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16.08.10

Die Zukunft des Buches: Schallplatten knistern, Papierbücher rascheln

65 Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage zur Zukunft des gedruckten Buches erwarten, dass dieses niemals als Massenprodukt verschwinden wird. Wunschtraum oder realistische Prognose?

 

Stellt euch vor, wir befänden uns im Jahr 2060. Mittlerweile sieht die Welt aus wie in einem Science-Fiction-Film aus vergangener Zeit. Viele Menschen besitzen ein kleines, mit Solarstrom betriebenes Fluggerät. Egal ob zu Hause oder in öffentlichen Gebäuden - überall stößt man auf riesige Touch-Bildschirme.

Alles ist vernetzt. In der Hosentasche trägt man eine hauchdünne, zusammenfaltbare Scheibe mit sich herum, eine Kombination aus Smartphone und Notebook. Über das Gerät hat jeder Zugriff auf alle jemals veröffentlichten Informationen und Inhalte, egal ob Filme, Bücher oder Musik. Mit Hilfe einer Funkverbindung lassen sich Inhalte auf eine 3D-Brille übertragen, so dass der heimische Fernseher überflüssig geworden ist.

Doch allen technologischen Entwicklungen zum Trotz: Sobald die Bürger dieser Zukunftsgesellschaft sich eine Stunde zurücklehnen und mit einer Lektüre entspannen wollen, gehen sie zu dem einmal pro Woche von der Haushaltshilfe sorgfältig entstaubten Regal mit Papierbüchern, wählen einen Titel aus, nehmen auf ihrem bequemen Sofa platz und genießen das Rascheln der Seiten und den Geruch von gedrucktem Papier. Wenn sie irgendwo hinfahren, kommt nicht nur der 100 g leichte Faltcomputer mit, sondern auch mindestens ein Taschenbuch. Manchmal auch zwei oder drei.

Ungefähr so könnte die Welt in 50 Jahren aussehen, wenn es nach 65 Prozent der Teilnehmer an unserer Umfrage zur Zukunft von Print-Büchern geht. Auf die Frage, wie viel Zeit dem gedruckten Buch als Massenprodukt bleibt, wählten nämlich 191 Leserinnen und Leser die Antwortalternative "Printbücher werden nicht verschwinden".

25 Prozent der 294 Umfrageteilnehmer sind hingegen der Überzeugung, dass Papierbücher in spätestens 25 Jahren als Massenprodukt abgelöst worden sind.

Ich muss gestehen, dass mich dieses Ergebnis überrascht. Dass bei einer repräsentativen Befragung aller Lesefreunde in Deutschland fast zwei Drittel der Teilnehmer dem gedruckten Buch eine unendlich lange Existenz bescheinigen würde, hätte ich für möglich gehalten. Doch ein derartiges Resultat bei unserer sehr technik-affinen Leserschaft kommt für mich unerwartet.

Die Kommentare zur Umfrage geben einen Einblick in die Beweggründe der Print-Freunde, physischen Büchern auch in Zukunft einen hohen Stellenwert einzuräumen. Da wären einerseits funktionelle und technische Begrenzungen der digitalen Bücherwelt wie die Abhängigkeit von einer Stromquelle, die durch Sand und Feuchtigkeit verursachten Risiken beim Einsatz eines teuren Gadgets am Strand sowie die fehlenden Möglichkeiten, Notizen auf den Seiten von E-Books zu hinterlassen.

Zudem werden gewisse emotionale und ästhetische Faktoren als ewiges Lebenselexier für Papierbücher angesehen. Genannt wurden hier die sinnlichen Eindrücke beim Schmökern in einem Taschenbuch wie das Rascheln der Seiten oder der Einsatz eines Lesebändchens. Auch die Eignung von Bücherregalen als Dekoration sowie die Gewohnheiten der Konsumenten scheinen manche zu dem Schluss zu bringen, dass Printbücher für alle Zeit bestehen blieben.

Als dritter Kritikpunkt, der einen Durchbruch von E-Books zumindest abbremst, wurden das noch immer geringe Angebot an digitalen Büchern in deutscher Sprache, die hiesige Buchpreisbindung sowie ganz allgemein die hohen Anschaffungskosten genannt.

Ein schneller Blick auf die Contra-Argumente genügt, um zu erkennen, dass es tatsächlich eine ganze Reihe von Aspekten gibt, die aktuell noch gegen eine Ablösung von Print durch E-Books als wichtigstes Trägermedium für Bücher sprechen. Heute, im Jahr 2010, wohlgemerkt.

Gleichzeitig entsteht aber der Eindruck, als wenn Freunde des Papiers davon ausgehen, dass die technische, qualitative und quantitative Entwicklung des E-Book-Sektors für immer auf dem heutigen Stand verharren würde. Ist das realistisch?

Schon heute zeichnen sich gewisse Trends ab: E-Reader werden immer billiger (der günstigste Kindle von Amazon kostet nur noch 139 Dollar), das Angebot von E-Books wächst, während physische Bücher (in Vorreitermärkten wie den USA) auf dem Rückzug sind (Amerikas ältester unabhängiger Taschenbuchverlag Dorchester stellt gerade den gesamten Katalog auf digitale Bücher um).

Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich diese Entwicklung wieder verlangsamen wird. Im Gegenteil: Mit einem größeren Angebot an E-Books und niedrigeren Preisen für Lesegeräte steigt die Nachfrage der Verbraucher nach digitalen Büchern, was wiederum weitere Verlage und Autoren dazu veranlassen wird, neben Print auch auf E-Books zu setzen oder das Papierprodukt ganz fallen zu lassen.

Auch gibt es keinen Zweifel daran, dass die Lesegeräte Schritt für Schritt für genau die Anwendungsszenarien tauglich gemacht werden, in denen heute selbst E-Book-Besitzer noch auf robuste Taschenbücher setzen würden. Kommentator "Chräcker" brachte es mit folgender Aussage auf den Punkt: "...Dann kann man E-Books vielleicht sogar unter dem Badewannenwasserspiegel lesen."

Wenn der Niedergang anderer physischer Trägermedien uns eines gelehrt hat, dann, dass viele Verbraucher bereit sind, auf die emotionalen und ästhetischen Qualitäten von Schallplatten, CDs oder Papierfotos zu verzichten, sofern ihnen im Gegenzug nennenswerte monetäre oder quantitative Vorteile geboten werden. Sobald sich also Geld sparen lässt und sobald es möglich ist, 25 E-Books statt drei Taschenbücher bequem mit auf die Reise zu nehmen, wird das Rascheln der Seiten für viele plötzlich etwas, auf das man durchaus verzichten kann.

Vermutlich wird es selbst 2060 noch ausgewählte Titel als gedrucktes Buch zu kaufen geben, gerade auch in Hinsicht auf das relativ erschwingliche Verfahren des "Print-on- Demand". Und sicher finden sich auch 2060 noch immer dekorative Bücherregale in einigen Wohnungen.

Doch die Annahme, dass das Papierbuch auch in 50 oder 100 Jahren nicht den Status eingenommen haben wird, den die Schallplatte heute besitzt, erscheint angesichts des rasanten Tempos der Digitalisierung eher wie ein Wunschtraum denn wie eine realitische Prognose für die Zukunft. Zumal es keine große Herausforderung für E-Book-Hersteller wäre, einen "Raschel-Modus" für das virtuelle Blättern zu integrieren.

(Foto: stock.xchng)

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