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20.08.10Leser-Kommentare

Digitalisierung: Die deutsche Angst

Die Diskussion um Street View gibt einen Vorgeschmack auf das, was demnächst auf uns zukommt, wenn wir uns in Deutschland nicht unsere chronische Angst abgewöhnen.

 

In den letzten zwei Wochen habe ich gefühlte 1000 Artikel zur Debatte um Google Street View gelesen. Doch je mehr Beiträge es wurden, desto stärker kam es zu einer Verwässerung der Diskussion und der aus ihr abgeleiteten Konsequenzen.

Geht es eigentlich um Google? Oder um die Ausformung der digitalen Öffentlichkeit? Um Datenschutz? Um das Recht der Bürger auf Mitbestimmung? Um die Probleme nationaler Rechtssprechung in einem globalen Internet? Um fatalen Folgen von Populismus? Um das Fehlen von Medienkompetenz? Ja, natürlich geht es um all das.

Doch bevor sich all diese Aspekte angehen lassen, muss erst einmal etwas ganz Anderes, Übergeordnetes, Grundsätzliches beseitigt werden: Angst. Ein Gefühl, das uns Deutschen ohnehin nachgesagt wird, was aufgrund unserer Geschichte auch gar nicht so verwunderlich ist. Doch während Deutschland bisher recht gut mit seiner Angst gelebt hat, steht es nun vor einem ernsthaften Problem:

Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto hinderlicher wird die "German Angst", desto mehr führt sie zu Verunsachlichungen, Panikmache und grundsätzlichen Blockadehaltungen in Situationen, in denen eine durchaus kritische, aber vor allem konstruktive, zukunftsorientierte Herangehensweise gefragt ist.

In diesem Kontext möchte ich auf zwei in meinen Augen herausragende Zitate hinzuweisen, die ich in sehr lesenswerten Artikeln von Mario Sixtus und Michael Seeman zur Street-View-Hysterie gefunden habe. Beide sehen die der Diskussion zugrunde liegende Angst in der Bevölkerung als das große Hindernis, um nicht nur die Street-View-Frage sinnvoll und mit Bedacht zu lösen, sondern um sich auch allen anderen, durch die Digitalisierung enstehenden Herausforderungen stellen zu können.

Hier das Zitat von Mario Sixtus ( Quelle ):

Mit Ängstlichen kann man schlecht sachlich diskutieren. Wer unter Flugangst leidet, dem helfen Statistiken über die Absturzsicherheit von Passagiermaschinen nicht weiter - er wird trotzdem Angst vor dem Fliegen haben. Soll man diese Angst also ernst nehmen? Klar! Soll der Gesetzgeber sich daran orientieren? Bloß nicht! Wenn wir anfangen, auf Phobiker zu hören, können wir die freiheitliche Gesellschaft ganz schnell in die Tonne kloppen.

Und hier das Zitat von Michael Seeman (Quelle):

Den Menschen jetzt die Angst zu nehmen, wäre der falsche Weg. Man darf sie nicht wieder in falscher Sicherheit einlullen. Schon morgen werden es echte Kontrollverluste sein: echte persönliche Daten, echte eigene Profile im Internet, echte Eindrücke aus dem Privatleben. Die Kanäle dazu sind zu vielfältig, die Verbindungen zu komplex, die Verknüpfungen zu unvorhersehbar, als dass sie in naher Zukunft noch zu überblicken wären. Nichts ist gewonnen, wenn das Haus verpixelt ist – und das wissen eigentlich alle.

Wenn es uns als Gesellschaft nicht gelingt, die allgegenwärtige Angst (vor Veränderung, vor Neuem, vor Risiken, vor Unsicherheiten) in den Griff zu bekommen, dann werden wir in Kürze Zeugen von Debatten, die an Ausmaß, Intensität und Unsachlichkeit weit über das hinaus gehen, was wir gerade im Zusammenhang mit Street View erleben.

