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23.12.08Leser-Kommentare

Dichtung und Wahrheit: Als es noch Reporter gab

Egon Erwin Kisch ist die Reporter-Legende schlechthin, lange trug der wichtigste deutsche Journalistenpreis seinen Namen. Er konnte nicht nur schreiben – er konnte auch Geschichten erfinden.

Egon Erwin Kisch und Henri Nannen (Public Domain und Keystone)

Henri Nannen rief den Egon-Erwin-Kisch-Preis im Jahr 1977 ins Leben, mitten im 'deutschen Herbst'. Einige Jahre nach Nannens Tod, im Jahr 2005, konnte die deutsche Publizistik dann endlich den Skandal beenden, dass nämlich der wichtigste deutsche Journalistik-Preis von einem allzu sprachversessenen und unverantwortlichen Stern-Verleger auf den Namen eines waschechten Kommunisten und DDR-Apologeten getauft worden war. Der Hofsänger des Neopatriotismus Matthias Matussek als Träger des Egon-Erwin-Kisch-Preises - das klang für viele Ohren wirklich putzig.

Seither jedenfalls trägt die ideologisch entschärfte Auszeichnung den Namen ihres Gründers: Henri-Nannen-Preis (vormals Egon-Erwin-Kisch-Preis). Mit anderen Worten: Die Geschichte der Publizistik steckt voller Ironien.

Egon Erwin Kisch allerdings steht für weit mehr, als das Etikett 'Kommunist' preisgibt: Publizistisch steht er für den Sieg des Rechercheurs und Reporters über den Feuilletonisten, der zuvor in den Redaktionen die höchste Gunst des Verlegers genoss. Die Geschichten kamen jetzt von der Straße, sie wurden auf alltäglichen Schauplätzen aufgelesen, im Journalismus kam es plötzlich auf das Auge, auf die Perspektive und auf das Vor-Ort-Sein an - und das Resultat wurde noch dampfend den Lesern serviert. Anstelle gut abgehangener und verdauungsförderlicher Betrachtungen bspw. über den 'Wandel des liberalen Gedankens als Folge der Marokkokrise'. Nun dominierten für einige Jahre in allen Redaktionen die 'Pflastertreter' über die 'Sesselpuper' - auch wenn das besagte Pflastertreten heutzutage oft genug darin besteht, als braver Pudel politischer Interessen sich im Café Einstein mit jenen mundgerechten Info-Häppchen füttern zu lassen, die man später in die Tastatur erbricht.

Kisch entwickelte sein Verfahren - so die Legende - als in Prag die Schittkauer Mühlen brannten. Eine Geschichte die bis heute in jedem Journalistik-Seminar verwurstet wird, wenn es um das Thema publizistischer Wahrheit und Verantwortung geht. Kisch ist damals Volontär bei der 'Bohemia', noch ein wenig feucht hinter den Ohren, er wird wegen seines Stils aber schon von 'den Frankfurtern' gelobt, also von der 'Brandstwiete' jener Zeit, was ihm den blanken Neid seiner Prager Kollegen einträgt. Die lassen ihn daher gnadenlos auflaufen, als er verspätet am Brandort eintrifft. "Irgendwelche Details", fragt er naiverweise einen anderen Reporter. Der zeigt auf die Flammen und sagt: "Es brennt".

Auf solche Art abgeledert, kommt Kisch in die Redaktion zurück und er 'erfindet' mangels Fakten seine erste Reportage, wo sich unter anderem zerlumpte Obdachlose mit gierigen Gesichtern um die Flammen drängen, es entsteht eine "Elendenkirchweih im Feuerschein". Auf diese Art verlegt Kisch Dantes Inferno und die Angst vor dem sozialen Aufstand mitten hinein ins brave Prager Lesepublikum. Den Bürger gruselt's - und Kisch heimst am nächsten Tag alles Lob für die beste Reportage ein, weil er etwas sah, was - begreiflicherweise - niemand anderes sah.

Diese Geschichte, die Kisch rückblickend in seinem Spätwerk, im 'Marktplatz der Sensationen' aufdeckt, ist wiederum selbst hochartifiziell. Sich reflektierend schreibt Kisch:

"Die Behandlung des Sujets birgt allerdings eine Alternative: Entweder man nimmt das Ereignis zum Ausgangspunkt für ein Phantasieprodukt (was ich getan), oder man bemüht sich, die Zusammenhänge und Details so zu ermitteln, daß das Ergebnis mindestens in gleichem Maße interessant ist wie das Phantasieprodukt (Ich hätte die Obdachlosenszene entdecken, nicht sie erfinden dürfen)."

Eine Argumentation, die in ihrer Forderung nach 'höherer Wahrheit' rührend hilflos wirkt: Denn dort, wo keine Obdachlosen anwesend waren, lassen sich nun mal schwer Obdachlose 'entdecken'. Und wir wissen auch, dass Kisch sich mitnichten an diese, seine eigene Spätmaxime gehalten hat, er blieb ein grandioser Erfinder, unter anderem ist nämlich auch diese Geschichte, wie er einst den Brand der Schittkauer Mühlen erfand, zu einem Gutteil wiederum aus den Tatzen gelutscht. Kisch ist gewissermaßen das beste Beispiel dafür, dass alle Realität, die überzeugend wirkt, ein Konstrukt sein müsse.

Wieder und wieder hat Kisch seine Geschichten für die Buchausgaben umgeschrieben, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Seine Sozialreportagen wurden so lange glatt recherchiert, bis hinten mit tödlicher Sicherheit der siegreiche Kommunismus herauskam. Und auch die Figur des 'rasenden Reporters', der rastlos durch die Straßen schleicht, immer auf der Jagd nach der Geschichte, die ist schlicht ein Märchen. Denn Kisch war in Wirklichkeit der Typus des bequemen, sinnenfrohen, leicht korpulenten Genussmenschen, der fünfe gerne gerade sein ließ. Er war nun mal kein abgehetztes HDA-Kind auf Ritalin. Schreiben allerdings, schreiben konnte der Mann ...

Wozu es führt, wenn man bloß die nackte Wahrheit schreibt, dass hat Kisch selbst im erwähnten Artikel näher ausgeführt. Blanke Irrelevanz und Langeweile sind die Folge des Faktischen - und der Wahrheit kommt an ihrer Hand niemand einen Schritt näher. Helmut Markworts Forderung nach 'Fakten, Fakten; Fakten!' erweist sich geradezu als das Gegenteil dessen, was eine gute Reportage ausmacht:

"Was die anderen Reporter auf dem Brandplatz erfahren hatten, erfuhr ich heute aus ihren Blättern. Sie hatten alle Details erhoben, die mir verschlossen waren. ... Nach einigen Berichten war das Feuer um acht Uhr sechzehn abends von einer in der Nähe wohnenden Metzgersgattin entdeckt worden, nach anderen Berichten Schlag neun Uhr abends von einem zufällig des Weges kommenden Bauern aus Südböhmen. Laut 'Nationalzeitung' war es die Löschmannschaft der Vorstadt Karolinenthal, die mit dem Spritzenmeister Soundso und zwei dreispännigen Dampfspritzen zuerst an der Brandstelle eintraf; der 'Volksgemeinschaft' zufolge aber war die Feuerwache Sokolstraße mit der neuen automatischen Feuerleiter als erste zur Stelle gewesen. ... In den meisten Blättern stand, der Brand sei auf dem ebenerdigen Schüttboden ausgebrochen, der bleiche Schnüffeles vom 'Prager Tagblatt' hatte jedoch erhoben, daß das Feuer im ersten Stockwerk mehr als eine Stunde lang gewütet und erst nachher die Räume im Parterre ergriffen habe".

Die einen sagen dies, die anderen sagen das - so nämlich sieht oft die Wahrheit in Wirklichkeit aus, zumindest dann, wenn man sich an die Fakten hält. Sie ist gewissermaßen ein ewig unerreichbares Ideal. Was Kisch angesichts dieses unausweichlichen Dilemmas propagiert, als Ahnvater aller Reporter, das sind so etwas wie 'verantwortbare Geschichten aus der Realität', geschrieben "mit logischer Phantasie" (auch das ein Begriff, den er prägte). Plausibilität und Möglichkeit wären demnach Maßstäbe, die an eine Reportage anzulegen wären. Gegenüber der heutigen Zeitungsrealität wäre damit schon viel erreicht. Denn die sieht längst anders aus als zu Kischs Zeiten. Kisch würde heute wohl gar nicht mehr gedruckt. In den Worten Jakob Augsteins:

"Reporter sind zu einem Luxus geworden, mit dem man immer weniger anzufangen weiß. Was die Zeitung für ihr Kerngeschäft hält, wird in den Ressorts für Politik und Nachrichten erledigt. Arbeitsteilung und Expertentum begünstigen eine Divergenz von Kenntnissen und Fähigkeiten: Wer Ahnung hat, kann nicht schreiben und wer schreiben kann, hat keine Ahnung."

So kommt es, dass die Blogosphäre zu einem Zufluchtsort der Reportage werden konnte ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • David

    23.12.08 (20:11:08)

    So kommt es, dass die Blogosphäre zu einem Zufluchtsort der Reportage werden konnte … Das ist mir noch nicht aufgefallen, was aber gut an mangelnder Ortskenntnis in der Blogosphäre liegen kann. Was für Reportageblogs würdet ihr empfehlen? Gibt es denn tatsächlich Blogger, die es sich leisten können, die Welt zu bereisen, über Wochen an verschiedenen Orten zu recherchieren, Monatelang einer Mordkommission, einem Platoon oder ähnlichem zu folgen, um am Schluss eine große Reportage zu schreiben (ähnlich zB denen im New Yorker oder denen, die Ihr vor kurzem bei Esquire verlinkt habt)? Die vielleicht auch noch einen guten Fotografen dabei haben? Ich wäre beeindruckt!

  • Klaus Jarchow

    23.12.08 (22:11:17)

    Och - ein wenig gurgeln mit Suchbegriffen wie Blog, Reise und Reportage oder Blog, Alltag, Reportage macht jeden schnell schlauer ... Nebenbei bemerkt: Sie sollten hier keinen Graben zwischen Bloggern und Journalisten aufwerfen - den gibt es nämlich nicht: Es gibt hingegen immer häufiger Journalisten, die sich während ihrer Berichterstattung nebenbei in 'Reporter alten Stils' zurückverwandeln und wirkliche Erfahrungen bloggen, die oft völlig neben statt auf der Linie eines oft 'vorab schon gewollten' Ergebnisses liegen. Recherchiert und erlebt wird für die Redaktion dann nur noch das, was zum erwünschten Ergebnis passt. Stattdessen reden diese Leute in ihren Blogs frei von solchen Zwängen über jene oftmals sehr viel spannenderen Aspekte der Reise, die ihnen als typisch oder auffällig ins Auge stechen, für die sie aber bei ihrer Redaktion keinerlei Gehör mehr fänden. Themen liegen schließlich immer hageldicht auf der Straße, in Kirchwistedt wie am Kilimandscharo, die Erfahrungen und die Wachheit dafür dagegen nicht. Überspitzt formuliert: Ein Kisch als typischer Gelegenheitsmacher und Spontantäter - als ein klassischer Reporter also, der Zufallsergebnisse von der Straße nach Hause in die Redaktion trägt ('re-portare') und dort in eine Geschichte verwandelt - der würde heute wohl nur noch selten gedruckt, also würde er vermutlich kräftig bloggen. Und "monatelang" auf Tour für eine einzige Reportage war er auch eher selten. Prags Gassen waren sein Revier. Wenn er doch große Reisen antrat, wie die USA- oder die Mexiko-Reise, dann wusste die Redaktion nie, womit sie die nächste Depesche des Herrn wohl beglücken würde. Später wurde er dann 'Botschafter des Kommunismus', diese parteitreuen Texte sind dementsprechend uninteressant. Die von Ihnen beschriebenen Captain-Cook-Expeditionen dagegen haben mit klassischer Reportage wenig zu tun, das fällt eher schon ins Feature-Genre. Selbst dieser Brand der Prager Mühlen wurde in der Redaktion der Bohemia ja nicht generalstabsmäßig als Reportage geplant - hoffe ich jedenfalls ...

  • Julius

    24.12.08 (13:40:25)

    >> So kommt es, dass die Blogosphäre zu einem Zufluchtsort der Reportage werden konnte … > Gibt es denn tatsächlich Blogger, die es sich leisten können, ... Wenige, aber es gibt sie. Ich denke da an Martin Ebbing. Von ihm ist allerdings nichts Neues mehr zu erwarten, da er Anfang des Monats gestorben ist, nachdem ihn in Teheran ein Herzinfarkt niederstreckte.

  • David

    24.12.08 (14:10:58)

    @Julius: Danke für den Tipp! @Klaus Jarchow: Ja, googeln macht schlauer, liefert aber nicht unbedingt Qualität. Mich würden eher Ihre persönlichen Leseempfehlungen interessieren! Mit dem Hinweis auf die Unterscheidung Reportage-Feature haben Sie sicher recht. Ich hatte wohl eher letzteres im Sinne, eben die großen klassischen Geschichten wie "M" oder "The Falling Man". Einen Graben zwischen Journalisten und Bloggern möchte ich sicher nicht aufmachen. Ich habe eher das Gefühl, dieser Graben wird in diesem Blog gern ausgehoben, mit der ewigen, fast sehnsüchtigen Litanei des Holzhausen"-Untergangs. Die Kritik ist ja oft berechtigt und eigentlich immer interessant, aber der Ton verliert irgendwann seinen Reiz.

  • Klaus Jarchow

    26.12.08 (11:16:43)

    @ David: Ich strick' dir demnächst mal ein 'Sechsmal um den Blog' zum Thema ...

  • Wolfgang Michal

    27.12.08 (16:28:30)

    Auf dem Internationalen Schriftstellerkongress 1935 in Paris definierte Kisch die Reportage als Kunst- und Kampfform: „Die doppelte Taktik, die dem sozial bewussten Schriftsteller gestellt ist, die des Kampfes und die der Kunst, würde in ihrer Einheit aufgehoben, sie würde in beiden Teilen wirkungslos und wertlos werden, wenn er in seiner Kunst oder in seinem Kampf zurückwiche.“ Das war in der Hochzeit des Antifaschismus gesagt, als sich auch Journalisten wie Kisch in den Dienst einer großen Sache stellten (1935 war es „die Verteidigung der Kultur“ gegen Hitler, Franco, Mussolini). Heute ist die gedruckte Reportage (Gottseidank?) eine reine Kunstform. Der Reporter outet sich eher selten als „sozial empfindender Mensch“ (Kisch). Ein heutiger Reporter fände es wahrscheinlich unprofessionell, „kämpferisch“ zu schreiben. Hanns Joachim Friedrichs’ Satz, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, ist (leider) zur bequemen Ausrede geworden. Dass es im Internet keine großen Reportagen gibt, ist verständlich. Kommt vielleicht noch. Die Einheit, die Kisch 1935 meinte, wäre im Netz zumindest möglich.

  • Klaus Jarchow

    27.12.08 (17:00:14)

    Man kann 'soziale Reportagen' schreiben, ohne platterdings jeden Pudel auf Parteilinie zu trimmen, wie dies Kisch zum Schluss tat. Noch 1944 von einem Heinrich Vogeler zu schwadronieren, der angeblich unter deutschen Kriegsgefangeen in der ruhmreichen Sowjetunion wertvolle Aufklärungsarbeit leiste, wie Kisch dies tat ('Mein Leben für die Zeitung', Bd. II, 403), obwohl Vogeler von Stalin zu diesem Zeitpunkt längst nach Kasachstan in eine Arbeitskolchose verfrachtet worden war, wo er schon 1942 an Entkräftung beim Lehmschippen für einen Staudamm starb, das ist wahrlich schwer erträglich. Auch das sind in gewisser Weise Sozialreportagen, über einen gewissen Typus Schriftsteller nämlich. Der späte Kisch hat sich selbst desavouiert, was seiner kanonischen Rezeption im Wege steht ... Gute Sozialreportagen schreibt heute z. B. Gabriele Goettle (gesammelt unter dem Titel 'Die Ärmsten' in Enzenbergers Anderer Bibliothek).

