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16.04.09

Digitale Musik im Jahr 2009: Aufmerksamkeit als neue Währung

Noch nie zuvor war die Verfügbarkeit von Musik quantitativ und qualitativ so groß. Die Aufmerksamkeit der Hörer wird daher zu einer wichtigen Währung für Musikschaffende. Wir erklären diese gerne missverstandene Aussage.

Wenn wir uns auf netzwertig.com mit der Entwicklung von Musik im Web sowie mit der Zukunft der digitalen Musikbranche beschäftigen, verweisen wir häufiger auf die veränderten Rahmenbedingungen und erwähnen gerne, dass Aufmerksamkeit der Konsumenten/User die neue Währung für Künstler darstellt. Allerdings wird dieses mit der Digitalisierung Einzug haltende Konzept leicht missverstanden, weshalb ich es in folgendem Artikel nochmals detailliert erläutern möchte.

Marcel hat die Evolution der Musikindustrie im Netz in einer ganzen Reihe von Artikeln unter die Lupe genommen und dabei meist die wirtschaftlichen Aspekte der veränderten künstlerischen Wertschöpfung hervorgehoben. Diese werde ich absichtlich in meiner Betrachtung ausblenden, da sie für die dem Aufmerksamkeits-Konzept zugrunde liegende Analyse der Verfügbarkeit von Musik heute und früher keine große Rolle spielt.

Als ich als angehender Teenager Anfang der neunziger Jahre meine Liebe zur Musik entdeckte, war die Welt in den Augen der Musikindustrie noch in Ordnung. Konsumenten konnten mit dem Wort "Internet" nichts anfangen, und auch CD-Brenner gab es noch nicht. Allein käuflich erworbene, physische Tonträger wie CDs und - schon in geringerem Maße - Schallplatten garantierten Verbrauchern eine gute bis hervorragende Tonqualität. Wer nicht bereit war, 11,99 DM für eine Maxi oder 25,99 DM für eine LP auszugeben, musste entweder warten, bis die Stücke im Radio oder Fernsehen gespielt wurden, oder sich mit selbst angefertigten oder eingetauschten, stets minderwertigen Kassetten-Mitschnitten begnügen.

Ich erinnere mich, wie ich stundenlang Viva oder MTV schaute, nur um diesen einen Titel zu hören, der mir so gut gefiel. Da das bei richtig guten Songs keine Lösung war, ging ein Großteil meines Taschengeldes für CDs drauf - die ich dann den ganzen Tag im Wiederhol-Modus abspielte. Alternativen, die über meine kleine Sammlung an Tonträgern hinaus gingen und mir eine gewisse Freiheit bei der Musikwahl erlaubten, gab es abgesehen von den unbefriedigenden Kassettenaufnahmen nicht. Eine selbst gekaufte Maxi-CD hatte für mich subjektiv somit einen unheimlich hohen Wert. Ja, Musikmanagern muss es bei diesen Zeilen eiskalt den Rücken herunter laufen.

Spulen wir 15 Jahre vor. Wie unterscheidet sich der Zugang zu Musik in passabler Tonqualität heute im Vergleich zu 1994? Viele User verfügen über digitale MP3-Sammlungen im zwei- oder dreistelligen Gigabytebereich. Diese wurden heruntergeladen (legal oder illegal), von CDs digitalisiert oder von der externen Festplatte eines Freundes kopiert. Anders als 1994 benötigt es im Jahr 2009 nicht mehr als einige Sekunden, um den Titel seiner Wahl abzuspielen. Kein Vergleich mit dem nervigen Wechseln von Tonträgern oder dem lästigen Vorspulen einer MC - von der damals fehlenden Möglichkeit zur Erstellung von Playlisten ganz zu schweigen. Private Musikarchive sind heute aufgrund der Vorteile digitaler Musik in der Regel nicht nur größer, sondern auch sehr viel komfortabler zu organisieren und konsumieren.

Zudem hat eine Mehrheit der Musikkonsumenten heute Zugang zum Internet. Das Web sorgt im Prinzip für eine unbegrenzte Erweiterung der persönlichen MP3-Sammlung. Bei Videoplattenformen wie YouTube oder Dailymotion können User on demand Musikvideos ihrer Wahl abspielen, bei Deezer, Last.fm, SeeqPod oder Roccatune bekommen sie die Songs ihrer Wahl. Und das stets kostenlos. Vergessen wir nicht Musikblogs, Tauschbörsen und IRC-Channels. Ungeachtet dessen, ob es sich um legale oder illegale Kanäle handelt - niemand muss mehr - wie ich als Jungspund - einen Titel aus dem Radio auf Kassette mitschneiden oder einen ganzen Nachmittag mit Mola Adebesi oder Christiane Bakker (für die, die sich erinnern) verschwenden, nur um auf das Musikvideo seines Lieblingssongs zu warten.

Es sei dahin gestellt, was Plattenfirmen und Künstler von der Entwicklung halten, aber: Verbraucher haben heute einen quasi grenzenlosen Zugang zu Musik. Musik aller Dekaden, aller Genres, wann und wo sie wollen. Ob ein Rolling Stones-Hit aus den 60ern, ein 80er-Klassiker von Depeche Mode oder der neueste Track von Madonna - wer will und über grundlegende Computer- und Internetkenntnisse verfügt, bestimmt zu jeder Zeit, was er gerade hören möchte. Und hat die Qual der Wahl.

Hier liegt die Erklärung dafür, warum Musiker unbedingt erkennen müssen, dass die Aufmerksamkeit der Konsumenten mittlerweile eine eigene Währung ist und einen hohen Wert hat.

Der Tag hat lediglich 24 Stunden, wovon wir sechs bis acht Stunden schlafen. Auch in der verbleibenden Zeit sind wir nicht immer in der Lage, unsere Ohren mit musikalischen Tönen zu beschallen. Während das oben beschriebene, frei verfügbare Angebot an Musik unaufhaltsam steigt, geschieht dies nicht mit unserem Aufmerksamkeitsbudget für Musik. Auch 2009 höre ich nicht mehr Musik als 1994. Hatte ich damals aber nur das Radio und selbst gekaufte Tonträger, die stundenlang auf Repeat abgespielt wurden, weiß ich heute gar nicht, wo ich mit dem Hören anfangen soll. Das schier grenzenlose, stets abrufbare Angebot an digitaler Musik aus allen Jahrzehnten und Stilen überfordert mich nicht selten. Es gibt so viel zu entdecken. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir so geht.

Preisfrage an alle Musiker: Gefällt es euch besser, wenn jemand aus dem Überangebot an Songs euren Titel auswählt und ihm seine Aufmerksamkeit schenkt - selbst wenn es ohne direkte monetäre Transaktion geschieht - oder wenn er eure Produktionen gänzlich ignoriert? Zwar verdient der Künstler in beiden Fällen direkt nichts, doch öffnet sich ihm durch die Aufmerksamkeit des Verbrauchers neue, indirekte Optionen der Refinanzierung. Welche das sind, hat Marcel in diesem Artikel genauer erläutert.

Niemand behauptet, dass die Notwendigkeit zur indirekten Monetarisierung gute Nachrichten für Musikschaffende sind. Mit Aufmerksamkeit alleine lässt sich kein Tisch decken und keine Miete zahlen. Dennoch ist diese Entwicklung die logische und unweigerliche Konsequenz aus dem beschriebenen Überangebot an Musik.

Wer will, kann darüber klagen. Kann einfordern, über aggressivere Kontrollmaßnahmen den freien, nicht autorisierten Zugang zu Musik einzudämmen oder über eine "Kulturflatrate" vergütet zu bekommen. Kann weiter davon träumen, das alte Geschäftsmodell irgendwie doch noch beibehalten zu können. Kann juristisch gegen illegale Angebote vorgehen. Kann überzogene Forderungen in Form von Abgaben und Pauschalen an die stellen, die zumindest versuchen, die aus der Aufmerksamkeit der User generierten Einnahmen mit den Künstlern zu teilen. Welche Maßnahmen auch immer ergriffen werden: Die Gesamtsituation wird sich nicht mehr verändern. Musik ist allgegenwärtig. Musik ist zu einem Allgemeingut geworden. Jeder hat die Qual der Wahl, was als nächstes aus den Lautsprechern klingen soll.

Auch wenn Künstler viel Zeit und Geld in ihre Arbeit stecken, so sollten sie sich verinnerlichen: Der von vielen Hörern wahrgenommene Wert der Musik liegt weit unter dem Niveau während der "guten alten Zeiten". Wer es schafft, Konsumenten dennoch zum Bezahlen zu animieren, kann sich mehr als glücklich schätzen. Wer "lediglich" die Aufmerksamkeit bekommt, darf aber ebenfalls dankbar sein. Denn in Zeiten einer musikalischen Inflation ist diese unheimlich viel wert (und sehr viel mehr, als links liegen gelassen zu werden).

 

(Foto: spud; CC-Lizenz)

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