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25.08.10

Digitalisierung: Wenn Deutschland das Internet entwickelt hätte...

Der öffentliche Diskurs zum digitalen Wandel ist geprägt von Ablehnung und Skepsis. Wie sähe das Internet wohl heute aus, wenn es als offizielles "Innovationsprojekt" in Deutschland konzipiert worden wäre?

 

Der Umgang mit Veränderungen ist seit jeher ein großes Problem für die meisten Menschen. Wandel birgt stets das Risiko, den Status Quo zu verlieren. Gerade wer zum Pessimismus neigt, sieht eher die Risiken als die Chancen. Blockadehaltungen und eine pauschale Distanz zu Neuem sind die Folge.

Ich weiß nicht, ob sich die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem technischen Fortschritt in den letzten Jahren verstärkt hat, oder ob dieser Eindruck auf die erhöhte Geschwindigkeit des Innovationsprozesses und die Komplexität des Wandels zurückzuführen ist. Statt sich einige Male pro Jahrzehnt mit einer Neuentwicklung auseinandersetzen zu müssen, wird dies mittlerweile mehrmals jährlich notwendig. Dass da die Abwehrhaltung vieler Menschen zunimmt oder zumindest häufiger zum Vorschein kommt, ist eigentlich wenig verwunderlich.

Die unsachliche, hysterische Debatte um Google Street View illustriert sehr deutlich, auf welche Art sich das allgemeine Unbehagen über das rasante Innovationstempo äußert. Es kann aber auch subtiler ausgedrückt werden, in Form von Umfragen, bei denen eindeutig auf dem Siegeszug befindlichen Technologien unrealistisch geringe Zukunftschancen eingeräumt werden, so wie es beispielsweise dieser mit einer unmissverständlichen Überschrift versehene Artikel aufzeigt: " Österreicher gegenüber E-Books skeptisch " (eine Umfrage von uns ergab ein ähnlich das große Potenzial von digitalen Büchern in Frage stellendes Ergebnis).

Angesichts der je nach Diskussionsgegenstand kritischen bis ablehnenden öffentlichen Meinung zu digitalen Innovationen drängte sich mir gestern ein sehr unangenehmer Gedanke auf:

Man stelle sich vor, das Internet hätte sich nicht sukzessive entwickelt und ausgebreitet, anfänglich nahezu unbemerkt von Politik und Wirtschaft, um dann eines Tages plötzlich die Agenda zu übernehmen und die Gesellschaft eines Landes vor eine neue Realität zu stellen, so wie wir es gerade erleben. Nein, stattdessen wäre im Jahr 1990 oder 1995 nach ausgiebiger Evaluierung ein offizieller politischer Entschluss gefasst worden, ein "Internet" zu starten und allen in Deutschland wohnhaften Personen einen Zugang zu gewähren (Update: Mit dem Bildschirmtext gab es auch ein Vorhaben in diese Richtung, das aber mit dem Aufkommen des offenen Internets floppte).

Die Frage, die sich für mich daraus ergab: Sähe das Internet dann so aus, wie wir es heute kennen, oder wäre es von Beginn an auf ein Art geformt worden, die 95 Prozent des Innovations- und Veränderungspotenzials entfernt und sämtliche Bedenken und Befürchtungen unterschiedlichster Interessenvertreter berücksichtigt hätte?

Ausgehend von der Tonalität der derzeitigen Debatten war meine Antwort auf diese vollständig fiktive Frage (die ja völlig außer Acht lässt, dass das Internet ein globales, kein nationales Phänomen ist) leider, dass wir in diesem Fall heute vermutlich ein ganz anderes Web nutzen würden.

Die Bedenken, die in der imaginären Expertenkommission zur Definition der Rahmenbedingungen des Internets anno 1995 als Grundlage zur Ausgestaltung des Plans gedient hätten, wären ein Sammelsurium aus all den Pauschalaussagen und Plattitüden, die man so rund ums Internet hört: Vereinsamung und Realitätsverlust der Menschen; Nährboden für Kriminelle, Terroristen und Pädophile; Beschädigung der Medienbranche durch konkurrierende, womöglich von Amateuren betriebene Onlineangebote sowie durch digitale Kopien ihrer Inhalte; Verdummung und Abstumpfung durch Onlinespiele und -videos sowie als Konsequenz aus der Beliebtheit von nicht-professionellen Nachschlagewerken und Informationsplattformen; Gefahr zu starker Einflussmöglichkeiten des Ottonormalbürgers etc.

Nimmt man den aktuellen politischen und medialen Diskurs zur Digitalisierung als Maßstab, dann wäre man damals zu dem Schluss gekommen, dass ein freies Internet Deutschland zu Grunde richten, die Menschen verblöden und die Kriminalität explodieren lassen würde. Wie dann anschließend die Spezifikationen für dieses angestrebte Internet ausgesehen hätten, kann sich jeder selbst ausmalen.

Nun könnte man sagen: Alles pure Spekulation und völlig absurd. Ja, natürlich könnte man das. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass allein der Gedanke, das Internet wäre nicht ein sich quasi verselbstständigendes Phänomen gewesen sondern ein offizielles staatliches Innovationsprojekt in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen und Medienunternehmen, äußerst unbehaglich ist. Und dass dies eklatante Mängel daran offenbart, wie in Deutschland heute auf den technischen Fortschritt reagiert wird. Nämlich auf eine Art, die das Internet im Keim erstickt hätte (und durch sehr fragwürdige Gesetzesentwürfe).

Das Fazit dieses Artikels hatte ich gestern bereits in einem Tweet formuliert, den ich hier gerne noch einmal wiederhole: "Hätten Menschen die Möglichkeit gehabt, hätten sie der Einführung des Internets wohl auch widersprochen. Gut, dass niemand gefragt hat."

Ist das nicht eine traurige Erkenntnis?

(Foto: stock.xchng)

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