<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

07.03.11Leser-Kommentare

Digitalisierung: Der Irrtum mit dem fliegenden Schiff

Vor fast hundert Jahren nahm man an, dass der heutige Personenluftverkehr von Schiffe transportierenden Zeppelinen abgewickelt werden würde. Mit den Folgen der Digitalisierung befasste Unternehmen können aus falschen Prognosen wie dieser viel lernen.

 

Wie wird die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen? Diese Frage hat sich vermutlich fast jeder schon einmal gestellt. Entweder aus eigenem Antrieb oder angeregt durch einen Film oder eine Lektüre mit klassischem Science-Fiction-Einschlag.

Auch für Unternehmen hat das Theme große Relevanz. Im Kontext der Digitalisierung stehen in vielen Branchen Firmen vor der Entscheidung, wie sie ihr Geschäftsmodell an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, sich fit für eine verstärkt auf immateriellen Gütern fußende Informations- und Wissensgesellschaft machen und gleichzeitig sicherstellen, dass sie durch die sich wandelnden Märkte und die andersartigen Anforderungen der Konsumenten nicht schlagartig überflüssig werden (wie Blockbuster).

Am Wochenende stieß ich auf eine faszinierende Serie von Gemälden, die auf der Website der französischen Nationalbibliothek zu finden sind. Ein Künstler oder eine Künstlerin namens Villemard hat im Jahr 1910 in 24 unterschiedlichen Zeichnungen festgehalten, wie er/sie sich das Leben im Jahr 2000 vorstellt. Das Ergebnis ist äußerst unterhaltsam und inspirierend.

Und während einige von Villemards Zukunftszenarien gar nicht mal so abwegig erscheinen oder sich in zumindest ähnlicher Form bereits bewahrheitet haben, verfiel er/sie einem typisch menschlichen Irrtum bei der Prognose erwarteter (technologischer) Entwicklungen:

Jede Annahme über zukünftige Errungenschaften basiert auf bisher erreichten Innovationen und realisierten Erfindungen, statt sich von diesen zu lösen und in gänzlich neuen Bahnen zu denken. Das bisher Erreichte wird sowohl in puncto Technologie als auch die Nutzungsmuster betreffend als unausweichliche Basis für den weiteren Fortschritt angesehen.

Die zwei folgenden Villemard-Zeichnungen (meine Favoriten aus der Sammlung) verbildlichen, wieso diese tief in uns verwurzelte Herangehensweise zu fragwürdigen Resultaten führt:

Villemard, 1910 Chromolithographie Paris, BNF, Estampes.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Zeppeline groß im Kommen. Weil es Villemard offenbar nicht in den Sinn kam, dass die damals in frühen Entwicklungsstufen bereits existierenden Flugzeuge irgendwann mehrere hundert Personen gleichzeitig transportieren könnten, ging er/sie davon aus, dass fast ein Jahrhundert später Zeppeline andere Fortbewegungsmittel (wie in in diesem Fall das Schiff) durch die Luft tragen würden. Statt aus einer für den Lufttransport von vielen Menschen optimierten Technologie bestand Villemards Vision aus fliegenden, an Zeppeline gebundenen Schiffen.

Auch das zweite Beispiel illustriert den Denkfehler in der Annahme, die aktuellen Strukturen für unveränderlich zu halten. Nach Villemard sollte sich im Jahr 2000 Wissen direkt in die Köpfe der Menschen einspeisen lassen. Diese Vorstellung ist keinesfalls abwegig, auch wenn wir wohl noch einige Dekaden warten müssen, bis es erste marktreife Ansätze in diese Richtung gibt.

Daneben lag der/die Maler(in) jedoch in der Prognose, dass das so vermittelte Know-how aus Büchern extrahiert wird. 1910 waren Bücher selbstredend der ultimative Wissensträger, mittlerweile aber wurden sie in dieser Eigenschaft von Trägern digitaler Information abgelöst. Dass sich Sachverstand eines Tages auf anderen Wegen festhalten lassen würde als in Buchform, das kam dem Künstler/der Künstlerin augenscheinlich nicht in den Sinn.

