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31.05.12

Digitale Nachlassverwalter: Das Geschäft mit dem Tod hat noch Potenzial

Wie kümmert man sich nach dem eigenen Ableben um die Vererbung von Zugangsdaten zu Onlinediensten? Eine Bestandsaufnahme.

In der Welt der sozialen Netzwerke vergisst man manchmal, dass hinter jedem Stream und jeder Chronik ein Mensch aus Fleisch und Blut sitzt. Spätestens jedoch wenn einem die traurige Nachricht ereilt, dass ein liebgewonnener Online-Schreiberling von uns gegangen ist, wird einem wieder bewusst, dass man selbst auch eines Tages unerwarteterweise ein digitales Erbe hinterlassen könnte.

Seit einigen Jahren setzen verschiedene digitale Nachlassverwalter auf das durchaus sinnvolle Geschäft mit dem Tod und bieten Lösungen an, mit welchen man den Hinterbliebenen Zugangsdaten zu Onlineprofilen zukommenlassen kann. Ein Blick auf den aktuellen Stand der Angebote zeigt aber: Da geht noch mehr!

Mangelnde Vertrauenswürdigkeit

Das A und O eines Dienstes, welcher Zugangsdaten verwaltet, ist eine hohe Vertrauenswürdigkeit. Leider scheitert die Branche der digitalen Nachlassverwalter aus historischen Gründen genau an diesem Punkt. Denn ob Semno, digitaler-nachlass.com oder der Pionier auf dem Gebiet deathswitch.com - zuviele Plattformen machen den Eindruck, als wären sie einmal gebaut worden, in der Hoffnung mit einem relativen einfachen Dienst das große Geld zu machen. Einen gepflegten Eindruck machen diese Angebote heute nur noch selten. Wer dann noch auf das im November 2011 eingestellte aber noch oft verlinkte MyWebWill.com stößt, wird sich rasch bewusst, dass auch Onlinedienste sterblich sind. Das Vertrauen der potentiellen Nutzer muss zuerst wieder zurückgewonnen werden. Dies ist eine Herausforderung, welcher sich die seriösen Anbieter heute stellen müssen.

Komplexe Handhabung

Eine Schwierigkeit in der Verwaltung eines digitalen Nachlasses besteht darin, die eigenen Daten immer aktuell zu halten. Nur so kann der Service im Ernstfall auch von Nutzen sein. Die meisten Plattformen erfordern, dass man bei jedem Passwortwechsel diesen auch im digitalen Nachlass nachvollzieht. Einzig der Schweizer Anbieter SecureSafe bietet den Import von Zugangsdaten via Textdatei an. Diese muss allerdings auch erst im richtigen Format aufbereitet und aktuell gehalten werden. Wünschenswert wäre, dass Standardexport-Dateien aus weitverbreiteten Passwort-Verwaltungslösungen wie 1Password verwendet oder gar im Hintergrund automatisiert hochgeladen werden könnten.

Doch nicht nur die Verwaltung der Daten, auch die Vererbung selbst ist nicht ganz einfach in der Handhabung. In jedem Fall muss verständlicherweise irgendwo ein Dokument existieren, mit welchem die Hinterbliebenen auf die Existenz des digitalen Nachlasses aufmerksam gemacht werden. Bei den meisten Anbietern muss als Beweis eine Sterbeurkunde an den Anbieter eingesandt werden. Ausser der Reihe tanzt SecureSafe, wo die Ausgabe der hinterlegten Daten via Eingabe eines Aktivierungscodes beantragt werden kann. Wenn der Dateninhaber von SecureSafe nicht innerhalb einer bestimmten Zeit kontaktiert werden kann, werden die Daten freigegeben. Gerade andersrum funktionierts beim amerikanischen LegacyLocker, wo zwei Personen das Ableben des Account-Inhabers bestätigen müssen.

Damit die Hinterbliebenen wirklich Zugriff auf die Daten erhalten, ist somit eine sorgfältige Aufbewahrung der entsprechenden Information äusserst wichtig. Um dies bewerkstelligen zu können sind die Dienste von zuverlässigen, nahestehenden Personen oder eines professionellen Notars notwendig. Schritte also, die bereits viel mit dem üblichen Anlegen eines Testaments zu tun haben und dem durchschnittlichen Digitale Native altersmässig noch nicht nahe liegen.

Fehlendes Bewusstsein bei den Nutzern

Dass das Bewusstsein bei den Nutzern noch wachsen muss, weiß man auch beim seit etwas über einem Jahr bestehende Dienst Netarius aus Deutschland. Netarius ist hauptsächlich im deutsch- und spanischsprachigen Markt tätig und hat nach eigenen Angaben Userzahlen im vierstelligen Bereich. Geschäftsführer Frank Wannenwetsch lässt auf Nachfrage wissen, dass er überzeugt ist, dass die digitale Nachlassverwaltung «noch in den Kinderschuhen steckt und ein Bereich mit viel Zukunftspotential ist, da die Menschen noch gar nicht hinreichend für die Problematik des Themas sensibilisiert wurden.»

Mit dieser Einschätzung dürfte er nicht alleine liegen. Bei SecureSafe haben gemäß CEO Christian Schwarzer nur zehn Prozent der weltweit über 100.000 User die DataInheritance-Funktion aktiviert. Die restlichen Anwender nutzen zwar geschützten Zugang auf Dokumente und Daten, ignorieren die Möglichkeit zur digitalen Nachlassverwaltung jedoch.

Fazit: Die Richtung stimmt

Man muss den heute aktiven Anbietern zu Gute halten, dass die Dienstleistungen vermehrt einen professionellen und zuverlässigen Eindruck machen. Nur mit digitaler Nachlassverwaltung wird sich heute noch kaum ein Dienst über Wasser halten können. Doch mit weiterhin wachsendem Altersdurchschnitt unter den Usern von sozialen Netzwerken wird auch das Bewusstsein für die Vorsorge nach dem Ableben steigen. Für Anbieter gilt: Es dürfte sich um einen Markt mit Zukunftspotential handeln. Und für User: Genauso wie ein regelmässiges Datenbackup sollte eine digitale Nachlassverwaltung zum Standardrepetoire eines Internetnutzers gehören.

Anbietervergleich

Die Angebote der drei Anbieter, die auf uns den seriösesten Eindruck machen im Kurzvergleich:

(Foto: stock.xchng/ dimitri_c )

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