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29.01.08Leser-Kommentare

Die Zukunftsbranche "Zeitverschwendung"

Ein Wort hört man in kritischen Diskussionen über Web 2.0 verblüffend oft: "Zeitverschwendung".

Das Lesen und Schreiben von Blogs? Zeitverschwendung! Schafe werfen auf Facebook? Selbstdarstellung pflegen auf Myspace? Zeitverschwendung! Sich mitteilen auf Twitter? Übelste, sinnlose Zeitverschwendung! Und der König aller Zeitschwendungs-Sites ist bekanntlich Youtube. Der grössere Teil der aktuellen Online-Aktivitäten, so könnte man glauben, ist zweckfreier Trödelei gewidmet, ohne irgendeine positive wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Auswirkung.

Nicht wenige Beobachter (ich gelegentlich eingeschlossen) fragen sich, warum seriöse Investoren für solche scheinbar sinnfreien Online-Zeitvertreibe horrende Summen ausgeben. Youtube und Myspace waren immerhin die beiden grössten Akquisitionen der aktuellen Internet-Welle, und Facebook ist immer noch der Rekordhalter mit seiner theoretischen Firmenbewertung von 15 Milliarden Dollar.

Selbst die Hersteller von Widgets und ähnlichem Zubebör zu diesen Sites werden inzwischen für horrende Summen gehandelt. Ist das gerechtfertigt für solche komplette Zeitverschwendung?

Die Antwort ist eigentlich einfach: Diese Zeitverschwendungsmethoden sind die Unterhaltungsmedien der Zukunft, in linearer Nachfolge von Buchdruck, Kino und Fernsehen. Unterhaltung und Zerstreuung hat die Menschheit schon immer gesucht. Im Lauf der Mediengeschichte wurde eine Form nach der anderen medialisiert.

Früher hat man sich Geschichten am Lagerfeuer erzählt, heute schaut man fern, liest ein Buch oder geht ins Kino. Die Römer schauten sich gern Gladiatorenkämpfe in der Arena an, heute verfolgt man Sportwettkämpfe im Fernsehen oder Radio. Musik gibt es auch nicht mehr so oft am Lagerfeuer, dafür aber per iPod. Und selbst erbauliche bildliche Darstellungen haben ihren Weg von der Höhlenmalerei über das Museum zur Photosharing-Website gefunden.

Eine komplexere und daher weniger offensichtliche Form der Unterhaltung ist menschliche Interaktion, und dank der besonderen Qualitäten des Internet erleben wir gerade die konsequente Medialisierung dieses Bereichs in all seinen Facetten.

Den neusten Klatsch austauschen, sich darüber erkundigen, wie es anderen geht und mitteilen, was man selbst gerade so macht und denkt -- das haben unsere Urahnen schon bei der Jagd oder während der Arbeit auf dem Feld gemacht. Das Ziel ist kein folgenschwerer Austausch von wertvollen Informationen, sondern das Schaffen von sozialer Kohäsion und letztlich auch Zeitvertreib. Sind da Twitter oder ein Facebook-Wall-Post wesentlich anders?

In praktisch allen Gesellschaften kann man beobachten, wie wichtig Selbstdarstellung ist. Jeder will das schönere Haus haben als der Nachbar, zieht sich aufwendiger an, schminkt sich phantastischer. Natürlich hat diese Signalisierung von Status eine wichtige gesellschaftliche Funktion, aber sie ist durchaus auch eine willkommene Ablenkung vom drögen Alltag. Was anderes sind die aufwendig gestalteten Myspace-Pages oder liebevoll gestalteten Youtube-Videos? Kreativität ist ein hochgeschätzter Wert in unserer heutigen Gesellschaft, und Millionen von Leuten versuchen so ihre eigenen kreativen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen (wenn auch nicht immer mit exzellenten Resultaten).

Wenn aber diese Tätigkeiten eigentlich nur moderne Ausprägungen natürlicher menschlicher Unterhaltung und Interaktion sind, warum dann sind Fernsehen oder Kino allgemein akzeptierte Freizeitbeschäftigungen, während zumindest ältere Semester (die meisten Leute über 21) nur mit latenten Schuldgefühlen auf den Zeitverschwendungs-Sites Facebook oder Youtube herumhängen? Warum besprechen Zeitungen jeden noch so mässigen Kinofilm hochtrabend im Feuilleton, während über raffiniert konstruierte Youtube-Phänomene wie loneyleygirl15 höchstens als Kuriosität aus der unverständlichen Online-Welt berichtet wird?

Zu einem grossen Teil ist das alles eine Frage der Zeit. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Gesellschaft Sorgen machte über die blassen jungen Leute, die nächtelang unter der Bettdecke Romane lasen, statt sich mit etwas Nützlichem zu beschäftigen. Heute würden sich Bildungspolitiker solches Verhalten wünschen. Oder anders gesagt: Die Zeitverschwendung von heute ist möglicherweise die normale Freizeitgestaltung von morgen und die Hochkultur von übermorgen.