Denn demnächst werden sich die Auseinandersetzen nicht mehr um zwei Jahre alte Fotos von Fassaden und Vorgärten drehen, sondern um technologische, internetgestützte Entwicklungen zur Ortung (à la Facebook Places), Gesichtserkennung und Vorhersagbarkeit von menschlichem Verhalten auf Basis von Algorithmen. Wie sich für all das konstruktive Rahmenbedingungen schaffen lassen sollen, wenn im Unterbewusstsein permanent die Angst nagt, ist mir ein Rätsel.

Der Zeitpunkt für einen allgemeinen Sinnes- und Einstellungswandel in Deutschland könnte besser kaum sein: Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt und Lehrstellen bleiben plötzlich unbesetzt. Ja - womöglich zeichne ich hier gerade ein zu rosiges Bild. Aber vermutlich ist dies genau der Weg, um die hinderliche Furcht zu beseitigen: Sich einfach mal auf die positiven Dinge zu konzentrieren und das Negative nicht so sehr in den Vordergrund rücken lassen. Was nicht heißen muss, es nicht zu berücksichtigen. Es sollte die Beurteilung nur nicht immer dominieren. Leichter gesagt als getan? Sicherlich! Aber niemand hat behauptet, dass es einfach wird.

(Foto: stock.xchng)

Kommentare

  • Markus Kämmerer

    20.08.10 (11:18:24)

    Hi, der Artikel zeigt eines der wichtigsten aktuellen Probleme. Das Erzeugen der Angst bei den Menschen ist aber ein politisch motiviertes Problem. Angst hilft, bei Menschen unbeliebte Dinge durchzusetzen. Überwachungsstaat? Kein Problem, mit einer Priese Terrorangst lässt sich alles begründen. Und so geht es bei den anderen Themen weiter. Es wäre ein Traum, wenn wir Deutschen uns nicht mehr von der Angst 'leiten' lassen - allein ich glaube nicht daran. Passend dazu wieder der Link auf den Vortrag von Prof. Dr. Gerald Hüther, "Gelassenheit hilft: Anregungen für Gehirnbenutzer" http://j.mp/cDwz09

  • Chris Dreyer

    20.08.10 (11:20:49)

    Deutsche Angst? Ich glaube eher, es geht um Misstrauen gegenüber Privaten, gepaart mit einem (mE nicht gerechtfertigten) Grundvertrauen gegenüber Vater Staat. So scheint "den Deutschen" die Privatsphäre im Verhältnis zu Papa Staat nicht die geringste Rolle zu spielen, oder täusche ich mich da?

  • Martin Weigert

    20.08.10 (11:24:41)

    Also ich würde sagen, die Deutschen haben ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Staat, Unternehmen und Privatpersonen ;)

  • Andreas

    20.08.10 (15:17:51)

    Ich glaube die Politik sucht momentan einfach etwas über das sich das Volk aufregen kann um damit einfach von den politischen Problemen im Land abzulenken. Tja und die Medien nehmen dieses Thema natürlich auch gerne auf und schüren die Angst. Denn das bringt Leser und Umsatz. Dabei sind die Medien keineswegs besser und bedienen sich selber gerne den Vorteilen von Google (dazu hier ein Post von mir: hier Und du hast vollkommen Recht, wenn die Bürger nich anfangen sich eigene Gedanken über ihr handeln im Netz zu machen hilft auch keine verpixelte Hauswand.

