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01.10.13

Digitale Netzwerkökonomie: Der Aufstieg der abhängigen Denker

Noch nie war es so einfach wie heute, sich als Meinungsführer und Denker zu positionieren. Wirklich unabhängig sind wenige.

HandschlagOpportunisten, Personen, die auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen sowie Networker, deren Karriere vor allem durch das Erfüllen von Gefälligkeiten zustande gekommen ist, gab es zu allen Zeiten. Doch in der netzwerkgetriebenen neuen Wirtschaft der digitalen Ära entwickelt sich der wirklich unabhängige Denker zu einer echten Rarität. Stattdessen drängen sogenannte "Flexians" in den Vordergrund. Menschen, die verschiedene, sich überlappende Rollen gleichzeitig bekleiden und somit permanent abwägen müssen, wie eine spezifische Handlung ihre geschäftlichen Interessen und komplexen Beziehungen zu aktuellen Auftraggebern, künftigen Kunden, zu Wegbereitern und Schlüsselkontakten beeinflusst. Abhängige Denker finden sich überall. Vortragende, die von Konferenz zu Konferenz tingeln und mit schmissen, provokativen Teasern für ihre Bücher oder Unternehmen werben. Blogger, die gleichzeitig Unternehmen beraten oder Aktien innerhalb ihres redaktionellen Schwerpunktgebietes besitzen. Journalisten, die nebenbei als freie Mitarbeiter für PR-Agenturen und Thinktanks tätig sind oder Bücher über spezielle Unternehmen oder Branchen geschrieben haben. Professoren, Akademiker und Intellektuelle, die für von Großkonzernen unterstützte Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen tätig sind. Experten aus der Wirtschaft, deren Sichtweise zu tagesaktuellen Themen auf einer Linie mit der ihres Unternehmens liegt. Marktforscher, deren Studienresultate gut zu den Wunschergebnissen ihrer Auftraggeber passen. Analysten mit eigenen wirtschaftlichen Agenden. Twitternde Angestellte, die zur Konkurrenz oder in eine ganz andere Branche wechseln und schlagartig einige ihrer öffentlich hervorgebrachten Standpunkte modifizieren.

Beim Lesen dieser Auflistung wird klar: Vieles sind keine neuen Phänomene, irgendwie ist jeder ein bisschen betroffen, und oft handelt es sich um relativ natürliche Zusammenhänge, an denen isoliert betrachtet nichts auszusetzen ist. Klar, dass Buch-Autoren Kenner ihrer Materie und damit attraktive Speaker werden. Selbstverständlich, dass erfolgreiche Unternehmer als Experten für ihr spezielles Marktsegment herangezogen werden. Logisch, dass Neueinsteiger in einer Firma in Tweets nun weniger kritisch mit der Industrie ins Gericht gehen, für die sie jetzt tätig sind.

Explosionsartige Vermehrung der Denker

Neu ist, dass sich das Verhältnis zwischen (weitgehend) unabhängigen und abhängigen Denkern stark in Richtung der letztgenannten Gruppe verlagert und parallel die Wahrscheinlichkeit von signifikanten Abhängigkeiten zunimmt. Verantwortlich dafür ist der massive, durch das Internet ausgelöste Wandel der Wirtschafts-, Medien- und Gesellschaftsstruktur. Folgende Faktoren spielen hier eine Rolle:

  • Der Wandel von festen zu projektbasierten Arbeitsverhältnissen. Aus wenigen langfristigen Arbeit-/Auftraggebern werden viele, im Zeitverlauf schnell wechselnde.
  • Die Krise des Journalismus, die tausende ehemals festangestellte, meinungs- und wissensstarke Denker dazu zwingt, beim Broterwerb kreativ zu werden.
  • Ressourcenmangel und Zeitdruck von Medien, der sie anfälliger für interessengesteuerte Einflussnahme von außen macht.
  • Die weitgefächerten Möglichkeiten, im Netz zu publizieren, sich eine Personenmarke zu erschaffen und zum Multiplikator zu avancieren.
  • Der Aufstieg der milliardenschweren IT-Giganten und ihr Bestreben, politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu nehmen.
  • Der massiv gestiegene Bedarf an Know-how und Orientierung in einer sich rasant verändernden Welt.

Die Folge: Während die Zahl der echten unabhängigen Denker mutmaßlich einigermaßen konstant bleibt, explodiert die derjenigen, die aufgrund äußerer Umstände oder aus freien Stücken damit beginnen, sich öffentlich thematisch zu positionieren, dabei jedoch verschiedene, mitunter schwer vereinbare Interessen unter einen Hut zu bekommen versuchen.

Absolute Unabhängigkeit gibt es nicht

Ein valides Argument gegen diese These wäre die Feststellung, dass es absolute Unabhängigkeit ohnehin nie gegeben hat. Das stimmt freilich, denn letztlich wird jeder noch so freie Geist zumindest von der Agenda getrieben, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Doch wenn dabei immer mehr Köche hinzugezogen werden müssen, dann wird der einstmals einem oder wenigen Arbeits-/Auftraggebern Verplichtete ein Stück weit abhängiger von einer größeren Zahl an Akteuren, die berücksichtigt werden wollen. Denn jeder der Köche hat andere Vorstellungen davon, wie ein Gericht zuzubereiten ist.

Vielleicht ist all das kein Grund zur Sorge. Denn die schiere Masse derjenigen, die heutzutage im Netz ihre Meinungen, Sichtweisen und Lösungsansätze zu beliebigen Problemen kundtut, könnte am Ende für einen Selbstreinigungsprozess sorgen, bei dem sich die unterschiedlichen hervorgetragenen, jeweils stark von externen Motiven beeinflussten Darlegungen gegenseitig neutralisieren und letztlich doch ein den Tatsachen entsprechendes Gesamtbild ergeben.

Der abhängige Denker als Normalzustand

Unerlässlich ist jedoch, dass die Öffentlichkeit ein Verständnis für die Lebens- und Arbeitsumstände heutiger Meinungsmacher und Denker entwickelt und bei Äußerungen noch genauer als bisher hinschaut, auf welchen Intentionen diese basieren. Der abhängige Denker oder die abhängige Denkerin ist der neue Normalzustand. Es ist ihre oder seine Aufgabe, das Publikum vom Gegenteil zu überzeugen, oder Abhängigkeiten transparent zu machen. /mw

(Photo: Hand shake - hand shake in front of a white background, Shutterstock)

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