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25.08.10Leser-Kommentare

Digitalisierung: Wenn Deutschland das Internet entwickelt hätte...

Der öffentliche Diskurs zum digitalen Wandel ist geprägt von Ablehnung und Skepsis. Wie sähe das Internet wohl heute aus, wenn es als offizielles "Innovationsprojekt" in Deutschland konzipiert worden wäre?

 

Der Umgang mit Veränderungen ist seit jeher ein großes Problem für die meisten Menschen. Wandel birgt stets das Risiko, den Status Quo zu verlieren. Gerade wer zum Pessimismus neigt, sieht eher die Risiken als die Chancen. Blockadehaltungen und eine pauschale Distanz zu Neuem sind die Folge.

Ich weiß nicht, ob sich die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem technischen Fortschritt in den letzten Jahren verstärkt hat, oder ob dieser Eindruck auf die erhöhte Geschwindigkeit des Innovationsprozesses und die Komplexität des Wandels zurückzuführen ist. Statt sich einige Male pro Jahrzehnt mit einer Neuentwicklung auseinandersetzen zu müssen, wird dies mittlerweile mehrmals jährlich notwendig. Dass da die Abwehrhaltung vieler Menschen zunimmt oder zumindest häufiger zum Vorschein kommt, ist eigentlich wenig verwunderlich.

Die unsachliche, hysterische Debatte um Google Street View illustriert sehr deutlich, auf welche Art sich das allgemeine Unbehagen über das rasante Innovationstempo äußert. Es kann aber auch subtiler ausgedrückt werden, in Form von Umfragen, bei denen eindeutig auf dem Siegeszug befindlichen Technologien unrealistisch geringe Zukunftschancen eingeräumt werden, so wie es beispielsweise dieser mit einer unmissverständlichen Überschrift versehene Artikel aufzeigt: "Österreicher gegenüber E-Books skeptisch" (eine Umfrage von uns ergab ein ähnlich das große Potenzial von digitalen Büchern in Frage stellendes Ergebnis).

Angesichts der je nach Diskussionsgegenstand kritischen bis ablehnenden öffentlichen Meinung zu digitalen Innovationen drängte sich mir gestern ein sehr unangenehmer Gedanke auf:

Man stelle sich vor, das Internet hätte sich nicht sukzessive entwickelt und ausgebreitet, anfänglich nahezu unbemerkt von Politik und Wirtschaft, um dann eines Tages plötzlich die Agenda zu übernehmen und die Gesellschaft eines Landes vor eine neue Realität zu stellen, so wie wir es gerade erleben. Nein, stattdessen wäre im Jahr 1990 oder 1995 nach ausgiebiger Evaluierung ein offizieller politischer Entschluss gefasst worden, ein "Internet" zu starten und allen in Deutschland wohnhaften Personen einen Zugang zu gewähren (Update: Mit dem Bildschirmtext gab es auch ein Vorhaben in diese Richtung, das aber mit dem Aufkommen des offenen Internets floppte).

Die Frage, die sich für mich daraus ergab: Sähe das Internet dann so aus, wie wir es heute kennen, oder wäre es von Beginn an auf ein Art geformt worden, die 95 Prozent des Innovations- und Veränderungspotenzials entfernt und sämtliche Bedenken und Befürchtungen unterschiedlichster Interessenvertreter berücksichtigt hätte?

Ausgehend von der Tonalität der derzeitigen Debatten war meine Antwort auf diese vollständig fiktive Frage (die ja völlig außer Acht lässt, dass das Internet ein globales, kein nationales Phänomen ist) leider, dass wir in diesem Fall heute vermutlich ein ganz anderes Web nutzen würden.

Die Bedenken, die in der imaginären Expertenkommission zur Definition der Rahmenbedingungen des Internets anno 1995 als Grundlage zur Ausgestaltung des Plans gedient hätten, wären ein Sammelsurium aus all den Pauschalaussagen und Plattitüden, die man so rund ums Internet hört: Vereinsamung und Realitätsverlust der Menschen; Nährboden für Kriminelle, Terroristen und Pädophile; Beschädigung der Medienbranche durch konkurrierende, womöglich von Amateuren betriebene Onlineangebote sowie durch digitale Kopien ihrer Inhalte; Verdummung und Abstumpfung durch Onlinespiele und -videos sowie als Konsequenz aus der Beliebtheit von nicht-professionellen Nachschlagewerken und Informationsplattformen; Gefahr zu starker Einflussmöglichkeiten des Ottonormalbürgers etc.

Nimmt man den aktuellen politischen und medialen Diskurs zur Digitalisierung als Maßstab, dann wäre man damals zu dem Schluss gekommen, dass ein freies Internet Deutschland zu Grunde richten, die Menschen verblöden und die Kriminalität explodieren lassen würde. Wie dann anschließend die Spezifikationen für dieses angestrebte Internet ausgesehen hätten, kann sich jeder selbst ausmalen.

Nun könnte man sagen: Alles pure Spekulation und völlig absurd. Ja, natürlich könnte man das. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass allein der Gedanke, das Internet wäre nicht ein sich quasi verselbstständigendes Phänomen gewesen sondern ein offizielles staatliches Innovationsprojekt in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen und Medienunternehmen, äußerst unbehaglich ist. Und dass dies eklatante Mängel daran offenbart, wie in Deutschland heute auf den technischen Fortschritt reagiert wird. Nämlich auf eine Art, die das Internet im Keim erstickt hätte (und durch sehr fragwürdige Gesetzesentwürfe).

Das Fazit dieses Artikels hatte ich gestern bereits in einem Tweet formuliert, den ich hier gerne noch einmal wiederhole: "Hätten Menschen die Möglichkeit gehabt, hätten sie der Einführung des Internets wohl auch widersprochen. Gut, dass niemand gefragt hat."

Ist das nicht eine traurige Erkenntnis?