  • Johannes Lenz

    20.08.10 (17:03:35)

    Hallo Martin, ein guter Post zu rechten Zeit! Es ist ein Thema, das ich für elementar halte und das uns alle betrifft. Jeder, Du, ich, die anderen, die sich für das Social Web interessieren, müssen Aufklärungsarbeit leisten. Die smeine ich ohne jedwede Form der Arroganz ode rgar herablassend. Ich bin der Auffassung, daß ein jeder in unserer Gesellschaft wissen sollte, worum es geht,. Also, warum Street View Vor- und Nachteile hat, wie man sich in sozialen Netzwerken verhalten kann usw. un ddarüber hinaus sollte auch jeder wissen, daß man überhaupt nicht in die digitale Welt eintauchen muss, aber man darum wissen sollte, was sie bewegt, was die menschen, die sich dafür interessieren, denken und wie die prozesse oder strömungen vonstatten gehen. Dies ist von gesellschaftlicher Relevanz, wenn wir alle eine wissensbasierte Gesellschaft vor Augen haben, sie stets postulieren, aber in wirklichkeit eigentlich bei solchen Debatten wie der jetzigen einem erhebliche Zweifel kommen können... Beste Grüße johannes

  • Oliver Springer

    20.08.10 (22:02:11)

    Angst hat man vor allem vor dem Unbekannten, das man nicht versteht. Umgekehrt neigen diejenigen, die sich mit dem Thema auskennen, möglicherweise dazu, das Gefahren zu unterschätzen. Was einem so vertraut ist, nimmt man nicht als Gefahr wahr, obwohl es gefährlich sein mag. Eine sachliche Diskussion wird sich sinnvoll nur führen lassen auf Basis eines Minimums an Medienkompetenz. Die fehlende Medienkompetenz ermöglicht es auch überhaupt erst, das Thema so zu instrumentalisieren, wie wir es erleben. So gesehen müsste man eigentlich den Fortschritt für 10 Jahre stoppen und müsste sich die nächste Zeit über darauf beschränken, die bisherigen Veränderungen zu vermitteln. So lächerlich die Diskussion um das harmlose Street View ist - wir erleben durchaus Veränderungen, die einem Sorgen bereiten können, diese wurden im Artikel treffend benannt. Und vor einigen dieser Entwicklungen Angst zu haben, halte nicht für unvernünftig - auch wenn bei den angesprochenen Themen sehr optimistisch bin und mich zum Beispiel auf Gesichtserkennung für alle freue. Meine Sorge geht dahin, dass sich die im Artikel angesprochen positiven Rahmenbedingungen nicht schaffen lassen.

  • Peter

    20.08.10 (23:47:35)

    Leider fehlt mir im Artikel eine argumentativ schlüssige Darlegung, weshalb diese Angst denn nun etwas schlechtes sein soll. Ein blinder Optimismus wäre sicher keineswegs eine bessere Alternative. Es muss dem Menschen doch möglich sein, die eigene Öffentlichkeit nach seinen eigenen Wünschen zu dosieren. Ist es nicht weniger eine Angst als vielmehr das Verteidigen der eigenen Privatheit?

  • Martin Weigert

    21.08.10 (09:44:11)

    Peter, kannst du angesichts der Street-View-Hysterie ernsthaft die Frage stellen, wieso diese Angst etwas Schlechtes sein soll??? Ist das Gegenteil von Pessismismus und grundsätzlicher Ablehnung automatisch "blinder Optimismus"? Es gibt auch ganz normalen Optimismus. Ich denke nicht, dass es die Verteidigung der Privatheit ist. Denn diese haben Street-View-Kritiker an anderen Punkten sehr viel weiter aufgeben (Bonuskarten, Telefonbucheinträge oder auch ihre Ablichtung mit Name und Haus und Zeitungen). Ich glaube, die wenigsten Kritiker haben wirklich darüber reflektiert, was genau Street View für sie bedeutet. Stattdessen lassen sie sich in der Beurteilung von ihrer Angst vor Neuem und vor Veränderung steuern.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (09:49:28)

    "So gesehen müsste man eigentlich den Fortschritt für 10 Jahre stoppen und müsste sich die nächste Zeit über darauf beschränken, die bisherigen Veränderungen zu vermitteln. Wohl war. Aber nun müssen wir stattdessen einen Weg finden, dies im "Just in Time"-Verfahren zu erledigen ;)

