<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

30.10.07

Die Rolle von Einfachheit

Wenn -- wie so oft in der Internet-Branche -- über das Erfolgsgeheimnis von Google diskutiert wird, kriegt man oft zu hören, dass die Suchmaschine ihre Dominanz dem geheimnisvollen PageRank-Algorithmus zu verdanken hat. Dank diesem sind Googles Suchresultate deutlich besser, darum hatte das Google das beste Produkt und konnte sich durchsetzen, obwohl die Firma erst sehr spät in den Markt eintrat. Eine reine Frage von überlegener Technologie also.

Wirklich?

Zwei Gründe, warum das vermutlich nicht stimmt:

1. Die Funktionsweise von PageRank wurde schon 1998 publiziert und war damit in den Grundzügen der Konkurrenz bekannt. Es gibt PageRank-Implementationen sogar als Open Source, und trotz Patentschutz konnte die Konkurrenz schon bald vergleichbar gute Rankingalgorithmen produzieren. Yahoos Resultate sind längst etwa gleich gut oder gar besser, aber das interessiert irgendwie keinen.

2. Klassisches Gegenbeispiel: AOL lizensiert schon seit Jahren Googles Suchtechnologie. Man findet auf AOL exakt die gleichen Resultate wie auf Google. Dazu hatte AOL eine viel bessere Ausgangslage mit der grössten Userbasis im Jahr 2000. Google zahlte 2005 sogar noch viel Geld an AOL, damit das Portal weiter Google-Technologie einsetzt. Und trotzdem starten immer weniger Leute ihre Internet-Touren auf AOL. Im Moment muss AOL massiv Leute entlassen, während Google fröhlich weiter einstellt. Ähnlich sieht es bei vielen weiteren Portalen aus, die Google-Technologie verwenden, aber trotzdem immer mehr an Bedeutung verlieren.

Offensichtlich muss es noch einen anderen Grund für Googles Dominanz geben. In einem Wort: Einfachheit. Googles legendär minimalistische Startseite mit einem Logo, einer Suchbox und zwei Buttons waren für den Erfolg vermutlich relevanter als noch so tolle Algorithmen.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich auf Google erstmals 1999 von jemandem aufmerksam gemacht wurde, den man nur als blutigen Internet-Anfänger bezeichnen konnte. Alle langjährigen Internet-User fanden damals AltaVista viel toller, weil das so raffinierte Boolean-Syntax verstand und die grösste Datenbasis hatte. Google sah dagegen verdächtig simplizistisch aus.

Aber gerade die Einsteiger fanden diese Einfachheit bestechend. Und das war es, was sich letztlich durchgesetzt hat. Kein Wunder, dass Google bis heute seine Homepage so radikal einfach gehalten hat.

Vermutlich ist die Entwicklung der Suchmaschinen wieder mal ein klassisches Beispiel für die alte Weisheit (die meistens Antoine de St.Exupéry zugeschrieben wird), dass sich die Technik immer vom Primitiven (Lycos) über das Komplizierte (AltaVista) zum Einfachen (Google) entwickelt. Langfristiger Gewinner ist oft derjenige, der ein einfaches, aber gutes Produkt als erster richtig hinkriegt.

Wenn man sich Startup-Ideen anschaut, lohnt es sich zu überlegen, in welcher Phase sich eine Idee befindet. Versucht die Firma einen Markt anzusprechen, der noch völlig am Anfang steht und dementsprechend unentwickelt ist? Dann lohnt es sich meistens, mit möglichst geringen Kosten intensiv zu experimentieren und so erste Kunden zu finden. Aber man muss sich auf eine recht lange Durststrecke einstellen, und die Wahrscheinlichkeit, zwischendrin überholt zu werden, ist ziemlich gross. Weder die erste Suchmaschine, der erste PC-Hersteller oder der erste Anbieter von MP3-Playern spielen heute noch eine Rolle.

Oder geht es um einen Markt, in dem sich schon viele Konkurrenten tummeln, die sich Schlachten um komplexe Featuresets liefern und mit Marketinggeld um sich werfen? Social Networks sind im Moment beispielsweise wohl in dieser Phase. Hier lohnt sich der Markteintritt nur, wenn man wirklich ein signifikant viel besseres Produkt oder unvergleichliche Marketingpower zu bieten hat. Und selbst dann geht man in der Featureschlacht womöglich unter. Manche Märkte kommen aus dieser Phase kaum je raus. Web-Content-Management-Systeme beispielsweise gibt es immer noch hunderte. Alle sind irgendwie ähnlich, und die wenigsten Hersteller sind besonders profitabel.

Oder, dritte Stufe, bietet sich die Gelegenheit, einen zu kompliziert gewordenen Markt mit einer viel einfacheren, eleganteren und/oder kostengünstigeren Lösung aufzumischen? Eine solche disruptive Strategie führt oft zu besonders signifikanten Erfolgen. Aber so ein Produkt zu erschaffen, ist ausgesprochen schwierig. Und Timing ist alles, das relevante Zeitfenster ist meistens sehr kurz. Aber Erfolgsgeschichten vom Kaliber Google, iPod, Microsoft Office (jawohl) oder Palm Pilot waren nur durch diesen Mechanismus möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer