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14.12.08

Die Ära der Facebook-Applikationen ist vorbei

Im Sommer 2007 waren Facebook-Applikationen der Hit. Die Öffnung des Social Networks für externe Anwendungen galt als absolutes Novum und trug erheblich zum rasanten Wachstum des Dienstes bei. Anderthalb Jahre später haben Apps ihren Reiz und die Entwicklerplattform ihren Status als Facebooks Hoffnungsträger verloren.

Facebook-ApplikationenAls Facebook im Mai 2007 den Start der Facebook Plattform verkündete und externen Sites und Anbietern über Applikationen Zugang zu den damals rund 25 Millionen Mitgliedern verschaffte, war dies ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte sozialer Netzwerke. Noch nie zuvor hatte sich ein erfolgreicher Vertreter des Social Web derartig geöffnet. Die Zahl der Anwendungen war schnell vierstellig, und auch Dank eines ordentlichen Echos in Presse und Blogs wurden innerhalb kurzer Zeit Millionen neuer Internetnutzer auf Facebook aufmerksam, die ihrerseits eifrig Mundpropaganda für den aufstrebenden Dienst machten.

Nach der Euphorie kam die Ernüchterung: Die meisten der installierbaren Applikation waren nämlich nur darauf ausgelegt, an möglichst viele Kontakte weiterempfohlen zu werden. Einen tatsächlichen Nutzen oder einen Unterhaltungswert, der über zehn Sekunden Schmunzeln hinausging, ließen sie vermissen. Für die User verloren die kleinen Anwendungen immer mehr ihren Reiz. Stattdessen widmete man sich verstärkt dem Pflegen von Kontakten sowie dem Hochladen von Fotos und Videos, was mit steigender Zahl der Facebook-Freunde auch mehr Spaß macht.

Als ich heute nach langer Zeit wieder einmal die Einladung zu einer Facebook-Applikation erhielt, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Ära der Facebook-Plattform ist vorbei. In den letzten Monaten konnte kaum noch eine App meine Aufmerksamkeit erhaschen, dabei halte ich mich täglich bei Facebook auf. Eine spontane Umfrage unter meinen Kollegen führte zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Anwendungen, von denen es mittlerweile mehr als 50.000 gibt, finden nur noch wenig Beachtung.

Facebook hat in den vergangenen Monaten einiges dafür getan, die Abwertung der Plattform in Folge der Überflutung des Netzwerkes mit Apps ohne Mehrwert zu stoppen. Unter anderem legte man für Anwendungen eine eigene, den Nutzerprofilen untergeordnete Seite an, um die Übersichtlichkeit der Profile zu unterstützen. Auch startete man ein Programm zur Verifizierung vertrauenswürdiger und "guter" Applikationen.

Wer auf eine solche Auszeichnung, die eine bessere Sichtbarkeit innerhalb des Social Networks garantiert, abzielt, muss nicht nur bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, sondern auch einen jährlichen Obolus zahlen. Während diese Maßnahmen sinnlose und spammende Applikationen von der Plattform fern halten sollen, konnten sie den von den Mitgliedern wahrgenommenen Bedeutungsverlust der Anwendungen nicht aufhalten.

Ich behaupte nicht, dass die Entwicklerplattform ein Fehler war. Zum Zeitpunkt des Starts im Frühsommer vergangenen Jahres galt sie als die größte Innovation, die das Social Web bis zu diesem Zeitpunkt gesehen hatte, und trug einen erheblichen Teil zu Facebooks kometenhaftem Aufstieg bei (gerade vermeldete man 130 Millionen aktive Mitglieder). Anderthalb Jahre später übernimmt nun ein anderes Facebook-Projekt die Funktion als neuer Hoffnungsträger für das Unternehmen aus Kalifornien: Facebook Connect. Damit können beliebige externe Sites Facebook-Features integrieren und von der viralen Kraft des populären Netzwerkes profitieren.

Facebook Connect ist nicht nur der nächste Evolutionsschritt des Social Networking, sondern auch ein Eingeständnis von Facebook über das mangelnde Zukunftspotenzial der Entwicklerplattform. Diese war das ideale Mittel, um Facebook schnell ins Gespräch und in die Köpfe möglichst vieler Internetnutzer zu bringen. Facebook Connect, das bereits von einer Reihe relevanter Sites implementiert wurde, trägt hingegen der Tatsache Rechnung, dass viele User doch lieber externe Sites und Portale ansurfen, statt die jeweiligen - meist in der Funktionalität begrenzten - Facebook-Apps zu benutzen.

Nun ist es nicht so, dass die zahlreichen kleinen Programme innerhalb der Facebook-Welt komplett ihre Relevanz verloren haben. Einige wenig Applikationen stechen heraus und werden von Millionen Mitgliedern regelmäßig benutzt, wie AppData.com zeigt. Mit manchen lässt sich sogar richtig Geld verdienen. Dennoch: Nur rund 400 Applikationen können sich über mehr als 100.000 monatliche Benutzer freuen - weniger als ein Prozent aller Apps. Rund zehn Prozent liegen über einer monatlichen Nutzerzahl von 2.500. Das bedeutet, dass 90 Prozent aller Anwendungen so gut wie überhaupt keinen Zuspruch finden.

Was heißt das konkret für die Web-Szene? Der Launch einer Facebook-Applikation als Baustein des Social-Media-Mixes kann sicherlich nicht schaden. Sind aber wie bei vielen jungen Startups und gerade angesichts der wirtschaftlichen Krise die Ressourcen knapp, sollte die Entwicklung anderer, weitaus effektiverer und zukunftsorientierterer Maßnahmen priorisiert werden. Zu nennen sind hier beispielsweise Applikationen für das iPhone sowie für Googles mobiles Betriebssystem Android, die Integration von Facebook Connect bzw. seiner Pendants Google Friend Connect sowie MySpaceID (früher Data Availability) oder die Unterstützung von OpenID.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Nutzt ihr noch aktiv und bewusst Facebook-Applikationen? Finden die von eurem Startup entwickelten Apps Anklang?

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