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04.10.11Leser-Kommentare

Die Filter-Blase durchbrechen: Der Newsreader, der konträre Meinungen serviert

Die Filter-Blase sorgt dafür, dass Nutzer im Netz verstärkt die Inhalte zu Gesicht bekommen, die zu ihren Präferenzen und Ansichten passen. Der US-Investor Albert Wenger wünscht sich deshalb einen Social News Reader, der konträre Meinungen und Standpunkte serviert.

 

Der Begriff der Filter-Blase dürfte den meisten am digitalen Geschehen Interessierten mittlerweile bekannt sein. Vermutlich werden nicht wenige Leserinnen und Leser von netzwertig.com regelmäßig mit diesem Phänomen konfrontiert: Denn bei jeder Google-Suche und jedem Blick auf den Facebook-Newsfeed werden uns die Inhalte präsentiert, von denen Algorithmen glauben, sie wären für unsere individuellen Ansprüche besonders relevant.

Durch das Abonnieren von Twitter-Nutzern und Blogs via RSS verstärken wir die Filter-Blase mitunter noch eigenständig. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die Mehrzahl der aktiv gefolgten Quellen und Netzpersonen tendenziell ähnliche Positionen zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Themen vertreten wie man selbst. Leicht entsteht so der trügerische Eindruck, in der Bevölkerung herrsche zu einer wichtigen Frage Konsens. Oft ist dies bei netzpolitischen Diskussionen zu beobachten, bei der nicht selten die gesamte Blogosphäre und Twittersphäre einer Meinung zu sein scheint.

Eine optimale, bisher nicht vollendete Personalisierungsmethode muss die Filter-Blase durchbrechen, Serendipität (das unerwartete Auffinden von etwas nicht Gesuchtem) garantieren und einfachen Zugang zu gegensätzlichen Meinungen und Ansichten ermöglichen.

Albert Wenger, Investor beim New Yorker Risikokapitalgeber Union Square Ventures, hat in einem Gastbeitrag für paidContent.org einen konstruktiven Vorschlag für einen fiktiven Social News Reader gemacht, der dieses Anforderungsprofil berücksichtigt:

Wenger wünscht sich ein Tool, das ihm auf Basis der über ihn erlernten Präferenzen nicht nur mehr ähnliche Inhalte mit vergleichbaren Standpunkten liefert, sondern explizit solche mit konträren Sichtweisen. Zu jedem gelesenen Beitrag stünden ihm nach seiner Vorstellung die Optionen "similar" und "opposing" zur Verfügung, über die er dann entweder mehr die Originalthese bestätigende oder diese in Frage stellende Beiträge serviert bekäme.

Auf die Frage, wie eine solche Lösung technisch umzusetzen sei, geht der Investor in seinem Gastbeitrag nicht ein. Augenscheinlich erfordert ein derartiges Newswerkzeug eine erhebliche künstliche Intelligenz. Mit Hilfe einer Sprach-, Semantik- und Sentimentanalyse müssten Algorithmen die in Texten dargelegte Sichtweise und Tonalität identifizieren und mit der in anderen Beiträgen vergleichen. Je nach untersuchter Sprache würde dies einen unterschiedlichen Aufwand erfordern.

Dass ein solcher Ansatz machbar ist, daran besteht für mich kein Zweifel. Ich schließe mich Wegners Wunsch an und glaube, dass ein in unsere für das Informations- und Nachrichtenmanagement genutzten Tools (RSS-Reader, Social News Reader) integriertes Feature zum Entdecken alternativer Standpunkte eine Notwendigkeit darstellt, um im Angesicht der zunehmenden Individualisierung und Personalisierung des Nachrichtenkonsums den Blick für andere Perspektiven nicht zu verlieren.

Kommentare

  • Markus Breuer

    04.10.11 (09:48:30)

    Klingt immer blöde, sich selbst zu zitieren, aber dazu der Markus Breuer (vom Mai diesen Jahres): "Für eine solche Software wäre es ein Leichtes, Informationen in den Nachrichtenstrom einzusprengseln, die eben nicht meinen persönlichen Filterkriterien entsprechen. Sie könnte sogar Informationen auswählen, die diesen Kriterien diametral entgegen gesetzt stehen … Und eventuell würde mir meine Zeitung sogar erlauben, den Umfang dieser Serendipity-Köder meiner Stimmung und meinem Zeitbudget anzupassen: in der Woche weniger am Wochenende mehr." http://notizen.steingrau.de/2011/05/17/die-personliche-zeitung-die-zeit-ist-reif/ Texte mit meinen Präferenzen gegenüberstehender Ansicht zu identifizieren, ist übrigens auch keine große technologische Hürde. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Systemen, die - mit immer noch beachtlicher Fehlerquote - Beiträge nach oben spülen, die meinen vergangenen Lesegewohnheiten entsprechen. Das zu negieren, ist keine große Herausforderung :)