Wer die digitale Welt intensiv beobachtet und sieht, auf welchen Wegen Unternehmen sich den neuen Zuständen annähern, wird regelmäßig Zeuge von Annahmen, die an Villemards fliegende Schiffe erinnern:

Tablet-Zeitungen, die gegen eine Gebühr das PDF der Printausgabe darstellen, lassen sich hier genauso nennen wie digitalisierte Werbeprospekte (für KaufDa hat das kurzfristig funktioniert, langfristig dürfte sich der Ansatz des Dienstes aber ändern), Mediendateien, die sich DRM sei dank nach 24 Stunden quasi selbst zerstören oder Onlinevideos, die nur in einzelnen Ländern verfügbar sind. [Update] Auch ein passendes Beispiel ist das Vorgehen des US-Verlags HarperCollins, Bibliotheken E-Books nur jeweils 26-mal ausleihen zu lassen - weil dies beim gedruckten Buch auch der Durchschnitt sei [Update Ende].Vermutlich tauchen vor euren Augen gerade eine ganze Reihe anderer fliegender Schiffe auf, die man hier nennen könnte.

Natürlich ist es leichter gesagt als getan, die alten Strukturen und den Status Quo auszublenden und radikal neu zu denken (zumal häufig rechtliche Aspekte für eine zusätzliche Komplexität sorgen). Dennoch könnten die Bilder von Villemard als "Reality Check" dienen und bei der Bewertungen von strategischen (Produkt-)Entscheidungen behilflich sein. Die Frage, ob man gerade dabei ist, ein fliegendes Schiff zu bauen, ließe sich durchaus bei der Bewertung von Ideen und Konzepten zur zukünftigen Ausrichtung von Firmen und Organisationen heranziehen. Und das gilt für etablierte Großkonzerne genauso wie für junge Webstartups.

Was glaubt ihr - eignet sich die Metapher des fliegenden Schiffes als Entscheidungs- und Orientierungshilfe für Akteure im digitalen Markt? Welche fliegenden Schiffe fallen euch noch ein?

Kommentare

  • Ulrike Langer

    07.03.11 (09:13:50)

    Das ist ein wirklich schönes Fundstück. Ich finde es auch immer wieder verblüffend, wie Zukunftsvisionen aus vergangenen Zeiten, wenn sie von der Realität überholt worden sind, in Nachhinein nie nach Zukunft aussehen, sondern stets wie schrullige Interpretationen ihrer eigenen Epoche. Kniebundhosen...

  • Stefan Wolpers

    07.03.11 (09:23:10)

    Muß dabei spontan an iPad und Verlage denken... :)

  • Hornek

    07.03.11 (09:42:55)

    ad Fehlprognosen von Fachleuten: http://www.netzwelt.de/news/79177-top-5-fehlprognosen-it-branche.html Vom IBM-Vorstandsvorsitzenden, der einen maximalen Weltmarktbedarf "von 5 Computern" schätzte zur Vorhersage, der iPod wäre eine Eintagsfliege - auch absolute Experten können absolut falsch liegen. Umso schwieriger wird es für Otto Normalverbraucher

  • Michael S

    07.03.11 (10:36:33)

    Ich waere dafuer die Metapher "fliegendes Schiff" zu uebernehmen und auch ausserhalb dieses Artikels zu etablieren. "Die Idee ist ein fliegendes Schiff" hoert sich doch besser an als Rohrkrepierer ...

  • Gerrit L.

    07.03.11 (10:51:19)

    Vielleicht dachte sich der Künstler beim Malen der Schulklasse auch, dass das Schreddern von iPads, oder Festplatten in der Wissensmaschine zu kostenintensiv ist ... ;) Der Artikel ist sehr interessant. Das Lesen hat Spaß gemacht und regt zum Nachdenken an. Michael S stimme ich mit seinem Kommentar, das "fliegende Schiff" als allgemein gebräuchlichen Begriff zu benutzen zu. :)

  • spoxx

    07.03.11 (11:18:14)

    Träume von fliegenden Schiffen können in interessierten Kreisen aber auch sehr nachhaltig sein - Stichwort: cargoLifter ;-)

  • Steffen Meier

    07.03.11 (12:20:50)

    Als Orientierungshilfe kann das fliegende Schiff nicht taugen - genausowenig wie Herrn Burdas Vergleich von Kutschern und Seeleuten auf den Zeitschriftentagen in Berlin letztes Jahr. Mehr als Exploration vom bestehenden Punkt aus geht schlicht nicht, und mit der Kristallkugel müssen wir leben. Wer weiß heute schon, wie Endgerätemärkte und Userverhalten in 20 Jahren aussehen - und das wäre ja die kriegsentscheidende Frage. "Technische" Entwicklung als Basis funktioniert nach dem Trial-and-Error-Verfahren, und der Markt sorgt schon dafür, dass wir unsere fliegenden Schiffe permanent nachbessern müssen.

