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06.12.07Kommentieren

Die Unzeitgemäßen

Die Heldenschar unserer Alphajournalisten führt Schaukämpfe auf: Überall sehen sie unrasierte Alt-68er lauern und Gutmenschen heucheln, überall werden unseren Einserabiturienten Stöcke in den Weg geworfen. Nach Steuerermäßigungen, Privatisierungen und Hartz IV seien wesentliche Reformen immer noch blockiert, die ganze Republik sei wie vernagelt, vor allem durch uneinsichtige Bürokraten, während ein gutes, leider aber irregeleitetes Volk im Grunde nichts sehnsüchtiger wünsche, als die Umsetzung dessen, was die medialen Sonntagsschüler als Pioniere des einzig wahren Fortschritts tagtäglich fordern. Vermutlich liegt ja deshalb die Linkspartei in der Wählergunst inzwischen überall im zweistelligen Bereich ...

In welcher Republik leben diese Menschen bloß? Hätten sie sich nicht in ihrem selbstbestätigenden Verlagsbunker vergraben, wo der Döpfner das bekräftigt, was der Degler beklagt, und der Diekmann zu erspähen meint, was der Aust befürchtet, dann müsste diesen neokonservativen Meinungsführern doch endlich mal auffallen, dass alle diskursiven Kommandohöhen dieser Gesellschaft nicht von 68ern und Rotfrontkämpfern besetzt sind, sondern spätestens seit den frühen 90er Jahren von ihnen höchstselbst. Dass sie seither eine solche Herde von 'Experten' durchs mediale Dorf getrieben haben - Kirchhoff, Merz, Sinn, Hartz, Miegel usw. - dass das kleine Wort 'Reform' zu einer Hassvokabel im Volk wurde. Dass sie selbst inzwischen so überaltert und rentennah sind, dass sie bereits wieder abserviert werden, wie jüngst der Aust oder der Matussek. Wobei sie in ihrem Wahn sich unverdrossen als 'kommende Männer' und 'ewige Kronprinzen' betrachten. Kurzum: Es ist einfach albern ...

 

Zeitungsdiagnose und Zeitdiagnose sind nicht von einer Welt - bis tief hinein ins 'Föjetong': "Der Geist der Zeit hat sich gedreht", schreibt Ulrich Greiner dort anlässlich dieser unverlangt losgetretenen 'Mosebach-Debatte', und deshalb sei dieser aufrechte Mann mit seiner Forderung nach einer 'Wiederherstellung der katholischen Liturgie' völlig en vogue. Ja, ich vermute sogar, dass der Ulrich Greiner mit solchen Positionen nach einer dringend erforderlichen Re-Katholisierung der Gesellschaft ernst genommen werden möchte.

Wir haben also auf der einen Seite eine Medienwelt, und auf der anderen Seite eine Welt, in der die Menschen leben. Beide wissen wenig voneinander. In der Medienwelt erkennt sich das Publikum nicht mehr wieder, weil die 'Macher' in einem Wolkenkuckucksheim leben, das mit Lebensrealitäten nur wenig zu tun hat. Der Medienzirkus hat sich völlig verselbständigt, er schreibt für die Artisten unter der Zeltkuppel, die Zeitungen sind gewissermaßen zu Mitarbeiterzeitungen mutiert. Und die Verleger wundern sich seltsamerweise trotzdem, dass sie keine Tickets mehr verkaufen.

Die überfällige Kritik an dieser selbstgenerierten Publikumsferne findet dabei nur noch im hassgeliebten Web 2.0 statt. Gäbe es diese 'Klowände des Internet' und dazu diese dummen Marktgesetze nicht, dann könnten die Medien ganz ungestört in ihrer Traumwelt weiter dahinlamentieren:

 

"Irgendwas ist schief gelaufen in den Medien. Irgendwas unerklärbares ist da passiert während der Schröderära. Das Kampagnenkartell ... zwischen Stern, FAZ, Springer und SPIEGEL hat sehr feste Strukturen ausgebildet. Es agiert und agitiert fast wie eine Lobby. Mit einer Stimme. Eine Stimme, die sich so weit von der Realität und der öffentlichen Meinung abgekoppelt hat, dass eigentlich klar sein müsste, das das nicht lange gut geht."

Die Realität sieht nämlich längst anders aus als die 'Medienwirklichkeit': In ihr steht ein Guido Westerwelle, einstmals 'Funboy' der Spaßgesellschaft, wie eine mumifizierte Dörrpflaume in der Politlandschaft herum, als ein Wiedergänger des Neoliberalismus, während die gesamte Gesellschaft unaufhaltsam nach links rutscht. Einschließlich der CDU, die den 'Linksruck' der SPD letztlich mitverursacht hat, weil doch die Roten befürchten mussten, von der konservativen Union 'links überholt' zu werden, sollten sie noch länger trotzig auf Schröder-Positionen beharren. Rechts ist in dieser Republik derzeit wahrlich kein Blumenpott mehr zu gewinnen. Und wenn die CDU die nächsten Wahlen gewinnen sollte, dann hat keine 'rechte Partei' diese Wahl gewonnen. Die Parteien sind den Medien in Sachen 'Gespür fürs Publikum' weit voraus.

Nur das oben apostrophierte Medienkartell wähnt sich noch auf der rechten Seite - glaubt in Zeiten einer entfesselten Öffentlichkeit, es könne den 'opinion leader' geben, obwohl ihm immer weniger Leute irgendeine Meinungsführerschaft zubilligen. Die Großkopfeten in unseren Schrumpfmedien sollten aufhören, auf sich zu hören: Sie sollten lieber wieder ihrem Publikum zuhören ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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