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22.08.14

“Die Paten des Internets”: Neues Buch beleuchtet Erfolgsrezepte, Persönlichkeiten und Eskapaden der Samwer-Brüder

Gründerszene-Herausgeber Joel Kaczmarek hat ein Buch über die Samwer-Brüder geschrieben. Es bietet einen gelungen Mix aus harten Fakten und Nähkästchen-Geplauder über ein kompromissloses, eigenwilliges Unternehmer-Gespann, das die deutsche Internetwirtschaft geformt hat wie kein anderer Entrepreneur.

Paten des InternetsEs gibt vergleichsweise wenige Bücher, die sich mit der deutschen Internetwirtschaft befassen. Ein Wunder ist das nicht, schließlich gehört die hiesige Webbranche nicht unbedingt zu den Leuchttürmen vorbildlichen Unternehmertums, weder im Vergleich zu anderen einheimischen Sektoren noch mit Blick auf das, was andere Länder im Netz zustande bringen. Es mag also einfach nicht viele Geschichten geben, die Stoff und Informationswert für eine umfangreiche Abhandlung auf mehreren hundert Seiten bieten und mehr als eine Handvoll Personen interessieren. Eine Geschichte aber, die unbedingt einmal in ausführlicher, tiefgründiger Form erzählt werden muss, ist die der Samwer-Brüder - den mit Abstand erfolgreichsten Internet-Entrepreneuren dieses Landes (und wohl auch Europas). Joel Kaczmarek, Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Branchen-Fachblogs Gründerszene, hat sich die Mühe gemacht, diese Geschichte auf 350 Seiten unter die Lupe zu nehmen. “Die Paten des Internets” heißt sein Buch, das seit dieser Woche im Handel erhältlich ist. Buchrezensionen gibt es bei uns selten. Im aktuellen Fall aber halte ich eine Ausnahme für angemessen. Denn “Die Paten des Internets” bietet einen umfangreichen Fundus an Einblicken in das Denken und Handeln der drei wichtigsten Personen des hiesigen Onlinesektors. Es liefert eine informative und kurzweilige chronologische Übersicht über die einzelnen, den Aufstieg der Samwers charakterisierenden Meilensteine, und wartet mit einer Vielzahl von mal bekannten, mal bisher nicht von der Presse aufgegriffenen Anekdoten auf, die Leser zum Schmunzeln, Staunen oder - mehr als einmal - auch zum Kopfschütteln bringen.

Obwohl Kaczmarek sich in seinen Schilderungen größtenteils auf Aussagen und Berichte von Personen aus dem engen Umfeld der Brüder bezieht und nicht das Privileg erhielt, die Samwers ausgiebig zu befragen und zu begleiten, gelingt es ihm, ein ausgewogen, konsistent wirkendes Bild des Trios zu zeichnen. Viele O-Tone zu Erinnerungen und Beobachtungen von Weggefährten der Samwers unterfüttern die spannenden und lehrreichen Darlegungen zur Entstehung des Unternehmens-Imperiums, das die medienscheuen, eigensinnigen Unternehmer in rund 15 Jahren aufgebaut haben. Ein Imperium, das unter dem Namen Rocket Internet demnächst an die Börse gehen könnte.

Das Buch profitiert von Kaczmareks langjähriger Erfahrung als Chefredakteur bei Gründerszene. Man merkt, dass er das Treiben der Gebrüder über Jahre genau verfolgt hat. Auch weiß er als bloggender Journalist, wie er Leser mit einem Mix aus Fakten, Einordnungen und bisweilen amüsantem Nähkästchen-Geplauder zu Marotten und Eskapaden von vor allem Oliver Samwer bei Laune hält.

Die erste Hälfte des Buchs las ich in einem Rutsch in etwa drei Stunden. Langeweile kam zu keinem Zeitpunkt auf, was schlicht auch damit zu tun hat, dass die Geschichte der Samwers gleichzeitig die Geschichte der deutschen Onlinewirtschaft ist. Beim Lesen wird einem vor Augen geführt, wie viele heutige Schlüsselpersonen der Branche ihr Handwerk im Umfeld eines Samwer-Startups erlernten. Während die negativen Auswirkungen der Samwer-Ära, etwa die von vielen Protagonisten adaptierte Copycat-Philosophie, stets ein Thema für Debatten darstellte, ruft das Werk in Erinnerung, wie entscheidend der Erfolg von Marc, Oliver und Alexander für das gesamte Ökosystem dennoch war. Auch wenn man freilich nicht weiß, was passiert wäre, hätten die Drei die Finger vom Webunternehmertum gelassen.

Kaczmareks Erstlingswerk als Buchautor ist meines Erachtens nach eine ideale Gelegenheit für alle Akteure und Beobachter der deutschen Webwirtschaft, um einerseits noch besser zu verstehen, was die Samwers so erfolgreich macht, und andererseits, um anderthalb Jahrzehnte der hiesigen Startup-Szene Revue passieren zu lassen. Dass Kaczmarek die Ereignisse nicht einfach nur lieblos herunterrattert sondern einen hohen Unterhaltungswert sicherstellt, macht es mir einfach, das Buch uneingeschränkt zu empfehlen.

Meine Lieblingsstelle ist übrigens folgendes Zitat eines “ehemaligen Mitarbeiters”:

“Es war praktisch an der Tagesordnung, dass Oliver Samwer cholerische Tobsuchtsanfälle bekam, während derer er durchaus auch handgreiflich wurde. Oft griff er Mitarbeiter von hinten an die Schulter und rüttelte sie durch, wenn auf auf ihrem Bildschirm etwas gesehen hatte, das ihm missfiel. Meist gerieten diese Wutanfälle aber zu einem grotesken Schauspiel, etwa als der eher schmächtige Oliver Samwer mit Jens Bergemann einen Mann (heute CEO von Wooga, Anmerkung der Redaktion) von 1,96 Metern Körpergröße und rund 130 Kilogramm Gewicht durchzuschütteln versuchte. Bergemann stupste Oliver Samwer von sich weg und entledigte sich seiner damit recht eindrucksvoll. Insgesamt hatten Oliver Samwers Übergriffe Kalkül, es lag ihm daran, andere psychologisch einzuschüchtern und damit gefügig zu machen."

Links zum Buch (erhältlich als E-Book und gedrucktes Exemplar): buecher.de, Amazon, Google Play, iTunes

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