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12.09.14

Digitaler Analphabetismus im Land der Dichter und Denker?

Programmieren zu lernen ist eine Schlüsselkompetenz der Informationsgesellschaft. Doch was die Ausbildung des Nachwuchses angeht, hinkt das deutsche Bildungssystem kräftig hinterher. Private Initiativen machen Hoffnung, dass sich das Blatt bald wendet.

stepstoneSoziale Netzwerke und Computerspiele, Online-Streaming und Dating Apps – der Alltag junger Heranwachsender in Deutschland ist zunehmend von der digitalen Welt geprägt. Entsprechend selbstverständlich bewegen sie sich in ihr – allerdings nur als User. Wenn es um ein tieferes Verständnis dieser Welt geht oder gar darum, sie selbst aktiv mitzugestalten, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Das ist kein Wunder, denn im deutschen Bildungssystem hat IT längst nicht den Stellenwert, der dem Fach zukommen müsste, um den Nachwuchs für das Informationszeitalter zu rüsten. Im Gegenteil, im internationalen Vergleich hinkt Deutschland schon hinterher. Bernd Bickicht vom Chaos Computer Club bezeichnete die Lage gar als trauriges Beispiel dafür, wie man sich „digitale Analphabeten“ erzieht. Im Land der Dichter und Denker bilden Lesen, Schreiben und Rechnen sowie das Erlernen von Fremdsprachen den unangefochtenen idealen Bildungskanon. Das nächste Kapitel dieses Buches aufzuschlagen und die Sprache des Informationszeitalters, die Sprache der Computer in diesen Kanon aufzunehmen, damit tut es sich allerdings noch sehr schwer.

Programmieren: eine Sprache mit Zukunft

Dabei sind sich Experten weitestgehend einig:  Für Schulabgänger ist es heute nicht mehr genug, digitale Anwendungen einfach nur bedienen zu können. Ein grundlegendes Verständnis der Welt, die sich hinter den intuitiven Interfaces verbirgt, wird immer wichtiger, um sich in der digitalen Welt orientieren zu können. Schon 2008 mahnte der Fachausschuss für Informatische Bildung in Schulen an, dass Menschen, die nicht kompetent mit Kommunikationstechnologien umgehen können, zunehmend aus der Informationsgesellschaft ausgeschlossen würden. Genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen stelle IT eine Schlüsseltechnologie unserer Zeit dar.

Zudem bietet Informatik hervorragende Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Der Bedarf an Programmierern ist hoch, wie schon ein einfacher Blick in die Online-Börsen zeigt, und man kann sich an den Fingern abzählen, dass dieser Bedarf mit der fortschreitende Digitalisierung noch wachsen wird.  Zudem haben Computersprachen den Vorteil, dass sie überall auf der Welt gesprochen werden – das macht gute Programmierer international gefragt, wie man am Beispiel Indiens sehen kann.

Eigentlich sind alle dafür

Die Gründe für ein Pflichtfach IT an deutschen Schulen sind bestechend. Und eigentlich ist auch die große Mehrheit dafür. Laut einer Studie vom März 2014 wünschen sich 63 Prozent der Eltern die möglichst baldige Einführung, bei den Lehrern sind es sogar 73 Prozent. Die Internetbotschafterin der Bundesregierung Gesche Jost, die Deutschlands digitale Interessen in der EU-Kommission vertritt, hat sich jüngst dieser Forderung nachdrücklich angeschlossen.

stepstoneSie will das Fach sogar schon in der Grundschule einführen, Kinder und Jugendliche spielerisch an das Programmieren heranführen. Denn im internationalen Vergleich ist Deutschland bereits ins Hintertreffen geraten und hat einiges aufzuholen. In Estland wird seit einigen Jahren schon ab der ersten Klasse losprogrammiert, England hat das Pflichtfach IT in diesem Schuljahr flächendeckend eingeführt.

Es fehlt an Ausstattung und Fachkräften – und an Ehrgeiz

Bislang fällt die Reaktion der Bundesländer, denen in Deutschland die Bildungshoheit obliegt, auf die immer lauter vorgetragenen Forderungen allerdings verhalten aus. Bis auf die einsamen Vorreiter Bayern und Sachsen steht IT in Deutschland nur als Wahlfach auf dem Stundenplan – wenn überhaupt. Es fehlt, und hier schließt sich der Kreis, vielerorts schlicht an Lehrernachwuchs, der das Fach auch kompetent unterrichten könnte. Auch mangelt es an vielen Stellen an Ausstattung. Laut oben genannter Studie bietet nur knapp jede zweite Schule der Sekundarstufe I überhaupt einen Internetanschluss in den Klassenzimmern. Vor allem aber fehlt es an Bewusstsein dafür, dass Programmieren kein nerdiges Spezialistenhobby mehr ist, sondern eine Kulturtechnik, die längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist. Und so fehlt es Ehrgeiz, dieses Strukturproblem im deutschen Bildungssystem mit dem notwendigen Elan anzupacken.

Initiative ergreifen

Weitaus mehr positive Signale gehen da derzeit von privaten und halbstaatlichen Initiativen aus. So leistet etwa der Chaos Computer Club seit über zehn Jahren Pionierarbeit mit der ehrenamtlichen Initiative „Chaos macht Schule“. Seit 2003 realisieren die lokalen CCC-Gruppen Kooperationen mit Schulen und führen Schüler in spielerischen Workshops an IT-Know-How heran. Und das Hasso-Plattner Institut in Potsdam hat in diesem Jahr mit der IT-Bildungsplattform Open HPI eine fortlaufende Akademie ins Leben gerufen, die zugangsoffen für alle ist und sämtliche Altersgruppen ansprechen will.

Initiativen wie diese zeigen, dass der Bedarf erkannt wird und lassen hoffen, dass das schwerfällige Bildungssystem bald nachziehen wird. In einer Welt, in der wir zunehmend über und mit Computern kommunizieren, ist es wichtig, die Sprache der Computer zu sprechen. IT-Know-How ist in einer Informationsgesellschaft kein Spezialistenwissen mehr oder sollte es zumindest nicht sein. Es ist Allgemeinbildung.

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