(Foto: stock.xchng)

Kommentare

  • Fred

    25.08.10 (07:31:09)

    Dazu können Innovationstheoretiker sicherlich nochmal mehr bzw. metaebenig was sagen. Ich halte es mal mit Brian Winston, der vom "law of surpression of radical potential" spricht. Also davon, dass jede (Kommunikationstechnische) Innovation auf dem Weg zu ihrer Diffusion einem Widerstand gegenübersteht, der den Status Quo zu erhalten versucht: "general social constraints coalesce to limit the potential of teh device radically to disrupt pre-existing social formations." Ähnlich sieht auch Clay Shirky das Verhalten von Institutionen, welche immer einen nicht unerheblichen Prozentsatz ihrer Energie zur Selbsterhaltung aufwenden, was natürlich Widerstand gegen ihre Existenz bedrohenden Innovationen miteinschließt. Sprich: Kommt was neues, wehrt sich das alte. Aus emotionalen, psychosozialen, ökonomischen Gründen. In Deutschland ist dieses "alte" hinsichtlich des Internet besonders stark, instituionalisiert und politisiert. Aber es gilt auch: Man kann die Zahnpasta nicht in die Tube zurück drücken. Auch nicht in Deutschland

  • Martin Weigert

    25.08.10 (07:31:55)

    Aber es gilt auch: Man kann die Zahnpasta nicht in die Tube zurück drücken. Auch nicht in Deutschland Schönes Zitat! :)

  • Andreas

    25.08.10 (07:38:46)

    In Deutschland wurde doch etwas gemäß Deinen hypothetischen Annahmen entwickelt und nannte sich Bildschirmtext. War schön sauber -- naja, Schmutzbildchen gabs natürlich, aber nur von sauberen Anbietern und -- und kontrolliert und eingehegt. Man sieht ja, was daraus geworden ist.

  • Martin Weigert

    25.08.10 (07:39:45)

    Ah, stimmt ja! Ich glaub, 1999 war ich einmal "drin".

  • Markus Breuer

    25.08.10 (07:52:06)

    Deutschland hat sich zu einer rückwärts gewandten Kultur entwickelt - wie weite Teile von Westeuropa auch. Das hat viele Ursachen. Ein Teil ist Tradition (alte Eliten), ein Teil ist Backlash auf immer kürzere Innovationszyklen, ein Teil ist der feste Glaube, dass die (wirtschaftlich) guten Zeiten hinter uns und nicht mehr vor uns liegen - was einen wahren Kern haben mag. Siehe zu dem Thema auch: http://bit.ly/9PrpyE und die Diskussion in den Kommentaren. Insofern stimme ich Dir zu. Wo ich - tongue in cheek - widersprechen möchte: Ich würde deutschen Ingenieuren durchaus zutrauen, dass sie das Internet "entwickelt" hätten. Auch der MP3-Standard stammt ja auch deutschen Landen. Aber die Markteinführung wäre in Deutschland gescheitert, weil eine Expertenkommission der Bundesregierung zu dem Schluss gekommen wäre, dass "die Risiken unabsehbar" sind. ;-)

  • Dominik Belca

    25.08.10 (07:55:05)

    Mich beschäftigt seit Wochen die Frage, was die Menschen gemeinsam haben, die zum Beispiel Google Street View so heftig ablehnen. Wie aus den verschiedenen Beispielen und Zitaten prominenter Mitmenschen hervorgeht, ist es nicht einfach eine Altersgrenze die die ca. 50% Zustimmer von den Ablehnern trennt. Eben ging mir der Gedanke durch den Kopf, ob nicht persönliche Reputation etwas in dieser Art verbindendes sein könnte. Bei allen Diskussionen die ich in der letzten Zeit geführt habe, hörte man immer wieder Angst vor der Aggregation der persönlichen Lebensumstände herraus. Also vor dem Chef, der sich die Wohnumgebung ansehen kann ohne hinfahren zu müssen oder die böse große Firma die Dritten ein Datenprofil zur Verfügung stellt, mit dem diese eine Einschätzung meiner Reputation vornehmen können. Vielleicht haben sich also gesellschaftlich die Quellen von Reputation geändert - den Unerschrockenen ist also vielleicht nicht mehr so wichtig was der Nachbar denkt.

  • Martin Weigert

    25.08.10 (07:59:11)

    Wo ich – tongue in cheek – widersprechen möchte: Ich würde deutschen Ingenieuren durchaus zutrauen, dass sie das Internet “entwickelt” hätten. Auch der MP3-Standard stammt ja auch deutschen Landen. Aber die Markteinführung wäre in Deutschland gescheitert, weil eine Expertenkommission der Bundesregierung zu dem Schluss gekommen wäre, dass “die Risiken unabsehbar” sind. ;-) Klingt das im Artikel anders? Denn so meinte ich es eigentlich auch ;)

  • Martin Weigert

    25.08.10 (08:06:41)

    Ich glaub, sie haben eine gemeinsame Angst.

  • Hans-Dieter Zimmermann

    25.08.10 (08:35:20)

    Passend dazu mein Tweet von gestern: http://twitter.com/hdzimmermann/statuses/22007009007 Da schreibt ein deutscher Verlag im August 2010 (nicht anno 1993, auch wenn die website so aussieht) auf seiner Website, dass er von der Bezahlung per Kreditkarte abrät. Und ganz grundsätzlich zum Thema: Es gibt eine politische Elite, die zwar von Informations- und Wissengesellschaft redet, aber nicht wirklich sagen kann, was das denn sein soll, was es für die Menschen als Bürger, Konsument, Arbeitnehmer, Patient, etc. bedeutet und die Menschen auch nicht wirklich darauf vorbereitet. Stattdessen wird publikumswirksam auf Google, Facebook & Co eingedroschen. Das ist Populismus, Politik nach 'Einschaltquoten', aber vor allem Unverantwortlichkeit der politischen Klasse gegenüber der Gesellschaft.

  • Torsten

    25.08.10 (09:24:16)

    Zum Glück gibt es auch in Deutschland Menschen, die sich nicht davon abhalten lassen auch mal neue Wege auszuprobieren. Es ist nur leider so, daß man immer die am meisten hört die am lautesten Schreien und da Politik in Deutschland nur noch nach Meinungsumfragen gemacht wird bekommt das alles dann noch einen Nährboden. Leider sitzen dort dann nicht immer die Experten die die beste Lösung finden.

  • Meeresbiologe

    25.08.10 (09:34:39)

    Wenn, ja wenn's das schöne Wörtchen Wenn nicht gäbe. Ein weiteres schönes Sprichwort lautet, das ich mir hierzu leider auch nicht verkneifen kann: Hätt' der Hund nicht geschissen, hätt' er den Hasen gefangen. Spekulieren und spinnen kann man natürlich über alles mögliche. Aber dass Deutschland das Internet entwickelt haben könnte, ist von vornherein eine ziemlich abwegige und damit ziemlich haltlose Spekulation. Wenn man denn schon darüber spekulieren will, gehört die Unwahrscheinlichkeit und Abwegigkeit einer solchen Möglichkeit also zu ihrer allerersten Grundvoraussetzung, womit sie sich eigentlich auch mehr oder weniger erübrigt. Die für Deutschland diagnostizierte Ablehnung und Skepsis gegenüber dem Internet und anderem Neuen hätte selbst erst garnicht zur Entwicklung einer Mega-Innovation wie der des Internets geführt. Weitere Gründe für die Unmöglichkeit, dass Deutschland das Internet entwickelt haben könnte, sind folgende: 1. der Ursprung des Internets in einem von den USA dominierten und hervorgebrachten Militär-Computernetz. 2. Das Internet hat wegen der globalen Dimensionen seines Entwurfs nur ein Land mit den Kapazitäten einer Weltmacht hervorbringen können. Da nach dem Kalten Krieg die USA als einzige Weltmacht verblieben waren, haben deshalb auch nur die USA das Internet in die Spur bringen können. Wofür ihnen die Menschheit als große zivilisatorische wie technische Leistung m.M. viel zu verdanken hat. Das Internet befand sich wohl zudem ohnehin in Besitz und Verwaltung der USA, also hat es auch nur von ihnen für andere Zwecke geöffnet werden können. 3. Erst nach Ende des Ost-West-Konflikts war die Welt völlig offen für die Globalisierung, in deren Rahmen man auch die Entstehung des Internets sehen muß. 4. Deutschland war nach der Wiedervereinigung viel zu sehr mit sich selbst und mit der Überwindung der Teilungsfolgen beschäftigt, als dass es hätte ein Internet entwickeln können. Insgesamt kann man also zu dieser Spekulation vor allem sagen, dass es wegen all der ausgemachten Realitäten, Bedenken, Hemmnisse und Umstände in Deutschland gegenüber Neuem erst garnicht (genauer gesagt: niemals) zu einem von Deutschland entwickelten Internet gekommen wäre.

  • Rainer

    25.08.10 (10:57:11)

    Nun, es gibt überall Interessensgruppen, die neue Technologien verhindern wollen, damit ihre Marktposition nicht angetastet wird. (Stichwort: Patente aufkaufen und wegschliessen). Da unterscheidet sich Deutschland nicht von den USA oder anderen Ländern. Die Deutschen sind bei der Entwicklung neuer Medien/Techniken immer führend gewesen - Buchdruch Gutenberg - Siemens Telegrafenkabelverleger - Fax - Fernsehen Auch das Internet wird von einem Grossteil der Bevölkerung angenommen und intensiv genutzt. Ich war selber Mitte der 90er Jahre in der Bürgernetzbewegung aktiv, wir haben da eine kostengünstige Infrastruktur fürs Internet geschaffen (übrigens (auch) mit finanzieller Hilfe des bayerischen Staates). Wichtig war für uns auch die Schulung und "Aufklärung" der Bevölkerung, welche Möglichkeiten das Internet bietet. Vor solchen Gesprächen kam ein "was soll ich damit?", danach kam der "aha-Effekt" und Akzeptanz. Martin, Du musst auch berücksichtigen, dass heute "jeder" einen Computer hat und damit mehr oder weniger damit umgehen kann. Das war 90/95 nicht der Fall. 1990 gabs noch nicht mal email für die Studenten. Der Normalbürger und Computer, der ein Vermögen kostete? Nirgendwo in der Welt hätte es eine soclhe Expertenkommission gegeben - weil man mit dem Internet und den Möglichkeiten nichts hätte anfangen können.

  • Regina Deckart - marketingshop blog

    25.08.10 (11:04:59)

    Erstmal: klasse Artikel und eine wirklich hilfreiche Utopie! Ich glaube, dass viele unter den Internetkundigen und auch unter den Kommentatoren hier eines bei der Betrachtung von Phänomenen wie der Diskussion über Streetview oft vergessen: den Faktor Wissen und Verständnis. Wie viele Menschen, die sich nicht täglich mit dem Phänomen Internet auseinandersetzen, Menschen die in einem Supermarkt arbeiten, in der Buchhaltung einer Firma oder bei einem Autohersteller, haben denn ein wirkliches Verständnis für das Internet? Ich meine damit nicht die Nutzung. Sondern ein Verständnis für die Zusammenhänge, für die gesellschaftliche Veränderung durch das Web, auch für die Bedeutung, die ein Unternehmen wie Google inzwischen auf globaler Ebene hat? Ich glaube es sind nicht viele und diese Meinung bestätigt sich immer wieder in Diskussionen zu dem Thema, die ich mit weniger internetaffinen Menschen führe. Aber ohne dieses Verständnis und ohne ein gewisses Maß an Wissen zu dem Thema halte ich Angst für die normalste menschliche Reaktion. Und diese Angst ist auch nicht typisch deutsch. Sie äußert sich nur in Deutschland typischerweise über aufgeregt geführte öffentliche Debatten. Das ist so, wie die Menschen zu Anfang der Eisenbahn Angst hatten, dass sie die enormen Geschwindigkeiten nicht ertragen könnten. Aber je mehr Kenntnis sich Schritt für Schritt verbreitet, desto mehr schwindet auch die Angst und desto stiller werden die Debatten.

  • Meeresbiologe

    25.08.10 (11:06:38)

    Stimmt, die Deutschen sind bei der Entwicklung neuer Medien/Techniken mit führend gewesen gewesen. Leider eine Aussage, die sich nur in der Vergangenheitsform treffen läßt - das sind leider alles recht alte Kam°^WVerdienste.

  • Björn

    25.08.10 (12:12:09)

    Irrational ist doch auch, dass man die "Angst" und den "Widerstand" immer nur als irrational darstellt. Standpunkt erledigen durch Diskreditieren. Dabei ist es nicht so, als wenn skeptische Argumente nur von nichtelektrifizierten Almöhis stammen. Im Gegenteil. Viele sind längst im Internet angekommen und entwicklen ihre individuelle Praxis. Gut, wenn nicht alles geglaubt wird, was als schick, nerdig und provokativ daherkommt. Es ist schon unangemessen, wenn man beispielsweise der Suchthilfe die Praxiserfahrung abspricht. Dass es für Alles das richtige Maß gibt, ist heute nicht weniger wahr, und deshalb müssen die Probleme dringend angesprochen werden.

  • Norbert

    25.08.10 (12:54:09)

    Die Frage, was passiert wäre, wenn Deutschland das Internet entwickelt hätte, habe ich mir schon öfter gestellt. Ein Impuls zur Anmeldung eines Bedarfs dazu hätte von der Verwaltungswissenschaft kommen können, diese hätten dann die Pflichtenhefte erstellt und dann hätten wir in den OSI-Schichten für jede Verwaltungseinheit, die die Datenpakete auf ihrem Weg durchlaufen, einen Behörden-Header/-Frame. Was den inhaltlichen Aspekt des in Deutschland erfundenen Internets angeht, braucht man sich nur die Regularien, denen Kurzwellenamateurfunker unterliegen, genauer anzuschauen: zum einen müssen diese eine vielmonatige Schulung durchlaufen, die sowohl technische als auch rechtliche Aspekte umfasst, dann müssen sie eine Prüfung absolvieren und dann bekommen sie erst von der Bundesnetzagentur ihr Rufzeichen. Doch dann dürfen sie beiweite nicht alles mögliche senden was sie wollen, die Themenbandbreite ist stark beschränkt und die lange und intensive Schulung hat dazu beigetragen, dass sie ein Elitedenken entwickeln, das selbstregulierend ihre eigene Blockwartschaft mit einkalkuliert. ich muss zugeben, dass ich in schwachen Momenten denke, dass dies auch dem Internet gut getan hätte ;) Eines Tages - wenn sich die Firmen keinen Schimmer mehr um Netzneutralität kümmern - werden wir die Amateurfunker vielleicht noch brauchen, sie werden dann evtl. bereit sein, ihren Inhalts-Eid zu vergessen und für die Allmende mit Bridges Internet-Kurzwelle-Internet Ausweichwege für Dienste anbieten, die die Big Players nicht mehr transportieren wollen...

  • Norbert

    25.08.10 (13:10:50)

    Nachtrag: (Kommentar bearbeiten funkt. bei mir nicht) Die Erkenntnis Hätten Menschen die Möglichkeit gehabt, hätten sie der Einführung des Internets wohl auch widersprochen. Gut, dass niemand gefragt hat. lässt sich noch viel schärfer formulieren: “Hätte unsere gewählte politische Elite die Möglichkeiten des Internets verstanden, hätten sie es verhindert." Wir dürfen also im Nachhinein froh sein, dass es nicht die geistige Elite war, die bei uns die Macht ausübt, weil uns das erst die "subversive Narrenfreiheit" ermöglicht, die wir heute haben" In diesem Sinne ist es nicht nur traurig, es ist sogar fast schon erschreckend, wieviel unverschämtes Glück wir gehabt hatten. Zukünftige Generationen werden das dann als kreationistisches Argument anführen: das Internet funktioniert so toll, das KANN nicht evolutionär entstanden sein, das muss kreationistisch erschaffen worden sein...

  • Frank

    25.08.10 (14:05:39)

    Öhm, aber ist es nicht so: "dass ein freies Internet Deutschland zu Grunde richten, die Menschen verblöden und die Kriminalität explodieren lassen würde." Deutschland ist am Boden, wir sind alle blöd und the internet was made for porn :)

  • Thomas

    25.08.10 (14:33:08)

    Stimmt - ist mir beim Lesen des Artikels auch gleich eingefallen, das gute alte BTX. Im Gegensatz dazu gab es in Frankreich ja das Minitel - System, welches vergleichsweise erfolgreicher war als BTX, da die France Telecom die Endgeräte zur Nutzung kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Mittlerweile ist der Dienst natürlich auch vom Internet eingeholt bzw. überholt worden. Komisch, dass Martin Weigert nicht daran gedacht hat. Wobei die Hochzeit von BTX eher Anfang bis Mitte der 90er waren und Minitel sogar noch früher.

  • Martin Weigert

    25.08.10 (15:28:08)

    Zwei sehr schöne Kommentare, Norbert!

  • stenzel

    25.08.10 (17:49:22)

    Die unsachliche, hysterische Debatte um Google Street View illustriert sehr deutlich, auf welche Art sich das allgemeine Unbehagen über das rasante Innovationstempo äußert "Hätten Menschen die Möglichkeit gehabt, hätten sie der Einführung des Internets wohl auch widersprochen. Gut, dass niemand gefragt hat.” Google Street View mit der Einführung des Internets zu vergleichen, finde ich lächerlich. Nur weil jemand Angst um seine Daten hat, macht das ihn noch lange nicht zur Innovationsbremse. Insofern halte ich diesen Artikel für reine Polemik und Stimmungsmache.

  • Daniel Niklaus

    25.08.10 (23:50:46)

    Bei der WM 2006 habt ihr den Rest der Welt erschreckt. Aufgestellte, motivierte, Freuden tanzende Deutsche. Ein Volk voller Optimismus, ein Volk in Partylaune, ein Volk das Spass hat. Wie ist unser Weltbild ins Wanken geraten, als kleiner Schweizer bekam man richtig Angst. Da flüchten sie nicht nur zu Tausend in unsere Berge, nein, die Deutschen werden einem in Deutschland richtig sympathisch. Keine Nörgler und Miesepeter, die alles nur dunkelschwarz sehen. Nein, ein Volk voll Tatendrang und Optimismus! Beruhigend, dass man jetzt sieht, es ist wieder alles beim Alten. Die Welt ist in Ordnung. Spätestens beim Blick auf netzwertig erkennt man, sie sehen wieder den Weltuntergang in 5 Minuten auf sich zurasen. Ihr seid zum Knuddeln ;-)

  • Chris

    26.08.10 (04:40:17)

    Ich stelle dieses Phänomen im Bereich TV fest. Während in anderen Ländern digitales TV (mit 2 Fernbedienungen), Pay-TV und HD-TV Sender durchaus normal sind, ist der Anteil am anlogen Fernsehen in Deutschland (aber auch Schweiz) sehr hoch. Während andere Nationen die neuen Technologien wollen, scheint eine Mehrheit mit dem bestehenden zufrieden.