  • Meeresbiologe

    21.08.10 (11:59:30)

    Die Angst gegenüber Street View ist deshalb schlecht, weil SV eines der wichtigsten Werkzeuge von Google ist und weiter wird und weil damit eine grundlegend neue Phase der Geoinformation eingeläutet wird, die das Informationswesen nochmal um ein weiteres ähnlich verändern könnte wie bereits das Internet selbst. Street View ist nichts weniger als die fast totale fotografische Abbildung der öffentlichen Welt mit den sich daraus ergebenden milliardenfachen Möglichkeiten der Verknüpfung einzelner Unternehmen, Einrichtungen usw. mit einem solchen Straßenfotodienst. Die fotografische Abbildung selbst ist ja nur der erste Schritt - die Verknüpfung einzelner Punkte auf diesen Abbildungen mit URL-Links wie bereits in Google Earth, Maps der nächste. Bei Street View machen bereits fast die gesamte westliche Welt mit. Wenn Deutschland hier fernbleibt, hängt es sich ab von einem der zentralen Informationsplätze des Internets, der Digitalisierung und Globalisierung.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (12:01:40)

    Bei Street View machen bereits fast die gesamte westliche Welt mit. Wenn Deutschland hier fernbleibt, hängt es sich ab von einem der zentralen Informationsplätze des Internets, der Digitalisierung und Globalisierung. Ja symbolisch kann man das durchaus so sehen.

  • Meeresbiologe

    21.08.10 (12:04:55)

    Nicht nur symbolisch, sondern auch de facto. Straßenfotodienste wie Street View haben m.M. das Zeug zu einem wichtigen, zentralen Mittel der Wirtschafts- und vieler anderer Information, insbesondere natürlich der Tourismusinformation.

  • Gnoffo

    21.08.10 (12:18:31)

    übertriebene Angst ist sicher schlecht, aber Angst an sich ist notwendig zum Überleben unserer Spezies. Positiver ausgedrückt könnte man sie Vorsicht oder Skepsis nennen. Was ist denn die Forderung hier? Alles ungefragt und enthusiastisch zu übernehmen? Bei einem solchen Vorhaben wie Street View gibt es offene Fragen, und die sollten diskutiert werden, bevor der Dienst überall verfügbar ist. Wer die Ängste nicht ernst nimmt, wird auf Ablehnung stoßen.

  • Rainer

    21.08.10 (12:26:54)

    Angst resultiert auch aus Erfahrung. Wer mal verschüttet war, hat Angst vor engen Räumen - lacht man ihn deshalb aus und macht ihm Vorwürfe? Viele Bundesbürger haben in totalitären Überwachungsregimen gelebt (3. Reich, DDR). Privatheit war da ein Mittel, zu überleben und sich den Ansprüchen des Staates zu entziehen. Die Leute haben auch erlebt, dass, wenn man sich zu einer politischen Partei offen bekennt, man nach dem Machtwechselextreme Nachteile hat (Haft, Tod, kein Studium und mehr). Blockwarte lassen grüssen. Diese Erfahrungen gibt es in anderen Ländern (USA, Skandinavien, GB etc) nicht. Anstatt auf Ängste der Bürger einzugehen, bringt es wenig, diese als Spassbremsen zu bezeichnen.

  • Meeresbiologe

    21.08.10 (12:34:38)

    @Gnoffo Das Problem ist nur, dass es SV mittlerweile bereits seit ca. drei Jahren in immer mehr wichtigen Industrieländern gibt. Nur die deutschen Schlafmützen reiben sich wieder mal verschlafen die Augen und melden Bedenken an, anstatt das Procedere (inklusive Regelung von Datenschutzbedenken) dafür, dass auch Deutschland endlich mitmachen kann, so schnell wie möglich über die Bühne zu kriegen. Deutschland leistet sich den verwegenen Luxus, SV hysterisch zu bekämpfen, anstatt die Rahmenbedinungen für seine zügige Einführung zu schaffen .

