<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

05.07.17Kommentieren

Gastbeitrag

Digitalisierung: Verpassen Banken den Anschluss?


(Bild: Fotolia)

Traditionsreiche Banken versus Fintech-Start-ups: Ist das ein Wettstreit? Oder können die beiden sinnvoll miteinander kooperieren, um gemeinsam in die Zukunft zu blicken?

Unternehmen brauchen Banking, aber keine Banken

Die Bruttoerlöse deutscher Banken im Firmenkundengeschäft gingen zwischen 2011 und 2016 von 35 auf 30 Milliarden Euro zurück. Dies ergab eine jüngst von Roland Berger veröffentlichte Corporate-Banking-Studie. Dabei stehen deutsche Unternehmen so gut da, wie nie zuvor. Analysten ermittelten für diesen Zeitraum Wachstumsraten zwischen 1,5 und 1,7 Prozent.

Benötigen die deutschen Unternehmen die Unterstützung der Banken nicht mehr? Die Antwort auf diese Frage muss lauten: Die Unternehmen benötigen Banking, aber nicht immer notwendigerweise Banken. Die Analysten von Roland Berger haben folgende Gründe für diese Diskrepanz ermittelt:

  1. Das aktuelle Niedrigzinsumfeld belastet die Margen
  2. Eine ständig zunehmende Regulatorik zwingt die Banken zu immer neuen Anpassungen
  3. Die Kundenwünsche werden immer differenzierter. Zudem steigen ihre Ansprüche.
  4. Die Anforderungen, insbesondere im Cash- und Transaction Management steigen. Bankmitarbeiter müssen immer höhere Anforderungen erfüllen.
  5. Digitale Produkt- und Prozesslösungen verstärken den Wettbewerb und zwingen die Banken, mit eigenen Lösungen dagegen zu halten.

Digitaler Wandel versus traditionsreiches Bankengeschäft

Sind die Banken durch die zunehmende Digitalisierung überfordert? Der technologische Transformationsprozess macht auch vor Traditionshäusern nicht halt, stößt dort jedoch auf gewachsene Strukturen und gelebte Kulturen, die eine Modernisierung häufig erschweren. Europäische Banken verstehen sich nicht selten als Finanzinstitute mit dem universellem Anspruch, allen Kunden die komplette Bandbreite des Bankings anzubieten.

Genau aus diesem Grund neigen Banken jedoch zur Schwerfälligkeit und Technologieresistenz. Das Bestreben, alle Lösungen und Prozesse im eigenen Haus – nicht zuletzt auch aus Geheimhaltungsgründen – zu entwickeln, verlangsamt die Innovationsstärke und produziert obendrein hohe Kosten, unter denen am Ende auch die Kunden leiden.

Fintechs müssen keine Konkurrenz zu Banken sein

Auch sehen viele Banken in Fintech-Unternehmen eine potenzielle Konkurrenz, die ihnen die Kunden abjagen wollen, zu Unrecht, verkennen Banken damit doch ihre eigene Stärke, die auf Marktmacht und langjährige Kundenbindungen aufgebaut ist. Stattdessen sollten Banken die Angebote der Fintechs als Einladung annehmen, mit deren Hilfe sie ihre eigenen Prozesse und Produkte verbessern können.

Längst bieten Fintechs Banken ausgereifte White-Label-Lösungen an, die unter dem Logo des Traditionsinstituts geführt und somit in die eigene Angebotspalette vollständig integriert werden können.

Der Vorteil einer White-Label-Lösung wird vor allem beim Blick auf das Detail sichtbar: Während eine Bank immer im Konzern denken muss, kann sich ein Fintech auf der grünen Wiese auf ein ganz bestimmtes Produkt spezialisieren und dieses komplett vom Backend bis zum Frontend konstruieren. Dies spart Kosten und ist innovativ. Während Banken Lösungen aus anderen Systemen ableiten und diese verknüpfen müssen, können Fintechs die Lösung ohne Legacy-Kosten anbieten. Dies schafft auch den nötigen Freiraum für vollkommen neue Produktentwicklungen.

Beispiele: gute White-Label-Lösungen

Ein Beispiel für innovative White-Label-Lösungen findet man im Kreditgeschäft, einer klassischen Kernaufgabe von Banken. Hier werden oft trotz teilweise digitaler Prozesse viele Kosten im Backend produziert. Vollautomatisierte Lösungen können die Kosten so weit reduzieren, dass letztendlich nur noch Kosten für die Schnittstellen und die Schnittstellen-Services entstehen.

In Zukunft werden Kredite ohnehin seltener am Bankschalter ausgezahlt, da sie häufiger mit dem Finanzierungsobjekt selbst verknüpft werden, wo die Nachfrage entsteht, also beispielsweise dem Autohaus oder der Reisewebseite. Zudem spricht aus technologischer Sicht nichts dagegen, den Kredit in Echtzeit zu vergeben, denn lange Bearbeitungszeiten sind in der Regel eine Folge umständlicher bürokratischer Datenübertragungsprozesse, die sich digital mit den gleichen Sicherheitskriterien viel schneller darstellen lassen.

Selbst für einen mehrfachen Datenabgleich, der Kundeninformationen auch quer auf ihre Konsistenz hin überprüfen kann, gibt es bereits ausgereifte technologische Lösungen. Dies macht den Kreditvergabeprozess insgesamt treffsicherer und stabiler. Bei einer Auslagerung an eine digitale Banking-Plattform ergibt sich für Banken ein weiterer Vorteil: Sie können die Kreditzusagen wahlweise in die eigene Bilanz aufnehmen – oder auch sofort an Investoren weitervergeben, die an die digitale Banking-Plattform angeschlossen sind.

Die Digitalisierung bringt neue Herausforderungen für Banken

Für Banken kommt es nun darauf an, sich ihrer Kernkompetenzen bewusst zu machen und ihrer Stärke zu vertrauen. Sie sollten ihre eigenen Wertschöpfungsketten nach Effizienzgesichtspunkten überprüfen, um dann zu entscheiden, welche Prozesse extern vergeben werden können, um intern an der Stärkung des eigenen Markenwertes zu arbeiten. Nur so können sich die Banken dem Kunden gegenüber mit einem wettbewerbsfähigen Angebot präsentieren.

Die Wertschöpfungsketten der Banken werden in Zukunft weiter dezentralisiert. Es werden sich immer mehr Spezialisten um Einzelbereiche kümmern und diese für die Banken übernehmen. In 2017 und 2018 wird es zudem mehr Kooperationen zwischen Banken und Fintechs geben, die sich Banken zunutze machen sollten, um dadurch auch wieder die eigene Marke zu stärken. 

Autor: Robin Buschmann

Robin Buschmann ist Gründer und CEO von Giromatch und verantwortlich für die Bereiche Recht, Finanzen und Marketing. Robin verfügt über acht Jahre Erfahrung in den Bereichen Portfoliomanagement, Vertrieb und Produktentwicklung.
Website des Autors
Robin Buschmann

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer