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20.08.10

Digitalisierung: Die deutsche Angst

Die Diskussion um Street View gibt einen Vorgeschmack auf das, was demnächst auf uns zukommt, wenn wir uns in Deutschland nicht unsere chronische Angst abgewöhnen.

 

In den letzten zwei Wochen habe ich gefühlte 1000 Artikel zur Debatte um Google Street View gelesen. Doch je mehr Beiträge es wurden, desto stärker kam es zu einer Verwässerung der Diskussion und der aus ihr abgeleiteten Konsequenzen.

Geht es eigentlich um Google? Oder um die Ausformung der digitalen Öffentlichkeit? Um Datenschutz? Um das Recht der Bürger auf Mitbestimmung? Um die Probleme nationaler Rechtssprechung in einem globalen Internet? Um fatalen Folgen von Populismus? Um das Fehlen von Medienkompetenz? Ja, natürlich geht es um all das.

Doch bevor sich all diese Aspekte angehen lassen, muss erst einmal etwas ganz Anderes, Übergeordnetes, Grundsätzliches beseitigt werden: Angst. Ein Gefühl, das uns Deutschen ohnehin nachgesagt wird, was aufgrund unserer Geschichte auch gar nicht so verwunderlich ist. Doch während Deutschland bisher recht gut mit seiner Angst gelebt hat, steht es nun vor einem ernsthaften Problem:

Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto hinderlicher wird die "German Angst", desto mehr führt sie zu Verunsachlichungen, Panikmache und grundsätzlichen Blockadehaltungen in Situationen, in denen eine durchaus kritische, aber vor allem konstruktive, zukunftsorientierte Herangehensweise gefragt ist.

In diesem Kontext möchte ich auf zwei in meinen Augen herausragende Zitate hinzuweisen, die ich in sehr lesenswerten Artikeln von Mario Sixtus und Michael Seeman zur Street-View-Hysterie gefunden habe. Beide sehen die der Diskussion zugrunde liegende Angst in der Bevölkerung als das große Hindernis, um nicht nur die Street-View-Frage sinnvoll und mit Bedacht zu lösen, sondern um sich auch allen anderen, durch die Digitalisierung enstehenden Herausforderungen stellen zu können.

Hier das Zitat von Mario Sixtus ( Quelle ):

Mit Ängstlichen kann man schlecht sachlich diskutieren. Wer unter Flugangst leidet, dem helfen Statistiken über die Absturzsicherheit von Passagiermaschinen nicht weiter - er wird trotzdem Angst vor dem Fliegen haben. Soll man diese Angst also ernst nehmen? Klar! Soll der Gesetzgeber sich daran orientieren? Bloß nicht! Wenn wir anfangen, auf Phobiker zu hören, können wir die freiheitliche Gesellschaft ganz schnell in die Tonne kloppen.

Und hier das Zitat von Michael Seeman (Quelle):

Den Menschen jetzt die Angst zu nehmen, wäre der falsche Weg. Man darf sie nicht wieder in falscher Sicherheit einlullen. Schon morgen werden es echte Kontrollverluste sein: echte persönliche Daten, echte eigene Profile im Internet, echte Eindrücke aus dem Privatleben. Die Kanäle dazu sind zu vielfältig, die Verbindungen zu komplex, die Verknüpfungen zu unvorhersehbar, als dass sie in naher Zukunft noch zu überblicken wären. Nichts ist gewonnen, wenn das Haus verpixelt ist – und das wissen eigentlich alle.

Wenn es uns als Gesellschaft nicht gelingt, die allgegenwärtige Angst (vor Veränderung, vor Neuem, vor Risiken, vor Unsicherheiten) in den Griff zu bekommen, dann werden wir in Kürze Zeugen von Debatten, die an Ausmaß, Intensität und Unsachlichkeit weit über das hinaus gehen, was wir gerade im Zusammenhang mit Street View erleben.

Denn demnächst werden sich die Auseinandersetzen nicht mehr um zwei Jahre alte Fotos von Fassaden und Vorgärten drehen, sondern um technologische, internetgestützte Entwicklungen zur Ortung (à la Facebook Places), Gesichtserkennung und Vorhersagbarkeit von menschlichem Verhalten auf Basis von Algorithmen. Wie sich für all das konstruktive Rahmenbedingungen schaffen lassen sollen, wenn im Unterbewusstsein permanent die Angst nagt, ist mir ein Rätsel.

Der Zeitpunkt für einen allgemeinen Sinnes- und Einstellungswandel in Deutschland könnte besser kaum sein: Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt und Lehrstellen bleiben plötzlich unbesetzt. Ja - womöglich zeichne ich hier gerade ein zu rosiges Bild. Aber vermutlich ist dies genau der Weg, um die hinderliche Furcht zu beseitigen: Sich einfach mal auf die positiven Dinge zu konzentrieren und das Negative nicht so sehr in den Vordergrund rücken lassen. Was nicht heißen muss, es nicht zu berücksichtigen. Es sollte die Beurteilung nur nicht immer dominieren. Leichter gesagt als getan? Sicherlich! Aber niemand hat behauptet, dass es einfach wird.

(Foto: stock.xchng)

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