  • Martin Weigert

    21.08.10 (12:52:46)

    @ Rainer Ja das ist mit Sicherheit ein Grund. Aber den muss man offen diskutieren. Das wird nicht getan. Deutschland muss seine Vergangenheit bearbeiten (und damit meine ich nicht den 2. Weltkrieg, sondern auch alles andere) und endlich lernen, nach vorne zu schauen statt nach hinten.

  • RalfLippold

    21.08.10 (12:57:44)

    .... mit Angst ließ sich schon immer Politik machen! Nicht nur überregional sondern auch im lokalen. Das Internet und das Zeitalter von OpenData zeitigt dies langsam. Angst entsteht immer dort, wo Informationen nicht vollständig offen allen zugänglich sind. Haben Politiker und Datenschützer bereits davon erzählt, welche Daten der Staat von uns weiß, ohne dass wir Daten und Informationen von Politikern und Abläufe in den Zentren der Macht haben?

  • Rainer

    21.08.10 (13:03:18)

    @Martin Mal provokant dahingestellt: vielleicht fehlt ja den "Beführwortern" von extremer Offenheit die entsprechende Lebensfahrung, die die "Gegner" haben? Vielleicht ist es ja keine "Angst" die gegen SV steht, sondern die Erfahrung eines Lebens? Schonmal jemanden "zuviel" erzählt, der das dann irgendwann mal gegen Dich verwendet hat? Das nächste Mal hält man seine Klappe. Wie aber will man die "Klappe" SV halten, wenn sie mal offen ist? Sowas spielt da auch mit rein.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (13:12:25)

    Diese Frage ist natürlich berechtigt. Meine provokante Gegenthese: Lebenserfahrung ist durch die Digitalisierung plötzlich nicht mehr nur etwas Postives, sondern auch etwas Negatives - denn man überträgt im analogen Zeitalter gemachte Erfahrung auf das Digitale - welches jedoch in seinen Strukturen und Abläufen grundsätzlich anders funktioniert. Ich hatte dazu auch mal einen Artikel geschrieben.

  • Christian Laubach

    21.08.10 (13:13:22)

    Ich denke, dass viele der Google Street View Befürworter die 5. Kolonne von Google darstellen. Sie haben sich von Google derart blenden lassen, dass sie gar nicht merken, dass sie einer unsäglichen Datenkrake zum Opfer gefallen sind. Noch sind alle Dienste scheinbar kostenlos. Nur mit dieser Mentalität lassen sich die Menschen verführen, diesem "Dienst" 100%-ig auszuliefern. Was passiert eigentlich? Das, wovor alle Menschen Angst hatten, nämlich Orwell 1984 mit der totalen Überwachung. Nur dass es nicht der Staat ist, sondern ein kommerzielles Unternehmen. Was macht Google nichts anderes, als Öffentlichkeit aufzubereiten und mit Milliardengewinn zu verkaufen. Google schmarotzt, Punkt. Und wenn alle in ihrer Bequemlichkeit den letzten Rest kritischen Gedanken haben verkümmern lassen, dann schlägt die Krake zu. Das Argument "jeder kann doch Häuser fotografieren" zeigt sehr deutlich, wie die Befürworter unfähig sind zu begreifen, worum es geht. Beim Datenschutz geht es nicht darum, dass man etwas nicht sehen, lesen, fotografieren usw. darf. Es geht darum, dass Massendaten, die maschinell verknüpft werden können und somit weitreichende Aussagen möglich werden, einer strengen Kontrolle unterliegen sollen. Es ist doch wie beim Demokratieansatz. Bei der totalen Überwachung traut man sich nicht mehr, demokratisch legitimierte Dinge zu tun, weil man davon Nachteile erwartet. So ist es auch mit der totalen Überwachung durch Google. Wer z.B. dabei beobachtet wird, dass er z.B. eine Kirche betritt, muss damit rechnen, beim nächsten Bewerbungsgespräch abgelehnt zu werden, weil diese persönliche (!) Angelegenheit dem Chef nicht passt. Und darauf wird es hinauslaufen. Google wird Geld dadurch verdienen, dass es seine Daten und Schlussfolgerungen jedem zur Verfügung stellen wird. Wer dies verneint, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Das Totschlagargument "German Angst" zeigt sehr deutlich, dass es hier nicht um eine sachliche Argumentation geht. Merke: nicht alles, was nicht Deutsch ist, ist automatisch gut und richtig. Und alles was Deutsch ist (was Deutsch auch bedeuten soll) ist automatische schlecht und falsch. Merke Nr. 2: immer wenn "German Angst" beiseite geschoben wurde, gab es Millionen von Toten und jahrzehntelange Kriege.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (13:19:16)

