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22.09.08Leser-Kommentare

Die Auswirkungen der Finanzkrise auf das Web

Wie werden Finanzkrise und Konjunkturschwäche das Internet und seine Startups treffen? Welche Chancen ergeben sich aus der aktuellen Entwicklung? Eine Analyse der Zukunftsaussichten für Onlinedienste und das Web 2.0.

Wall Street

Als in der vergangenen Woche die Finanzkrise ihren bisherigen Höhepunkt erreichte und auf einen Schlag 2,3 Billionen Dollar vernichtet wurden, blieb es in der Blog- und Web-2.0-Szene auffallend ruhig. Im Vergleich zu der exzessiven und teilweise von weltuntergangsähnlichen Szenarien geprägten Berichterstattung der großen Onlinezeitungen hielten sich die Blog-Beiträge zum Thema in Grenzen. Auch in meinem Twitter-Stream widmete man sich zumeist den üblichen Erlebnissen und Banalitäten des Alltags.

Obwohl es zu begrüßen ist, dass die internationale Blog- und Tech-Szene angesichts der turbulenten und bedenklichen Ereignisse nicht sofort in kollektiven Pessimismus verfällt, stellt sich dennoch die Frage, wie sehr das Web 2.0 und seine Startups von den Folgen des sich ankündigenden Wirtschaftsabschwungs betroffen sein werden.

Dass eine globale Konjunkturschwäche in Kombination mit der aktuellen Pleite- und Übernahmewelle im Finanzsektor nicht spurlos an der Web-Gemeinschaft vorübergehen wird, daran besteht kein Zweifel. Doch in welchem Ausmaß? Könnten Internetunternehmen von der aktuellen Entwicklung vielleicht sogar profitieren?

Es ist noch völlig unklar, wie sich die Bankenkrise und die Situation an den Weltbörsen in den nächsten Monaten entwickeln werden. Da eine zuverlässige Prognose kaum möglich ist, möchte ich mich in diesem Artikel darauf beschränken, einzelne Aspekte und Faktoren zu beleuchten, die in nächster Zeit die Rahmenbedingungen für bestehende und aufstrebende Jungunternehmen im Onlinebereich setzen werden.

Betrachtet man die Geschehnisse an den internationalen Finanzmärkten und die eingetrübten Konjunkturaussichten, so lassen sich daraus sowohl Risiken als auch Chancen für das Web 2.0 entnehmen. 

Risiken

1. Sinkende Werbebudgets

Stagniert oder schrumpft die Wirtschaft, schnallen Unternehmen den Gürtel enger. Meist gehört das Marketingbudget zu den ersten Posten, an denen gekürzt wird. Die Folge sind unter anderem geringere Etats für Werbemaßnahmen. Mediengattungen werden unterschiedlich stark betroffen sein.

Zu erwarten ist, dass die Investitionen in Onlinewerbung in einem wirtschaftlich schwachen Umfeld geringer ausfallen als zu einer Hochkonjunktur. Für viele Startups ist Onlinewerbung die Haupteinnahmequelle. Ein Erreichen der selbst gesteckten Umsatzziele könnte somit erheblich schwieriger werden.

2. Kaufkraftschwund

In Folge steigender Arbeitslosenzahlen verringert sich die Kaufkraft der Bevölkerung. Gleichzeitig halten sich Verbraucher mit größeren Ausgaben zurück und sondieren Einsparmöglichkeiten, um sich ein finanzielles Polster anzuschaffen. Beides wird nicht nur den stationären Handel treffen, sondern auch den E-Commerce und andere Webanbieter, die kostenpflichtige Services offerieren.

3. Erschwerte Kapitalbeschaffung

Unternehmen brauchen Kapital, um die Zeit zwischen der Firmengründung und dem Erreichen des Break-Even, an dem die Einnahmen die operativen Kosten decken, zu überbrücken. Gerade in den USA war die Beschaffung von Risikokapital in Millionenhöhe bisher kaum ein Problem. Dies könnte sich ändern.

Investoren werden bei jedem geplanten Einsatz von Mitteln genauer hinschauen, ob sich dieser lohnt, da sie größere Ausfälle schwerer belasten als bisher. Die Risikobereitschaft von Investmentfirmen und Business Angels wird sinken und für Gründer der Zugang zu Fremdkapital dadurch schwieriger.

4. Schließungswelle

Nicht nur die Kapitalbeschaffung für Gründer könnte komplizierter werden, sondern auch die existierender Webunternehmen. Nicht selten ist nach dem initialen Investment bei bestehendem Wachstum eine erneute Finanzierungsrunde notwendig, da das Startup noch keine schwarzen Zahlen schreibt.

Man muss damit rechnen, dass Investoren zukünftig noch genauer prüfen, ob sie erneut Geld in einen Onlineservice stecken möchten. Im schlimmsten Fall entscheiden sie sich dagegen (z.B. aufgrund eines fehlenden Geschäftsmodelles), weshalb der betreffende Dienst trotz guter anfänglicher Entwicklung seine Türen schließen muss. In nächster Zeit könnte dem Web 2.0 daher eine Welle von Schließungen drohen.

Chancen

1. Onlinewerbung als Fels in der Brandung

Die Onlinewerbung wächst und ist auf dem Weg, hinter TV und Print zur drittwichtigsten Disziplin im Mediamix von Unternehmen aufzusteigen. Selbst wenn sich ihr Wachstum abschwächt, so werden Unternehmen weiterhin ihre Budgets von anderen Mediagattungen ins Netz umschichten. Dort verbringt ein großer Teil der attraktiven Zielgruppe immer mehr Zeit, und nur dort lässt sich der Werbeerfolg derartig genau messen und optimieren.

Speziell in wirtschaftlich schlechten Zeiten verlangt das Controlling von den Marketing-Abteilungen genauste Angaben über die Wirkung der durchgeführten Kampagnen. Onlinewerbung erfüllt dies besser als die meisten anderen Werbearten, und immer mehr Entscheider wissen dies.

2. Fokussierung auf Geschäftsmodell

Eine Schwäche vieler junger Webanbieter sind die teilweise kritischen Geschäftsmodelle, die meist hauptsächlich auf einer Werbevermarktung basieren. Selbst wenn Onlinewerbung ihren Aufstieg fortsetzt, empfiehlt es sich für Startups, auf mehrere Einnahmequellen zu setzen, um somit die Abhängigkeit von nur einem Umsatzkanal zu verringern.

Ein kühleres wirtschaftliches Umfeld könnte und sollte im Internet tätige Unternehmen dazu animieren, ihre Geschäftsmodelle zu überprüfen und zu überarbeiten, um sie fit für schwierigere Zeiten zu machen. Dazu kann auch gehören, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren, unnötige Funktionen zu entfernen und die Kostenstruktur anzupassen.

3. Hier sind die Talente

Die Pleiten und Zusammenschlüsse in der Finanzbranche sowie daraus resultierende Entlassungen zwingen eine Menge frischer Talente dazu, sich nach neuen Betätigungsfeldern umzuschauen. Startups mit ihrem Image als kreative, coole und junge Unternehmen mit optimalen Aufstiegschancen bietet sich hier eine ideale Möglichkeit, hochkompetente und erfahrene Leute an Bord zu holen.

Die US-Investmentgesellschaft First Round Capital macht Nägel mit Köpfen und listet auf der Website Leave Wall Street and Join A Startup freie Stellen bei den im Portfolio befindlichen Web- und Techfirmen.

4. Mehr Zeit fürs Web

Verbraucher sehen sich während eines Wirtschaftsabschwungs gezwungen, zu sparen. Sie verreisen nicht mehr so oft, gehen seltener ins Kino und auch Restaurant- und Discobesuche werden weniger. Manch einer wird die freigewordene Zeit im Netz verbringen, statt wie früher vor dem Fernseher. Die Veränderungen der Mediennutzung könnten sich dadurch noch beschleunigen, und Webdienste würden von der zusätzlichen Aufmerksamkeit profitieren.

5. Web-2.0-Einsatz in Unternehmen

Auf der Suche nach der Optimierung ihrer Kostenstruktur evaluieren Unternehmen häufig die Möglichkeiten, kostenintensive, interne Prozesse auszulagern. Eine Konjunkturschwäche könnte Firmen dazu bringen, verstärkt auf Webservices zu setzen und damit operative Aufwendungen zu reduzieren.

Statt für alle Angestellten das neueste Office-Paket zu erwerben, setzt man auf Online-Office-Anbieter wie Google Docs oder Zoho. Auslandstelefonate und Konferenzen werden über Skype abgewickelt, und die auf den selbst gehosteten Servern durchgeführten Rechenprozesse überlässt man Amazon oder anderen Cloud-Computing-Spezialisten. Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und sorgen nicht nur für geringere Kosten, sondern - richtig eingesetzt - auch für höhere Produktivität und Flexibilität.

Fazit

Egal welche dieser Risiken und Chancen sich letztendlich bewahrheiten, so ist eines sicher: Auch das Web wird von den Folgen der Finanzkrise und des weltweiten konjunkturellen Abschwungs betroffen sein. Doch das Internet ist kein vorübergehender Trend sondern eine Wachstumsbranche mit enormem Potenzial für alle, Privatpersonen wie Unternehmen. Deshalb darf angenommen werden, dass Online einer schwachen Wirtschaftslage erheblich mehr entgegenzusetzen hat als andere Branchen.

Für Startups ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich für turbulentere Zeiten in Form zu bringen. Anders als zum Höhepunkt des New-Economy-Hypes vor acht Jahren sind heute nur sehr wenige Webunternehmen börsennotiert, weshalb ein weiterer Niedergang der Aktienkurse keine direkte Gefahr darstellt. Das ein oder andere Startup wird die kommenden Monate vermutlich trotzdem nicht überleben. Doch eine Konsolidierung würde in jedem Fall geschehen - mit oder ohne Finanzkrise. Dieser Prozess könnte nun beschleunigt werden; und wer gut gerüstet ist, wird am Ende profitieren.

Lesenswerte Artikel zum Thema

The Financial Crisis: A Survival Guide for Startups

Three Takeaways From Web 2.0 Expo New York

How Decoupled is The Innovation Economy From Rest of The Economy?

(Dank an Marcel Weiß, Markus Spath und Don Dahlmann für ihren Input)

Fotoquelle: Flickr/ Tomás Fano

Kommentare

  • pete

    22.09.08 (20:16:22)

    Kleiner Hinweis: Es wurde bestimmt kein Geld "vernichtet". Es ist nur wo anders^^ Ich empfehle hier die BBC Reportage "The greed game" Man multipliziere hier die Bonuszahlungen mit der Anzahl der Manager und der Anzahl der Jahre ( ca 10 Jahre ) dann wird einiges klarer.

  • Martin Weigert

    22.09.08 (20:22:37)

    Naja schon klar. Es ist eben ein sprachliches Element.

  • Rico

    22.09.08 (20:41:41)

    Finanzkrisen und die aktuelle weltweite Kreditkrise brechen immer wieder bestehende Strukturen auf. Ich denke, dass Web2.0-Applikationen Bankkunden und Investoren schlussendlich "mündiger" machen. Statt den Mogel- und Hochglanzpackungen einiger Institute zum Opfer zu fallen, können sie sich unabhängig informieren oder Beurteilungen abgeben, welche in anderen Branchen (Bücher, Electronics, etc.) bereits Standard sind. Oder eine professionelle Community kann die Anlagestrategie einer Bank kritisch beurteilen und ergänzen. Unabhängige Web2.0-Applikationen (z.B. mein Blog www.financeblog.ch) werden künfig die Meinungsbildung der (Bank)-Kunden wesentlich stärker beeinflussen.

  • pete

    23.09.08 (00:20:26)

    Ja sprachliches Element ist gut. In meinen Augen erweckt es eben den Eindruck, dass das Geld "verschwunden" sei. An dieser Stelle darf ich daran erinnern, dass die Top 50 Hedge Fonds Manager je .5 Mil $ per annum an Boni "verdienen" konnten.

  • Marita Roebkes

    23.09.08 (23:19:29)

    Trust is the new currency Was Unternehmen bilden muessen, ist Vertrauen - Vertrauen sollte ein Posten in der G+V werden. Ich kann Ricos Kommentar nur unterstreichen. Unternehmen, die kein open Business betreiben und kein Social Netzwerk von Bloggern, Communities, Foren haben und somit kein Gehoer und Augenmerk fuer ihre Kunden, koennen sich dann nicht mehr hinter Hochglanzbroschueren und Callcentern verstecken. Martin - eine Frage zu dem Comment: Für viele Startups ist Onlinewerbung die Haupteinnahmequelle. Nenn mir eine Startup die mit Onlinewerbung Geld verdient hat?? - Google zaehlt als Antwort nicht... Gruss aus San Francisco Marita

  • Martin Weigert

    23.09.08 (23:41:22)

    Große Anbieter wie MySpace, Facebook, Bebo & Co machen immerhin jährliche Umsätze im zwei- bis dreistelligen Millionendollarbereich - aber haben natürlich auch hohe Kosten. Und je kleiner der Dienst, desto geringer die Werbeumsätze. Das ändert aber nichts daran, dass viele der Services, die wir in den letzten drei Jahren haben entstehen sehen, außer (teilweise geringen) Einnahmen aus Werbung nicht viel Umsätze generieren.

  • Andreas Göldi

    24.09.08 (21:07:31)

    @pete: Das mit dem "Geld vernichten" ist Interpretationsfrage. Marktwerte werden sehr wohl vernichtet, gerade in einer massiven Vertrauenskrise wie jetzt. Wer vor drei Monaten Aktien von Lehman Brothers gekauft hat, sitzt jetzt auf komplett wertlosen Papieren, und der Gegenwert ist auch nicht auf irgendein Bonuskonto gewandert. Natuerlich sind solche Marktwerte im Prinzip nur "Papiergeld", aber eben unter normalen Bedingungen austauschbar gegen Cash. Wenn ein ganzer Markt ploetzlich taucht, bleibt davon nicht viel uebrig, insofern ist "Vernichtung" absolut zutreffend. @Martin: Da stimme ich zu. Myspace und Facebook machen respektable Umsaetze, aber die Zeit des rasanten Wachstums duerfte jetzt erstmal vorbei sein. Beide Firmen koennen sicher als solide Mittelstaendler ueberleben (bzw. im Fall von Myspace als Abteilung eines Grosskonzerns), aber werden wohl nicht die einstigen Bewertungsphantasien erfuellen.

  • hyazinthe

    11.08.09 (12:45:06)

    Habe mir the "Greed Game" mal angeschaut, das ist mal wirklich interessant! Und ja welche Massen Geld in die Taschen der Manager gelaufen ist, so im Verlauf der Jahre, ist schon Wahnsinn!

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