  • Martin Weigert

    07.03.11 (13:01:41)

    @ Michael S & Gerrit L. Nur zu! :) @ spoxx CargoLifter hatte ich ganz verdrängt. Passt ja hier ;) @ Steffen Meier Wenn du sagst, dass das Bildniss des fliegenden Schiffes zur Evaluation nicht herangezogen werden kann - geht es dir denn nie so, dass du auf Ideen stößt, bei denen es deiner Meinung nach offensichtlich ist, wie eine alte Herangehensweise auf neue Rahmenbedingungen angewendet werden soll und augenscheinlich zum Scheitern verurteilt ist? Das von Stefan erwähnte Thema iPad & Verlage (und die von mir im Artikel erwähnte PDF-Zeitung auf digitalen Endgeräten) wären hierfür ein gutes Beispiel. Zumindest für mich besteht kein Zweifel daran, dass wir in 20-30 Jahren auf die heutige Zeit zurückblicken und darüber lachen werden, wie wir versucht haben, das Grundkonzept der Zeitung und des klassischen Medienbetriebs den digitalen Gegebenheiten anzupassen. Als Beispiel. Oder wie wir das Buch auch im Digitalen als rein textbasiertes, statisches Medium verstanden haben.

  • Stefan Nepita

    07.03.11 (13:06:56)

    Irren ist menschlich. Und das ist auch gut so, denn sonst wären wir keine Menschen sondern emotionslose Maschinen. Oder ist die Verstand vielleicht nur eine "rationalisierte" Emotion? "Do not believe in relegion because it is the past and do not believe in scientific because it is the future. The only think which I know is the present." Zitat von einem unbekannten schwedischen Studenten der in Berlin im Mauerpark vor drei Jahren eine Rede gehalten hat. Ich denke die Vorhersagegültigkeit korreliert mit der Zeitachse. Um so weiter man in die Zukunft schauen will, umso unschärfer der Blick. Jedoch ist es immer besser einen Plan (Vision) zu haben als keine. Oder anders gedacht, manches wird überschätz und andere Ding unterschätz.

  • Casi

    07.03.11 (13:32:12)

    Sehr schöner Artikel und ein toller Ansatz, der den Nagel auf den Kopf trifft - danke dafür, Martin :)

  • Ben

    07.03.11 (15:56:39)

    Anderer Ansatz: Die Bilder und die Vorstellungen von der Zukunft, die hier besprochen werden, scheitern aus einem anderen Grund als der Unvorhersehbarkeit, nämlich vor allem deswegen, weil zuwenig abstrahiert wurde. Dabei sollte bei den Bildern vor allem eine adäquate Kommunizierbarkeit im Vordergrund stehen. Was wir sehen ist ein Kompromiss zwischen Vision und Vermittlung. Zu Abb. 1: Massentransport über die Kontinente/Weltmeere hinweg -> bereits FAKT, nur die benutzte Technik ist eine andere. Der Wunsch der Menschen danach hat sich nie verändert. Sogar jetzt noch bieten sich hier ungeahnte Potenziale. Zu Abb. 2: Standardisiertes Lernen ohne Mühe -> Ersteres wird zur Zeit versucht umzusetzen (Pisa, Bologna, QMS), Zweiteres ist auch jetzt noch Wunschdenken: Das mühelose (technikgestützte) Lernen. Ergo: das Putzige entsteht durch eine begrenzte Bildsprache, begrenzte Codes. Man kann nur die Elemente nutzen, die aktuell vorhanden sind, wenn man sie kommuniezieren möchte. Insofern fehlt der Artikel, wenn er versucht, fliegende Schiffe auf die heutige/zukünftige Zeit zu übertragen, da der Kern der Betrachtnug des Visionärs dem Schreiber entgeht, da er vor allem den Künstler sieht. Übrig bleibt boulevardeskes Staunen über antiquierte Ästhetik. Aus diesem Grund halte ich die PDF-Zeitung für ein nur zufällig treffendes Beispiel. Auf einem abstrakteren Niveau sollte es um Geschwindigkeit und Informationen (vor allem sozialer Natur, also Politik, Boulevard) gehen und um Mobilität. Man könnte noch Bandbreite hinzufügen, die bekommt man im Beispiel aber ohne Nürnberger Trichter wohl kaum signifikant gesteigert. Ergo: Kein Bedarf an PDF-Zeitung. Außerdem war die Vision vor allem unternehmerisch bestimmt und daher noch fehlbarer als wirkliche Sehnsüchte der Menschheit, die sich in solchen Bildern manifestieren. Ansonsten bin ich aber voller Freude, dass sich hier wieder einmal jemand meinem Steckenpferd, der Utopie, angenommen hat. Dickes Danke!