    Merke Nr 3: Wenn jemand in einer Diskussion zu irgendeinem Thema 1984 erwähnt oder alternativ deutsche Schuldgefühle als Argument ins Spiel bringt, ist jede weitere Debatte müßig. Du hast beides getan.

  • Meeresbiologe

    21.08.10 (13:25:45)

    @#4 @Rainer Unzutreffender Vergleich. Street View ist keine "Erzählung" irgendwelcher Geheimnisse, sondern eine Abbildung dessen, was sowieso jeder sehen kann.

  • Gnoffo

    21.08.10 (13:45:49)

    Darf ich fragen, warum?

  • Martin Weigert

    21.08.10 (13:50:56)

    Weil eine sachliche, konstruktive Diskussion mit Personen, die damit argumentieren, nicht möglich ist.

  • Gnoffo

    21.08.10 (14:30:04)

    Die Antwort reicht mir nicht. Genauso gut kann man sagen, wer die German Angst bemüht, will nicht sachlich diskutieren. Und nix für ungut, aber Sie ziehen ja selbst Angstszenarien in Ihrem Beitrag auf: "Wenn es uns als Gesellschaft nicht gelingt, die allgegenwärtige Angst (vor Veränderung, vor Neuem, vor Risiken, vor Unsicherheiten) in den Griff zu bekommen, dann werden wir in Kürze Zeugen von Debatten, die an Ausmaß, Intensität und Unsachlichkeit weit über das hinaus gehen, was wir gerade im Zusammenhang mit Street View erleben." Dieses Argumentation baut ein diffuses Bedrohungszenario auf, um Druck zu erzeugen. Ich habe Angst vor Zuständen wie in 1984 beschrieben, und das, was Google und andere tun, bereitet den Weg. Dass man das ablehnt (was ja auch nicht bedeutet, dass man sich nicht für Rahmenbedingungen interessiert), ist für mich nachvollziehbar, Sie nehmen das anscheinend nicht ernst. Aber vielleicht müssen Sie erst noch ein paar negative Erfahrungen sammeln - das geht auch in der digitalen Welt sehr gut.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (14:39:17)

    Es ist nicht meine Motivation, Sie um jeden Preis von meinem Standpunkt zu überzeugen. Insofern müssen Sie sich mit der Antwort begnügen. Ich denke nicht, dass es darum geht, so lange zu diskutieren, bis man auf einen gemeinsamen Nenner kommt, sondern darum, die jeweiligen Standpunkte deutlich zu machen und im besten Fall von der Denkweise des anderen einzelne Punkte zur eigenen Reflexion zu verwenden. Achja, und könnten Sie nicht Ihren letzten Satz noch etwas ausführen? Das klingt ja so, als ob Sie das Internet schon seit 40 Jahren verwenden und über fortgeschrittene Kompetenzen und Einblicke verfügen, die anderen (in diesem Fall mir) bisher verborgen geblieben sind...