  • Stefan Hennewg, geb. Scholz

    26.08.10 (05:26:49)

    Also, wer wissen möchte, wie das so war, mit dem Internet in Deutschland ... am Anfang ... der kann es gerne nachlesen. Da gibt es viele interessante Anekdoten. Z.B. das es zu Zeiten der Deutschen Bundespost illegal war ins Netz zu gehen, weil es keine zertifizierte Hardware gab. Oder, dass jahrelang auf "falsche" Standards gesetzt wurde und nur an der Uni-Dortmund erkannt wurde, dass TCP/IP wohl die Zukunft ist... Buch kaufen: http://www.lit-verlag.de/isbn/3-8258-7698-5 Oder bei Google reinlesen... so ab S. 40. MfG Stefan

  • NureineAnmerkung

    26.08.10 (07:42:51)

    Ähmmm, nur am rande: Der Buchdruck wurde nicht in Deutschland erfunden, den Buchdruck gibt es seit über 2.000 Jahren. Gutenberg hat nur - wie viele "Erfinder" wie Ford oder Watt - eine bestehende Technik entscheident verbessert. Und zwar, indem er a) Metall- statt der vorher üblichen Holzlettern verwendet hat (verlängert die Lebensdauer) und b) die Lettern aufs Papier und nicht wie vorher das Papier auf die Lettern gedrückt hat. Dadurch wurde der Endlosdruck erfunden, womit Massenproduktion möglich wurde, aber den Buchdruck selbst hat Gutenberg nicht erfunden....

  • Jens

    26.08.10 (07:47:30)

    Danke für den Beitrag. Im Gegensatz zu @stenzel finde ich den Vergleich berechtigt. Das Gehetze der selbsternannten Meinungsmacher gegen Google und Facebook kann ich nachvollziehen: Redakteure sehen, dass diese Beiträge die meisten Klick-Quoten haben und (unbekannte) Politiker werden plötzlich zitiert. Das ist einfach. Aber eine Kommentar zu einem Stasi-Beitrag offentlich gibt es noch einige stasi offiziere die imstande sind solche unholde wie googel street view zum Teufel zu jagen -- Quelle: http://bit.ly/9ofSwU -- kann ich heute irgendwie nicht mehr so einfach als Satire-Meinung einschätzen. Hier in Deutschland läuft ziemlich was quer.

  • Stefan

    26.08.10 (07:48:51)

    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Expertenkommission zu den von Dir angeführten Schlüssen gekommen wäre. Ich denke eher, dass dieses Innovationsprojekt rein wirtschaftlichen Interessen gefolgt wäre. Wie Anfang der Achtziger, als die Regierung das Kabelnetz ausbaute. Wem gehört das Kabelnetz jetzt? Und was sehen wir im Fernsehen? Ich möchte behaupten, dass wenn Deutschland das Internet entwickelt hätte, würden Provider Durchleitungskosten an einen Monopolisten zahlen und Bertelsmann und der Axel Springer Konzern würden diese Provider gehören und entscheiden, was wir ansurfen dürften, und was nicht. Ein gruseliger Gedanke... Gruß Stefan

  • Sebastian

    26.08.10 (07:56:18)

    Wenn Deutschland das Internet entwickelt hätte… Der Gedanke alleine ist so abstruß :-) Aber wenn, dann hätten wir staatliche Netzbetreiber, staatliche Heim-Anschluß-Techniker (Leitung durchmessen, Router anschließen), staatliche Überwachung aller Klicks, ARD & ZDF als Contentlieferanten, ein einziges Rechenzentrum, keine Redundanz und erst recht keine Interkonnektivität in andere Länder (warum auch, die sprechen ja eine anderer Sprache). Damit wäre der Name "Internet" auch hinfällig. Ach ja, und mit 56 KBit wäre auch sämtliches Innovationspotential auf einer Kupferleitung ausgeschöpft (wer bitte braucht mehr Datendurchsatz?). Schrecklicher Gedanke, gruß Sebastian

  • Johannes

    26.08.10 (08:13:22)

    Sehr schöner Artikel, der mich vor allem bei der Passage ein offizielles staatliches Innovationsprojekt in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen und Medienunternehmen zusammenzucken lies. Eine These, die ich spätestens seit der jüngsten Finanzkrise bestätigt sah, trifft augenscheinlich auch für den digital/medialen Sektor voll zu: Denn wo auch immer eine Vermischung von Staat, per se beauftragt die Menschen zu bilden und zu informieren, sowie der Wirtschaft auftritt, steuert das Gebilde auf kommerzielle Ausschlachtung mit all seinen Facetten in Reinform zu.

  • Stephan

    26.08.10 (08:14:11)

    Nur, dass genau diese USA beim entwickeln umweltschonender Energien nicht annähernd so viel Begeisterung an den Tag legen wie beispielsweise Deutschland. Ich also den Fakt, die Entwicklung des Internets kam aus den USA nicht bestreite, doch aber die Motivation dahinter in Frage stelle. Zufall und Glück, dass dieses militärische Netz, von ein paar Wissenschaftlern entwickelt wurde die trotzdem noch Spaß an der Sache hatten und dem Militär der Zeitpunkt der Einschränkung durch die Lappen gegangen ist. Ebenso fiktiv, aber nicht weniger grausig die Vorstellung, zu welchem Ruhm das Internet gelangt wäre, hätte die Militärs eben genau das geschafft. Nämlich ein so leistungsfähiges Kommunikationsmittel nur für sich zu nutzen. Dann: Gute Nacht!

  • Omniphobiker

    26.08.10 (08:42:02)

