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27.07.09

Digitalisierung: Das Problem des Journalismus - einfach erklärt

Die schreibende Zunft steckt in der Krise. Zwei Beispiele reichen aus, um zu verdeutlichen, warum Journalismus sich und sein Geschäftsmodell online neu erfinden muss.

JournalismusDie Digitalisierung bringt den Journalismus in eine Existenzkrise. Das lässt sich jeden Tag überall nachlesen. Doch obwohl hunderte Artikel mit unterschiedlichsten Blickwinkeln dem Thema einen Anschein großer Komplexität geben, lässt sich die Problematik in Wirklichkeit ganz einfach anhand weniger Beispiele erklären. Genau genommen reichen zwei:

Beispiel 1:

Beim schwedischen Finale des Eurovision Song Contest waren sagenhafte 400 Journalisten akkreditiert. Jeder berichtete für seinen Arbeitgeber. Wie viele nahezu identische Texte unterschiedlichster Journalisten gab es wohl anschließend bei Google News zu bewundern? Und was wird der Einsatz die Verlage gekostet haben?

Beispiel 2:

Die New York Times gehört zu den mutigsten und innovativsten Zeitungen weltweit, was das Onlineangebot betrifft. Aber statt dafür belohnt zu werden und schrittweise dem Break-even näher zu kommen, schrumpfen die Werbeeinnahmen stetig. Nun denkt man (wie im Prinzip alle) über eine Bezahllösung nach.

Diese zwei Fälle (und sicherlich viele andere auch) sind exemplarisch für das grundsätzliche Strukturproblem des Journalismus: Zum einen passen nur wenige Medienhäuser ihr Arbeitsweise den Anforderungen und Möglichkeiten der vernetzten Welt an - oder warum nicht statt 400 nur 10 Journalisten zum Grand Prix-Finale schicken und anschließend Artikel austauschen?

Zum anderen führen die Eigenheiten von Werbung im Internet sowie das Überangebot an Online-Anzeigenfläche dazu, dass bis auf sehr wenige Ausnahmen ein reines, auf Vermarktung basierendes Geschäftsmodell dauerhaft nicht funktioniert.

Was wird also geschehen?

Zahlreiche Onlineangebote von Zeitungen werden mit dem Versuch, für ihre minderwertigen und austauschbaren Inhalte Geld einzufordern, gegen die Wand fahren und dann verschwinden. Einige wenige (plus Newcomer) jedoch werden erkennen, wie sich Paid Content schlau und mit einem tatsächlichen Mehrwert für die User umsetzen lässt:

Neben kostenlosen Nachrichten, die selbstverständlich von Suchmaschinen indexiert werden, gibt es den qualitativen Journalismus, der gerne von Burda & Co propagiert wird, aber in der Realität bei für das Netz geschriebenen Beiträgen häufig zu kurz kommt (ein schönes Beispiel). Und für diesen bittet man nicht nur zur Kasse, sondern findet dafür gleichzeitig einen Weg, die Zahlung für die Leser so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Ein Vorbild sollte hier der Prozess des Kaufs einer Applikation beim iPhone sein: Mit einem Klick ist alles erledigt.

Ich glaube nicht, dass an einem solchen Freemium-Modell ein Schritt vorbeiführt. Für 2000-Zeichen-Neuigkeiten im Netz Geld zu verlangen, ist Illusion. Es gibt immer jemanden, der die selbe Nachricht gratis veröffentlicht (Blogs z.B.). Echten (!) Qualitätsjournalismus (!) - gerne auch investigativ (!!) - nur durch Werbung refinanzieren zu wollen, kann aber auch nicht funktionieren. Schon allein, um die Freiheit zu behalten, auch einmal kritisch über einen Anzeigenkunden schreiben zu können, ohne bei dem eventuellen Verlust desselben sofort Insolvenz anmelden zu müssen.

Ein solches Vorgehen schließt nicht aus, die kürzere Variante einer Reportage gratis zur Verfügung zu stellen - um Links zu erhalten und zitiert zu werden - und den vollständigen, tiefgehenden Text gegen Bezahlung zugänglich zu machen. Das ist der Kern des Freemium-Konzepts. Ein geringer Prozentsatz zahlender User finanziert das Angebot für den Rest der Nutzer mit und erhält Mehrwert.

Für viele der etablierten Anbieter wird es schwer. Doch wenn es eines nicht gibt, dann ein Anrecht von erfolgreichen Unternehmen darauf, dass ihre Geschäftsmodelle für immer und ewig funktionieren. Wer nicht in der Lage ist, sich einerseits anzupassen und andererseits zu experimentieren, hat Traumgewinne nicht verdient. Und erst recht nicht, wer lieber nach dem Staat ruft, statt selbst etwas zu verändern.

(Foto: Flickr/kruemi, CC-Lizenz)

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