<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

28.05.14

Digitaler Reisebericht: Zurück aus einer Diktatur

Wenn man in ein Land fährt, das gerne als "Europas letzte Diktatur" bezeichnet wird, sind die Erwartungen an den technischen Fortschritt und die Infrastruktur eher gering. So kann man sich irren. Ein Reisebericht.

U-Bahn-Station in Minsk

Die besten, erkenntnisreichsten Reisen sind die, bei denen die eigenen Vorurteile widerlegt werden. Ich bin gerade von einem mehrtägigen Trip aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk zurückgekehrt. Dort habe ich einen beruflich in der lokalen Internetbranche tätigen Freund besucht. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt - im positiven Sinne.

Ich hatte mich im Vorfeld hinsichtlich der Infrastruktur und technologischen Entwicklung auf eine abgemilderte, europäische Variante Nordkoreas eingestellt - natürlich nicht so verarmt wie das isolierte Land in Fernost, aber doch mit besonders deutlichen Defiziten. Das war vielleicht ignorant, aber was soll man auch erwarten, wenn man sich in "Europas letzte Diktatur" begibt. Wie sich herausstellte, lassen die Unzulänglichkeiten des Landes in Sachen politischer Partizipation, Meinungsfreiheit sowie Wahrung von Menschenrechten wenig Rückschluss auf die digitale Reife Weißrusslands und seiner Hauptstadt Minsk zu. In einigen Punkten wirkte die Stadt moderner als so manche westlich orientierte Metropole. Für Besucher ist problematisch, dass die Roamingtarife für Kunden ausländischer Provider noch äußerst teuer sind. Für ein Mbyte zehn oder 15 Euro zu zahlen, lohnt sich nicht. Eine lokale SIM-Karte zu bekommen, ist umständlich. Die an vielen neuralgischen Punkten in Minsk zu findenden WLAN-Hotspots der lokalen Telekommunikationsanbieter stehen nur Einheimischen zur Verfügung, und offene WLANs sind generell rar. Solange ich mich nicht in der Wohnung meines Freundes aufhielt, war ich also größtenteils offline. In der Unterkunft dagegen konnte ich einen 10-Mbit-Anschluss nutzen, der ohne Ausnahmen zuverlässig funktionierte.

Im Gegensatz zu manch anderen Ländern, die mit demokratischen Grundsätzen fremdeln, etwa der Türkei, verzichtet Weißrussland bisher auf eine Sperrung oder flächendeckende Zensur sozialer Netzwerke. Facebook, Twitter, YouTube und alle anderen einschlägig bekannten Dienste konnte ich uneingeschränkt nutzen. Wie ich mir erklären ließ, mangelt es in Internetforen und bei lokalen Onlinemedien auch nicht an regimefeindlichen Kommentaren. Die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Oppositionellen geschieht subtiler, durch sozialen Druck und die Inhaftierung von Schlüsselpersonen. In den Gefängnissen sollen keine guten Zustände herrschen. Vor einem Eishockey-Spiel, das wir besuchten - in den vergangenen Wochen fand in Minsk die Weltmeisterschaft statt, weshalb es eine Ausnahme von der sonst geltenden Visumpflicht gab - wurden die Fahnen der Besucher von Sicherheitskräften genau auf unerwünschte Aufschriften untersucht.

Dennoch ist interessant, dass Weißrusslands autoritärer Staatspräsident Alexander Lukaschenko bislang davon absieht, die Freiheit des Netzes signifikant zu reduzieren. Dabei wird dies besonders von der jungen, sehr europäisch wirkenden und damit eine potenzielle Gefahr für die Führung darstellenden Generation fleißig genutzt. In der Minsker U-Bahn prägen Smartphones, Tablets, Phablets und E-Reader das Bild. Vor meiner Reise Richtung Osten war ich drei Wochen in Berlin. Dort sind in den öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich weniger Gadgets anzutreffen.

Was mich sehr überraschte, war die hohe Akzeptanz von Kreditkarten. Selbst am Ticketschalter in der U-Bahn konnte ich mit Visa und MasterCard zahlen, genau wie in allen innerstädtischen Restaurants und Geschäften. Dank Chip+Pin mit der üblichen Sicherheit. Auch in diesem Punkt könnte sich Berlin drei dicke Scheiben abschneiden. Zudem mangelt es nicht an Geldautomaten, die sich beispielsweise an jedem U-Bahnhof befinden. Die Bargeldbeschaffung, die in manchen fernen und nicht global integrierten Ländern kompliziert werden kann, ist also überhaupt kein Problem.

Minsk

Dass Weißrussland (ein anderer Name ist Belarus) in puncto Adaption fortschrittlicher Technologien so manchen wirtschaftlich und politisch moderneren Staat überflügelt, könnte mit dem hohen Stellenwert der IT-Branche zu tun haben. Das Land ist zu einem bedeutsamen Offshoring-Standort aufgestiegen. Viele internationale Firmen und Dienstleister greifen auf die gut ausgebildeten, im Vergleich preisgünstigen Programmierer zurück. Viele sind im Belarus Hi Tech Park tätig, eine Art weißrussisches Silicon Valley. Firmen, die sich dort ansiedeln, profitieren nicht nur von einer guten Infrastruktur sowie der Befreiung von Unternehmenssteuern sondern auch von gewissen Ausnahmeregelungen von der sonst omnipräsenten und viele Prozesse im Land lähmenden Bürokratie.

Mein kurzer Trip hat auf jeden Fall meinen Horizont erweitert und mir vermittelt, dass eine Diktatur nicht automatisch mit massiver Armut und extremer technologischer Rückständigkeit einhergehen muss. Mit einer Recherche bei Wikipedia hätte mir das natürlich schon im Vorfeld klar werden können: Dort ist zu lesen, dass Weißrussland laut UNO das GUS-Land mit dem höchsten Lebensstandard ist. Das merkt man auch, schaut man auf die Straßen von Minsk: Sie sind nicht nur in guter Verfassung und sehr sauber, sondern werden von unzähligen Luxusautos befahren. SUVs und Oberklasselimousinen deutscher Hersteller sind allgegenwärtig.

MinskLängere Zeit leben möchte ich in Weißrussland nicht. Trotz aller positiven Überraschungen herrscht eine gewisse bedrückte Stimmung. Die Menschen wirken nicht sonderlich glücklich, was von einer aktuellen Gallup-Studie bestätigt wird. Auch die vergleichsweise große Präsenz von Uniformierten, entweder in militärischer Kleidung oder im an den kalten Krieg erinnernden Sowjet-Look, gekennzeichnet von riesigen Hüten, schlägt mir als freiheitsliebender Mensch aufs Gemüt. Der Eindruck eines Polizeistaats will nie ganz verschwinden.

Ich bin aber gespannt, inwieweit die zunehmende Vernetzung Einfluss auf die politische Entwicklung des Landes haben wird. Die Jungen sind hungrig auf die Welt, das zeigten eine Vielzahl neugieriger Reaktionen uns gegenüber. Touristen, die von außerhalb des russischen Sprachraums kommen, sind selten. Man fühlt sich wie ein richtiger Exot.

Das wahrscheinlich einprägsamste Erlebnis hatte ich, als ich mit meinem Gastgeber unterwegs war und er seine Geldkarte in einem Geldautomat am U-Bahnhof vergaß. Plötzlich kam uns eine Mitarbeiterin der U-Bahn hinterher gerannt und meinte in beeindruckend gut klingendem Englisch und mit einem Lächeln auf den Lippen: "Guys, you forgot your card". Ich kam mir in diesem Augenblick wirklich nicht vor, als befände ich mich in einem weitgehend abgeschotteten Land, das Iran, Venezuela und Nordkorea zu seinen wichtigsten Handelspartnern zählt.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer