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23.06.09Leser-Kommentare

Die Langeweile ist tot, es lebe... das Netz

Was Vertreter älterer Generationen noch kennen dürften, ist nun vom Aussterben bedroht: Langeweile. Allgegenwärtige Internetzugänge und Smartphones, die im Funktionsumfang herkömmlichen Heimrechnern nahe kommen, führen dazu, dass wir immer etwas zu tun haben.

(Foto: iStockphoto.com)Vor einigen Wochen beschrieb Steve Rubel vom PR-Unternehmen Edelman in seinem Blog Micro Persuasion, wie der mobile, digitiale Lifestyle dafür sorgt, dass für ihn Langeweile kein Thema mehr ist. Am Sonntag widmete sich die Süddeutsche Zeitung einem verwandten Aspekt, allerdings mit einer völlig andere Tonalität. Autor Alex Rühle legt dar, wie die ständige Erreichbarkeit dazu führt, dass wir verlernen, alleine zu sein.Beide Artikel sind lesenswert, obgleich süddeutsche.de wie üblich in die eher netzkritische Kerbe schlägt - was allerdings niemanden mehr verwundern sollte. Ignoriert man die negative Grundstimmung des Textes, so hat Rühle nicht unrecht, wenn er darauf hinweist, dass viele Menschen das Gefühl eines Phantomschmerzes verspüren, wenn sie einmal offline sind. Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich mutmaße, dass es auch einigen netzwertig.com-Bloggern und -Lesern ab und an so gehen dürfte, meine Person eingeschlossen.

Fakt ist, dass mit dem Boom des mobilen Internets - angetrieben von attraktiven und erschwinglichen Smartphones - die Momente, in denen wir keine Verbindung zum Web haben, eine Seltenheit werden. "Always-On" entwickelt sich von einer Vision zur Realität. Der stetige Zugang zum Netz ermöglicht es uns, jederzeit über verschiedenste Kanäle mit unserem Social Graph in Kontakt zu bleiben, Nachrichten und Informationen abzurufen, Spiele zu spielen und eigene Inhalte zu publizieren.

Hinzu kommt das Arsenal an Medien-Inhalten, das wir auf den immer fortgeschritteneren Mobiltelefonen mit uns herumtragen. Steve Rubel weist darauf hin, dass smarte Endgeräte wie das iPhone oder das Palm Pre deshalb auch besser als "Pocket Computer", also Taschencomputer bezeichnet werden sollten. Sie können mittlerweile fast alles, was auch herkömmliche Rechner beherrschen - plus Telefonieren, Kurznachrichten verschicken und jederzeit eine Verbindung zum Internet aufbauen.

Die Folge all dessen ist, dass es heutzutage kaum noch möglich ist, sich zu langweilen - ein Gefühl, das viele sicherlich noch aus dem Kindes- oder Jugendalter kennen, als der Fernseher nichts hergab und die Freunde nicht da waren.

Seit Monaten versuche ich, mich an einem Wochenende endlich mal wieder richtig zu langweilen. Nur, um zu testen, wie das so ist. Bisher ist mir das leider nicht gelungen. Selbst wenn keine Verabredungen anstehen, es draußen regnerisch und ungemütlich ist, keine Zeitungen oder Bücher vorhanden sind und das (ohnehin nicht angeschlossene) TV-Gerät nicht angerührt wird, habe ich immer etwas Interessantes, mit dem ich mit beschäftigen kann - auf meinem Notebook oder meinem iPhone.

Gemäß den Darlegungen der Süddeutschen Zeitung ist Langeweile die negative Reaktion auf den Zustand, nichts zu tun zu haben, und erst seit dem Aufkommen des Fernsehens ein verbreitetes Phänomen. Dass wir nun in keiner Lebenslage mehr dieses Gefühl verspüren müssen, ist in meinen Augen durchaus eine Errungenschaft - wenn auch eine, die das Stressrisiko erhöhen kann. In der U-Bahn meine RSS-Feeds zu lesen und E-Mails zu beantworten, um am Abend mehr Zeit für etwas anderes zu haben, hat sich für mich bewährt und ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, dass sich Dank Always-On der Tag besser einteilen lässt, um Raum für andere Dinge zu machen.

Bleibt die Frage, wie wichtig Alleinsein und Stille für den Menschen sind. Ich glaube, dass jeder, der das Bedürfnis danach verspürt, diesem auch in irgendeiner Form nachgeben wird. Und die, die tatsächlich Furcht davor haben, mit sich und ihren Gedanken in einem Raum zu sein, haben auch schon früher einen Weg gefunden, dies zu vermeiden.

Kommentare

  • Mark S

    23.06.09 (11:47:48)

    Das Netz hat die Langeweile nicht erledigt, ganz im Gegenteil. Ich beginne mich immer zu langweilen, wenn ich zu lange online bin. Und dann Artikel wie diesen hier lese. "Bleibt die Frage, wie wichtig Alleinsein und Stille für den Menschen sind." Sie sind sehr wichtig. Deshalb gehe ich regelmäßig offline und mache bewusst gar nichts. Das hat überhaupt nichts mit Langeweile zu tun. Es hilft bei der Reflexion darüber, was man den ganzen Tag so treibt. Und es sei dem "Always-On"-Autor dieses undurchdachten Beitrags auch mal dringend ans Herz gelegt.

  • Martin Weigert

    23.06.09 (11:49:23)

    Und was genau wolltest du mit diesem Kommentar sagen? So richtig scheint das mit der Reflexion ja nicht zu klappen.

  • Ulf

    23.06.09 (11:54:19)

    Interessante Punkte und Beobachtungen, die du ansprichst. Nichtsdestotrotz finde ich es etwas kritisch, den Verlust der Langeweile als Errungenschaft auszulegen. Die damit verbundene Reizüberflutung ist meiner Meinung nach kein positives Phänomen. Vielmehr hat die "Immer-Verbunden-Mentalität" zur Folge, dass die Verbundenen auch immer externen Ansprüchen ausgesetzt sind. Das halte ich auf dauerhafter Basis zumindest für bedenklich.

  • Dominik

    23.06.09 (13:00:42)

    Ich sehe es etwas zweigeteilt, wie auch der vorige Kommentator. Es ist so, dass man sicherlich oft eine Möglichkeit findet beschäftigt zu sein, weil es hier und da Lustiges oder Spannendes zu entdecken gibt - da waren die Möglichkeiten früher mehr auf die Natur verlagert und eher begrenzt. Man hat also nicht das Problem dass einem nichts einfällt, was man tun könnte. Auf der anderen Seite sehe ich immer mehr Menschen die sich künstlichem Stress aussetzen, weil sie glauben erreichbar sein zu müssen. Wenn ich ein Smartphone habe ist es doch unmöglich nicht auf eine eMail zu antworten oder ? Nein - es ist möglich und wird von mir regelmäßig praktiziert. Ein großes Problem ist auch die totale Digitalisierung da immer mehr Menschen dazu neigen den Freundeskreis einfach virtuell zu halten - denn der macht manchmal weniger Arbeit und lässt sich schneller mal abschieben oder verwerfen. Der kommt nicht zu Hause vorbei und sucht ein klärendes Gespräch und man kann vielleicht sogar anonym so tun als wäre man ein cooler Typ. Insgesamt hat sich für mich damit die Lage so entwickelt dass die Langeweile mit Dingen kompensiert wird, die es nicht unbedingt besser machen. Da ist es vielleicht doch gar nicht so schlecht mal gelangweilt im Garten zu liegen und irgendwann festzustellen dass es ganz gut tut, einfach mal die Augen zu schließen und es zu genießen Ruhe zu haben. Man muss den Luxus der Ruhe und Freizeit erst einmal schätzen lernen.

  • Michael

    23.06.09 (14:51:24)

    Ich bin seit 1995 leidenschaftlicher Web-Junkie, habe das Glück in diesem Business arbeiten zu können und gebe zu, dass ich mich extrem an die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit gewöhnt habe. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist für mich DIE Errungenschaft schlechthin nicht erreichbar zu sein.

  • Max

    23.06.09 (16:01:45)

    Ich kann Nr.1 schon folgen, gerade in der RSS-Reader-Endlos-Wurst als Ablenkung von anderen Arbeiten kann ich so richtig über das Info-Meer hinwegdriften und mich dann auch langweilen, besonders wenn sich darin Themen/Personen selbstreferentiell wiederhohlen. Doch dieser Artikel hat mich nicht fadisiert, sondern spontan motivert die Kiste jetzt mal abzudrehen...

  • Peter

    23.06.09 (16:27:55)

    Wichtig, das mal anzusprechen! Ich arbeite täglich ca. 10 Stunden on, rufe meine Mails in der Bahn oder auf der Parkbank ab und halte einen Samstag nachmittag ohne aktuelle Bundesliga-Zwischenstände für eine mittlere Katastrophe. Gerade deswegen muss ich aber Michael Recht geben: Ich war gerade im Urlaub und habe mein iPhone höchstens mal für Google Maps angemacht. Meinen Laptop lasse ich unter der Woche abends im Büro und habe neben meinem Smartphone kein weiteres netzfähiges Endgerät zu Hause. Ich lebe seit einiger Zeit nach der Devise: Was ich in zehn Stunden "on" nicht gelesen, erledigt oder gemailt habe, ist es nicht wert. Denn bei allem In- und Output brauche zumindest ich genau diese Zeit zum Reflektieren und dann sind mir Tweets, Status-Updates meiner Freunde meist auch ziemlich egal. Einfach mal "abschalten" zu können, nach der alten Peter-Lustig-Weisheit, finde ich nach wie vor das Größte. Und nenn mich doch selbst Netz-Junkie.

  • Paul Neuhaus

    23.06.09 (17:18:36)

    Eine schlaue Passage in einem mäßig schlauen Artikel in der (gedruckten) ZEIT war vor einiger Zeit mal, dass Langeweile ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung eines Kindes ist. Denn durch die Langeweile entsteht Kreativität, weil man gezwungen ist, sich neue Beschäftigungen zu suchen, wenn man die Langeweile kompensieren möchte.

  • Martin Weigert

    23.06.09 (18:43:02)

    Natürlich ging es mir auch darum, das Thema einfach mal zur Diskussion zu stellen. Ich verstehe eure zwiespältige Meinung zum Thema. Ich glaube aber, dass sich Always-On auch langfristig ohne Nervenzusammenbruch handhaben lässt, wenn man ein ordentliche Kommunikationsmanagement hat. Wer es schafft, stetig seine Inbox zu leeren (zumindest die der wichtigen Mail- bzw. SN-Accounts), hat meiner Ansicht nach ein erheblich geringes Stressgefühl. Und ab und an Skype oder den IM abzuschalten, ist definitiv auch nützlich. Dass man als Erwachsener Dank Always-On und mobiler Gadgets aber selbst in Ausnahmesituationen wie ausgefallenen Flügen, Zügen oder Terminen die Zeit nicht ungenutzt lassen muss, halte ich nach wie vor für ungemein stimulierend und die Lebensqualität verbessernd. Was das Thema Langeweile und Kinder betrifft, sieht die Sache vielleicht anders aus. Aber Wikipedia oder Google Reader dürften die Jungen wohl sowieso nicht von der Langeweile abhalten. Aber ja: Jeder muss selbst lernen, mit den neuen Möglichkeiten auf eine Art umzugehen, die ihm/ihr nicht dauerhaft auf die Seele schlagen.

  • Heiner

    24.06.09 (15:57:00)

    Martin, ich moechte gerne einige generelle Bemerkungen zu dem Stil Deiner Artikel in der letzten Zeit machen. Denn der laesst im Vergleich zu Frueher meiner Ansicht nach zu wuenschen uebrig. Ich habe Deine Texte immer gern gelesen, waren sie doch zumeist ein Garant fuer scharfe Analysen, basierend auf fundierter Recherche. Doch mehr und mehr verlieren Deine Artikel genau diese Schaerfe und warten stattdessen mit eher halbgaren und im Kern recht simplen Meinungsaeusserungen auf (der obige Artikel ist hier exemplarisch). Frueher hast Du eine gute Balance zwischen Fakten & eigener Meinung gefunden; heute tendieren praktisch all Deine Artikel deutlich zu Letzterem. Meinungen sind interessant, aber nur so lange sie argumentativ-logisch untermauert sind. Diese Zeilen stellen eine ehrliche Kritik dar. Ich wuerde mich freuen, wenn Du zu Dich wieder mehr auf Dein wirkliches Talent besinnen wuerdest: sachlich fundierte Artikel, versehen mit persoenlicher Meinung, die in logischem Stil anknuepft.

  • Martin Weigert

    24.06.09 (16:20:00)

    Danke Heiner, als konstruktive Kritik zur Kenntnis genommen. Es ist gut möglich, dass die Meinungsäußerung einen größeren Stellenwert bekommen hat. Mit dem immer schärfer werdenden "Konflikt" rund um das Internet, dessen Auswirkungen und dessen Bedrohungen halte ich eine verstärkte Parteiname im Jahr 2009 jedoch für notwendig. Anyway, Feedback dieser Art ist willkommen und hilft der Selbstreflexion.

  • Peter

    04.11.10 (11:22:10)

    Ich glaube man müsste Langeweile definieren. Meiner Meinung nach kann man im Internet unterwegs sein und sich trotzdem langweilen. Es ist einfach eine andere Form des Langeweilens. Tipps gegen Langeweile

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