  • Steffen Meier

    07.03.11 (15:57:02)

    @Martin Ich denke, auch wir werden in 20 Jahren...naja, nicht unbedingt lachen, das ist abhängig davon, wieviel Geld auf den Irrwegen verbrannt wurde. Neben mir liegt eine Handreichung zu einem Verlagsjubiläum, ca. 20 Jahre alt. Es geht darin um die (zukünftigen) Probleme des Buchhandels durch Konzentration (eingetroffen) sowie das Nichtmehrlesen durch die Verbreitung des TV (das sehe ich nicht so). Man hat sich damals auf der Grundlage des bestehenden Wissens und der Erfahrungen durchaus schlaue Bilder gemacht - genauso wie uns heute klar ist, dass unsere Produkte für mobile Endgeräte nicht wirklich das sind, was sinnvoll wäre. WAS aber wirklich sinnvoll ist, das werden wir erst in einigen Jahren wissen. Insofern plädiere ich für Open Minds - und damit liegen wir ja eigentlich nahe beieinander ;-)

  • Martin Weigert

    07.03.11 (16:11:21)

    @ Casi Freut mich! @ Ben Sonst bin ich es immer, der andere dazu ermuntert, zu abstrahieren ;) Du magst recht haben. Letztlich spielt es aber für die Botschaft des Artikels imo gar keine Rolle, inwieweit nun die Darstellung lediglich einen Kompromiss zwischen Vision und Vermittlung darstellt. Die Gemälde visualisieren imo sehr schön eine Tendenz, die wir im übertragenen Sinne heute häufig beobachten können, und können somit zum Nachdenken anregen. @ Steffen Ok ;)

  • Ben

    07.03.11 (16:23:36)

    @Martin: Dennoch könnten die Bilder von Villemard als “Reality Check” dienen und bei der Bewertungen von strategischen (Produkt-)Entscheidungen behilflich sein. Genau das ist ja, was ich kritisiere. Wir sollten Utopien nicht in die Hände von Unternehmern legen. Das ist nicht ihre Aufgabe und IMHO sogar gefährlich (s. Soylent Green). Sie sollen Utopien umsetzen und sich (von mir aus) dumm und dusselig verdienen mit dem Wettlauf, uns das zu geben, was wir uns wünschen. Aber sie sollten nicht unsere Träume bestimmen oder leiten. "Consume" and "Obey" - Dystopien entstehen immer, wenn man sich zu weit vom Menschen entfernt, Menschlichkeit zu weit abstrahiert. Ein Unternehmen (z.B. als juristische Person) stellt genau das dar. Nicht schlimm, wenn man mich fragt. Man sollte es nur wissen, wenn man den Stier reiten will.

  • Martin Weigert

    07.03.11 (16:32:59)

    Aber sie sollten nicht unsere Träume bestimmen oder leiten. Nein darum geht es auch gar nicht. Sie sollen die richtigen strategischen Entscheidungen treffen (was den Konsumenten zugute kommt). Dabei kann es helfen, sich darüber im Klaren zu sein, dass ein angestrebter Ansatz zu kurz gedacht und die derzeitigen sowie zukünftigen technologischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ignoriert. Beispiel: Niemand war damit geholfen, dass die Musikindustrie seit zehn Jahren die juristische Keule gegen Internetnutzer schwingt und Millionen in Rechtsprozesse versenkt, um ihr altes Geschäftsmodell zu retten, nur um sich mittlerweile doch auf neuartige Ansätze wie kostenlose Streaming-Dienste einzulassen und den Verkauf ohne DRM zu akzeptieren. Natürlich ist dieser Reife- und Erkenntnisprozess teilweise unvermeidlich. Dennoch ist es genau der frühzeitige Bruch mit alten Konventionen, der nachhaltigen Erfolg beinhaltet. Um jedoch diesen Bruch durchführen zu können, ist es notwendig, die fliegenden Schiffe unter den eigenen Produkten und Leistungen zu identifizieren und zu entfernen.