    Mal abgesehen davon, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass man sich hier fröhlich irgendwelcher Klischees bedient, um den Eindruck des ängstlich-bürokratisch-rückständigen Deutschlands zu untermauern, sollte man auch ehrlicherweise feststellen, dass die sog. Plattitüden und Pauschalaussagen durchaus Wahrheitsgehalt haben. Das ehemals so freie Internet, wie es zu Pionierzeiten existierte ist ein Fall für die Geschichtsbücher. Der erste Entwurf wurde von der Wirklichkeit schlicht und einfach zerpflückt und die Kommerzialisierung hat ihren Beitrag ebenfalls dazu geleistet, den Freiheitsgedanken peu à peu in die Schranken zu weisen. Dass sich Kriminelle, Terroristen, Pädophile, Geheimdienste darin tummeln und ihr Unwesen treiben würden wir alle lieber ins Land der Vorurteile verbannen, die Realität besteht aber genau daraus. Onlinespielsucht ist inzwischen Gegenstand von Therapien so wie Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Und dass die Datensammelwut immer mehr zunimmt müssen wir alle ebenfalls eingestehen, wobei es für meinen Geschmack ziemlich egal ist, ob das nun staatliche Stellen oder große Unternehmen sind, die die Daten sammeln und dann anfangen, diese für ihren Nutzen auszuwerten und Profile en masse zu erstellen. In beiden Fällen habe ich kaum mehr Einfluss darauf, was damit geschieht. Diesen Gefahren muss sich jeder stellen, ob er will oder nicht. Wenn es Bedenkenträger hätten verhindern können - meine Unterstützung hätten sie sicher gehabt! Es ist richtig, dass bei der Diskussion um Street View vieles die Gedanken der Leute befeuert, was gar nicht stimmt. Manche tun ja z.B. so, als ob ihr Haus live gefilmt werden würde. Trotzdem ist es falsch, die Gefahren ins Land der Mythen zu schreiben. Wie schnell es geht mit entsprechenden Daten wirklich relevante Informationen herauszufinden kann man z.B. bei diese Webseite sehen. So sieht die Realität aus. Wer hat da keine Bedenken? Es geht bei Street View nicht um eine Technologierevolution sondern um eine Erweiterung der Produktpalette durch den aktuell wohl größten Konzern, der sich ans Datensammeln macht. Und ich muss nicht zu jedem Digitalisierungsschritt Hurra und Juhu rufen, vor allem wenn Gefahren und Nachteile klar benannt werden können.

  • 42317

    26.08.10 (09:02:15)

    Je nach dem, wie man "Kriminalität" definiert, hat das Internet tatsächlich zu einer Explosion der Kriminalitätsrate geführt. Das illegale Kopieren und Verbreiten urheberrechtlich geschützter Inhalte hat sogar derart explosionsartig zugenommen, dass kein Staat der Welt die Ordnungskräfte aufbringen kann, die benötigt würden, um diese Gesetzesverstöße effizient zu ahnden, anstatt nur spektakuläre Einzelfälle vorweisen zu können. Originalzitat: "Du verdienst 2500 E netto! Warum kaufst Du den Film nicht einfach für einen Zehner aus der Kramkiste?" "Wenn ich das im Internet für umme kriege, warum sollte ich dann Geld dafür ausgeben? Bin ich blöd oder was?" Das Internet hat diese Kriminalisierung in einem riesigen Umfang erst möglich gemacht. Ich bin gegen strikte Kontrollen im Internet. Meinungs- und Informationsfreiheit müssen gewährleistet bleiben. Was ich fordere, ist mehr Ethik auf Seiten der User. Wir brauchen keine besseren Kontrollen, sondern bessere Erziehung.

  • Meeresbiologe

    26.08.10 (10:09:50)

    So eine sicher schöne Partylaune bei einer WM ist halt nur ein recht oberflächliches Bild, das über tiefergehende Probleme einer Nation leicht hinwegtäuschen kann. Daran sind dann aber nicht nur die Partymacher schuld (die sich von solchen Partys häufig selbst besoffen täuschen) - sondern auch die Ötzis, die sich von solchen Partys täuschen lassen(g). Wer Aussagen über jemanden allein anhand jemandes Fähigkeiten zu feiern trifft, sollte vielleicht seine Prämissen überprüfen. Denn "Paaaddy machen" allein kann schließlich so fast jeder, und zwar nicht nur unbedingt die allerklügsten "Elemente".

  • Jeeves

    26.08.10 (10:31:40)

    "Was wäre wenn", ist immer eine dankbare aber sinnlose Vorstellung. Hätte meine Oma Räder, wär' sie'n Omnibus. @26: Leider hast du nur allzu recht. Bin ja mal gespannt, wie deine legitime Meinung zu den Millionen illegalen Musik-angeboten und -downloads hier von den Geiz-ist-geil-Usern aufgenommen wird.

  • Martin Weigert

    26.08.10 (10:38:20)

    Aber auch nur, weil es bisher in den Köpfen vieler unmöglich ist, zu erkennen, dass diese Kriminalisierung unter den neuen Umständen vollkommen unangemessen, ja sogar unverantwortlich ist. Lies dazu mal das hier: http://www.neunetz.com/2010/08/25/filesharing-flattr-und-bezahlschranken-die-aufloesung-historischer-unfaelle/

  • Meeresbiologe

    26.08.10 (10:40:06)

    In den USA ist sicher auch nicht alles Licht, und das habe ich auch nicht behauptet - aber ein Riesending wie die Internet-Datenautobahn (wie sie als letzteres damals bezeichnet wurde) schickt man nicht mal nur wie Didi Hallervorden in Nonstop Nonsens mit Zufall und Glück in die Spur. Da steckten sicher sehr viel handfeste und weitblickende, insbesondere wirtschaftliche, globale Ambitionen und Interessen, insbesondere der damaligen US-Regierung unter Clinton und Al Gore dahinter. Das wäre sicher sehr interessant zu erfahren, wie, von wem genau und mit welchen Motiven das Internet damals Anfang der 90er angeschoben wurde. Gibt es dazu schon Untersuchungen und Foorschungen?

  • Jemand

    26.08.10 (10:41:30)

    Peter Glotz +2005 (Medienexperte der SPD) 1983 (sinngemäß): Wir werden dafür sorgen, dass Computer und andere Jobkiller in Deutschland keine Chance haben.

  • Lutz Falkenburg

    26.08.10 (10:53:04)

    1999 BTX? Da gab es das Internet in Deutschland doch schon seit fast 10 Jahren und war über eine Vielzahl von DialUp-Providern für jedermann nutzbar.

  • Meeresbiologe

    26.08.10 (10:53:34)

    Der Artikel vergleicht in meiner Wahrnehmung nicht Street View mit der Einführung des Internets, sondern die grundsätzliche Haltung der Deutschen beidem (SV und dem Internet) gegenüber. Vom einen kann man schon grundsätzlichere, allgemeinere Rückschlüsse in Hinsicht auf die Aufgeschlossenheit der Deutschen gegenüber Internet, Digitalisierung und Globalisierung ziehen. Die gegenwärtige Hysterie gegenüber SV halte ich insbesondere in ihrer Art, weniger in ihren tatsächlichen, vielleicht durchaus berechtigten Anliegen, für glatten digitalen Selbstmord. Wer derart frontal und massiv gegen ein wichtiges neues (Geo-) Informationsmittel auftritt, hat nicht mitbekommen, was die digitale Stunde geschlagen hat, und lebt quasi noch in einer hinterwäldlichen, regionalen und nationalen Idylle, in der er vom Internet bisher so fast garnichts mitbekommen zu haben scheint, wenn er nach mittlerweile drei Jahren Verbreitung von Street View in aller Welt solchen Affenzirkus aufführt. Quasi wie der deutsche Michel im Schwarzwald auf der Alm, der mit einmal mitkriegt, dass es da ja auch noch ein Internet gibt.

