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16.11.12

Die entscheidende Ursache für den Medienwandel: Das Internet ist überlegen

Verfechter der alten Medienwelt suchen gerne Schuldige für die Veränderungen ihrer Branche. Dabei kann man den tatsächlichen Grund kaum übersehen: In den Augen der Nutzer ist das Internet allen anderen Medienträgern ganz einfach überlegen.

Wer am Donnerstagvormitag bei Facebook oder Twitter zugegen war, hatte kaum eine Möglichkeit, Videoclips des Traumtors von Zlatan Ibrahimovic im Länderspiel Schweden-England aus dem Weg zu gehen. Kein Wunder, spricht man doch bereits jetzt von einem der spektakulärsten Tore des Fußballs. Sowohl in meiner Twitter-Timeline als auch in meinem Facebook-Newsfeed gab es kein Entkommen von durch Nutzer primär bei YouTube hochgeladenen Mittschnitten von TV-Aufnahmen, die Ibrahimovis Wunderwerk aus allen nur denkbaren Perspektiven zeigten.

Am gestrigen Abend dann hatte ich im Hintergrund die Nachrichten von BBC World News laufen. Als es zum Sport kam, wurde nochmals das Tor des derzeit bei Paris Saint Germain unter Vertrag stehenden Superstars thematisiert. Doch zu sehen bekamen es die Zuschauer nicht. Stattdessen schloss der Moderator mit dem Vermerk, dass alle, die das Tor noch nicht kennen, es sich unbedingt im Internet anschauen sollten!

Ich kann nur vermuten, dass mangelnde Ausstrahlungsrechte der Grund für die fehlende Einblendung darstellten. Tatsächlich ist es besonders bei kleineren Spartenkanälen und Low-Budget-Sendern seit langem üblich, dass sie in ihren Nachrichtensendungen zwar wichtige Sportereignisse erwähnen, aber die visuellen Highlights selbst nicht zeigen dürfen.

Was aus Sicht des traditionellen TV-Öko- und Lizenzrechtesystems vollkommen selbstverständlich erscheint, entwickelt sich im digitalen Zeitalter zu einem Nachteil für das lineare TV. Denn während die Sender gezwungen sind, Zuschauern bestimmte, gerade heiß diskutierte Szenen aus rechtlichen Gründen vorzuenthalten, können diese sich die im Netz auf Wunsch hundertmal hintereinander anschauen. Die Inhalte dort sind zwar häufig nicht von den Urhebern autorisiert, und in einigen Fällen versuchen sie noch, die Verbreitung von Clips mit dem Tor zu verhindern (wie etwa bei diesem Video, das für mich nicht mehr abrufbar ist). Doch eine Suche nach "zlatan sweden england" bei YouTube fördert 3.500 in dieser Woche hochgeladene Resultate zu Tage. Die meisten davon zeigen das Tor.

Das Ende der Verknappung

Wieder einmal wird deutlich, wie das Internet den traditionellen Medien in entscheidenden Punkten überlegen ist: Es liefert Mediennutzern gewünschte Inhalte, wann und wie oft sie wollen - mal gratis und durch Werbung finanziert, mal kostenpflichtig. Die künstliche oder technisch-bedingte Verknappung des Angebots, wie man sie aus TV, Rundfunk und Print kennt, löst sich im Web in Luft auf. Blendet man für eine Sekunde alte Wertevorstellungen und die in der digitalen Ära nicht mehr zeitgemäßen juristischen Rahmenbedingungen rund um das Urheberrecht aus, so dürften nur erzkonservative Urheberechts-Hardliner der Ansicht sein, das Bildmaterial von Ibrahimovics Fallrückzieher-Tor einige Stunden nach dem Spiel nicht uneingeschränkt der Allgemeinheit zugänglich zu machen, sei eine angemessene Haltung. Schlau wäre sie auch nicht. Denn jeder Clip des Tors ist gleichzeitig eines: Werbung für die nächsten Länder- und Vereinsspiele des Fußballers, mit entsprechend verbesserten Vermarktungsmöglichkeiten für diese.

Wenn Vertreter der klassischen Massenmedien sich mit dem Schrumpfkurs ihrer Branche im Lichte der Digitalisierung und des sich wandelnden Medienkonsums konfrontiert sehen, fallen ihnen Dutzende Erklärungen für diese Entwicklung ein, die alles von angeblicher Kostenlosmentalität bis hin zu mangelnder Moral der Konsumenten umfassen. Sie klingen dann etwa wie Frankfurter-Rundschau-Autor Harald Jähner (via), der den Rückgang der Zeitungsauflage vor allem darauf schiebt, dass die Leser den billigsten Weg gehen wollen und deshalb ins Internet abwandern.

Das Internet ist als Medienträger überlegen, finden die Nutzer

Dass das Internet aus Sicht eines nicht unwesentlichen Teils der Gesellschaft schlicht das überlegene Medium ist, weil aktueller, schneller, interaktiver, vielseitiger und ohne den Zwang zur künstlichen Verknappung, scheint Jähner nicht einmal in den Sinn zu kommen. Auch das Web als Medium hat seine Nachteile, keine Frage. Doch es ist - aus der Perspektive einer wachsenden Zahl an Konsumenten - dem linearen Fernsehen, Rundfunk und dem Printprodukt ultimativ haushoch überlegen. Täglich erkennen dies mehr Menschen. Diese wahrgenommene Überlegenheit stellt den einzig wahren Grund dar, warum die Tageszeitung ihre Leser, das TV-Nachrichtenprogramm seine Zuschauer und eines Tages auch der Dudelfunk seine Zuhörer verlieren wird - und warum es jeweils ein leistungsfähigeres, aktuelles, besser die Bedürfnisse der Anwender und Konsumenten bedienendes Online-Pendant geben wird. Selbst wenn es sich stark von seinen Vorgängern unterscheidet.

Erst wenn alle Vertreter der traditionellen Medien einsehen, dass trotz aller Harmoniebedürfnisse und Bequemlichkeit des Status Quo die Medien der Zukunft radikal anders aussehen und funktionieren werden als die der Vergangenheit, ist ein Dialog zwischen den verhärteten Fronten von Bewahrern und progressiven Innovatoren möglich. Zu oft scheint es leider, als sei dieser Erkenntnisprozess nicht sonderlich weit vorangekommen. Das Leistungsschutzrecht liefert dafür einen traurigen Beleg.

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