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09.04.10

"Die Welt": Die erste deutsche Medien-iPad-App enttäuscht

Axel-Springer-CEO Döpfner lässt sich im amerikanischen Fernsehen als digitaler Visionär feiern, und seine Firma hat schon eine erste iPad-App auf dem Markt. Das wäre wunderbar, wenn zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht so ein grosser Graben läge.

Welt-App

Wer am Dienstag die legendäre amerikanische Interview-Sendung "Charlie Rose" einschaltete, staunte als Europäer nicht schlecht. Da sass Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner und erklärte den Amis, wie digitale Medien gehen. Sein Unternehmen mache mehr digitalen Umsatz als jeder andere grosse Zeitungsverlag auf der Welt, erklärte Döpfner, und natürlich wäre man auch schon zum Marktstart mit einer ersten tollen App für das iPad zur Stelle, und zwar für das Flaggschiff des Hauses, "Die Welt".

Als frischgebackener iPad-Besitzer ist man da natürlich beeindruckt und will sich sofort die erwähnte App herunterladen. Doch damit fangen die Probleme schon an: Mit dem Suchbegriff "Die Welt" findet man in Apples App Store zwar allerlei Geographisches, aber keine Zeitung. Auch in der Medienkategorie ist nichts zu sehen von der bekannten deutschen Publikation.

Nach zehn Minuten Suche (die meisten Konsumenten hätten hier schon längst aufgegeben) findet man heraus: Springers iPad-App heisst schlauerweise "iKiosk", weil irgendwann auch mal noch andere Springer-Titel darauf angeboten werden sollen. Das ist mehr als verwirrend, weil in allen Ankündigungen immer von der "Welt"-App gesprochen wird.

Das Angebot ist aber schnell installiert und begrüsst einen nach dem Start auch schon mit einem visuell ansprechenden virtuellen Kioskregal, auf dem die "Welt", "Welt Kompakt" und "Welt am Sonntag" feilgeboten werden -- derzeit löblicherweise noch gratis zum Testen, bald aber wohl nur noch gegen Geld. Nach einem Fingerschnipp auf den Titel öffnet sich die virtuelle Zeitung mit einer schicken Animation. Sieht doch schon sehr gut aus.

Damit hören die positiven Überraschungen aber leider auch schon auf. Auf der Titelseite entdecke ich einen Hinweis auf einen Artikel, der mich interessiert. Gleich mal draufgedrückt ("geklickt" wäre beim iPad ja das falsche Wort) und -- es passiert nichts. Es gibt keine Hyperlinks direkt zu den Inhalten. Wenn ich den Artikel lesen will, muss ich mir merken, dass er auf Seite 23 steht, und dann heisst es: fleissig blättern, wie man das von der guten alten Zeitung her kennt.

Ganz offensichtlich hat es Axel Springer nur geschafft, eine sehr simple ePaper-Version der Zeitung auf das iPad zu portieren. Und das leider nicht mal sehr gut: Die Bilder sind pixelig, die Typographie viel unschärfer als sonst bei iPad-Apps, und die Bedienung ist umständlich. Jeder Seitenwechsel dauert mit einer "Aufbereiten"-Wartemeldung gut zwei bis drei Sekunden, und das ist ein enttäuschender Kontrast zur sonst rasend schnellen Reaktionszeit der meisten iPad-Apps. Von Interaktivität, Videos oder anderen mediengerechten Inhalten ist sowieso keine Spur.

Gelegentlich muss man laut lachen, beispielsweise auf der Börsenseite. Da stehen drei Seiten lang in winziger Schrift die Börsenkurse von gestern abgedruckt. Das ist nicht nur unlesbar, sondern auch auf einem vernetzten Gerät so absurd, dass es wenigstens einen gewissen Meta-Unterhaltungswert mit sich bringt.

Was einem den Lesespass endgültig verdirbt, sind grobe Fehler in der Applikation: So etwa reagiert die "Welt"-App auf den Bewegungssensor des iPad viel zu empfindlich. Wenn man zwecks Lesen auf den Text gezoomt hat und das iPad nur leicht bewegt, scheint das die App als Wunsch zum Kippen zu interpretieren und zoomt wieder raus auf die ganze Seite. Damit wird die ganze Sache komplett unbrauchbar, ausser wenn man das iPad auf dem Tisch liegen lässt und so wenig wie möglich berührt. Und das ist wohl eher nicht so im Sinne des Erfinders.

[photos title="Die Welt-App für das iPad in Bildern"]

Insgesamt muss man der "Welt"-App in der heutigen Form leider das Prädikat "unbrauchbar" verleihen. Die technischen Fehler lassen sich natürlich beheben, aber die offensichtlich hinter der Applikation steckende Grundmentalität, einfach die gedruckte Zeitung eins zu eins aufs iPad bringen zu wollen, ist desaströs. Damit wird man nicht nur den Möglichkeiten der Plattform in keinster Weise gerecht, sondern wird auch keinen iPad-User zum Geldausgeben bewegen können. Denn das ganze Web und Tausende von attraktiven Apps sind immer nur einen Tastendruck entfernt. Diese Tatsache haben die Verlage offensichtlich noch nicht verinnerlicht.

Fairerweise muss gesagt werden, dass die Zeit für das Erstellen einer iPad-App natürlich sehr knapp war. Macht es die internationale Konkurrenz besser? Wirklich überzeugen kann bisher keine Zeitungs-App, zu viele Dinge fehlen noch. Aber immerhin haben sich die New York Times und das Wall Street Journal Mühe gegeben, wirklich iPad-gerechte Reader zu programmieren, die die Inhalte spezifisch für das Format aufbereiten. Selbst die Kollegen von Le Monde aus Frankreich haben ihr ePaper deutlich besser aufbereitet mit reichhaltigerer Navigation, einem guten Text-only-Lesemodus und vernünftiger Bildqualität.

Es ist ja gut und schön, dass die Verleger sich für das iPad begeistern, aber mit der Umsetzung der hochfliegenden Pläne hapert es noch sehr.

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