  • Lutz Falkenburg

    26.08.10 (10:58:58)

    Punkt 4 zeugt von totaler Unkenntnis wer was wie in Deutschland in Bezug auf das Internet entwickelt hat http://www.xlink.de/ - Nebenbei hatte EuNet bereits Anfang der 90er ein sehr gut ausgebautes DialUp-Netz wo sich jeder mit einem Modem ins Internet einklinken konnte, der halt die notwendige Kenntnis hatte. Wahrscheinlich sind viele der Kommentatoren hier zu jung, unerfahren oder zu blauäugig. ;)

  • Meeresbiologe

    26.08.10 (11:20:12)

    Es geht doch hier um den Anstoß und die Initiative zur allgemeinen Einführung und Ausweitung des Internets. Also um die Inspiration, Idee und Konzeption zur Ausweitung bereits bestehender Militär- und Wissenschaftscomputernetze zu einer globalen Datenautobahn für alle Bereiche. Diese Initiative ging ja wohl ursächlich und hauptsächlich von den USA aus. Dass andere Nationen wie auch Deutschland da dann interessiert mitgemacht haben, zumal sie sich einer solchen herausragenden globalen Entwicklung kaum bis garnicht entziehen konnten, wird überhaupt nicht bestritten.

  • TippiToppi

    26.08.10 (11:59:08)

    Man sollte aber mit so einem Beispiel bitte nicht jede neue Idee pauschal in den Himmel loben. Bedenken zu haben ist eine sehr gute Sache, auch wenn damit vielleicht die Innovationsfähigkeit gebremst wird. Letztlich wirken sich diese Innvovationen meist auf das Leben aller Bürger aus. Wenn dann diese nicht gefragt werden oder ihre Bedenken nicht gehört werden, führt das zu Problemen. Ein großes Problem ist z.B. die Betriebsblindheit der Innovatoren. Man tendiert dazu, an seinem Projekt zu hängen und die Vorteile zu verstärken, während man die Nachteile meist wegkürzt. "Tolle Sache, diese Gentechnik! Man kann Kindern schwere Behinderungen ersparen und kurze, leidvolle Leben ersparen und Eltern das Leid, dem eigenen Kind jahrelang und unausweichlich beim Sterben zuzusehen." Das würde wohl jeder unterschreiben. Die Forscher sind meist Idealisten und freuen sich über ihre Leistungen. Dabei vergessen sie oft, ein Worst Case Szenario zu überdenken. In diesem Fall wäre das der Bereich Eugenik oder Designerbaby. Man ist da tatsächlich etwas naiv und denkt "Ach, sowas würde doch keiner machen.", später vielleicht "Naja, da wird sich die Politik und die Gerichte was überlegen...". Damit will ich sagen: Es ist völlig OK, wenn man erstmal alle Bedenken sammelt und dann mit dem Sortieren anfängt. Was ist argumentativ richtig, was nur eine Sondermeinung ohne Belang, wo muß nachgearbeitet werden. Manche Innovationen sind allerdings derart unausweichlich, daß sie auf jeden Fall kommen, egal wie sehr man sich dagegen stemmt. Irgendwo auf der Welt wird sie sich etablieren und von da rüberschwappen. Oder gar mehrfach unabhängig entwickelt werden. Da kann man staatlich unterdrücken...irgendwer findet einen Weg. Aber: Nur weil etwas toll aussieht und neu ist, muß es nicht auch gut sein. Da sollte man seine Begeisterung zügeln und erstmal das Hirn einschalten. Ich stelle mir immer die Frage "Was ist das Schlimmste, was ein Mensch mit entsprechend krimineller Energie und Fähigkeiten, mit diesem Ding anrichten kann?". Und dann wägt man das mit weiteren Anwedungen ab. Braucht man das wirklich? Wer braucht das? Was ersetzt das? TT

  • Struppi

    26.08.10 (12:22:45)

    Es kann doch nicht sein, dass das unaufhörliche ansammeln von Daten, ohne Kontrolle und ohne Grenzen stattfinden soll? Ist man wirklich so bläuig und glaubt daran, dass grosse Konzerne nur das Gute wollen? Vielleicht sind gerade die deutschen Erfahrungen mit Überwachungsstaaten, dafür verantwortlich, dass hier etwas mehr Aufmerksamkeit und weniger Sorglosigkeit herrscht. Der Datenschutz hat ja auch nicht die Entwicklungen im Internet gebremst. Und bevor z.b. der Verbraucherschutz auf die aktuellen Gegebenheiten angepaßt wurden, sind viele tausende Menschen im Netz betrogen worden. Auch wenn die Politik immer hinterherhinkt, muss sie sich damit auseinandersetzen ob eine Technik auch Gefahren birgt. Deshalb ist die aktuelle Debatte richtig und sinnvoll. Wo sie aber hysterisch geführt werden soll erschließt sich mir nicht (ausser vielleicht in der Bild). Es gibt nur eben zwei Lager, wie bei vielen Dingen. Und da street view und ähnliche Dienste schon längst am laufen sind, wird hier sowieso nur nachträgliche Kosmetik betrieben. Welche tatsächlichen Auswirkungen die Sammelwut von google irgendwann haben wird, kann aber heute glaube ich niemand erahnen.

  • Lutz Falkenburg

    26.08.10 (12:26:16)

    @Meeresbiologe Ich vermisse die Sachlichkeit. Da ich anpassungsfähig bin werde ich versuchen mal adequat zu antworten: Ich wohne nicht auf einer Alm im Schwarzwald aber es ist doch sehr peinlich wie weit hier offenbar das Stockholmsyndrom bei den Google Fanboys ausgebrochen zu sein scheint. Google ist als Suchmaschine vielleicht gerade eben akzeptabel, wenn ich aber sehe, dass die meiste Fans derart verblenden zu sein scheinen, dass sie einem Konzern Daten überlassen, die unverschlüsselt auf der ganzen Welt verteilt rumliegen und diesem Konzern auch noch den ungehinderten Zugriff darauf gewähren, dann kann ich nur sagen - die haben den Schuss nicht gehört.

