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12.11.13

Digitales Doppelleben: Ein Second Life für alle

Viele Menschen führen im Netz eine Art digitales Doppelleben. Sie treibt augenscheinlich die Sehnsucht, sich der mitunter lästigen Realität entledigen zu können.

LolDen Hals dem Bildschirm krampfhaft entgegengestreckt sitzen wir vor unseren Computern, als wollten wir der physischen Wirklichkeit entschwinden und im digitalen Raum neu geboren werden; ein wenig wie Lewis Carrolls Alice durch den Spiegel steigt, um auf der anderen Seite auf eine Parallelwelt zu stoßen. Während unser Geist die virtuellen Weiten des Internets durchstreift, wartet der Körper wie ein (schlecht) geparktes Auto auf den ausgestiegenen Besitzer. Online gibt es keine Schwerkraft, weswegen man den zurückgelassenen Körper bis auf die hin und her huschenden oder klickenden Fingerspitzen nicht spürt, allein die rasende Geschwindigkeit der Reizflut im Kopf nimmt man wahr. Darüberhinaus kein Schmerz, keine unmittelbaren Konsequenzen des eigenen Handelns und endlose Unterhaltung, in der man sich immer wieder verlieren kann; alles ist in wenigen Augenblicken herbei geklickt und ständig verfügbar – wer würde sich in diesem Raum nicht wohlfühlen und daran teilhaben wollen? Mit omnipräsenten Kameras, die sich in sämtlichen elektronischen Geräten finden oder auch an jeder Straßenecke, jedem Geschäft und in manchen Ländern gar in Toiletten, haben wir die materielle Wirklichkeit angezapft, sodass sie kontinuierlich einen digitalen Ausfluss absondert, der teilweise bis ins Internet durchsickert. Wir sind alle ausgerüstet für die digitale Verewigung: Früher hat man vielleicht seine Initialen in die Rinde eines Baumes gekratzt; heute filmt man sich mit seinem Telefon vor Ort und stellt das Video auf Youtube oder Facebook.

Das zweite Ich

Ziel dieses Digitalisierungsdrangs scheint eine Art Doppelleben, eine zweite Existenz wie sie in dem mittlerweile ein wenig aus der Mode gekommenen aber treffend betiteltem Online-Spiel „Second Life“ möglich ist: Ein zweites Ich, ein digitaler Doppelgänger, der sich aus der Summe unserer Twitter, Youtube, Google+, Myspace und Facebook-Inhalte ergibt und erstaunlich lebendig wirkt. Und wer weiß was nachts, wenn wir schlafen vor sich geht? Vielleicht unterhalten sich unsere diversen Profile während unserer nächtlichen Abwesenheit wie die Spielzeugfiguren aus „Toy Story“ miteinander, beschimpfen sich oder spielen die Spiele weiter, mit denen wir tagsüber unsere Zeit verbracht haben?

Bei aller Übertreibung scheint in dieser Fantasie eine tatsächliche Sehnsucht zu stecken, die unser Nutzerverhalten bisweilen dominiert: Das irrationale Verlangen, einmal nicht mehr in die Materie zurückkehren zu müssen und eines Tages sein Leben in der Pixelwelt fortsetzen zu können, um sich der lästigen Realität zu entledigen. Diese implizite Idee, in ein virtuelles Simulacrum zu wechseln wie es zum Beispiel aus den „Matrix“ Filmen bekannt ist und ein persönlich designtes, problemfreies, digitales und deswegen allmächtiges Ich gegen das tatsächliche zu tauschen, ist vielleicht naiv, dennoch scheinen wir unbewusst danach zu handeln.

Die Auslagerung ins Virtuelle bringt Vorteile

Die Vorteile der Auslagerung ins Digitale sind zudem nicht zu verleugnen. Freundschaftliche Beziehungen über Facebook zu führen ist um so vieles schmerzfreier, so vieles unkomplizierter und so viel weniger riskant als in der Realität im Angesicht des anderen. Emotionen, Vorwürfe, Ängste oder Freude des Gegenübers werden digital vorgefiltert und unschädlich gemacht. Alle üblichen Komplikationen einer persönlichen Begegnung kann man sich vom Leib halten und in Minimaldosen zu sich nehmen, die niemals in tiefere Schichten vordringen. Und das, woran es uns andererseits vielleicht mangelt, kann schlichtweg simuliert werden: Wer schüchtern ist, in Gesprächen mit anderen unsicher oder ängstlich, kann über Social Media Accounts einen gegenteiligen, gefestigten Eindruck von sich hinterlassen und Selbstbewusstsein oder ähnliches regelrecht fabrizieren.

Durch die Auswahl oder Bearbeitung von Fotos geben wir nur das von uns her, was uns passt und präsentieren eine spezifisch ausgewählte Oberfläche. Im Gegensatz zu Begegnungen im physischen Alltag entsteht durch diese Vorauswahl ein positives Gefühl bei der Repräsentation gegenüber anderen. Es fühlt sich gut an, anderen auf diesem Wege zu begegnen, jedoch entsteht als Nebeneffekt auch ein kollektiver, immer rigoroserer Exhibitionismus: Je mehr man schließlich von sich hergibt, desto mehr Anerkennung wird einem möglicherweise zu Teil. Und dank billigen Kameras kann jeder ein Quasi-Celebrity werden und seine ganz persönlichen fünfzehn Minuten Ruhm genießen.

Flucht nach vorn ins digitale Rampenlicht

Ob in Form von Facebook Fotos, Youtube Videos oder auch nur Twitter Nachrichten: Jedem seine eigene, digitale Reality Show. Die zwielichtigen Sendungen der Privatsender à la Big Brother reichen nicht mehr aus; heute sehen alle allen in ihren privaten Existenzen zu, und teilen dasselbe Gefühl: Es gibt nichts mehr zu verstecken. Schon gar nicht in Zeiten von NSA und Wikileaks. Da ist die Flucht nach vorne, ins digitale Rampenlicht das geringere Übel. Überwachung ist schließlich leichter zu verkraften, wenn man ohnehin alles von sich hergibt.

Vielleicht ist dieses merkwürdige Verhalten aber auch in dem Wunsch begründet, etwas zu hinterlassen, das uns überdauert. Schließlich bleiben unsere Social Media Profile mitsamt allen Inhalten aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest in obskuren Archiven wie ein Beweis unserer persönlichen Existenz zurück, was vielleicht unbewusst die eigene Vergänglichkeit leichter verkraftbar macht.

(Illustration: laughing out loud, computer keyboard key, Shutterstock)

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