  • Martin Weigert

    04.10.11 (09:50:47)

    Eben - die Fehlerquote ist noch immer so hoch, dass derartige Systeme für meinen Geschmack kaum sinnvoll einsetzbar sind. Bei einer Negierung wäre das Resultat dann das selbe ;) Google Readers "Magical"-Funktion zur Sortierung nach Relevanz z.B. ist imo z.B. vollkommen untauglich.

  • Martin

    04.10.11 (12:31:21)

    Wenn Artikel sinnvoll getaggt werden mit keywords, dürfte das keine grosse Sache mehr sein.

  • Michael

    04.10.11 (13:21:57)

    Ich halte ja die Filterblase selbst für ne Blase. Und zwar für eine ganz gehörige. In der allgemeinen krampfhaften Suche nach neuen ganz schlimmen Problemen und Geschichten. In den ungeheuer vielfältigen Informationsmassen des Internets kann sich m.M. auch maschinell kaum so etwas wie Einspurigkeit einstellen. Zumal man ja das Internet und die unterschiedlichsten Onlinemedien immer noch weitgehend selbst bedient und selbst bedienen kann.

  • marius

    04.10.11 (18:51:11)

    Ich kann gut nachvollziehen, wo der Ansatz herkommt, und die Grundidee ist durchaus gut: Man nehme eine These, betrachte dazu die Gegenthese und komme am Ende zu einer Synthese. Sobald man dies aber auf Tool-Basis herunterbricht kommt man unweigerlich auf einige nicht-triviale Fragen: Was ist z.B., wenn sowohl These als auch Gegenthese wichtige Aspekte vernachlässigen? Was ist, wenn es einen grundlegend verschiedenen Ansatz gibt, der nicht einfach nur das Gegenteil von etwas anderem ist? Und was ist, wenn es davon ganz viele gibt? Und mal ganz praktisch gedacht: Hilft es wirklich, zu jeder Bundespräsidentenrede etwas Nazi-Propaganda als Alternative zu servieren? Ich glaube, das will man nicht wirklich. Ich würde eher sagen, dass man um menschliche Curatoren nicht herum kommt. Davon sollte es eigentlich auch noch viel mehr geben. Klassischerweise erfüllen Journalisten häufig diese Rolle, aber es gibt viele Menschen, die das durchaus auch könnten und es bisher noch nicht tun. Die Tools dafür haben wir heute bereits: Es sind die sozialen Online-Medien, in denen jeder Curator und Produzent gleichzeitig sein kann. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber in meiner Timeline gibt es ein ziemlich breites Spektrum an Meinungen, und ich würde mich von manchen durchaus mehr Meinungen und Informationen wünschen. Ich wünsche mir mehr Grundsatzdiskussionen. Viele Leute beziehen ja schon gar keine Position mehr und da würde so ein Tool auch nicht helfen. Meinungsbildung kann man nun mal nicht outsourcen.

  • genervt

    04.10.11 (21:13:56)

    Was da wohl kommt, wenn man die "Gegenrede" zum Pabst will? In der Blogosphäre sehe ich auch keine echte Filterblase, da ist es doch eher schick, einen "bin dagegen"-Artikel rauszuhauen, sobald sich irgendwo über irgendwas sowas wie ein Konsens bildet.

  • geheim

    04.10.11 (22:46:26)

    Das Problem an der Sache ist, dass es sich in der Filter Bubble so gut anfühlt. Alle sind deiner Meinung, alle anderen sind blöde (und die Freunde liefern sogar noch die passenden Argumente) und man wird nicht mit hungernden Kindern in Afrika konfrontiert. Oder wenn man es wird, werden gleich die Vorurteile über die böse Globalisierung und die fiesen Spekulanten bestätigt. Deswegen lesen die Linken nicht die FAZ, sondern die taz und umgekehrt. So einen Dienst würden im Zweifelsfall nur Leute nutzen, die eh bereits ein "offenes Weltbild" haben und eh bereits auf der Suche nach Nachrichten sind, die nicht ganz in ihr Weltbild passen. Für diese Leute ist so ein Dienst ganz nett, aber sie können auch eigentlich ein paar Leute mit verschiedenen Meinungen, Professionen oder religiösen Ansichten in ihren Twitter-Feed packen.

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