man Heimat und Zuhause primär als seinen Startbildschirm begreift, könnte es sich auch um eine bedenkliche Schrumpfung von Welt und eigener Wahrnehmung handeln. Ich habe noch nie länger im Ausland gelebt, aber ich könnte mir denken, dass die äußeren Einflüsse eines Landes viel größer sind und viel schwerer wiegen als die ständige digitale Verbindung nachhause. Insofern kann es sich wohl allenfalls um die Annehmlichkeit eines Ersatz-Zuhauses handeln gepaart mit den Annehmlichkeiten des zeitweiligen Lebens in "fremden Kulturen". Mal abgesehen davon, dass eine solche längerwährende digitale globale Nomadenexistenz auch heute noch eine ziemliche Ausnahme ist, weil die meisten Leute schlicht nicht den Beruf, das Geld und in der Regel auch nicht die Nerven und das Interesse zu und an einer solchen Existenz haben. Direkte nationale und kulturelle Verwurzelung an einem bestimmten Erdenfleck wiegt halt viel mehr und ist den Meisten viel mehr wert als lediglich eine digitale Verbindung zur eigenen Heimat. Das spielt für die Meisten allenfalls im Urlaub eine Rolle.

  • Martin Weigert

    03.10.10 (03:21:15)

    aber ich könnte mir denken, dass die äußeren Einflüsse eines Landes viel größer sind und viel schwerer wiegen als die ständige digitale Verbindung nachhause. Insofern kann es sich wohl allenfalls um die Annehmlichkeit eines Ersatz-Zuhauses handeln gepaart mit den Annehmlichkeiten des zeitweiligen Lebens in “fremden Kulturen”. Definitiv. Aber das ist auch gut und wichtig so, siehe meinen Austausch mit Slash weiter oben.

  • Benjamin

    04.10.10 (17:07:12)

    Sehr guter Artikel... Befinde mich zur Zeit in Irland und bin überrascht, dass es hier fast keine Datenflatrates (für normales DSL!!!) gibt, sondern ausschließlich Volumentarife. Insofern ist meine Internetnutzung gerade außerhalb der Uni etwas eingeschränkt. Aber ansonsten kann ich das Gefühl von oben sehr gut nachvollziehen.

  • Manuel

    05.10.10 (04:21:43)

    Guter post. Bin in einer ähnlichen Situation - eine Sache die ich mir wirklich wünsche wäre ein 4G modem / flatrate die ich überall auf der welt benutzen kann.

  • Internetagentur Berlin

    06.10.10 (13:51:02)

    He, super Artikel, gut recherchiert. Hab diesen Blog gebookmarkt.

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