  • Tim Bruysten

    08.03.11 (11:49:46)

    "Wenn der Schläfer erwacht", von H.G. Wells. Ein gutes Beispiel dafür, dass man auch ganz gut richtig liegen kann, mit Zukunftsprognosen. Auch hier, wie bei anderen Beispielen sollte man aber so fair sein und Zwischen Genotyp und Phänotyp einer Zukunfsvision unterscheiden. Sich über die Falschheit des Phänotyps aufzuregen, ist jedoch mehr als müßig…

  • hathead

    09.03.11 (08:55:47)

    Eins schönes Beispiel für die Beschränkungen unserer Vorstellungskraft. Ist halt immer das selbe mit Zukunftsvorstellungen. Aber wer weiß: vielleicht kommt das fliegende Schiff ja doch noch wieder. Tablet-PC´s waren ja eigentlich auch schon verbrannt. Wir könnten mal bei Apple anfragen, ob die nicht ein Nutzerfreundliches Luftschiff erfinden wollen. Hat dann zwar kein 3G stürzt aber auch nicht ab :-)

  • ph

    09.03.11 (09:29:40)

    Nicht umsonst ist »Die Welt in 100 Jahren« aus dem Jahr 1910 zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 in der Kategorie »ÜBERRASCHUNG - das originellste Buch« gewählt worden. Es ist immer wieder schön die eigene Gegenwart als Zukunft der Vergangenheit zu messen — mir zumindest geht es so. Deshalb liebe ich Sci-Fi- und vor allem Cyberspace-Romane aus den 60ern, 70ern, 80ern … ich selbst bin Jahrgang 84 ;) Gerade wir — die wir ja die Zukunft sind — müssen uns eigentlich an diesen Darstellungen messen lassen und uns die Frage stellen: Warum gibt es immer noch keine fliegenden Autos? :D

  • Isabel

    20.03.11 (13:12:12)

    NOCH ist das Buch nicht Out-of-Date. Gerade im Unterricht - und darauf bezieht sich das Bild ja - werden (noch) hauptsächlich Bücher verwendet. In 10 Jahren mag das vielleicht schon anders aussehen...

  • Wolfgang

    17.04.11 (16:25:07)

    Nach Villemard sollte sich im Jahr 2000 Wissen direkt in die Köpfe der Menschen einspeisen lassen. Diese Vorstellung ist keinesfalls abwegig, auch wenn wir wohl noch einige Dekaden warten müssen, bis es erste marktreife Ansätze in diese Richtung gibt. Ich glaube wir werden nicht nur einige Dekaden warten, sondern ewig. Die beschriebene Vision ist in der Pädagogik als Nürnberger Trichter bekannt. Die Idee: Eines Tages werden wissen direkt in den Kopf des Lerners pressen können. Mit jeder neuen Technologie gibt es wieder Spinner, die diese Vision in Bälde verwirktlich sehen. In der SF-Literatur der 60er Jahre (z.B.: Perry Rhodan) wird die "Hypnoschulung" vorhergesagt, die ersten PCs im Unterricht ließen manche aufjubeln, ein PC könnte den Lehrer ersetzen. Alle diese Visionen haben sich (zum Glück) nicht bewahrheitet, weil Lernen durch das "einfüllen von Wissen in einen leeren Kopf" funktioniert. Gerade der Glaube an diese Vision zeugt vom fehlendem Zukunftssinn, da an vollkommen veralteten Schulstrukturen festgehalten wird. Daneben lag der/die Maler(in) jedoch in der Prognose, dass das so vermittelte Know-how aus Büchern extrahiert wird. 1910 waren Bücher selbstredend der ultimative Wissensträger, mittlerweile aber wurden sie in dieser Eigenschaft von Trägern digitaler Information abgelöst. Dass sich Sachverstand eines Tages auf anderen Wegen festhalten lassen würde als in Buchform, das kam dem Künstler/der Künstlerin augenscheinlich nicht in den Sinn. Naja, auch E-Books sind Bücher. Wenn wir mal von der Idee absehen, dass sich die Materialität des Lehrbuchs ändert, wird die dahinter stehende Idee wahrscheinlich noch etwas länger überleben. Die große Wissenssammlung unser Zeit - das Internet - wurde nebenbei in ähnlicher Form in den 1930er von Paul Otlet als "Universal Book" beschrieben - das Trajekt "textuelle Informationsspeicherung auf dauerhaften Träger" lebt also weiter.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer