<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

05.07.11

Digitales Publizieren: Die Like-Kultur und der Drang zum Konformismus

Die Omnipräsenz von Like-Buttons verführt Inhalte-Ersteller im Netz dazu, nach Konformität und Anerkennung zu streben, statt ihre eigenen Standpunkte zu vermitteln - eine Theorie, für die sich Belege finden lassen.

 

Einer der aus Autorensicht größten Unterschiede zwischen dem Publizieren für Print und dem im Netz ist das direkte Feedback, das auf einen veröffentlichten Artikel eintrifft. Dürfen sich Printjournalisten schon freuen, wenn nach einigen Tagen eine Handvoll Leserbriefe Bezug auf einen Beitrag nehmen, können ihre Onlinekollegen von der Sekunde der Veröffentlichung an verfolgen, wie die Resonanz auf ihren Text ausfällt.

Kommentare, Facebook-Likes, Retweets, Betätigungen des Google+-Buttons sowie eingehende Links von anderen Websites und Blogs vermitteln in Echtzeit einen Eindruck über das quantitative und qualitative Feedback der Leser. Hinzu kommen die klassischen Kennzahlen von Websites wie Page Impressions, eindeutige Besucher, Verweildauer etc.

Gemeinhin gilt die Eigenschaft der Onlinewelt, eine direkte Rückmeldung zu bieten, als Bereicherung für diejenigen, die Content generieren. Immerhin fördert es die Motivation, sofort zu sehen, wie gut ein Inhalt bei der Zielgruppe ankommt. Und auch wenn die Bedeutung von Likes und Retweets nicht überbewertet werden sollte, handelt es sich häufig trotzdem um die kleinstmögliche Form eines Lobes. Und das hört ja jeder gern.

Doch die Fähigkeit, unmittelbare Resonanz zu erhalten, hat auch eine Schattenseite. Das meint zumindest Wall Street Journal-Autor Neil Strauss. Er beobachtet bei Contenterstellern im Internet einen durch Likes, Retweets und andere Feedback-Instrumente ausgelösten Drang zum Konformismus. Statt eigene Standpunkte zu vermitteln, streben wir nach Bestätigung. "Ein Status-Update ohne Likes oder ein cleverer Tweet ohne Retweets ist wie ein Witz, zu dem niemand lacht", bringt es Strauss durchaus treffend auf den Punkt.

Der Autor scheint sich in seinem Text vorrangig auf User Generated Content zu beziehen. Seine These lässt sich aber auch auf Onlinetexte übertragen. Viele Nachrichtenportale und Fachmedien tun im Netz alles dafür, ihre Inhalte social-media-tauglich zu machen (Stichwort Hyperdistribution). Und wenn eine spezifische Art von Beitrag besonders viele Favorisierungen bei Facebook erhalten hat (was meist viele neue Besucher bringt), dann ist die Versuchung groß, diesen Erfolg mit einem ähnlichen Ansatz wiederholen zu wollen.

Auch der soziale Micropaymentdienst Flattr hat gezeigt, dass knackige, teils auch plakative Meinungen, mit denen sich Leser identifizieren können, zumeist mehr Klicks erhalten als langwierige, sachliche Analysen. Blogger oder Journalisten, die das einmal verstanden haben, werden den Aspekt zumindest unbewusst stets im Hinterkopf haben, wenn sie an einem neuen Text werkeln.

Das Menschen sich zu einer Gruppe zugehörig fühlen wollen und sich mitunter verstellen, um Anerkennung zu erhalten, ist ein uraltes Phänomen. Durch zahlreiche Buttons, Ein-Klick-Gesten und Werkzeuge zur Popularitätsmessung - was Neil Strauss unter dem Begriff "Like-Kultur" zusammenfasst - ist es im Netz leichter denn je, eine derartige Anerkennung zu erhalten. Insofern halte ich die Mahnung von WSJ-Autor Strauss für angebracht.

Er liefert auch gleich ein paar Ratschläge, wie man dem Risiko eines Konformismusstreben entgehen kann:

  • Teile Inhalte, die dich von anderen unterscheiden, nicht solche, die alle anderen auch weiterempfehlen.
  • Schreibe über das, was für dich wichtig ist, nicht über das, bei dem du vermutest, dass es alle anderen hören wollen.
  • Bilde dir deine eigenen Meinung über Beiträge, anstatt zuerst nach Indizien über die Meinung anderer zu suchen.

via GigaOm

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer