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29.07.10

Digitale Gesellschaft: Die Grenzen von Kontrollverlust und Transparenz

Die Nachbearbeitung des Loveparade-Unglücks sowie die Wikileaks-Enthüllung der Afghanistan-Dokumente zeigen: Der Kontrollverlust hält an, die Transparenz nimmt zu. Doch wo liegen die Grenzen?

Zwei Ereignisse haben in den vergangen Tagen deutlich gemacht, wie sich die Welt durch Transparenz und Kontrollverlust verändert.

Da ist einerseits das Loveparade-Unglück, das eine ganze Reihe von widersprüchlichen und vorschnellen Äußerungen von Veranstaltern, Politikern und Polizei nach sich gezogen hat, während parallel Dutzende, wenn nicht Hunderte Augenzeugenberichte und vor allem Videos im Netz hochgeladen wurden, die es jedermann erlauben, sich ein ungeschminktes Bild von der tatsächlichen Lage zu machen - Material, das in einer Zeit vor YouTube, Blogs und Social Networks lediglich Ermittlern und ausgewählten Medien zur Verfügung stand. Wenn überhaupt.

Einen Tag nach der Tragödie von Duisburg veröffentlichte Wikileaks in Kooperation mit drei führenden internationalen Medienhäusern seine brisanten Afghanistan-Dokumente, die dem Whistleblower-Portal von Informanten zugespielt wurden. Natürlich scharf kritisiert von der US-Regierung.

Zwei Beispiele ohne direkten Zusammenhang, die dennoch klar machen, wohin die Welt steuert: Zur absoluten Transparenz und zum totalen Kontrollverlust. Ob wir jemals dort ankommen, ist zwar nicht gewiss, aber die Richtung ist das Entscheidende.

Die Frage, die sich nun stellt: Wie lange hält dieser Prozess zu mehr Transparenz und weniger Kontrollmöglichkeiten durch Machthaber und ihre Organe an? Und wie wirkt er sich auf die Menschen und das Zusammenleben aus?

Blogger Michael Seeman fragt sich im Hinblick auf die Wikileaks-Enthüllungen, ob nicht irgendwann eine Art Konterrevolution stattfinden könnte, in der sich Regierungen und vormals einflussreiche Institutionen und Organisationen gegen ihren anhaltenden Macht- und Kontrollverlust wehren werden.

Eine berechtigte Frage, auch wenn ich denke, dass ein Wiedererlangen alter Kräfte wohl nur durch totalitäre Schritte erreichbar wäre, und diese wiederum sind in gefestigten Demokratien der heutigen Zeit (mutmaßlich und hoffentlich) nur schwer durchsetzbar.

Persönlich beschäftigte mich in den vergangenen Tagen aber auch noch ein anderer Aspekt der derzeitigen Entwicklung, nämlich der Umgang mit all dem visuellen Material von Katastrophen und Unglücken, das durch die Omnipräsenz von Mobiltelefonkameras mittlerweile verfügbar ist.

Einerseits tragen aus allen Winkeln und Richtungen aufgenommene Videos von Tragödien zur transparenten Aufklärung dieser bei, andererseits machen sie es für Betroffene und Angehörige womöglich noch viel schwerer, von den Auswirkungen teils grausamer Bilder auf schwache Gemüter ganz zu schweigen.

Mein Standpunkt ist zwar, dass die Vorteile der "YouTube-Ära" - gerade in Hinblick auf die Transparenzzunahme - die Nachteile überwiegen. Gewisse unbeantwortete Fragen zum Umgang mit sensiblen Dokumenten von Augenzeugen sehe ich jedoch.

Eine davon ist: Wer übernimmt die Verantwortung für Folgen, die sich aus Kontrollverlust und dem Streben nach Transparenz ergeben? Wer übernimmt Verantwortung dafür, wenn eine Enthüllung im Wikileaks-Stil oder ein detaillierter YouTube-Clip einer Greueltat oder eines Unfalls zu Konsequenzen führt, bei denen Menschenleben in Gefahr gebracht werden? Hier braucht es nicht viel Fantasie, um sich Szenarien auszumalen.

Wenn es keine Filter mehr gibt, wenn Individuen selbst nach eigenem Ermessen über die Publikationsfähigkeit von Dokumenten entscheiden, dann schultern sie damit eine enorme Verantwortung. Mit dieser müssen sie umgehen können. Eine der Aufgaben für die Zukunft wird es sein, dieses Verantwortungsbewusstsein zu schaffen.

(Illustration: stock.xchng)

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