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25.04.14Leser-Kommentare

Die Zukunft des Internets: Nutzer übersehen das Gewicht ihrer Handlungen

Wer wählen geht, ist überzeugt davon, die Politik zu beeinflussen - trotz des geringen Effekts einer einzigen Stimme. Die Zukunft des Internets wird auf ähnliche Weise entschieden. Nur ignorieren viele Nutzer diese Tatsache. Mit vielleicht fatalen Folgen.

WahlenWas geschieht, wenn ein beliebiger Bürger oder eine Bürgerin bei der nächsten Wahl zu Hause bleibt? Oder an einem Volksbegehren für eine Sache, für die er/sie sich engagiert, nicht teilnimmt? Oder Grillen im Park einer Demonstration zu einer heiß diskutierten Frage, zu der er/sie eine klare Meinung hat, vorzieht? Die Antwort lautet natürlich: Es geschieht nichts. Doch wenn ganz viele Menschen parallel auf ihre Möglichkeiten der politischen Partizipation verzichten, dann können die Folgen verheerend sein oder zumindest anders ausfallen, als sich viele Personen dies gewünscht hätten.

Weil die meisten Menschen diese Dynamik intuitiv verstehen, beteiligen sie sich an den beschriebenen Ereignissen - trotz des Wissens, dass sich die Welt auch weiterdreht, wenn sie als Einzelperson von den Gelegenheiten keinen Gebrauch machen würden. Ich glaube, dass sich die Mehrzahl der Internetnutzer nicht darüber im Klaren ist, dass die Gestaltung des digitalen Raumes und die Zukunft des Internets auf sehr ähnliche Weise beeinflusst werden kann.Zu dieser Feststellung komme ich mit Blick auf die allgemein geringe Aufmerksamkeit für netzaktivistische Themen außerhalb spezifischer, tief in der Materie steckender Kreise,  auf die oft von Desinteresse geprägten Reaktionen in der Öffentlichkeit auf kritische Fragen des Netzzeitalters sowie auf die hohe Bedeutung des Faktors Bequemlichkeit, der bei den meisten von uns (da klammere ich mich nicht aus) als Entscheidungsgrundlage für oder gegen bestimmte Dienste oder Verfahren dient.

Während kein vollständiger, aber ein halbwegs übergreifender Konsens darüber existiert, dass Nichtwählen in der Summe eher negative Auswirkungen auf die politische Entwicklung hat, fehlt dieses kollektive Bewusstsein im Bezug auf die heute jeden Lebensbereich betreffende Webwelt. Und das ist ein großes Problem. Denn genau wie eine funktionierende Demokratie die Partizipation vieler Bürger erfordert, ist auch das freie Internet auf einen Einsatz seiner Unterstützer angewiesen. Heute mehr denn je, denn das Netz, wie wir es kennen, droht immer stärker zwischen äußerst konträren, eigennützigen Positionen verschiedenster Akteure zerrieben zu werden.

Führende globale Webfirmen, Regierungen und Geheimdienste, Internetzugangsanbieter, Medienkonzerne und andere Organisationen mit kommerziellen, politischen oder machterhaltenden Interessen versuchen, die Kontrolle über das Internet zu gewinnen und dessen Struktur nach ihren Vorstellungen zu formen. So variierend die Konsequenzen dessen auch sein mögen, so sehr eint sie, dass im Falle der Durchsetzung für Endanwender ein Verlust von Privatsphäre, persönlicher Integrität, Meinungsfreiheit, publizistischer Freiheit oder anderen "Annehmlichkeiten" droht, deren Vorhandensein sie in den vergangenen 20 Jahren des demokratischen Netzes schätzen und genießen lernten.

Da das Internet in der bisherigen partizipativen und gleichberechtigten Form kein naturgegebener Zustand ist und angesichts des immensen Drucks von allen Seiten nur durch den kraftvollen Einsatz von möglichst vielen Befürwortern erhalten werden kann, ist es notwendig, dass alle Mitglieder der Onlinebevölkerung die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zur Einflussnahme erkennen. Sie liegen in bewussten Entscheidungen darüber, welche Services sie nutzen, wie sie diese verwenden, auf welche Zugangsmethoden sie setzen, wie sie sich absichern und so weiter.

Es geht nicht darum, vielgescholtene Konzerne pauschal zu boykottieren, zu Hause alltagsuntaugliche Verschlüsselungsinfrastrukturen zu errichten oder zum unverbesserlichen Open-Source-Selbsthoster zu werden. Essentiell ist meines Erachtens nach aber, dass die mündigen vernetzten Bürger die Parallelen der demokratischen Gesetzmäßgkeiten erkennen, nach denen Politik sowie der digitale Raum geformt - oder beschädigt - werden. Die Wahl für oder gegen Dienste, Anbieter oder Systeme entspricht der Entscheidung für oder gegen politische Teilhabe: Aus der Perspektive des einzelnen Individuums erscheinen die Konsequenzen der Inaktivität vernachlässigbar. In der Masse ausgeführt entfalten sie aber eine erhebliche Wirkung.

Ein freies Internet, das nicht zu einem reinen Überwachungs- und Steuerungswerkzeug für Regierungen und einem den klassischen Massenmedien ähnelnden Marketing- und Konsumkanal für Firmen verkommen soll, benötigt nicht unbedingt mehr leidenschaftliche Netzaktivisten. Es benötigt mehr bewusste Entscheidungen treffende, mündige Anwender, die das Gewicht nicht übersehen, das in ihren digitalen Handlungen liegt. Selbst wenn diese Handlungen noch so unwesentlich wirken. /mw

Grafik: Vector Illustration of Thumbs up, Shutterstock

Kommentare

  • Milan

    25.04.14 (09:12:48)

    Hallo Martin, das Thema bewegt mich ebenfalls seit einiger Zeit und ich kann nicht verstehen wie Menschen in Deutschland ihre Prioritäten im Bereich der Netzthemen setzen. So wird man immernoch gerne als Nerd belächelt wenn man sich für Webthemen einsetzt, jedoch ist sich niemand zu Schade einen kleinen Bürgerkrieg zu starten (und dazu auch öffentlich Stellung zu beziehen) wegen eines Bahnhofes im Süden der Republik. Ich bin froh, dass das EU Parlament die Netzneutralität von sich aus gestärkt hat und das es nicht dem Volk überlassen worden hat dafür zu kämpfen. Da bin ich in diesem Kontext schon mal auf die Reaktionen unser amerikanischen Freunde gespannt. Das so wenig für den Erhalt des Netzes gekämpft wird, liegt meiner Meinung nach an einem fehlenden Netzpatriotismus und mangender Aufklärung (Interesse) in der Bevölkerung sowie mangelnde Kenntnisse im Bundestag. Allerdings ist meiner Meinung nach gerade die Wahl von Anbietern, Diensten und Systemen ein politisches Instrument und nicht ein für und gegen politische Teilhabe. Sie stellen doch quasi die Parteien des WWW. Oder ist dir das eine zu passive (zu "online") ausgeführte Beteiligung? LG Milan

  • Martin Weigert

    27.04.14 (06:56:19)

    Also wenn wir einfach mal ein ganz dumpfes Beispiel nehmen, nämlich WhatsApp oder ein verschlüsselter Messenger, dann ist das nicht unbedingt politische Teilhabe, aber trotzdem eine solche Entscheidung, die den im Artikel beschriebenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Oder du meinst vielleicht, dass die Wahl zwischen einem Dienst eher mit der Wahl zwischen unterschiedlichen Parteien zu vergleichen ist? So könnte man es natürlich auch sehen.

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