  • Wolfgang Michal

    27.12.08 (18:12:18)

    2 mal Propaganda: der sehr späte Kisch und der sehr frühe Nannen - das wär doch mal ein interessanter Vergleich. Wie würden Sie differenzieren?

  • Klaus Jarchow

    28.12.08 (08:37:07)

    Spontan würde ich sagen, dass ein Nazi- und Riefenstahl-Chorsänger, der aus seinen Fehlern ernsthaft lernte und sich zum Demokraten mauserte, mir lieber ist, als ein sanguinischer Starschreiber, der sich am Ende in seine Fehler hoffnungslos verrannte, wie's beim Kisch zu sein scheint. Die gute, alte Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte. Dann aber fallen mir reihenweise biographische Gegenbeispiele ein: Döblin, der als freier Geist startete und als Helot des Katholizismus endete, auch Grass, der heute glücklich in den Armen der Schröder-SPD gelandet ist, Johannes R. Becher, der nach fulminantem Start zum DDR-Kultusminister verkam, Joseph Roth, der die Welt zum Schluss nur noch durch die Absinth-Flasche sah, Heinrich Mann, der antisemitisch begann, dann zum großen Wortführer der deutschen Republikaner wurde, und dessen Spätwerk umso stinklangweiliger und unbedeutender wurde, je mehr er den großen Stalin besang (so in: 'Ein Zeitalter wird besichtigt'). Das ändert alles nichts daran, dass diese Leute bedeutende Texte - neben schwachen - hinterlassen haben, wie immer ihr Lebenslauf auch gekrümmt verlief. Ich sage ja auch nicht, dass ich Kisch nicht schätzen würde. In seinem 'Prager Werk' sind viele 'große Nummern'. Nur später, wo ich in allen Textgelenken den Dialektischen Materialismus hölzern knarzen höre, wird's für mich unerträglich und trivial. Henri Nannen ist für mich primär ein großer Nachkriegs-Verleger, als großer Schreiber ist er mir nie sonderlich aufgefallen. Andererseits gibt es ja durchaus auch Schreiber mit braunen Flecken auf der Weste, die trotzdem gute Schreiber blieben: Kiaulehn fällt mir spontan ein, Friedrich Sieburg, Hans Fallada mit dem untertänigsten 'SA-Schluss' im Eisernen Gustav, sogar Tucholsky schrieb zeitweilig für das Deutschtum und die Schlesienpropaganda. Es ist alles nicht so einfach, wie Klein-Fritzchen das gern sehen möchte ...

  • Wolfgang Michal

    28.12.08 (12:00:53)

    Das ist richtig. Aber es ist auch alles eine Frage des Zeitpunkts. Stellen Sie sich vor, Kisch und Nannen wären sich 1945 begegnet. Der letztere Mitglied einer SS-Propagandaeinheit, der erstere hatte durch die Nazis einen Großteil seiner Familie und seiner Freunde verloren. Vielleicht würden Sie Nannen dann härter und Kisch etwas weniger hart beurteilen.