Geschäftlich gesehen: Die Investoren von Facebook und Co. setzen darauf, dass sich diese neuen Unterhaltungsmedien so gut kommerzialisieren lassen wie die alten. Es bleibt abzuwarten, ob das wirklich gelingen wird. Denn traditionelle Medien sind Einweg-Kanäle, in denen besonders talentierte Leute ein unterhaltsames Produkt anbieten -- ein bisschen vergleichbar mit dem Lagerfeuer, an dem auch eher der weit rumgekommene Dorfälteste seine Stories erzählte als irgendein junger Spund. Dafür zu zahlen oder Werbung zu akzeptieren, scheint irgendwie logisch. Traditionelle Medien knüpfen an eine Hierarchie an, die es schon immer gab.

Aber die neuen Interaktionsformen sind sehr viel egalitärer, es gibt keine klare Hierarchie zwischen Produzenten und Konsumenten mehr. Youtube oder Myspace stellen nur die Infrastruktur zur Verfügung, das Theater machen die User selbst. Im weitesten Sinne ist das ein bisschen vergleichbar mit anderen Formen von Infrastruktur für sozialen Austausch, etwa mit Cafés oder Discos. Aber das sind verglichen mit der Grösse der Fernseh- oder Filmindustrie sehr fragmentierte, risikoreiche und in der Gesamtheit (zumindest aus Investorenperspektive) relativ unbedeutende Branchen.

Die Frage ist also, ob man soziale Infrastruktur -- und als genau das versteht sich z.B. Facebook sehr explizit -- ausreichend zentralisieren und kommerzialisieren kann. Dass für die Benutzung solcher Plattformen im Internet niemand zahlen will, ist hinlänglich bekannt, aber es ist selbst noch offen, ob sich mit Werbung in so einem Umfeld wirklich (genug) Geld verdienen lässt.

Ich bin da ehrlich gesagt sehr skeptisch. Genauso, wie plötzlich ein hippes Restaurant als der angesagte Treffpunkt in Ungnade fällt, kann die Meute auch von Facebook oder StudiVZ schon bald woanders hin ziehen. Das passiert nicht von heute auf morgen, aber doch meist verblüffend schnell. Denn der Wert dieser Plattformen wird nur zum kleinsten Teil von der Infrastruktur erzeugt, zum grössten Teil von den Usern selbst. Und die können sich auch woanders austauschen, wenn es ihnen da plötzlich besser gefällt. Natürlich gibt es gewisse Netzwerkeffekte, die dem gegenüberstehen, aber die Social-Networking-Branche baut sich interessanterweise gerade selber ihre Methoden zum Abbau solcher Hürden.

Um die Restaurantmetapher noch ein bisschen weiter zu quälen: Myspace (oder StudiVZ im deutschsprachigen Raum) war ein bisschen wie eine McDonalds-Filiale, die plötzlich in einer vorher öden Kleinstadt aufmacht -- die Jugend zieht es unweigerlich dahin, der neue Hang-Out-Place wird zum Zentrum des sozialen Lebens, die Kasse klingelt. Bald merkt das der Konkurrent (Burger King bzw. Facebook) und macht auch was auf; viele Kunden gehen jetzt lieber zu diesem neuen und schöneren Restaurant. Und weitere Anbieter folgen, die Marketingkonzepte werden immer kreativer. Die übersättigten Kunden ziehen von Restaurant zu Restaurant, werden bald der vielen Sonderangebote und Gimmicks überdrüssig, und schliesslich fragmentiert sich die Szene stark. Am Schluss verdient keiner mehr so richtig Geld mit Gastronomie in diesem Ort, obwohl es reichlich Restaurants gibt.

Ich glaube, dass wir vergleichbare Effekte im Internet erleben werden. Heute dominierende Player wie Myspace, Facebook oder StudiVZ werden vermutlich bald erleben, dass sich Subgruppen von Usern lieber eine Community suchen, die weniger lärmig und mehr auf ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Die vielen tausend Social Networks von Ning beispielsweise haben darum sicher eine gute Existenzberechtigung. Auch XING oder LinkedIn, die Äquivalente zum gehobenen Restaurant für den Businesslunch, werden sicher weiterhin erfolgreich sein, aber nicht beliebig skalieren. Und auch um die Lieferanten von Restaurantbedarf, pardon, Widgets und Social-Network-Applikationen, wird sich eine florierende Industrie bilden.

Nur: Obwohl diese "Zeitverschwendungs"-Branche vermutlich eine sehr beeindruckende Grösse erreichen und im Leben der User eine immer bedeutendere Rolle spielen wird, glaube ich nicht an die künftige Existenz eines Winner-takes-it-all-Players à la Google. Alles deutet auf Fragmentierung hin, nicht auf Konzentration.

Kommentare

  • ami

    29.01.08 (18:26:49)

    genau deshalb macht ja die "winner takes it all" strategie von google, nämlich open social als "meta-netzwerk" durchaus sinn. was die geschwindigkeit angeht, mit der die meute weiterzieht, würde ich nicht ganz so viel von der menge erwarten, als von den "hipstern" oder early adoptern -- zumindest, wenn eine kritische masse erstmal erreicht wurde. bevor du mit AOL kommst .. ich weiss, es gibt aucb gegenbeispiele - aber ich bin immer sehr erstaunt, wenn ich geschichten zur mediennutzung aus meinem umfeld höre (in etwa "man darf nicht alles glauben, was bei wikipedia steht"). was "zeitverschwendung" angeht: es gibt eine reihe von investoren, die darauf schwören dass die lukrativsten investments rund um die 7 todsünden zu finden sind.

  • Bernd

    29.01.08 (19:20:12)

    klar haben facebook und studivz noch zuwachs, aber die meisten leute sagen mittlerweile "da geht aber nix ab". man sammelt halt seine freunde, lernt paar freunde der freunde kennen, mailt bischen und das wars dann. die gewinner sind themenforen und lokale communities (und nein damit mein ich jetzt nicht townkings *g)

  • Andi

    30.01.08 (08:33:19)

    Ich finde das der Vergleich mit McDonalds ordentlich hinkt. Denkt man nur an die Infrastrukturinvestitionen und vor allem die Zahlen einiger Filialen, die ich zu kennen glaube, kann von einem "Gewinnabbruch" keine Rede sein, denn da wird noch richtig Geld verdient. Im Grundsatz scheint mir hier eine andere Dynamik vorzuliegen. Zwar glaube ich auch dass sich der Markt fragmentieren wird, hin zu Netzwerken die einzelnen (ausreichend grossen) Gruppen wirklichen Mehrwert bieten können, bis heute steht aber nicht fest dass nicht auch Facebook einige der Bedürfnisse von Spezialisten abdecken wird und damit in der Summe die grösste Menge der Spezialisten in sich vereint. Sollte Dataportability jemals Realität werden, sieht die Welt anders aus.

  • Roland

    30.01.08 (14:30:01)

    Der Vergleich mit McDonalds/Burger King hinkt noch aus einem anderen Grund: Wenn es mir bei McDonalds langweilig wird, dann gehe ich einfach mal zu Burger King. Essen kann man dort auch alleine oder zu zweit ganz gut. Aber von Facebook zu MySpace zu wechseln, wenn man der erste aus dem Freundeskreis ist, bringt nicht sehr viel, denn die Freunde unterhalten sich noch auf der alten Plattform, während man sich selbst auf der neuen langweilt. Das ist dann eine gewisse Netzwerk-Stickiness, die sich daraus manchmal ergeben kann.

  • Arne Richter

    30.01.08 (19:19:41)

    Das ist vielleicht der schlauste Text, den ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen haben. Kreativität als Funktion von Zeitverschwendung finde ich sehr plausibel. Klatsch als Freerider-Kontrolle würde auch starke Fragmentierung voraussetzen: Weshalb dann auch Werbung tot wäre. Werber sind nämlich Freerider. Und werden ausgeschlossen. Egalitär? Ok, wie würde man die powerlaws unterbringen? Powerlaw wäre ein Argument für Konzentration. Die Anstrengungen zur Selbstdarstellung werden sehr unterschiedlich entlohnt: Lonelygirl15 kriegt viel Aufmerksamkeit -ich gar keine. Man liest noch nicht einmal diesen Kommentar. Oder anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass mein eigener kreativ-zeitvertreibender Selbstausdruck zur Ausgangsbedingung einer fremden Langeweile von jemand anders wird.

  • Jack

    31.01.08 (19:16:50)

    Die sozialen Portale können Zeitfresser sein, aber richtig genutzt kann man so Leute aus der ganzen Welt kennenlernen, Netzwerke aufbauen, und Youtube ist lustiger als Fernsehen.

  • Alex

    01.02.08 (02:32:18)

    Sehr lesenswerter Beitrage. Danke.

  • Ben K

    06.02.08 (14:29:33)

    überaus lesenswerter Beitrag, ebenso die Kommentare. Ich finde daher auch wieder einmal Google Strategie überaus bemerkenswert.Google versucht nicht den "Place to be" zu stellen (egal ob McD, BurgerKing oder was auch immer) sondern vielmehr die Infrastruktur für diese Plattformen zu legen. Das bringt den Vorteil, dass wo auch immer sich der Nutzer aufhält, Google dort schon lange auf ihn wartet. Selbige Strategie lässt sich übrigens auch vortrefflich bei Googles Android feststellen.

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