  • Chris Dreyer

    21.08.10 (15:17:33)

    Von der Warte des südlichen Nachbarn aus gesehen ist diese Debatte in ihrer monströsen Absurdität faszinierend und instruktiv. Denn soweit sie nicht einfach dem Sommerloch entspringt, lässt sie darauf schliessen, dass ungewöhnlich viele Deutsche (darunter noch mehr Politiker) nicht fähig sind, eine praxistaugliche Unterscheidung zwischen Öffentlichem und Privatem zu treffen. Was offensichtlich öffentlich ist (z.B. Streetview), wird plötzlich als privatissime deklariert, und was offensichtlich privat ist (z.B. der Kontostand des Nachbarn - beim eigenen ist es etwas anderes), gilt widerstandslos als von öffentlichem Interesse. Das implizite Verständnis von Zivilcourage ist interessant: Man markiert mit grossem Lärm Courage gegenüber einem Privaten (glücklicherweise Ausländer, noch besser: Amerikaner), wo es nichts kostet. Aber dort, wo es bitter nötig wäre (im Verhältnis zum ausufernden Sozial- und Sicherheitsstaat nämlich, dem wahren "1984"), wird still gekuscht. Es ist müssig, über Ursachen ("deutsche Angst" und andere psychopathologische Aspekte) zu diskutieren, solange die Begrifflichkeiten offenbar unklar sind.

  • Martin Weigert

    21.08.10 (15:21:36)

    Wie waren eigentlich die Ausmaße der Street-View-Debatte in der Schweiz?

  • Chris Dreyer

    21.08.10 (15:24:24)

    Unsere lokale Datenschützer-Gemeinschaft versucht verzweifelt, sie aus Deutschland zu importieren. Mit wenig Erfolg. Die eigene Agenda ist zu offensichtlich.

  • Meeresbiologe

    21.08.10 (15:43:20)

    In diesem ZEIT-Artikel ist nochmal schön beschrieben, wie Google sich mit SV vor allem ins mobile Internet retten will. Zu den neuen Möglichkeiten heißt es dort: Im zweiten Schritt soll Street View zur Werbefläche werden. Die Pizzeria um die Ecke, der Friseur, das Immobilienbüro: Wer daran vorbeigeht oder aus der Ferne mit Handy oder Computer nach Informationen, Sonderangeboten und Telefonnummern sucht, soll sie in den dreidimensionalen Stadtplan eingeblendet bekommen. So als klappe ein Bild auf, um die darunter liegenden Informationen preiszugeben. Gelingt das, kann Google sein altes Geschäftsmodell in die mobile Ära übertragen

  • Gnoffo

    21.08.10 (15:46:00)

    Na dann viel Spaß beim Reflektieren. Und Ihre Ironie... geschenkt.

  • Mark Leiblein

    21.08.10 (19:03:02)

    Mir kommt die ganze Street View Diskussion auch wie ein Sommerloch-Thema vor. Es gibt bereits andere Anbieter, die Straßenzüge abfotografiert haben und dagegen wird nicht so angelaufen. Was ist denn eigentlich so schlimm daran, wenn man Häuserfassaden von außen im Internet betrachten kann? O.k. wenn ich nackt im Fenster stehe, hätte ich sicher was dagegen, aber ansonsten verstehe ich die Aufregung nicht ganz. Der digitale Wandel wird noch so einiges hervorbringen, von dem wir heute noch gar nicht zu träumen wagen (wie von Martin erwähnt). Ich habe diese Woche einen Mitarbeiter von Google in München getroffen und er meinte, dass es in keinem anderen Land so einen Aufstand gegen Street View gibt wie in Deutschland. Das heißt für mich nicht, dass damit alle anderen Länder automatisch die Situation und die Risiken besser einschätzen können. Andererseits muss man sich schon fragen, ob wir nicht doch etwas zu hysterisch sind.