  • Klaus Jarchow

    28.12.08 (13:07:13)

    Biographisch beurteile ich Kisch mit aller gebotenen Achtung, und zwar als ein Mensch, dessen Opa noch freiwillig in der SA stramm gestanden hat; ästhetisch aber kann ich an manchen Punkten nichts dagegen machen, dass sich mir unwillkürlich die Haare sträuben. Und so etwas, wie der folgende Text, das ist eben auch Kisch, der hier mal eben seinen Leidensgenossen Gustav Regler in der Emigrantenszene denunziert, weil der die Moskauer Parteilinie verlassen hat: "Selbstverständlich wurde unter den damaligen Umständen kein antinazistischer Internierter von der [vichy-französischen] Lagerleitung zum Barackenchef ernannt, Nur wer sich als spitzelbereit erwies oder gar ein eingeschriebenes Mitglied der Nazi-Partei war, wurde mit dieser Funktion betraut. Gustav Regler wurde am Tag seiner Ankunft in Vernet, am 12. Oktober 1939, zum Barackenchef ernannt, und zwar im Quartier C, Barraque 33". Diese Kombination von unbewiesener Insinuation mit Pseudo-Exaktheit ist mir einfach nur widerlich, letzte Stufe eines Charakterzerfalls aus ideologischen Gründen. Diese Denunziation ist übrigens nachzulesen bei Kisch: Mein Leben für die Zeitung II, 462 ff

  • Wolfgang Michal

    29.12.08 (15:22:37)

    Lieber Klaus, im Juli dieses Jahres schrieb die „Jüdische Zeitung“ anlässlich des Todes der Prager Schriftstellerin Lenka Reinerová: „Auch nach der Rückkehr nach Prag wurde ihr die jüdische Herkunft zum Verhängnis. Das Exil im Westen und ihr aus dem Jugoslawien Titos stammender Ehemann sowie die Freundschaft zu Kisch wurden ihr im Umfeld des Prozesses gegen den (jüdischen) KP-Führer Rudolf Slansky 1952 ebenso zum Vorwurf. Dass sie überzeugte Kommunistin war, nütze ihr in diesem Zusammenhang nichts, wieder wurde Reinerová inhaftiert.“ Dass Kischs letzte Reise zu Tito nach Jugoslawien führte, ist sicher kein politischer Zufall. Dass er während des Slansky-Schauprozesses in Gefahr gewesen wäre, gilt als wahrscheinlich. Kisch posthum zum Stalinisten zu stempeln, ist Unsinn. Sicher: Er hätte frühzeitig Klartext reden können. Wie Sperber oder Koestler. Auch Regler war lange Zeit linientreu. Aber was wissen wir Nachgeborenen von den damaligen Verstrickungen. Studieren Sie mal die Geschichte von Noel Field, dann wissen Sie, wie verrückt (bzw. hysterisch) die Zeit war, wie schnell damals Leute in Verdacht gerieten und wie aberwitzig die politischen Konstellationen zwischen 1935 und 1953 waren. P.S. Ich bin gespannt auf Ihr Buch. Auf dieser Seite führt die Debatte zu weit weg.

  • Tek Berhe

    24.12.10 (10:33:12)

    Wer Kisch nur auf einige wenige Arbeiten oder Anschauungen reduziert, verkennt ihn. Wer ihn aus seiner Zeit, und damit auch aus der jewiligen Periode des Schreibens und vermittelns herausreisst, handelt wie ein Historiker, der unlauter handelt. Natürlich dürfen wir Nachgeborenen in Kenntnis der Geschichte kritisieren. Das muss aber trotzdem im Kontext der Zeit sein. Was uns heute, in dieser ziemlich behüteten Welt, unlauter und ethisch falsch scheint, mag seinerzeit die einzige Möglichkeit gewesen sein. Die meisten Arbeiten (Bücher, Artikel,...) habe ich gelesen. Nicht nur die Reportagen auch die Beiträge zum Handwerk Journalilsmus. Sein Schreibstil, ob es nun um "Die Drei Kühe" geht oder um historische Arbeiten zu Australien oder Mexiko oder gar Paris und katholische Heilquellen geht, er schrieb immer spannend. Auch über die Jahrzehnte lesbar! Sein Humor, der speziell bei den Australien-Geschichten durchblitzt ist göttlich! Hat er in seinen Werken agitiert? Ja aber ganz sicher. Ob als Kommunist, Antifaschist oder was auch immer. Die Werke bleiben trotzdem einmalig und trotz seiner weltanschaulichen Werte blieb er als Reporter unereicht.

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