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17.10.11

Die Samwers: Deutschlands Anti-Geeks

Die Samwer-Brüder gelten als Deutschlands erfolgreichste Internetunternehmer - und tragen gleichzeitig einen großen Teil der Verantwortung für den schlechten internationalen Ruf der deutschen Webwirtschaft. Sie selbst stört dies wenig.

 

Samwer. Kein Name polarisiert die deutsche Internetbranche mehr als dieser. Die Brüder Alexander, Marc und Oliver haben in mehr als zehn Jahren die perfekte Masche entwickelt, um Startups innerhalb kürzester Zeit zu einem beachtlichen Wachstum zu verhelfen und dann zu verkaufen.

Sie gelten als die erfolgreichsten Internetunternehmer Deutschlands - und tragen aufgrund ihres Faibles für das Nachbauen von bereits erfolgreichen US-Geschäftsmodellen gleichzeitig die Verantwortung für den langjährigen Ruf der hiesigen Gründerlandschaft, primär Copycats und wenig eigene Innovation hervorzubringen (was glücklicherweise im Jahr 2011 keine Gültigkeit mehr hat).

Der Blick auf das Phänomen Samwer erfordert die Abkehr von einer Schwarz-Weiß-Sicht.

Einerseits haben die Drei seit ihren ersten Versuchen als Webunternehmer mit Dutzenden Gründungen und Beteiligungen tausende Jobs geschaffen, sich aber andererseits wenig um deren Nachhaltigkeit gekümmert.

Auf die rekordschnelle Expansion von CityDeal folgte nach der Übernahme durch Groupon eine Entlassungswelle. Innerhalb von sechs Monaten hatte das unter anderem vom samwerschen Inkubator Rocket Internet angeschobene Berliner Jungunternehmen 700 Mitarbeiter an Bord geholt - deutlich mehr als tatsächlich notwendig. Auch bei den ebenfalls durch frühes Samwer-Kapital in Gang gesetzten VZ-Netzwerken wurden über die vergangenen fünf Jahre hinweg hunderte Jobs geschaffen. Mit dem Niedergang des einstigen deutschen Marktführers bei sozialen Netzwerken und dem nun vollzogenen Gang in die Nische verschwinden aber sukzessive auch die Arbeitsplätze. Vom nicht einmal ein halbes Jahr alten AirBnb-Klon Wimdu werden bereits jetzt - noch vor dem Exit - Massenentlassungen gemeldet.

Auch der Hang der drei Brüder zum Klonen von Ideen mit Proof-of-Concept kann von zwei Perspektiven aus betrachtet werden: Einerseits drückte er dem gesamten hiesigen Websektor einen traurigen Stempel auf und animierte andere Jungunternehmer mit BWL-Abschluss und der Ambition auf Exits im Samwer-Stil, ebenfalls lieber zu imitieren, statt etwas völlig Neues aufzubauen. Gleichzeitig brachte das Trio damit allerdings Konzepte frühzeitig auf den deutschen Markt, auf die hiesige Konsumenten sonst mitunter deutlich länger hätten warten müssen. Internationalisierung ist nicht immer die Stärke der US-Startups.

Über die Existenz des besonders serviceorientierten Onlineschuhhändlers Zalando (kostenloser Versand und Rückversand, kostenlose Hotline etc.) beispielsweise freuen sich täglich tausende Kunden. Das US-Vorbild Zappos hat sich bisher in Deutschland noch nicht blicken lassen. Zwar gibt es neben Zalando auch andere Internetschuhläden mit ähnlichem Kundenfokus (z.B. mirapodo), dennoch wäre kein Verbraucher glücklicher damit, wenn der Samwer-Inkubator Rocket Internet nicht den Zappos-Klon Zalando gestartet hätte.

Die Samwers sind brillante Unternehmer, die genau wissen, wann welche Hebel zu bewegen sind, um das anvisierte Ziel (in der Regel die Veräußerung) so schnell wie möglich zu erreichen. Und mit Sicherheit gibt es viele Menschen, die direkt oder indirekt von den Projekten der Geschwister profitiert haben.

Was mich am Ende eine deutlich kritische Haltung zu dem Treiben der drei Entrepreneure einnehmen lässt, ist das Fehlen einer sichtbaren Vision, die über das Anhäufen von Geld hinausgeht. Während die größten IT- und Web-Gründer der USA mit dem Bestreben erfolgreich und reich wurden, die Welt verändern zu wollen, fehlt dieses Bestreben in der unternehmerischen DNA der Samwers. Zumindest lassen ihre Geschäftspraktiken, Investments und Gründungen keinen anderen Schluss zu.

Ich habe mich schon oft gefragt, wieso die Samwers nicht wenigstens einmal 20 Millionen Euro in die Hand nehmen und damit ein Projekt starten, das es in dieser Form noch nie gegeben hat, und das die (digitale) Welt verändern könnte. Ein solches Investment täte ihnen garantiert nicht weh, würde aber die Außenwahrnehmung des Trios radikal verändern. Die "Low Hanging Fruits" (Copycats) ernten und mit einem Teil des Profits das nächste große Ding aufbauen. Das wär's.

Doch mittlerweile gehe ich davon aus, dass dies nie geschehen wird. Die Samwers interessieren sich nicht für disruptive Ideen. Genausowenig wie dafür, was Journalisten, Blogger oder Geschäftspartner über ihre Aktivitäten denken. Anders kann ich mir den unglücklichen "Auftritt" von Oliver Samwer im spontan abgesagten Interview mit Mike Butcher von TechCrunch Europe nicht erklären.

Dass das in der Tonaufnahme zu hörende Gestammel in mäßigem Englisch von Deutschlands Top-Webunternehmer stammt, der sich noch dazu auf seiner "Hausveranstaltung" IdeaLab die Gelegenheit entgehen lässt, im Interview Tacheles zu Reden und zu seinen Entscheidungen zu stehen, wirft einmal mehr ein seltsames Licht auf die Samwers. Oliver Samwers wirres Zitat "We Are Germans, We have Kids" ist dann noch die Krönung des fünfminütigen Annäherungsversuchs von Butcher.

Oliver Samwer scheint sich vor dem Mikrofon nicht wohl zu fühlen - und vor der Kamera auch nicht so richtig, wie ich finde. Er und seine zwei Weggefährten sind anders als andere, das Rampenlicht suchende Unternehmerpersönlichkeiten der globalen Startup- und Internetbranche. Sie haben bisher ihr Ding durchgezogen und werden dies auch zukünftig tun - ohne sich darum zu kümmern, was die Öffentlichkeit von ihnen hält. Das Netz ist für sie lediglich das lukrativste Feld, um ihre Vorstellungen von Unternehmerum in die Tat umzusetzen. Mit dem allseits zelebrierten Geek- und Awesome-Kult haben sie wenig gemein.

Ich ziehe den Hut vor dem, was die Samwers erreicht haben. Und doch lässt mich die Frage nicht los, wie sich die deutsche Internetlandschaft entwickelt hätte, wenn die Samwers Ende der 90er dem Pantoffelgewerbe treu geblieben wären und nicht das Internet als ihre Spielwiese entdeckt hätten. Zum Besseren oder Schlechteren? Was glaubt ihr?

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