  • Peter Heller

    21.08.10 (22:16:00)

    Hallo Herr Weigert, vielen Dank erstmal für die Verlinkung. Nach meiner Auffassung haben Sie das Wesen der Debatte sehr gut herausgearbeitet. Ich bin beispielsweise letztens von Bekannten angesprochen worden, die noch nicht einmal einen Computer, geschweige denn einen Internetzugang haben (ja, es gibt solche Leute noch). Die also überhaupt nicht wissen, was Google ist und wie seine vielfältigen Werkzeuge (konkret bspw. Google Maps oder Google Earth) verwendet werden können. Diese Bekannten baten mich, für sie schon einmal vorsorglich Einspruch gegen eine Veröffentlichung ihres Hauses in Streetview einzulegen. Und selbst nachdem ich ihnen zeigte, daß ihr Haus bereits in Google Earth ausgemacht werden kann, beharrten sie auf ihrer Auffassung. Sie konnten ihre Ängste nicht einmal konkret benennen, sie waren allein durch die Berichterstattung im Fernsehen und in den Zeitungen aufgeschreckt. Ihr Text oben charakterisiert das Wesen der Debatte. Aber wo ist die Lösung? Ich jedenfalls kenne (noch) keine. Meine Bekannten waren nicht zu überzeugen, durch keine noch so fein erdachtes Replik meinerseits. Sie sind durch rationale Argumente nicht mehr erreichbar. Und ich kenne sehr viele Menschen, bei denen das so ist, sehr, sehr viele.

  • Peter

    22.08.10 (02:37:46)

    Ist es denn nun schlecht, das Haus, welches man bewohnt, nicht frontal fotografiert im Internet sehen zu wollen? Mir fehlt ein wenig das Verständnis der Streetview-Befürworter für diejenigen Leute, welche anderer Meinung sind. Welchen Schaden nimmt die Zukunft Deutschlands durch ein paar verpixelte Häuser? Und ist die Furcht vor einem vielleicht unwahrscheinlichen, aber doch möglichen Missbrauch der Informationen nich ebenso zu respektieren wie das Interesse von Pizza-Toni an Touristen auf der Suche nach Gourmet-Schnäppchen?

  • Andreas

    22.08.10 (09:30:21)

    Ich denke, dass es nicht schlecht ist, wenn man sein Haus nicht oder nur verpixelt im Netz sehen möchte. Das Problem ist meiner Meinung nach die Verhältnismäßigkeit dessen wie sich über SV und Google im Allgemeinen aufgeregt wird im Gegensatz zu anderen (vielleicht wichtigeren) Themen. Und wie der Verfasser (und ich in meinem ersten Kommentar) schon geschrieben hat: wenn die Bürger nich anfangen sich Gedanken über das Netz Allgemeinen (und auch ihr tun und handeln dort)zu machen hilft auch keine verpixelte Hauswand. Das Netz ist nun mal da, es ist Teil menschlicher Entwicklung, genauso wie Autos, Flugzeuge u.s.w.. Das trift meiner Meinung nach auch auf die Leute zu die (noch) kein Netz haben ...

  • Andreas

    22.08.10 (09:40:00)

    Was mir gerade auch noch einfällt. Wer kennt http://www.ihood.de/ ? Darüber war nicht so eine große Hysterie ... Warum?

  • Martin Weigert

    22.08.10 (09:53:46)

    Danke für den Hinweis, kannte die Site nicht. Aber sehr spannend. Nehm ich mal unter die Lupe.

  • Gastrobedarf

    22.08.10 (20:39:19)

    Google View hin oder her. Es gibt schon etliche Seiten die unsere Straßen und Häuser zeigen. Also bitte mal etwas zurückschrauben. Und ändern können wir es sowieso nicht.

  • Gastrobedarf

    22.08.10 (20:40:40)

    Als Nachtrag hab ich noch ein sehr gutes Beispiel: www.sightwalk.de

  • Chris Dreyer

    24.08.10 (10:40:36)

    Hier eine nette Illustration, wie das googlesichere Häusle auszusehen hat.

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