  • Joachim

    26.08.10 (12:31:14)

    Das Problem an dem "Faktor Wissen und Verständnis" ist einfach, dass fast alle Medien im gleichklang dagegen sind. Es werden überall - egal ob BILD, ARD oder ZDF - die Ängste vergrößert und regelrecht Stimmung gegen diese Dinge gemacht. Grade Street View ist eine Sache die die Boulevardmedien mit den öffentlich rechtlichen in ungeahnte Zweisamkeit bringt. Jedes Mal wenn ein Reporter eine Umfrage auf der Straße macht wird deutlich wie wenig die Leute sich auch über das Leben im allgemeinen klar sind. Eine Antwort die bei solchen Umfragen immer wieder kommt ist: "Ich will nicht, dass jeder mein Haus sehen kann!" Und was machen die Leute sonst? Aus dem Gedächtnis der Menschen die vorbeigehen können sie ihr Haus nunmal nicht löschen lassen. Am Anfang fand ich die Diskussion über Street View gut. Immerhin ging es ja auch um Datenschutz im Internet. Leider ist sehr schnell nur ein stumpfes Bombardement daraus geworden.

  • Meeresbiologe

    26.08.10 (12:32:06)

    Street View kann man durchaus auch als eine weitere Technologierevolution und damit nicht nur als eine bloße Erweiterung der Produktpalette von Google ansehen. Das technische Prinzip von Street View ist zwar grundeinfach und gibt es sicher schon länger als digitale Fotografie. ABER die neue Anwendung und Erweiterung dieses bereits bestehenden technischen Prinzips zur totalen fotografischen Abbildung der öffentlich einsehbaren Welt kann man als weiteren revolutionären Schritt, als eine weitere technische Medienrevolution ansehen. Mit Street View wird ein neues und weiteres zentrales Medium im Medium Internet geschaffen. Wer da nicht mitmacht, verabschiedet sich eben von einem neuen wichtigen revolutionären und zukunftsbestimmenden Medien- und (Geo-)Informationsplatz im Internet. Street View bedeutet nicht nur ein revolutionär neues Niveau in der Medien- und Informationsglobalisierung, sondern mindestens ebenso, wenn nicht fast noch mehr in der nationalen, regionalen und lokalen Geo- und Wirtschaftsinformation. Ich bin viel interessierter an Street View in meinem eigenen Heimatland als in Paris, New York usw. Nicht bei Street View mitzumachen ist dann eben nichts weniger, als sich aus dem anstehenden nächsten wichtigen Schritt der Zivilisations- und Wirtschaftsentwicklung auszuklinken. Insbesondere angesichts dieser großen Tragweite der neuen Medientechnologie-Revolution wirkt die Hysterie gegenüber Street View um so verheerender. Mit solcher grundsätzlich frontalen Antihaltung gegen ein neues Medium verkennen schlicht große Teile des Volkes die digitalen Zeichen der Zeit und globaler Entwicklungen.

  • Martin Weigert

    26.08.10 (12:33:29)

    Der Datenschutz hat ja auch nicht die Entwicklungen im Internet gebremst Genau das hat er. Es ist ein Grund, warum es Social Networks aus Deutschland viel schwerer haben als beispielsweise Facebook. Sie müssen bei jeder Neuentwicklung sehr viel genauer schauen, was geht und was nicht geht. Facebook kann munter drauflos experimentieren. Nur ist die Konsequenz in einem globalen Internet eben nicht, dass Facebook sich unseren deutschen Regeln (global gesehen) anpasst. Ich glaube, was manch einer vergisst, ist, dass wir ein globales Internet haben. Und dass es eben deshalb nicht so einfach ist, zu sagen, "ok wir in Deutschland sind da jetzt mal kritischer und bremsen, wo wir es für notwendig halten" - denn das Netz und die Wirtschaft entwickelt sich weiter. Um uns herum. Ohne uns. Und ich denke nicht, dass wir uns das leisten können. Nationale Gesetzgebungen rund um die digitale Welt sind in sofern ohnehin wertlos. Gleiches gilt für nationales "Wir sind eben skeptischer als die anderen."

  • Omniphobiker

    26.08.10 (13:36:04)

    Ja, das Internet kann wirklich nicht evolutionär entstanden sein, denn jemand muss die technischen Voraussetzungen geschaffen haben und all das, was wir mit dem Internet in Verbindung bringen, ist auch nicht von alleine und zufällig entstanden.

  • Christian2010

    26.08.10 (21:29:37)

    Sagen wir mal so: in gewisser Weise hat Deutschland das Internet entwickelt - und entwickelt es immer noch. Wer was im Netz entwickelt lässt sich gar nicht so genau festlegen. Fakt ist meiner Meinung nach jedenfalls: wäre das Internet in seinen Frühzeiten in die Hände deutscher Politiker geraten, wäre der Zug für Deutschland schon längst abgefahren, d.h. das Land würde der der Entwicklung des Internets noch mehr hinterher laufen, als es jetzt schon der Fall ist. Gut, dass es anders gekommen ist... Abgesehen davon denke ich, das Internet sollte nicht strikt durchgeplant werden, weil dadurch jede Menge Möglichkeiten schon im Voraus verbaut werden. Das Netz lebt davon, dass (heute in Zeiten des Web 2.0 erst Recht, aber auch schon vor einigen Jahren) im Grunde jeder an der Entwicklung teilhaben kann und keine klare Struktur vorgegeben ist!

  • gelaber

    26.08.10 (21:53:53)

    Wie du ja bereits erwähnt hattest (BTX) wurde ja auch tatsächlich versucht einen eigenen "deutschen" Weg zu gehen. Aber das war halt nie eine ernsthafte Konkurrenz fur "das Internet". Viel interessanter ist ja, das Apple jetzt versucht sein eigenes 'sauberes' Internet zu etablieren.

  • krauthead

    11.09.10 (11:41:07)

    so weit ich weiß wurde das Fernsehen auch nicht in Deutschland sondern USA erfunden. Siehe erste Schwarz/Weiß bzw Farbfernseher. Die Einwohner der USA konnten schon Farbfernsehen bevor wir uns das hier in Europa überhaupt vorstellen konnten.

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